Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1898 (28.5.1924)
- Date
- 1924-05-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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rfMT-_ Sie Ekuvschtina vertagt. (Ergendienst der ,Wiener Morgenzeitnng".) Belgrad, 27. Mai. In der heutigen Sitzung der Gküpschtlna wurden die restlichen Radie- Mandate vom Parlament verifiziert. Die Opposition zählt jetzt 180 Abgeordnete gegenüber 130 Stimmen der Koalition Pasie-Pribieevie. Der Ministerpräsident löste diese neue Krise durch die Vertagung der Skupschtina bis zum 20. Oktober. An diesem Tage wjrh eine neue Session durch königliches Handschreiben eröffnet. Aller Voraussicht nach wird sich auch dann zeigen, daß die Opposition sumerisch stärker ist als der Regierungsblock. ES wird also nach Politischer Auffassung dem Ministerpräsidenten nichts anders übrigbleiben, als vom König die Ermächtigung zur Auflösung deS. Parlaments und zur Ausschreibung von Neuwahlen nachzüsuchen. Die heutige Sitzung wurde unter vollzähliger Teilnahme der Abgeordneten der Skupschtina eröffnet. Vor der Tagesordnung brachte der Bauernbund einen Antrag ans sofortige Hilfe für die durch die jüngsten Überschwemmungen betroffenen Gegenden ein, der angenommen wurde. Aus der Tagesordnung stand die Verifizier» g der Radie- Mandate. Sowohl der Berichterstatter der oppositionellen Mehrheit im Berffikationsausschutz.. wie der der radikalen Minderheit beantragten die Verifizierung, die mit großerMehrheit angenommen wurde. Die anwesenden verifizierten Abgeordneten wurden sofort vereidigt. Nach einer Pause verlangte Ministerpräsident P a s i e das Wort. Die gesamte Opposition machte darmlshin einen höllischen Lärm, während sich die Regierungsanhanger um den Ministertisch scharten, um Pasic zu hören. Er verlas das Handschreiben des Königs, das die Vertagung ausspricht. Mmszenen im Prager Abgeordnetenhaus. Prag, 27. Mai. (Eigendiensf der „Wt. Vtorgenze:- tmrg".) Das Abgeordnetenhaus, das heute nach längerer Frist seine Tätigkeit ausgenommen hat, war der Schauplatz wüster Sz enen. Anlaß hierzu boten die Immuuitätsanglegenheiten der oppositionellen Abgeordneten Hahnreich vom Bund der Landwirte und Haken von den 'Kommunisten, deren Auslieferung beantragt wurde. Der Berichterstatter rm Falle Hcchnreich war der Nationaldemokrat Dik, der das Ansuchen des Kreisgerichtes Znaim ans Auslieferung des Mgeordneten Hahnreich vertrat. Hahnreich soll bei Enthüllung eines Denkmals zur Ehrung der im Weltkrieg gefallenen Soldaten beleidigende Worte-über die Entstehung des tschecho-flowakrschen Staates und.über die Haltung der tschecho-flvwakischen Soldaten während, des Krieges gebraucht haben. Beim Schlußwort des' Referenten kommt es zu wüsten Lärmszenen. Eine Viertelstunde lang wird-Mg.. Dik an seiner Rede gehindert. Kaum, beginnt er zu sprechen, fallen die D eutischnational en' und einige Nationalsozialisten mit Gelächter in'seine Rede ein. Die deutschen Abgeordneten rufen: Sie Ignorant! und ähnliches. Die deutschen Abgeordneten sind vor allem darüber entpört, daß Abg. Dik in seinem Schlußwort erklärte, sie benehmen sich wie wilde Tiere. Für diesen Ausdruck wird dem Abg. Dik der Ordnungsruf erteilt, was von. den deutschen Abgeordneten mit Beifall quittiert wird. Bei der Abstimmung wird die Auslieferung des Abgeordneten Hahnreich beschlossen, was wiederum zu heftigen Lärmszenen führt. Der Lärm dauert an, als der nächste Berichterstatter den Bericht des Immunitätsausschusses über die Auslieferung des Abgeordneten Haken erstattet. Der Fall Haken Bezog sich auf die seinerzeitige Affäre beim Expose des Ministerpräsidenten in der Sitzung des