Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-05-28 · Heft 1898 (28.5.1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1898 (28.5.1924)
Date
1924-05-28
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980981--19114-3006235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER „WIENER MORGENZErTUNG* M ,, ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH (Nummer 11 ADMINISTRATION. „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 28. Mai 1924 UNSER BUCH DER WOCHE Rings um das Hakenkreuz Neue Veröffentlichungen Lanlas und Gumbeis. — Schieber, Erpresser, Mörder und Spitzel. Leo Lada, dessen Broschüre über den Ludendorff-Hitler-Prozeß vor dem Münchener Ausnahmsgericht kürzlich hier erwähnt wurde, hat diesen Betrachtungen ein Büchlein folgen lassen, das den deutschen Rechtsradikalismus von' seiner nichtpolitischen Seite zeigt. Die Schrift heißt „Gewehre auf Reisen“ und trägt mit bedeutungsvoller Beziehung auf Gustav Freytag den Untertitel „Bilder aus deutscher Gegenwart“. (Erschienen im Malik-Verlag, Wien). Die siebzehn Kapitel sind für sich abgeschlossen, stehen aber alle miteinander in einer engen Verbindung. Es ist dies die Verwandtschaft zwischen Helden und Halunken, wobei die Grenze zwischen beiden oft sehr verwischt ist. Die Helden agieren im Namen des deutschen Vaterlandes,; deutscher Art und Sitte; sie kämpfen gegen die Bedrohung des deutschen Geistes, gegen das Judentum, das von ihnen als der hauptsächlichste Vertreter der Demokratie und des sozialen Radikalismus den gleichgesinnten gut deutschen Elementen denunziert wird. Die Halunken verdienen an diesem Kampf, und }e wilder er geführt wird, desto höher steigt ihr Profit. Man hat viel von einer durch den Versailler Vertrag herbeigeführten Balkanisierung Mitteleuropas gesprochen. Beides ist falsch. Der Versailler Vertrag verpflichtet nirgends zu Mord, Raub und Pogrom und auf dem Balkan ist es niemals so zugegangen wie in dem Deutschland der Geheimvefbande. Alles ist gut organisiert: die Front, die Etappe und der Nachschub. Und es ist so wie im Krieg: der Front geht es am schäbigsten. Man weiß aus den Prozessen gegen die Rathenau-Mörder, wie diese armseligen Buben an der Nase herumgeftihrt wurden, wie sie vor Gericht von denen, die ihr Vertrauen besessen .hatten, kalt im Stich gelassen wurden. Die Feldherren sitzen kilometerweit hinter der FeuerMe. Sie reden und schreiben, immer gedeckt durch falsche Adressen, durch Deckworte und durch ihre Autorität. Ihnen folgen die Marketender, die Händler, die die Waffen besorgen. In diese Welt führt uns Lada, Wir sehen ein fast unentwirrbares Getümmel von Verdienern, die die Waffendepots zwei-, dreimal verkaufen, Anzahlung einstecken und dann, die Polizei verständigen, wir sehen Spitzel •gegen Spitzel und mit Spitzeln — und immer rollt hinter der Phrase vom Vaterland das Geld. Roßbach, Ehrhardt, die Großen aus der Mordarmee, huschen mit offener Brieftasche über die Bühne. Exzellenz Rubinstein, den wir in Wien so gut kennen gelernt haben, der Rittmeister Hugo Lustig aus Saaz (aus dem Kranz-Prozeß als Sieger über Krobatins Bordereau gegen Kränz in Erinnerung) und der General Kommissarow (der unter dem letzten Zaren die verhungerte« Deportierten im Jenissei-Gebiet zu Tode Knuten Heß) — sie sind mit in dem Reigen um die Waffen und das