Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1906 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ytr. 1906 £aMen, D^n-tterüiüg _ _ Roberto Bracco gegen denFasriMns. Der hervorragende italienische Dichter Roberto . Bracco, der bei den letzten Kammevwahlen mit dem., oppositionellen Programm der Amendola-Partei gewählt wurde, empfing dieser Tage einen auswärtigen Journalisten, der ihn über seine Stellung zum Faszismus und die Aussichten einer Opposition in Italien befragte. Bracco betonte, daß er und seine Partei zumindest so patriotisch gesinnt seien wie Mussolini, und seine 600.000 bewaffneten Faszisten. Er selbst sei vor allem deshalb gegen den Faszi'smus, weil ihm ein politisches System, das auch heute, vier Jahre uach dem Friedensschluß, noch mit der Ideologie des Krieges arbeitet, wie e§ der Faszismus tut, unverständlich sei und verwerflich erscheine. Er könne es nicht zugeben, daß eine Partei, die das Volk zum Imperialismus erzieht, ein Monopol aus den Patriotismus habe. Nie wäre es in Italien zu einer Kriegsstimmung gekommen, wenn Oesterreich nicht den verhängnisvollen Fehler gemacht hätte, das Verlangen Italiens, ihm Triest und das Trentino zu überlassen, in seiner Kurzsichtigkeit schroff abzulehnen. Bracco beklagt sich, daß der faszistische Terror sowohl bei den Wahlen als auch nachher jede Kritik zu unterdrücken sucht. Seine Partei, die unter der Führung Amendola 's und des Generals Bencivenga steht, ist sich dessen bewußt, daß eine Opposition gegenüber einer halben Million bewaffneter Faszisten keine unmittelbaren Erfolge zu erzielen vermag. Als genauer Kenner der Psyche des italienischen Volkes jedoch ist er überzeugt, daß eine konsequente Aufklärung der breiten Massen im liberalen Sinne sehr rasch die erhofften Fruchte tragen müsse. Im Parlament sei seine Partei als bürgerliche Mittelpartei auf sich selbst angewiesen, da sie mit den Sozialisten, die zum größten Teil linksradikal oder kommunistisch gesinnt sind, nicht zusammengchen könne. Die wirtschaftlichen Erfolge Mussolinis lwerden sehr stank überschätzt. Das Wichtigste, was ihm zugute gehalten wird, daß er die Eisenbahnen in Ordnung gebracht und auch «in ordentliches Budget geschaffen har, hätte mit denselben Mitteln jeder andere Regierungschef, auch Nitti, zuwege bringen können. Diese Mittel sind: unerschwingliche! Steuern und gewaltsame Ersparungen. Das Ergebnis ist: Das Budget ist in Ordnung, aber das Land verarmt. Am bedauerlichsten ist eS jedoch, daß die faszistifche Justiz sich als parteiisch erweist. Ihm sei kein einziger Fall bekannt, in dem Beteiligte an faszistischen Ausschreitungen von. Gerichten zur Verantwortung gezogen worden totat. Die Faszisten, d'e in die Wohnung Nittü's eindrangen und dort alles kurz und klein schlugen, kamen überhaupt nicht vor Gericht. -Auch die fünf Faszisten, die Mmendola auf der Straße überfielen und insultierten, konnten nicht festgestellt werden. Sie wurden auch niemals gesucht. Zum Schluss? gab Bracco auf eine diesbezügliche Frage des Journalisten zu, daß die Faszisten durchaus keine Antisemiten seien, weil der Antisemitismus in Italien keinen Boden Habe. Fasziftische Gewalttaten. Rom, 4. Juni. Die italienische Kammer hielt heute eine Sitzung ab, in der Über die Antwort aus die Thronrede des Königs beraten wurde. Hierbei kam es zu kleineren Zusammenstößen zwischen der Opposition und den Faszisten, die dann auf der Gasse fortgesetzt wurden. Die Faszisten empfingen die ersten Demokraten, nachdem sie Monte Vitorio verlassen hatten, mit Schimpfworten. Der faszistische Mgeordnete Farinacci griff ein und forderte die Faszisten