Abgeordnetenha-nses vom 5. März. Damals hat Haken vor den Ministerpräsidenten eine Spirrtusflasche gestellt, . in deren Kork ein Fähnchen in den Staatsfarhen gesteckt wirr. Der Berichterstatter beantragte die Auslieferung Hakens. Dl e Kommunisten, die vor der Regievungsbant stehen, brechen in stürmische Zwischenrufe ans: „Das ist ein Skandal!" „Ist denn ein bemaltes Stück Papier eine Staatsflagge?" „Es ist das Astern des Jmmunitätsausschusses, oppositionelle Abgeordnete den Gerichten auszulie-sern." „Schaffen Sie die Immunität überhaupt ab!" „Das sind Stallknechte der Bourgeoisie." Abg. Taussig rief einem Nationaldnnokraten zu: „Du bist ein Spiritus." Der so apostrophierte Abgeordnete rief zurück: „Du auch!" Bei der Abstimmung stimmten über 80 Abgeordnete gegen die Auslieferung, etwa 112 für die Auslieferung. Nach der Verkündigung geht der Lärm von neuem los, indem die kommunistischen Abgeordneten in einen sehr erreg t e n W o r t w e ch s e l mit den Koalitionsparteien geraten. - Heeresabbau in der Tschecho-Slowakei. Prag, 27. Mai. (Tischecho-slowakisches Preßbureau.) In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauises hat die Regierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, durch den eine ziemlich bedeutende Herabsetzung des bisher mit 150.000 Mann festgesetzten Friedensstandes der tschechoslowakischen Armee festgesetzt wird. Dü Heeresstände werden bis zum 30. September 1927 derart geregelt, daß der Friede nsstaud vom 1. Oktober bis 31. März jedes Jahres mit 150,000 und vom 1. April bis Ende September mit 90.000 Manu festgesetzt wird. MeM« -- Herabsetzung der Bankrate in Prag. Prag, 27. Mai. (Dschecho-stowakisches PreMureau.) Der BankÄlbsschuß beim FvWnMnnsterinm hat in seiner heutigen Sitzrmg''beischlossen, von morgen an die Bankvaie des Baukamtes für den Wechsel- und Wertpapüreskompt von 6,6 aus 6 Prozent hevalbzusetzeu. Dor LomibavdzinKfuß Aeibt unverändert. Kn Faszist — KamnierprSstdent. Rom, 27, Mai. (Stefani.) Die Kammer hat den Fas-' zisten Rocco mit 338 Stimmen bei 127 Stimmenthaltungen, der Senat Litton i mit 208 Stimmen, bei 62 Stimmenthaltungen zu Präsidenten göwählt. . Saudor gegen den nngarischen zolltvris. - Budapest, 27. Mai. (11. T.-K.-B.) Die heutige Sitzung der Nationalversammlung war mit einer Rede des Abgeordneten Paul S a n d or ausgefüllt, der eine s ch a rf e Kri t ik an dem zur Verhandlung stehenden Zolltarifentwurf übte. Die Regierung hätte warten köunen, bis andere Staaten, hauptsächlich die. Nachbaristaaten, -die.Prinzip.er ihrer Zoll-und Wirtschaftspolitik seftlegen. Seiner Ansicht nach' befolge der 'Entwurf eine ü b e r t r i e b e n e S ch u tz p olitik und verabreiche mit seinen hohen Zollsätzen dem Fa'brikskapitalismüs e,rn Nätionalgeschenk. Es stehe zu befürchten, daß die Trusts und Kartelle die Leitung des ganzen Wirtschaftslebens an sich? reißen werden. Die Lasten, die durch die in der Samerungsvorlage vorgesehenen Zolleinnahmen von 40 Millionen Goldkronen er-' wachsen, dürfen nicht, wie es der Zolltavisentwuirf zur Folge haben wird, allein den Konsumenten auferlegt werden. Auf die Frage, ob die Regierung bei den Miengesellschaften für denUmwertungsProzeß oder für die Berechnung zum Goldwert eintrete, erwiderte Handelsminister V a I k o in einem Zwischenrufe, das Sanierungsgesetz bestimme, daß die Notenbank eine Goldbilanz aufzustellen habe. Abgeordneter Sandor schloß seine Rede mit der Erklärung, daß die ungarische Kaufmannschaft gegen den ZolltarifentwurfStellnng nehme und er die Vorlage ablehne. Kn Schritt Fuzoslawiens in Wien. ' Belgrad, 27. Mai. (Tel.