schöne Geld. Sie sind die Kenner aller Waffenfabriken, sie haben die Beziehungen zu den neuen Staaten und zum exotischen Ausland, zu den Agenten, die fen Auftrag des heimischen Patriotismus Gewehre, Pistolen und Patronen suchen und, wenn sie sie gefunden haben, ihren Auftrag an die Nationalsozialisten verkaufen. Eine riesige Bande von Marodeuren der Politik, die sich jederzeit des Schutzes der Beamten der Republik sicher weiß. Alle sind durch ihre Tätigkeit, noch mehr aber durch die Angst fest aneinander gebunden und alle wirken für den bedrohten deutschen Geist. Alle sind ln irgend einem . „Werwolf*, im „jungdeutschen Orden*, in der „Ehrenlegion“ politisch organisiert, besitzen aber auch eine Gewerkschaft, einen „Schutzverband organisierter Waffenhändler“, der in einer putzigen Beschwerdeschrift vom März 1924 an den Reichsminister J a r r e s (ausgerechnet!) sich über die Konkurrenz erbost, die ebenfalls *■ ißipen Verband gebildet haben, dessen Fühler, bis in die Abteilung I a des (Berliner) Polizeipräsidiums“ reichen. Das spricht Bände. Das schiebt, intrigiert, spioniert, handelt und feilscht, besticht, korrumpiert, ein Heer von Schmeißfliegen. Der Herr dieses Gesindels, das von den Lüdendorff und Hitler benützt wird, ist aber Monsieur Cyprut in Paris, der Meister aller Waffenschieber von Madrid bis Mexiko, von Konstantinopel bis Wladiwostok. Das Ziel dieser Arbeit ist der Sturz der „Judenregierung“. Und eine grausame Ironie Will es, daß hi diesem arisch-völkischen Hexentanz auch Herr Max Naumann, der Leiter des Verbandes national deutscher Juden, auftaucht, und zwar als Geldgeber der Freischar Schill, die in Windjacke, Hitler-Mütze und roter Armbinde paradiert ... * Wir haben an dieser Stelle jüngst auf E. J. Gumbeis Buch „Verschwörer“ verwiesen, das eine instruktive Uebersicht des organisierten Mordpöbels gibt, der sich Deutschlands zu bemächtigen droht. Sein Buch war eine Ergänzung einer schon früher erschienenen Studie über „Vier Jahre politischer Mord in Deutschland“ (alles im Malik-Verlag erschienen). Die Angaben, die er darin macht, wurden vom Reichsjustizministerium überprüft und in einer Denkschrift besprochen, die angeblich dem deutschen Reichstag zugegangen ist. Das Interessanteste ist nun, daß diese Denkschrift niemals publiziert worden ist, und Herr Gumbel ist jetzt so boshaft, sie als Buch zu veröffentlichen. Ihr Wert besteht darin, daß alles, was Gumbel behauptet, nunmehr durch behördliche Untersuchung, durch Akten bestätigt wird. Ein wertvolles Illustratio nsfaktum zu den dieser Tage von der deutschen Regierung gegen die Enthüllungen des „Daily Telegraph“ herausgegebenen Ableugnung ... 1. j. verlangen Sie von HELLER (BURUM) I. Bauernmarkt kostenlos! DAS MODEBUCH Andr6 Baüllon: „Die Geschichte einer Marie.“ Uebertragen von R. Richter. Henz-Verlag. Die Geschichte dieser Marie ist die Geschichte, tausender Marien. Ihre Schicksals schwebt er schlägt Äs Augen in einem kleinem deutschen Lanidstädtchen auf — 'die zweite,' die dritte, die hundertste führt ihren Körper auf dem Newoki-iProspekt spazieren und. die tausendste 'MM verbraucht, ausgebrannt, in einem Kopenhagencr Spital. Dieses Schicksal ist zeitlos, ewig, immer wieöerkehramd, wie der Trieb, der sie solchem Dasein in die Arme wirft,. Aber diese Geschichte der Tränen ist nicht