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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-04 · Heft 1905 (4.6.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1905 (4.6.1924)
Date
1924-06-04
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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I LITERATURBEILAGE DER „“WIENER MORGENZEITUNG* «* N ummer 12 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 4. Juni 1924 ADMINISTRATION* „WIENER MORGENZEITUNGWIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Revolution der Liebe Revolution kann erst dann reifen, wenn der in Lir wohnende Haß von der Liebe überdeckt ist, die ursprüngliche treibende Kraft alles erneuernden umwälzenden Tuns bedeutet: das Mensdhenschicksal wird sich erst dann ganz erfüllen, wenn die Kraft der Liebe nicht mehr hilflos den Gewalten des Hasses weicht, wenn die Menschen ihren eigenen Ruf hören; „Dü selber, kein anderer hilft, wo immer zertreten ein Mensch auf der Erde liegt, wo immer ein Mensch, gebunden an die Sidhelwagen der Macht, zu Tode geschleift werden soll.“ Darin, daß der Mensch seinen eigenen Ruf nicht hört, liegt der Sinn seines ewigen Unterganges. Diese Erkenntnis, zum Bekenntnis geformt, ist der Grundakkord alles dessen, was Oskar Maurus F o n t a n a bisher dichterisch geschaffen hat. Drei dramatische. Werke, ein Noveilenbuch und zwei romanhafte Erzählungen sind bisher erschienen. Der Widerhall: die gewisse mitleidige Achtung, welche die Tagsohrei'berei allen Erscheinungen gegenüber bekundet, mit denen sie nichts anzufangen weiß, damit ihre eigene Verlegenheit drapierend und zu verbergen suchend, ihrer eigenen Unfähigkeit erinnert und daher heimlichen Widerstand in der Form der Anerkennung leistend, deren Achtung eigentlich die Aechtung des Menschen ausdrückt, der nicht tagfix ist. Man vergesse nicht, daß Fontana in Wien schafft und. daher dem, was sich Wiener Kritik nennt, zu allererst ausgesetzt ist. Fontana hat einen Roman „Erweckung* geschrieben, der eine der stärksten künstlerischen Gestaltungen dessen bedeutet, was der Dichter als den Sinn des menschlichen Seins empfunden hat, die Novellen „Empörer" bauen auf diesem Fontanas dichterischem Ausdruck geradezu, triebhaft innewohnenden Grundakkord, eine Fülle sinnvoller Variationen. Jetzt' hat Fontana in dem Roman „Insel ß 1 e p h a n 11 n e" (bei Günther Langes in München erschienen) seinen Weg um ein Stück vorwärts gebracht. Ueber. das einzelne hinaus zur Gestaltung jener kollektiven menschlichen Kräfte und Mächte, die die Wandlungen der menschlichen Zeit bestimmen. Hotel Majestic auf der sageumwobenen paradiesischen Nil-Insel; Lammeiort der Besitzenden, Spiegelung ihres Lebens. Und draußen, in den Gefilden dieser Insel, die Selige beherbergen müßt, wütet der Hunger unter den Nubiern und reißt sie zum Aufruhr, zur Vernichtung aller Herrlichkeiten, die nur dem Besitz Wert bedeuten, dem menschlichen Hunger aber Macht und Zwang, die s$in Haß zu vernichten gebietet. Das Stauwerk des Nils wird von den Empörten durchstochen, die Macht, welche zum Schutz des Besitzes da ist, wird vpn der Gewalt der Empörung hinweggefegt„un'd der Nil begräbt die Menschen mit ihren Leidenschaften, ihren Freuden, ihrer Macht, 'ihrem Sinn, den sie selbst nicht verstanden. „Aber da hatten sich schon viele Stimmen ‘ gesammelt und ein einziger Chor der Stimmen brauste über den Wassern 'gewaltig: „Hilf!" Immer dünner, zitternder wurde dieses „Hilf" aber es verstummte nicht, flog scheu und mit den Flügeln wie ein verirrter Vogel schlagend, länge noch über die Wasser“. Diese Geschichte ist einfach, ganz