auf, sich zu entfernen. In diesem Augenblick gewahrten die Faszistew einige Vertreter der konstitutionellen Opposition, und zwar den Direktor des „Mondo" Amendolaund General Bencivenga und Mole, den EmhvitssoziMsten Lalbriola und den Republikaner Zaniib-oni, die von mchveren Journalisten der deanokvatischen Presse begleitet waren. Obwohl mittlerweile für einen ausreichenden Sicherheitsdienst vorgesovt worden war, der unter persönlicher Leitung des Poliizsidirektors stand, gelang es den Faszisten, sich den oppositionellen Abgeordneten zu nahem. Die Gruppe hatte ein Stück Weges zuvückgslegt, wurde jedoch immer von den Faszisten verfolgt. Als sie in der Via del Tvibone angekommen waren, schien e8, als ob die Kundgebung der Faszisten in eine wüste Prügelei ausarten sollte. Ein Faszist versuchte, sich aus den Abgeordneten Amendola zu stürzen .und mit einer Masse, die in ZeituugSpapier erugswickelt war, aus den Kops zu schlagen. Mg. Zanibvni packte den Faszisten am Arm, ein hevbeigeellter Karabinieri und Zaniboni entwassneten 'ihn. Es konnte sestgestellt werden, daß sich der Faszist mit einer schweren Eisenkeule bewaffnet hatte. Mt Hilfe der Karabinieri -wurden die Abgeordneten in zwei Automobilen untergebracht und konnten sich so der weiteren Verfolgung durch die Faszisten entziehen. Die oppositionelle Presse führt heute die schärfste Sprache gegen die Negiemng und Faszisten, die im Lande gegen die Oppositionsvertreter eine solche Agitation vorbereiten. Mondo veröffentlicht ein Rundschreiben des Presseamtes beim Ministevpräsidium, indem die faszisterrfreundliche Presse auf die parlamentarische Taktik der Opposition aufmerksam gemacht wird, die nichts anderes suche, als durch heftige Angriffe gegen die Regierung ihre antifasziftische Campagne fortzusetzen. und die Gemüter in: Lande zu vergiften. «tüimct w.w^u5cuun{i, vT»*«*» Jas Programm Marx'. krfüllmg des Sachverständigengutachtens. Berlin, 4. Juni. '(Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Nachdem der Reichstag heute vormittags eine Geschäftsordnungssitzung abgehalten hatte, die sich insbesondere mit der Erledigung der komnrunlistischen Enthaftungsanträge befaßte, trat er nachmittags abermals zu einer Sitzung zusammen, in der Reichskanzler Dr, Marx zunächst die neue Regierung vorsteMe und dann folgende Regierungserklärung abgab: Die beherrschende Frage der großen internationalen Politik ist die Stellung zum Gutachten der Sachverständigen. Nach der Ueberzeugung der Reichsregierung ist das für Deutschland die Lebensfrage. Einen Ausweg aus der schon zu lange andauernden schweren wirtschaftlichen Krise, der bald eine Entspannung folgen muß, wenn nicht die ganze deutsche Wirtschaft erliegen soll, sah die Reichs-. regierung in den Gutachten der ausländischen Sachverständigen. Sie hat deshalb der Reparatronskommifsion mitgeteilt, daß sie bereit sei, ehre Mitarbeit an den Planen der Sachverständigen zu zu sichern. Es wird Aufgabe der für die Golduoteubank, für die Reichsbahnen und für die Ind u st ri «obligat io ne n vorgesehenen Komitees sein, die in dem Gutachten vorhandenen Lücken auszuftrllen und Unklarheiten sowie textliche Widersprüche aufznklären. Die Befugnis der Kommissäre müssen völlig klargestellt und die Zweifel hinsichtlich der deutschen Mehrheit im Verwaltungsrat der Reichsbahnen beseitigt werden. Wenn diese Komitees zu einer Einigung gekommen sind, wird die Reichsregierung alsbald die notwendigen Gesetzentwürfe vorlegen. Die Reichsregierung ist bereit, alles zu tun, um die Vorarbeiten zu beschleunigen und das Sachverständigengutachten in die Wirklichkeit umzusetzen. Sie hofft