rührselig, das Leben des Jammers wird, ohne Pathos geschildert. Mit harten, kantigen Worten, die farbigen Bausteinen gleichen, wird der Himmel der Zärtlichkeit gewölbt und die Höhe der Enttäuschung gebildet. In manche» Augenblicken aber bredben die Bausteine auseinander — M Kanten zerscbmeteen in einem rasenden, verzehrenden Feuer, das endlich .von dem Strom der Tränen gelöscht wird, dB« unaufhörlich fließen. Unaufhörlich — denn selbst Jühter den beiscbeideme», blassen Feieriäglicihik elften dieses Lebens zucken die Lippen und feuchten sich die Auge» von verhaltenem Weinen. Marie ist nicht „So Eine“. Ihre Laufbahn war der Schluß e'ineir Kette von unseligen Ereignissen — nicht Naturtrieb, nicht EriebnishungeT. Sie. die durch Bordelle, dürdh das Gefängnis, in die Arfne hunderter Männer, durch die Betten der skrupellosesten Zuhälter geschleift wurde, War eigentlich die (zärtlichste, kleine Hausfrau, die geborene Gattin, auf deren Schidksalsbimmel ein angebranntes Mittagessen, ein abgerissener Knopf ®um Gewitter wird. U.nd diese Mütterlichkeit, diese Fraulichkeit des armen Straßenmädchens ist es, dfie die Männer anzieht, die den schönen Heiktor, die den gnädigen Herrn, die den wilden d’Artag» uian, die den ewigen Dichter In ihre Arme treibt, die die feurigen Liebhaber zu kleinen Buben verwandelt, die gestreichelt. gefüttert, getröstet werden wollen. Marie, die kleine Marie, die nichts für sich selbst und alles für andere tut, wird von einem teuflischen Sturm durch das Leben getrieben. Kaum hat sie irgend einen Sophaplatiz des Ausruhens erobert, steht sie schon Im nächsten Augenblicke wieder auf der Straße, das bitterste, das traurigste Brot erwerbend. Ihr Leben führt durch alle Höllen des Daseins. Aber hinter Grauen und Tränen, hinter der Wüste der Einsamkeit brennt als reine, sanfte Flamme das Feuer ihrer Seele, das allen Schmutz und alle Finsternis überstrahlt, J. N. Fl RFMI IHI Papierfabrik«- und LLULiVVU 1 1L> Verlags-Gesellschaft Zentralboreao: Wien, 1. Grünangergasse 2 «Erzeugen alle Papiersorten, holzfreie und mittelfeine ^Kanzlei-, einseit. glatte Pläkatpapt ere# Pellüre, Löschpapiere, einseitig glatte Superiorsorten usw. LEBEN IM BUCH Grosse Zeit in österreichischem Widerspiel Was für die Tragödie das Satyrspiel ist, das fns Lächerliche verschobene Walten des Schicksals, das war in der sogenannten großen Zeit Oesterreichs Mitwirkung an ihr. Das große Morden blieb Ja auch in der österreichischen Kriegstefluehmerschaft! das grosse Morden, aber was anderwärts Berechnung, System, wenn auch noch so verrucht war, das war hier Schlamperei, Boshaftigkeit, Spielerei, Vergnügen., kuuz, etwa ein — Mörder!. Und der Effekt war umso furchtbarer, als er mit den lächerlichste» Mitteln erzielt war. Mit der uriheimflfohsten und unerbftt- Hchsten Prägnanz hat Karl Kraus in seinen „Letzte» Taigen der Menschheit“, dieses österreichische Wider spiel der großen Zeit gestaltet. Nun versucht es, ins lokal Wienerische gewendet, Fritz Wittels In einem satirischen Roman „Zacharias Pamperl oder Der verschöbe ne Halbmond“ (Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky, Leipzig-Wien). Erinnerung: Derselbe Fritz Wittels schrieb einmal eine Satire in Romanform auf Kart Kraus (wenn ich nicht irre, hieß sie „Ezechiel, der Zugereiste“); jetzt wandelt er unverkennbar in