unkompliziert erzählt, geradezu sparsam in Wort und Geschehen. Unddoch spricht jede Zeile gesammelte künstlerische Kraft, Figuren enthüllen mit knappsten Worten Menschlichstes, werden in kurzem Schreiten durch den Gang der Dinge-zu Erscheinungen des Lebens. Kennzeichnend auch hier wieder, wie in allem, was Fbntana schreibt, eine eigenartige verhaltene. Glut der Propaganda, die aus der kühlen Klarheit seines wasserheilen Stils atmet, der, einem frischen Quell vergleichbar, dahmrauscht und raunt, aber nie ermüdend plätschert. Hier schreibt ein Menschmit Seele; aber die seelenlose Mache des Tages hat für •ihn nicht mehr als jene Achtung übrig, die ihre Verachtung gegen alles, was nicht Macher ist wie sie, bedeutet. Fbntana ist kein Macher, er ist bloß ein Dichter. Und das schadet in Wien. Siegfried Schmitz. DAS MODEBUCH Russische Dichtung Deutsche VerlegeTtatigkeit mühft sich seit längerer Zeit mit dankenswertem Eifer arm die Ueberseteungsliteratur aus dem Russischen. Gute neue Ausgaben der großen russischen Meister begrüßt man immer gerne im deutschen Sprachgewandte, und gerade sie sind in erster Reihe geeignet, ein Gegengewicht gegen da« Ueberwuchern des rein Literarischen au bilden. In ihren Werken webt für den Westeuropäer Immer noch das Mysterium: die unergründliche russische Memsdhenseele, dieses Mischprodukt zwischen christlich-byzantinitechen und asiatischen Elementen, ein Zug zum Absoluten, der sie jenseits aller Literatur stellt. Der Münchener Verlag Buchenau & Reichert, der bereits eine Reihe von Russen herausgebracht hat, legt Dostojewskis „Liebese r z ä h fl Hinge n“, herausge,,geben von Johannes v. Guenther, vor. Der handliche, gut ausgestattete Band enthält die phantastische Erzählung „Die Sanfte“, jenen Monolog des Mannes an der Leiche seiner durch Selbstmord geendeten Frau, der schon die ganze Größe dieses phänomenalen psychologischen Könnens anid'eutet, das wundervolle sentimentale Idyll „Die weißen Nächte“; das Juwel russischer Novellisti'k „AkuWkas Mann“ und schließlich die mit hinreißender Kühnheit gestaltete Erzählung „Die Hausfrau“. Die Uebersetzung, bis auf das letzte von Henry v. Heiseier besorgte Stück vom Herausgeber Jiergestellt, ist gepflegt und* verdient alles Lob. Sehr geschmaokvotll ist die im 0 r c h i s - Verlag, München, erschienene Ausgabe der „Weißen Nächte“ des Dichters ausgestattet. Die Hoteschnitfüllustrationen von K. Rössing haben Charakter, die deutsche Uebersetzung von A. Eliasberg liest, .sich gut (peinlich fällt allerdings das Imperfektum t.rügte auf!). Die Ausgabe der Novelle bildet den zehnten Band der in diesem'Verlage erscheinenden Reihe: „Der russische Mensch.“ verlangen Sie von HELLER (BUKUM' I. Bauernmarkt kostenlos! LEBEN IM BUCH \Meir Wiener: „Von den Symbolen.“ 1924. Harz- Verlag, Berlin. i Ein, Buch, das von Problemen, die um das Zentrum des. Religiösen kreisen, schwer gesättigt ist, ohne selbst den Charakter eines religiösen Buches zu tragen. Es ist darin alles voll Gärung, Problematik, manches noch halbfertig oder tendenziös, und die irgendwo gemachte Bemerkung, daß im Religiösen alles Erfahrung sei, scheint auf das Ganze nicht recht anwendbar. Indessen weist. innerhalb dieser Schranken das Buch, das mehr dem Inhalte als der Form nach aphoristisch ist und von verschiedenen Geistformen (Metapher, Vision, Gebet, Legende, Gesetz. Kunst, Religion, Theologie. Kultus, Dichtung) als „Symbolen“ handelt, außerordentlich interessante und wertvolle, von einem lebendigen Empfinden getragene Gedanken auf, die nur dort, wo die Erfahroi.ng hinter dem Problem zurückbleübt, oder wo die