-Komp.) Der jugostawifche Konsul in Klagenfurt, Prodi t s ch,. ist von. der' jugoslawischen Regierung nach Belgrad berufen worden, um-über, angebliche Uebersälle auf das jugoslawische K o wsulatin Klagenfurt Bericht zu erstatten. Herr Prodit'Ich ist bereits in Belgrad eingetroffen und hatte mit dem . Minister des Aeußern, Di. Nmoie,. eine längere^Utnerredung... . . . ,• „. , <, Wiedie Mütter melden, hat; die Regierung nach Anhörung seines Referats.^beschlossen, wogen des Ueberfalles auf das Konsulat sowohl in Wien wie au ch beim V ö lk erbu n d die notwendigen Schritte zu unternehmen. Der Wiener jugoslawische Gesandte werde die österreichische Regierung auffordern, Maßnahmen zu treffen, damit die slowenische Bevölkerung Kärntens gegen die Angriffe der d e u t s che n N a t i o n a l i st e n beschützt und daß Jugoslawien volle Genugtuung für den Ueberfall ans das Konsulat gegeben werde. In einem an den Völkerbund gerichteten Memorandum werde die jugoslawische Regierung eine ausführliche Darstellung über das Verhalten Oesterreichs gegenüber den slawischen r h e stell in Kärnten geben. Der Gemeinderat von Leoben antgÄvL- - Konflikt der Bürgerlichen mit den Sozialdemokraten. Leoben, 27. Mai. (Eigenmeldung der „Wr. Morgenzeitung".) Kürzlich fand -eine Gememderatssitzuug statt, in der die S o z i a I d e m o k r a t e n den Antrag stellten, die Mose-rh ofgründe an den Arbeiterverein Freiheit zu verkaufen. Da die meisten bürgerlichen Gemeinderäte bei der Sitzung nicht anwesend waren, wurde dieser Antrag angenommen. Der bürgerliche Bürgermeister Enserer verweigerte aber die Genehmigung des Beschlusses und berief nach dem Gesetze eine zweite Gemeinderatssitzung für Samstag ein. In dieser Sitzung erklärte der Vertreter der deutschen Gemeinde- Partei, daß diese den Beschluß nicht gutheißen könne, weil er den Interessen der Allgemeinheit widerspreche, der besser gedient wäre, wenn die Moserhosgründe verbaut würden. Infolgedessen würde sein Klub den Sitzungssaal verlassen und hierdurch die Beschlußunfähigkeit herbeiführen. Dies geschah auch. Diaser Zwischenfall rief bei den Sozialdemokraten große Entrüstung hervor. Die Sitzung mußte beschlußunfähig erklärt werden. Die für heute einberufene neuerliche Sitzung, die nach dem Gesetze auf joden Fall beschlußfähig gewesen wäre, konnte nicht stattfinden, weil, heute die bisherigen Gemeinderäte der deutschen Gemeindepartei wie auch ihre gewählten Ersatzmänner ihre Mandate zurückgelegt haben. Ta hierdurch der (Äsmeinderat von Leoben a uf g e l ö st e r s ch e i n t, werden die Geschäfte der Gememde vom bisherigen Bürgermeister' Enserer 'bis zur Ernennung eines Regierungskommissärs weitergeführt, der so lange, fungieren wird, bis die neugewählten Gemernderäte in Aktion treten. a. ä in gtallmWe rorvedoboote in Li«». Gestern vormittags traf das italienische Tor^ P e d o b o o t 0. L. T. 75 aus der Richtung Mauthausen in Linz ein. Es landete, um Naphtha einzunehmen. Das Schiff wird heute früh 8 Uhr Linz wieder verlassen und gegen Mauthausen abgehen, wo die feierliche Kranzniederlegung auf den Held e ngräbern stattfindet. Da's Torpedoboot 75 hatte bekanntlich in der Nähe von G re in einen Unfall gehabt. Durch selbsttätiges Schließen der Ventilklappe beim Auspuffrohr des Motors war-der Luftzug gestockt; es bildete sich ein« Stichflamme, durch die, wie das ,Mzer VolkS- Aadt" meldet, vier Mi Mieder der Besatzung, darunter dev Kaipitäin, leichte Verletzungen ^erilitten. Selbstmord wegen der weggenommenen Wohmyg. Aus Budapest wird uns vorn 27. d. gemeldet: Bei ded hegte erfolgten Polizeilichen Oeffnung der Wohnung der Frau S z e rn e r e und ihrer Tochter,, die. durch Selbstmord geendet haben,, weil ihnen die Wohnung widerrechtlich