Knaus’ Spuren. Zacharias Pamperl ist ein Hausmeisterssohn aus dem innersten, anscheinend unveränderlichen Wien, der (He Beziehung Wien« zur großen Zeit oder besser gesagt, zu dar großen Schiebung, die große Zeit genannt wird, repräsentiert. Und da wind eine der wfderHöhsMkomiischesten Episoden dieser Zelt lebendig: Oesterreich als Kulturfaktor im Orient. Effekt: Der Halbmond wird verschoben, die österreichische Sendung zerteilt sich in eine Unmenge von Sendungen, bestehend, aus Teppichen, Metaitwareft, Gold, kurz allem, was im Reiche des Halbmondes nicht durchaus' niet- und nagelfest, ist. Und die nicht an dem Verschieben des Halbmondes mit Gewinn beteiligt wären, wie etwa der Held dieses Romans, die sind auch nicht, immer so unberührt in den Haushofmeisterhof oder -ins GrlechenbeäSel zurückkehrt, sondern haben — darin übertrlfft die Wirklichkeit jeden Roman — wenigstens dann und wann ein kleines Büchlein verschoben oder einen Zeitungsartikel oder eine Lues, was im Grunde auf eins herauskommt. n Wittels Roman vom österreichischen Antlitz der großen Zelt hat entschieden manches Wertvolle, aber er hat den Nachteil, daß dieses Wertvolle schon einmal Weit gültiger und viel weniger agitatorisch, daher viel mehr aufreizend gesagt wurde. Der grimmigste und darum auch beste Einfall des Buches, die Gründung einer kals. kön. Räterepublik am Goldenen Horn, Ist zu sehr Skizze geblieben, um als Markstein ln diesem Werke gewertet zu werden. Aber aller Eiimwände ungeachtet, verdient Wittels Buch gelesen zu werden; es hat einen Vorzug, nämlich Wahrhaftigkeit, die Wahrhaftigkeit, die allen nöttut, welche noch immer nicht glauben können, daß die große Zeit eine große Schiebung und in Ihrer österreichischen Ausgabe deren niedrigstes Wlfderspie! war. P. S.: Womit bat dieser Roman ein so söhreekHchei Buchgewand verdient? E. 0. F* VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Max Brod als Kritiker Wenn Max Hrod Musik- und Theaterkritiken Schreibt, so tut er dies nicht aus dem engen Gesichtswinkel des Medizinmannes, der mit S&Ztermesser, mit Lupe und Röntgens trahlen an ein gleichsam auf dem Operationstisch liegendes Kunstwerk herantritt, und mit der Ueberlegcttheit des Besserwissers dessen Gebrechen feststellt, sondern er ist Künstler genug, um vor den Schwächen des Werkes vor allem dessen Vorzüge begeistert zu genießen. Es ehrt ihn und seine kritische Gesinnung, wenn er in der Einleitung zu seinem, ' unter dem Titel ,/9<t e r Betthimmel“ im Münchener Verlage Kurt Wolf-f erschienenen Musik- und Theater-,Erlebnissen“ — er nennt sie nicht .Kritiken" — meint: „Der bekannte Satz, alles verstehen, heißt, alles verzeihen, sollte richtig laute», alles verstehen, heißt, alles bewundern.“ Es sind teilweise proMemhafte Künstler, deren kritische Würdigung - Max Bro.d in seinen „Sternenhimmel“ aufntnimit, wie der Jungtscbecbe Leo Janacck, der, fast seobzigjährlg, erst für die Opernbühne entdeckt wurde, oder die echt russische Künstlergestalt Mussorgskys, der* zu Lebzeiten wenig beachtet, erst Jahnzehnte nach seinem Tode die volle Wertschätzung: der Musikmoderne fand. I t\ X ö BTTflTJ DBR ^0CHE STETS BEI [Mo BIM rshfMroTtt.'b?nSoM Piiv di« Ril<ola-)3äcb«F! BRAUCHST DU BÜC’HER, GEH ZU LÖWIT WIEN, I, ROTENTURMSTRASQE 32

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.