Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1902 (1.6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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8 ' ‘ Wien, Sonntag —**—1«*—Hl!■■ ■■ — ■■—■ - - — - - I Will .. Antisemiüsmus, den in den Jahren vor dem Krieg das jüdische Bankkapital mit sehr viel Geld einaeschläfert hatte, erwachte in dem Augenblick zu neuem, strotzendem . Leben, als die nach der Revolution zurückgescheuchten Steppenfürsten und ihre Kumpane-das Land niederwarfen und sich darauf einrichteten, ihre Herrschaft fiir alle Zukunft zu befestigen. Das Ziel, das der Reaktion in Deutschland vorschwebt, Staat, Verwaltung, Schule einer einzigen Klasse zu unterlverfen und in diesem Zustand mit Waffengewalt festzuhalten — dieses Ziel ist in Ungarn bereits erreicht. Aber da die übrige Welt diese Entwicklungstendenzen nicht mitmacht, da sie vielmehr seit dem Beginne dieses Jahres wieder die Linie zum Frieden und zur Demokratie, zum Ausgleich der sozialen Gegensätze beschreitet, ergeben sich naturgemäß schwere Konflikte zwischen dem Europa des Völkerbundes und dein magyarischen Alluvialland. Einen solchen hat jetzt Herr Smith geschaffen.. Seitdem Herr Hohler, nach Mexiko abgewandert ist, ist eine wichtige Quelle der Unwahrheit geschlossen worden. Es ist nicht mehr so leicht für die ungarische Regierung, ihr Doppelgesicht zu wahren. Sie hat aus einer Maske nach Europa geschaut urrd hie und da den Eindruck wecken können, als sei sie die Leitung eines geordnet verwalteten Gemeinwesens. Für die eigene Bevölkerung hat sie die rote Larve des Scharsrichters. Mr. Smith hat nun gefunden, daß das Gesetz und die geordnete Verwaltung nur im Auftrag einer Landsknechkhorde ftmktioniert und daß der oberste Chef des Staates, die Person, deren Lebensführung und Rechtlichkeit allen Bürgern ein Aiuster sein soll, eben nichts anderes ist als der oberste Chef der Landsknechte. Das Mittelalter ist geblieben, und so wie damals ist das Gut der Bürger, Bauern, Kaufleute und Arbeiter nicht ihr Eigentum, sondern die Beute säbeMrrender Faulenzer, dieses Idyll wird gestört und Herr Smith hat den Aufa\VQ hiezu gemacht. i Horthtz und krzherzog Albrecht. Budapest, 31. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Kelchsverweser Horthy und Erzherzog ^Äl-brecht nahmen gestern aus einer Puszta bei Mohacs die feierliche -Verleihung von sogenannten „Heldengrundstücken" an ehemalige Kriegsteilnehmer vor. -Bei dieser Gelegenheit ereignete es sich-innerhalb weniger Wochen zum dritten Male, daß der Reichsvevweser sich in Gesellschaft des jungen Erzherzogs Albrecht bei'einer Feierlichkeit gemeinsam zeigte. koolidge gegen AtarinerMungen. London, 31. Mai. Aus üiewHork , wich gemeldet, Präsident^ Coolid ge habe das Marinekonütee des Se- . nates verständigt, daß er sich energisch dagegen verwahre,' daß' 1,5 Milliönkn Dollar für den Bau von Kanonentüvmen auf 13 Kriegsschiffen aufgewendet werden. Dies verursacht größere Ueberrcischung, da Eoolidge vor kurzem düs Gesetz genehmigte,, dos am Mittwoch abends im Abgeordnetenhaus« angenomnien wurde und durch welches 150 Millionen Dollar für die Konstruktion von acht Kreuzern ausgeworfen werden. ._*-- Sie ZewM Agency. Entscheidung durch den Zionistenkongreß. London, 30. Mai. (I. T. A.) Me schön kurz mitgeteilt, hat die Zionistische Exekutive die Abhaltung des 14. Zionistenkongresses noch vor Ende dieses Jahres vorgeschlagen. Das Zentralbureau der Zionistischen Organisation gibt hierüber die folgende Mitteilung ans: Nachdem die Exekutive der Zionistischen Organisation den Bericht Dr. W e i z m a u n s Lbtt seine Verhandlungen in den Bereinigten Staaten