weggenommen werden sollte, wurden vier Briefe vorgefunden,-von denen einer an die Polizei, einer an den geschiedenen Gatten der Frau Szemere, der dritte an ihren .in Wien lebenden Sohn und der letzte, an jenen Poltzeivat gerichtet ist, pem.dfe Wohnn.ng znerkannt worden ist. Der au hi« PbltzeßhinteÄassene Brief erhält efnen erschütternden dramatischen Äkzeyt dadurch, daß die Frau erklärt, daß die Hetze wegen der. Wohyung sie in den Dcki treibe, und den . Fluch des Himmels auf. diejenigen beschwört, welche dje.Wohnung.benützen.werden. Aus Em. Briefe geht auch hervor,.daß sie den Selbstmord allein .verüben woNe, aber damit erchnete, daß die Tochter ihrem Beispiel folgen werde, wie es tatsächlich geschehen ist. Denn für diesen Fall steht der Brief vor, daß . die mobilen Sachen ihrem .in Wien lebenden Sohn , zur 'Verwertung überlassen werden. Heute fand die Sezierung der Leichen »statt, ihre Beerdigung findst nach dem Eintreffen der Angehörigen aus Wien statt. Bankier Theodor Auchak in Berwahmnashost. Vör ungefähr zehn Tagen ist, wie berichtet, der auf dem Petersplatz etabliert gewesene Bankgeschäftsinhaber The odor B u ch a l aus Wien , vers chwunden und 'hat hier ungelöste'Verbindlichkeiten in der Höhe' von mehr'- als einer Milliarde hinterlasstn. Unter den Geschädigten befinden sich . auch der frühere Markgraf Pallavicini und der.-frühere Graf- Hardegg, die stille Teilhaber seiner Firma igewesen sind. -Nun ist er gestern bei der WirtschafÄpoltzei. erschienen, um-sich über den Standseiner Angelegenheit zn informieren und die Gerüchte von seiner Flucht m Abrede zu stellen.- Er wurde in Verwahrungshaft genommen. : . Kn verschwnndener Banttommisstonkiri Aus Budapest wirb uns gemeldet: Der BänAommisfilX när Alexander Gömöry ist verschwunden;, nachdem gegen ihn in den letzten zwei Tagen eine ganze Reihe-von-Anzeigen seitens seiner Kommittenten erstattet worden war. Gömöry ist ein KonjmÄturkommisfiöM;üder.Möhge falscher und frautmloser Spekulationen 500 Millionen Verbindlichkeiten hat. Einer seiner Freunde bot. 20 Prozent als Ausgleich an, doch wurde dieser abgelehnt, weil man überzeugt ist, daß sich Gomory in Budapest aufhAt und. belangt werden kann. SeWmord einer Agramer Srohkanfmanne«. Agram, 27. Mai. (Tel.-Komp.) Her bekannte Gvoßkaufmann Robert Drucker hat sich in seiner. Wohnung mit Beronal vergiftet und starb bald darauf im Spital. Drucker lebte seit, längerer Zeit von. seiner Frau geschieden und wollte sich jetzt wieder mit ihr versöhnen,, doch. wieS' die Frau jeden Versöhnungsversuch zurück.. Vor. einigen' Wochen.weilte er in Wien und versuchte bereits damals einen Selbstmord. Ju der letzten Zeit, hatte Drucker auch mit finanziellen Sorgen zu kämpfen. Er besaß in Agram zwei und in Wien drei Geschäfte. Da« Wetter. Das Wetter , war den. gestrigen Tag sehr kühl. Auch für heute wird noch.regnerisches und kühles Wetter angekünd-igt, worauf eine Tempemturzunahme zu erwarten ist. Der Inn ans den Ufern getreten. Aus Innsbruck wird gemeldet: Aus dem Ober¬ und dem Unterland werden Schäden gemeldet, die durchdas Austreten des JnnS an einzelnen Orten verursacht wurden. Jetzt ist das Wasser wieder im Sinken begriffen. Auf den Bergen liegt Neuschnee. HoMvasser der Donau in Serbien. Aus Belgrad wird uns berichtet: Infolge des neuerlichen Steigens der Don.an nimmt das Hochwasser wieder größeren Umfang an. Bei Zenta in der Batschka durchbrach die Donau den Damm! und setzte 20 Dörfer unter Wasser. Der Eisenbahnverkehr auf der Hauptlinie Belgrad—Subotica—Sombor—Binkovce wurde eingestellt, da das Wasser an vielen Stellen bereits zum Eisenbahnhamm reicht. - Tatefon Ne 7ÜLV«^ iTTiJ Tatefon Ne 7ÜLV«^