dabei auf die schnelle Mitarbeit des Reichstages. Die von Deutschland zu erlassenden Gesetzentwürfe werden erst in Kraft treten, wenn eindeutig festgestellt ist, daß auch die'Gegenseite das Gutachten <lls unteilbares Ganzes und unverändert annimmt, und wenn die Gewißheit dafür gegeben ist, daß die Gegenseite gleichzeitig alle in dem Gutachten für die Wiederherstellung der deutschen Leistungsfähigkeit vorgesehenen Maßnahmen trifft. Der Reichskanzler betonte ■ sodann die Notwendigkeit der Wiederherstellung der wirtschaftlichen, finanziellen und veriwaltuugSrechMchen Einheit Deutschlands, ohne die "die von Deutschland geforderten Leiftungen wicht aufgebracht werden können. Hinsichtlich der Be r t r i eb enen und der Gesang eine n erklärte er, eS fei ein wtalbiweisliches Ziel der Reichsregierung, den vertriebenen Jas neue Nnwandemnsssefetz in Amertta. Die Unterzeichnung durch den Präsidenten Coolidge. Wie berichtet, wurde die vom Kongreß angenommene Immigrations-Einschräntungs-Bill mit den die Japaner ab 1. Juli ausschließenden Klauseln am 26. Mai vom Präsidenten Coolidge unterzeichnet und sie ist dadurch Gesetz geworden. Die Bill ist im wesentlichen so geblieben, wie sie dem Repräsentantenhaus von dem Vorsitzenden des Immigrations-Ausschusses, Albert Johnson vorgsschlagen worden ist, nämlich die Feistsetzung einer Quote von zwei Prozent basierend auf dem Zensus von 1890. Am 6. Mai haben Senat und Abgeordnetenhaus zuge- . stimmt, daß Frauen sowie Kinder unter 18 Jahren von amerikanischen Bürgern ungeachtet der Quote einwandern dürfen. Diese Ausnahme ist von größter Bedeutung für dieIudenim Hinblick auf die für Osteuropa unter dem jetzigen 'Zensus außerordentlich niedrige Quote. Die Zwer- Prozent-Quote des ZsnsuS von 1890 wird am 1. Juli d. I. in Kraft treten und bedeutet die Zulassung von schätzungsweise 162.000 Immigranten, was ungefähr die Hälfte der diesjährigen Quote ausmacht. Am 1. Juli 1927, also drei Jahre später, wird der zuerst gefaßte Plan des Senats mit einer jährlichen Höchstquote von 150.000 au Stelle der Zwei-Prozent-Quote laut 1890 treten. Auch bei dieser Regelung werden die Quoten der Ost- und Südeuropäer auf eine sehr kleine Ziffer reduziert bleiben. Eine zuerst in Betracht gezogene Klausel, daß auch Eltern amerikauischer Bürger über 55 Jahre außerhalb der Quote einlvandern dürfen, wurde abgelehnt. Eltern über 56 Jahre sollen nur 'bei der Visumausgabe innerhalb der Quote bevorzugt werden. Von den freien Berufen können nur Geistliche und Professoren mit ihren Frauen uud Kindern unter 18 Jahren außer der Quoten zugelassen werden. Studenten über 15 Jahre können ungeachtet der Quote Kugelassen werden, dürfen aber nur und gefangenen Deutschen ihre Freiheit'und ihre Heimat wiederzugeben. Wenn so das Gutachten, sagte Redner, in dqm GePe ehrlicher Verständigung als Ganzes von allen beteiligten Regierungen angenommen und durchgeführt wird, so werden wir wieder aus eine vertragliche Grundlage mit unseren Reparationsglaubigem kommen. Es ist nur folgerichtig und unerläßlich, daß danp. in den ättibelsetzten Gebieten das Rheinlands, a b komme n wiedechergestellt wird und daß die über dm Vertrag von Versailles hinaus besetzten Gebiete geräumt werden-. Dafür -wird sich die Regierung mit aller Entschiedenheit einsetzm. Alle innerpolitischen Fragen müssen vorerst zurücktreten. Der Reichskanzler schloß mit einem eindringlichen Mahnwort an den Reichstag, die in den letzten Monaten ilangfam sinsetzende Geifundu-ng Deutschlands nicht zu stören. Das deutsche Voilk müsse endlich den Beweis erbringen, daß es zu ehrlicher B erst and igung bereit sei. Nach