zum Zwecke der M i t a r b e i t der amerikanischen Judenschaft an dem Neuaufbau d e r I e w i s h A g e n e y entgegengenommen hat, ist sie zu dem Schluß gekommen, daß die Dinge jetzt so weit geklärt sind, daß man der zuständigen zionistischen Autorität, nämlich dem Kongreß, endgültige Vorschläge unterbreiten kann. Diesen Sommer Me normalerweise eine Jahreskonferenz stattfinden müssen; da aber diese Körperschaft nicht zuständig wäre, irgendwelche endgültige Beschlüsse über die Frage der Jewish Agency zu fassen, schlägt die Exekutive vor, daß die Konferenz abgesagt und der nächste Kongreß für Ende dieses Jahres zu dem besonderen Zweck dex Beratung und Abstimmung über die Agürcysrage einberufen wird. Die Exekutive hat in UebereinstiMmung mit dem Präsidium des Akttonskomitees beschlossen, eine Sitzung des Aktionskomitees für den 17. Juni nach London einzuberusen, um sich die Autorisatton geben zu lassen, die Jahreskonferenz abzusagen und den Kongreß einzuberufen. Ans der Tagesordnung der Sitzung des Aktionskomitees wird außer der Agcneyfrage noch die Annahme eines provisorischen Budgets für die Arbeit in Palästina bis zum nächsten Kongreß stehen, China lmertenut Sowjetrnßland. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Peking, 31. Mai, Di« chinesische Regierung hat die Sdid j Ltregieruug anerkannt. Der Betrag sicht auch die Räumung der Mongolei durch Rußland vyrails, worüber , noch eilt« spezielle Konferenz im MO abg-ehalten werden loird. Dagegen verpflichtet sich China, nienmlS früheren russischen Besitz oder frühere russische Rechte an irgend eine andere Macht abzutreten, eine Bestrmnrung, die LWxchN iyr AW hat. Die Lvrener Morgenzeitung. ' ‘ Wp'? 1. Juni 1924 eneral Eeeüt. Seerft gegen tzlaß. Berlin, 31. Mai. Heute wurde der Sekretär der : deutlschldölkiischen Freche itspartei Forst v. T e t t e n vorn chipemMmvn.' Er hat-im Jänner die Anzeige gegen Thörmanm erstattet. - In - feiner heutigen Aussage AE er dabei, daß Thormann aus München nach Berlin ' mit dom Auftrag gekommen sei, den Genaval Seeckt zu ermorden. ...... - Der Vorsitzende HM. ihm vor, daß er in der Vorurtters-uchung von -diesem- VMnchener Auftrag nichts gesagt habe. Tettenborn erwiderte, er habe diies den: Unters'uchu^ngsrichter mitgeteilt. Es wird beschlossen, den UntersuchulNigsrichter als Zeugen vorzuladen. Bömerkenswert ist auch die Ausfage Tettenborns, er sei vom früheren deutschnationalen, jetzt deutschvöKitschen Schriftsteller Grasen Revontlow imd von anderen Persönlichkeiten ausgofordert worden, den Justizrat Claß aus dem Spiel zu lassen, ebenso Dr. Gra ndel. Claß dürfe unter keinen Umständsn belastet werden. Weiter erklärt Tettenborn, er habe, alls Dhormann ihn m feinem Berliner Büreau aussuchte, sofort gewußt, daß eres mit einem Ho chstaple r zu tun habe. Denn Thorniann sei i>m Jahve 1922 in den Roßbach-Kreis durch den Dr. Janezek eingesichrt worden, der später als Hochstapler verfolgt wurde. Ebenso wie der zweite BellastünMeuge, dev Stubew KLppke, sagte Tettenborn noch aus, Thopmainw Habe klärt, General v. Seeckt Müsse ' vor dem 15. Jänner ,. beseitigt werden, sonst sei die geplante große ft fl!«ft n e hmu ng,. die d ie nationalen B erb and« und die Reichswehr vorbereitet haben, nicht mehr möglich. Als Spiritus reotor des Mentatsplanes halbe Dhormann den Dr. Grandel bezeichnet. Der Generalstaatsauwalt teilt mit, daß Graf Neve n t l o w erkrankt sei und nicht erscheinen könne. - General v. Seeckt sagte folgendermaßen aus: Ich kenne die Angeklagten Per sönlich nicht und kann nicht beurteilen, ob sie etwas Ernst, liches geplant haben.