Analyse der nur gefühilshaften Ahnung Meister sein will, leicht zu geistreichen, unwirklichen Abstraktionen werden. Daß der Verfasser nicht nur seine eigenen Gedanken, sondern lebendige Wirklichkeit an Beispielen bringt, ist nur dankenswert: so schon im ersten Kapitel über die Metapher, wo der Unterschied des okzidentalischen, „sachlichen“ und des arabesken, unrealistischen und doch mitunter durch einen Zug ins Innerste führenden orientalischen Gleichnisses sehr lebendig an den Unterschied okizidentalen und orientalischen Wesens anknüpft. Wiewohl der Verfasser bemüht ist, die verschiedenen Regionen offenbarenden Geistes: Wissenschaft, Religion, Sittlichkeit, Kunst, begrifflich strenge auseinanderzuhalten, gelingt ihm gflüdklidherwelse mit seiner Darstellung häufig das Gegenteil: so wenn, er in der Vision ein Element erblickt, das tiefer als die Vernunft dem Sein verwandt ist. im Religiösen eine Totalität, welche von der auf das einzelne gerichteten Wissenschaft nie erreicht wird, in der Meisterpefsönilichkeit, die selber wEthik ist“, den Quell unid Gegensatz des gesetzlichen Lebens, im Religiösen aber auch den. Ursprung des ethischen Zustandes (im Gegensatz zum ethischen Handeln). Sehr sohön ist der in bezug auf die „Theologie“, die in einem gewissen Sinne imme.r Theodizee ist, geäußerte Gedanke, daß die Disharmonie wie in der Musik Ihren Sinn gerade in der Spannweite und realen Stärke der säe überwindenden Harmonie hat. Leider erscheinen manche Gedanken durch zeitmoidiische Einschläge oder sonstige Tendenzen getrübt: dort,"wo der; Verfasser dööh nicht recht an die Konkretheit des religiösen Leben« zu glauben scheint — was sich 'namentlich in der Auseinandersetzung über das „Ideal“ des Heiligen zeigt —, wo .der Unterschied zwischen weit distainten Löbenssphären übersehen, oder anderwärts, wo Wilhelm Braumüller & Sohn Abteilung: Antiquariat Baas Wien, >. Baz., Bauernmarkt Nr. 2 a -------- Püidie Pei-iei): RiKola-ßäcW! vrw. die Grenze zwischen Entwiidklungs- und Verfallserscheinung (in bezug auf die Entwicklung der „Gesetzesreligion“) übersehen wird. Manchmal wird der Verfasser durch eine» ehrlichen Fanatismus gegen alle Werkheiligkeit doch zur Verkennung mancher im Religiösen tief verwurzelter Erscheinungen, wie des Ritus, verführt. Gerade er, der die Funktion der am Einseitig-Konkreten schaffendeni Kunst so gut versteht, könnte auch erkennen, wie das religiös« Symbol gerade durch die amsgewählte Einzelerscheinung die Totalität des Religiösen zum Erlebnis bringen kann Die Aufassung der Lust am Schönen als Freude an der „Oekonomie der Wahrnehmung" ist so sebr Mach, daß sie dem Verfasser nicht einmal ernstlich zuzusprechen ist. Schwerwiegender erscheinen zwei Beschränkungen welche sehr wesentliche Möglichkeiten des Religiösen von vorneherein ausizusohalten scheinen: dlie eine, daß .»Religion gelitten und nicht getan wird“, die andere, indem ihr sozusagen .der Gemein schlaft scha r ak t er abgesprochen und sie doch wesentlich nur als subjektives Phänomen aufgefaßt wird. E r nst Mü 11 er. „Zur religiösen Erneuerung des Judentums.“ Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendivereine Deutschlands. Das vorliegende, vier Aufsätze enthaltende Heftchen verfolgt die Tendenz, für diie Ideen dieser Arbeitsgemeinschaft in breiten Kreisen zu werben. Das Ringen junger Menschen um das Verständnis von Welt und Leben ist immer ehrfürchtigebietenide Frühlings-. hedligike.it, audh wenn es mehr brausenden Stürmen als gelindem Lenzes wehen gleicht. Vollends wenn, es religiöse Erneuerung zum Ziele hat. Es wäre müßig, hier mit Erfahrungen und Geschichte zu kommen. Vielleicht hat eine. Uebeisättigumg mit Historismus Teil an dem Dünkel eines großen Teiles der Jugend unserer Tage. Darum soll tntt‘ den wirklich jugendlichen Anschauungen, die hier zu Wort kommen, nicht gerechtet werden. Selbst der Hinweis auf die Wiederkehr von Argumenten, die ln jedem Jahnzehnt von neuem widerlegt wurden, mag füglich unterbleiben. Das zweifellos ernste Inter esse für das ewige Re-;• Higionsproblem — so himmelhoch erhaben über Erstarrung und Indifferenttemus — legitimiert die Suchenden als Söhne ’ des jüdischen Volkes, des unermüdlichen Kämpfers für religiöse Offenbarungen. Auch in der krassen frerndnatlonalen Einstellung, wie sie für Cl aud e G. Mo nt efiore sohön von 20 Jahrenin dem Ausspruch gipfelte, daß ihm in allen seinen Empfindungen, Gefühlen und.Ideen der' englisch* Christ näher stehe, als zum Beispiel der bulgarische Jude, jetzt und hier ins Deutschnationale übertragen., liegt ein durch die Vorbedingungen vielleicht begreiflicher Irrtum, dessen UÜberwindung getrost einer künftigen Klärung überlassen bleiben kann. Ist doch schhon die in einem der Aufsätze geschilderte S e h n su cht n ach der G emei nschaft des Judentums bei aller ausdrücklichen Ablehnung des nationalen Gedankens in demselben im Wesen nur eine tendenziöse Andersbezeichnung einer unbewußt wirkenden elementaren Wahrheit. Ueberfoaiipt mag jeder Fehlgriff hingehen, wenn er der V o r b edingth e i t der Ringenden, nicht aber dem Vorurteil entspringt; zumal dem Vorurteil, das sieb als Endgültigkeit ausgibt. Da* Verwerfliche eines solchen liegt, vor allem in der Un- Jugendlichkeit. Jugendlichkeit ist: Prüfet und wählet! Umjugendlichkett ist: Prüfet erst gar nicht, denn ich habe schon für euch gewählt. Von dieser letzteren unerfreulichen Art ist der Aufsatz: „Wir und die anderen“ von Artur Lilien t h a 1. Die tausendmal widerlegten Argumente gegen den Zionismus, die hier bis zu den unglaublichsten Verstiegenheiten ausgeprägt erscheinen und zum politische« Kampfe autfrufen, sind Unheiliges Feuer auf dem Altar jugendlichen. Ringens. Solcher Tempelfrevel kann auch da« reinste Wollen in Verruf bringen. Es ist zu hoffen, daß er in der Folge verhütet wird. Dr. M, Rosenfeld. VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Ein Beethoven-Buch „Beethoven' im Kampf mit dem Schick* s a 1“ nennt Dr- Max R e i n i t z sein im R i k o 1 a Verla®, Wien, erschienenes Beethoven-Buch, welches auf Grund gewissenhafter archivalischer Forschung manches Neu* über Beethoven zutage fördert. Nicht über den Künstler, der unerbittlich dem Schicksal in den Rachen greift, sondern über den Menschen, der ebenso zäh und unnachgiebig den Kampf um sein vermeintliches Recht aufnimmt. Immer schwerer wurde es dem alternden, fast tauben Junggesellen — trotz der Fürsorge von Breuning, Schindler und Nanette Streicher —, in einer Zeit der wachsenden Geldentwertung seinen Haushalt und sein Vermögen in Ordnung zu halten. Die ihm von fürstlichen Gönnern ausgesetzte Pension schrumpfte allmählich auf einen Bruchteil ihres •Wertes zusammen und Beethoven ermangelte nicht, seine Mäcene mit Nachdruck an ihre Verpflichtung zu erinnern, ja, er scheute selbst vor Prozessen nicht zurück, die er mit echt Beethovenscher Verbissenheit führte. Auch das lose Leben seines leicht veranlagten Neffen Karl, um dessen Besitz er mit Karls Mutter einen Kampf bis aufs Messer führte, machte ihm schwere Sorgen, und so gesellten sich zu den inneren^ Konflikten immer wieder BRAUCHST DU BÜCHER, i GEH ZU LÖWIT; WIEN, f. ROTENTURMSTRASSE 22 , j

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