der Rede des Reichskanzlers vertagte sich das Haus. Die Debatte über die Rede des Reichskanzlers beginnt morgen vormittags. Auf der Tagesordnung der morgigen Sitzung steht auch dev Notstat für 1924 io erster und zweiter Lesung. Die Mittelparteien werden anschließend an die Aussprache über die Regierungserklärung ein Billigungsvotum einbringen, das sich nur auf das Sachverständig gengutachten bezichen wird und darauf Hinweisen soll, daß es im Interesse der Wirtschaft und des besetzten Gebietes dringend geboten sei. das Gutachten so schnell als iwMH durchzuführen. Für dieses Votum werden die deutsch» Volkspartei, das Zentrum, die Demokraten, die Sozialdemokraten und wahrscheinlich auch die bayrische Volksparter sowie die WiÄschastspXlrtei stimmen, so daß eine ansehnliche Mehrheit für das Billigungsvotum sich ergeben dürfte. Zar deutsche Budget 1924. Berlin, 4. Juni. Der Reichs rat hat dem Budget für das Jahr 1924 zugestimmt. Es ist mit äußerlfter Sparsamkeit aufgestellt und weist Einnahmen und Ausgaben mit je 6 Milliarden Mark auf. Der Regierungsvertreter teilte mit, daß bis zum 1. April 1924 insgesamt 396.838 Angestellte (24,9 Prozent) abgebaut wurden, wodurch 421 Millionen erspart worden seien. Die Einnahmen sehen unter anderem folgenden Ertrag vor: Einkommensteuer 1,3 Milliarden, Umsatzsteuer 1,4 Milliarden, Vermögenssteuer 376 Millionen, Verbrauchssteuern und Zolle 1,09 Milliarden. Zur Ausführung des FriedensvertrageS sind insgesamt 641,5 Millionen eingesetzt, wovon jedoch Deutschland nur 72 Millionen auf Reparationskonto gutgöschvieben werden. —■WIM»»«—w während der Dauer ihres Studiums fot Amerika verbleiben. Diejenigen Immigranten, die bereits im Besitze amerikanischer Visen sind,, werden wahrscheinlich von einigen Formalitäten befreit sein. Personen, die sich i« Kanada, den süd- oder mittelamerikanischen Republiken befinden, können erst dann das Visum für die Vereinigten Staaten erhalten, wenn sie in den erwähnten Länder» Mindestens zwei Jahre gewohnt haben. Die Einwanderung der jährlichen Quota-Immigrauten wurde auf 10 Monate verteilt. Gültigkeitstermio , des Visums ist nicht mehr als vier Monate. Coolidge un- Hughes bedauevn. Berlin, 4. Juni. Me der „Lokalanzeiger" aus New- Aork meldet, halben Präsident Coolidge und Staatssekretär Hughes beschlossen, der japanischen Regierung ihr Bedauern ausznspvechen, wenn die Form des AuSschlusseS der Japaner aus Amerika die per^ölis'-chen GefWe der Japaner verletzt haben sollte. Konferenz der englischen Sionfen. London, 6. Juni. (I. T. A.) Am 1. d. fand in London die 25. Iahreskonferenz der englischen Zionilstischen Organisation statt. Dr. Ed e r referierte über die Arbeit in Palästina. Das Direktorium des Keren Hajessod entisendete de» geschciftsführenden Direktor Dr. B. Fe iw el und den Sekretär Leo H e r m a n n.! Die Exekutive hat der Konferenz Vorschläge für die Stärikuing und Reorganisierung der Verwaltung vovg-elegt, so daß die Organisation befähigt sein soll, alle Zionisten Großbritanniens und Irlands zu vertr-ete.n und die gesamte zionistische Arbeit im Lande zu kontrollieren. Den Schlwestevorganisati-onen, besonders dem Order of Ancien-t Maccabeans, dem Misvachi und der Poalle Zion, soll mehr Interesse als bisher zugelvendet und eine Zusammenarbeit mit ihnen angestrebt ^werden. Grand Hotel „Bellevue“, Kurort Vöslau I Telephon int. Nr. 6 T Ä G L 1 C H K O N Z E R T, 5 UHR-TEE, S O U P 6 DANSANT Telephon int. Nr. 6 I Nach vollständiger Renovierung $31118199 ÜSN 7. JUIti Wl9<!3reföff 113t! Nach vollständiger Renovierung I ' ■ Direktion: Johann PALOUDA, Besitzer des Cafe „Prückel", Wien,!. 1