- Ein gemeinsamer Bekannter Hai mehrere Unterredungen mit Claß vermittelt. Bei der letzten Unterredung hatte ich den Eindruck, daß Claß etwas plane, aber nicht wisse, was. Das Gespräch nahm schließlich einen zugespitzten Ch-arakrei an. Die mir zugeschriebene Aeußerung: „cch schieße auch aus rechts", ist nicht gefallen. Der Inhalt der Unterredung 'hat meine Mitwirkung bei einer eventuellen Aenderung der Staatsform betroffen. Justizral Claß bezeichnte die Bekundung-des Generals v. Seeckt als nicht der Wahrheit entsprechend. BerhaM-ungen wurden chinesischerseits von dem bekannten Diplomaten Wellington K o o geführt, russischevsiits von Kavakhan. , gnternationale kmigratiomkonferenz. Rom, 31. Mai. (I. T. A.) Das Komitee für Transport und Hygiene bei der Internationale): Enrigrationskonserenz hat einstimmig die folgenden Vorschläge angenommen: Alle Emigrantenschiffe. sollen eine geprüfte Pflegerin an'Bord haben, die sich um die Frauen und die Kinder.zu bMmmern hak. Alle Schifssgesellschaften, die Emigrationstrarlsporte übernehnren, werden ersucht, für Frauen und alleinreisend'e Mädchen Kabinen dritter Atlasse voyzusehen; es sollen rnternationcrle Abkommen zur Erleichterung der' Transitreise durch einen dritten Staat getroffen werden; die Emigranten sollen gegen Gefahren aus dem Schiff gesichert fein; alle Emigranten, auf ein und demselben Schiff sollen die gleiche Behandlüng erfahren, ausgenomnren in bezug aus die Verpslegungsfrage/ wobei die Mvohnhoiten der verschiedenen Länder beobachtet werden sollen. Die Kommission für Emigvantenhilfe hat einen Beschluß angenommen, nach welchem alle Emigranten bei ihrer Ankunft in den Einschisfungs- und Ausschiffungs- Hasen unter ein Dach gebracht und verpflegt werden sollen. Die Kommission für Ansiedlung van Emigranten hat einen Vorschlag zur Kontrolle der Kontrakte mtt Emigranten angenommen, um die an sie gezahlten Löhme seststellen zu können. Die Kommission für Emigvationsverträge hat einer Definition des Wortes „Emigrant" zugestimmt, wonach, dieises nur auf solche Personen angewendet werden soll, die in ein Land einwantdern, um sich dort dauernd anzusicideln, nicht aber aus solche Personen, die sich, nur vorübergchend in einem Lande aufhalten. Das Komitee hat ferner einem Antrag zuMimmt, daß eingewanderte Arbeiter dieseMe Behandlung Wie ansässige Arbeiter genießen sollen. Es wurde eine Sondersitzmrg der Privatorganisation unter dem Vorsitz des Professors Vavlez einbevufen, die sich mit den Anträgen des Bereinigten Mischen Emigvationskomitees über die Lage jener Emigranten, die in den europäischen Hafenstädten auf die Eröffnung der neuen amerikanischen Quote warten, beschäftigen wird, worauf diese Anträge der Konferenz vorgelegt werden sollen.; . Man nimmt an, daß die. Konferenz ihre Tagung am 1. Juni beschließen wird. Schluß der römischen Auswanderungskonferenz. Rom, 31. Mai. Die AuKtvanderungskonferenz ist heute mit einem Diner bei Musiolini abgeschlossen worden. Die zweite internationale Auswanderungskonserenz ^dürfte in drei Jahren stattfinden. Gumbel unter Landerverratsanklage. Berlin, 31. Mai. Wie der „Vorwärts" meldet, ist gegen den bekannten Schriftsteller Gumbel, der sich durch das Werk „Bier Jahre politischer Mord" einen Namen gemacht hat, wegen seiner neuen Veröffentlichung „Verschwörer" das LandesverratSverfahreu eingelviwt worden,; . J Sie Studentenerreffe In RumSnien.; Bukarest, 80. Mai. (I. D. A.) Dev Muisterpräsident Bvatiainu hat die Präsenten der drei mürumänischen Provinzen SiebentbÄrgen, Bulkowiiina und Be ßa rabien nach Bukarest emgeladen, damit sie ihm über die Vechältnisse ln den dres Provinzen, besonders im Hinblick auf die letzten Mdenexzesse, berichten. Zunächst konferierte Bvatianu mit dsni Klausenburger Prä^ fakten über die Exzess-e in ,.den Elsetchchnou, in den SWM stO M dem Wde, . * Der Unterstaatsftkvetär Tartar es cu äußerte sich' einem Mitarbeiter des „Adeveml" gegenüber Wer die Pogrome in Siebenbürgen dahin, der Regierung seien die traurigen Ereigcnsse n i ch t unbekannt. Unter den Verwundeten sind aber auch vier rumänische Studenten, von denen zwei sogar schwer verwundet sind; Daß auch Tote zu beklagen sind, ist der Negierung nicht bekannt. Budapest, 31. Mai. (Tal. der,Mr. Wtongenzeitung".;' Wie- „Pesti Naplo" aus FülHirchsu berichtet, haben sich gestern au der dortvgeln Unii«veassität. schwere .Stüdorttenkraiwalle albgchpielt. Bor einigen! Taigen echoiben die > chriistlichen U n i v ersitätshörer der medizinischen Fakultät gegen ihrejüdischen Kollegen die AMage, daß die jüdischen Hörer im AnatoimWen. Jnjstitttt . eine Leichenschändung vevübt. hättew Die Leichenschändung sollen die Mischen SliuIdM-t-en - in. cdev Weilst Vovgenommen haben, daß. sie die zjur. Sezwrung beMt«? Mslellten Leichen mit in Weihwassev g etam ch-t^e Bürsten geveimgl und dabei jüdische-Hetzlieder gesungen hätten.. ' . 1 * Gestern kam es aus diesem Anlaß zu Zusanmreustößen zwischen den christlichen und Mischen Medizinern. Die ttn christlichnationalen Stndentenverband vereinigten- Universitätshörer fielen beim Verlassen des Hövsaals auf den Gängen über die Inden her und bearbeiteten sie niit Stöcken, Knüppeln und Fäusten, wobei sie auch die jüdischen Studentinnen nicht verschonten. Die Mischen Studenten hattm zu ihrem Schutz ein paar jüdische Ringkämpfer in ihren Reihen. Die Schlägerei pflanzte sich aus die Gasse fort, bis die Fünftirchner Polizei die Ranseniden trennte. , . Der AnatMüchvosessor Dr. Tvth s-oiwie dev Rektor der Universität ließen sich - während der Skandalszenen nicht blicken. - Strafuntersuchung gegen das Präftdium der Budapest, 31. Mai. (Tel. der „Wr. Mojgsnzeitung".) Großes Aufsehen erregt hier eine strafrechtliche Untersuchung, welche vom Polizeikommissariate des 7. Bezirkes, gegen den Präsidenten der Knltusgemeinde Dr. Alexander Lederer und seine Mitarbeiter -in der Hilfsaktion fiir die infolge des Numerus clausus an die ausländischen Universitäten abgÄvantderten Mischen Studenten, namentlich die Wgeortdneten Wilhelm Vazison yi, Oberrabbiner Dr. S. Hevesi und den Redakteur des „Cgyenlöseg" Dr. Ludwig S z a b o l o s i geftiihrt wird. Die A)rklage lautet gegon Dr. Lederer, daß er als Präsident der KultusgeMeiUde Mter der Patronanz der Gemeinde eine Sammlung veranstalten lasse, für welche er keine behördliche Bewlilligmlg.besitzt. Präsident Dr. Lüderer wurde wiederholt vorgeladen' und gab zu Protokoll, daß die )Nlgavländische Judenschaft es als ihre heiligste Amfga^be anfelhe, für di« Mischen Hochschüler, die ins Ausland gehen nmßten, «ine auf breiter Grundlage sich bewegende Aktion^ zu führen. Sowohl er als auch hie gesamte Kultusgemeinde unterstützen u)td fördern diese Hilfsaktion Das Gesetz werde jedoch hierdurch nicht ■ verletzt, da nicht gesarnmelt -werde und t\m Samnrlung auch nicht notwendig sei, weil die Beiträge von -den.Jüden freiwillig geleistet werden. Obgleich di« poligei-liche Voruntersuchung schon seit mehrerer: Momterr läuft und auch die Mrtgeu Angeklag-- ten wiederholt einbernomuien würdeu,' ist cs bisher m keinem Urteil gekommen. Die Polizei legte den umfang-- reichen M dem Kultusminister Grafen Kleb e l Sb erg! mit km Ersuchen M woittre Weisungen vor. Bor einigen Tagen wnche dieser ganze inKvischen Mgchvuev anM wachsen- „Stvafakt" km Präsidium der KultusgÄiwftchezur Berichte'rstattturg und Rechtfavtignmg der Kultusgemeink. - wich