Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1895 (25.5.1924)
- Date
- 1924-05-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. '1888 Men, SonnW nicht fassen, was es bedeutet, daß das Geld der hllfsber-eiteu Freunde jetzt zu. Ende geht. Macht man ihr eine Anden- , tung, dann lächelt sie auch dazu: sie weiß/ ihre Wischen Brüder und Schwestern werden , ihr Helsen. Gewiß, die Zeiten sind schwer, der Uebevftnß ist aus allen Kreisen entwichen. Auch lassen sich immer ernste Bedenken dagegen Vorbringen, auf einen Fall zu große Mittel zu verwerten. Dennoch muß, dieses Geld beschafft Werden. Me Mrfvvge isirmll und nichtig, wenn sie versagt, wo eine Seele.zu retten ist. Wie eine Bitte um Erlösung sagt es die dauWre Äscher, wie ein Gebet klingt es: „Es geht mir besser." Gibt es Atem, die sich am Anblick blühender Töchter erfreuen, -gibt es Wische Frauen, die mit einem Lächeln auf den Lippen ihrer Jugend gedenken und dennoch dieser Bitte ihr Ohr verschließen können? - - Klara Mautner.. Das Mett. ' Bon Fritz Hermann, Wir hatten uns für einige Monate auf der dänischen Insel Moen zusammen gefunden, einige Stuldenken aus München, ein Bildhauer, zwei junge Graphiker, ein Schrift- ■ [teilet’, der für sine iGrohstadtzeitung Reffeschilderungen über Dänemark schrieb. Mr genossen Sommer und Ungebundenheit, wir unternahmen Stveifzüge durch die ganze Insel, schwammen, segelten oder reisten nach dem Fefttande. Einen Tag hatten wir in Kopenhagen verbummelt und landeten nachts im Tivoli, diesem originellen BergNügungslokal Kopenhagens. Wir hatten beschlossen, hier zu bleiben, bis wir Gelegenheit fänden, nach Moen zurückzufahren. Da!s konnte -erst am Frühnwrgen fein. Lärm übervoller Tische durchrauschte das Lokal und umbrandete uns wie eine schwankende Mauer. ' Plötzlich deutete der Schriftsteller nach dem Eingänge, wo eben eine etwas gebeugte Gestalt auftauchte und sich im ersten Seitengange vorwärts zu schieben trachtete. „Das.ist doch Bragatzil" Mer ist Bragatzr?" fragte ich. „Sie kennen Bragatzi nicht, den berühmten Weltreisew den? Wenn ich. mich nicht irre. . . Wollen wir ihn herholen? Ich kenne ihn gut, und er wird sich freuen, einen alten Bekannten zu finden." Der Schriftsteller Me auf den Mann zu, der eben un- .entschlossen flehen geblieben war, und begrüßte ihn. BragatzL urschte etwa vierzig Jahre alt sein, fein Gesicht war tief gebräunt, dis Stirn eckig und breit, die Nase uberfcharf geschnitten, die Backenknochen vorspringend. Der Schriftsteller redete auf ihn ein, Bragatzi nickte mehrmals und blickte zu uns herüber. Dünn kam er mit. In der Art, wie er sprach und sich gab, verriet er sofort, daß man es mit einem nicht gewöhnlichen Meschen zutun hatte. Er setzte sich zwischen -m^ und bestellte zu essen. „Wie klmmreu Sie jetzt gerade nach Kopenhagen, Bragatzi?" fragte der Schriftsteller. ,ß% ist das dritte Mal, daß ich Ihnen in der Welt begegne." „Ich habe hier in der Geographischen Gesellschaft einen Vortrag, gchaltm und will morgen früh weiter nach Berlin. Ich bin gerade über Rußland und Schweden aus dem Osten zuMckgekoMmen." „Sie haben eine Reise hinter sich, eine Forschungsreise?" fragte erner. „Ja, eine zweijährige. Es wird aber meine letzte gewesen fsi-n. Ich reise nicht mehr." „Warum?" -Muzipi-en, mein Lieber." .Der Schriftsteller verstummte. Bragatzi ließ sich nicht aussragen. Während wir weiter plauderten, gab er sich ganz dem Genüße der Mahlzeit hm und aß so hastig, als sei er völlig ausgehungert. „Und was wollen Sie fetzt beginnen?" ,Mbe-itev, wenn es geht. Ich möchte meine Tagebücher^ bearbeiten und herausgeben. Einen Verleger habe ich bereits gesunden. SDMne Bücher w erden sicherlich einiges Aufsehen erregen." Bragatzi lachte wie ein Kind. „Mer vor allem muß ich morgen in Berlin sein, morgen nachts. Ich suche nur noch einen Menschen, der mir das Geld zur Reise vorstreckt." Ich bückte den, Mann verwundert an. Er sah nicht aus, ob er sich sein Fahrgeld erbitten müßte. Und er merkte meine Verwunderung. Wie zur Entschuldigung sagte er: „Ich habe gespielt.-Eine Leidenschaft, der ich immer wieder einmal frönen muß, ivenn ich nach Europa komme. Dabei bin ich Wank geworden. Aber ich habe meine Gelder in Berlin. Das ist peinlich, aber nicht aussichtslos." , Stillschweigen. Unlser Kreis setzte sich aus Leuten zusammen, die nicht gerade Mit Glücksgütern gesegnet waren. „Etwas Wnnte ich Ihnen gerne Vorstrecken, Bragatzi", meinte der Schriftsteller. „Wenn Ihnen damit gedient ist!" ,MetM?" . „Vielleicht dreißig Kronen?" „Ich brÄttche Mindestens Kveihmtdert." „Wenn ich-Ihnen meine Hilfe aubieten darf," wendete sch mich an Bragatzi, „ich möchte nicht aufdringlich sein. . „Sie kennen mich nicht, mein Herr.-Ich würde sonst nicht von Fremden Geld borgen, aber ich Nn tatsächlich in Verlegenheit. Sie werden es in acht Tagen wieder haben» ivenn Sie mir gleich Ihre Adresse angchen wollten." Ich schrieb sie ihm aus, entnahm meiner Brieftasche einen,Hundertkronenschein und dev Schriftsteller fügte fünfzig Kronen in Silber bei, die er locker in der Hosentasche trug. Bragatzi gab.Mir eine Quittung, bedankte sich kurz, , überlegte dann einige Augenblicke ' und holte aus einer SeitentasHe eiü AWes Etni hervor, öffnete e's und reichch Wienei: Movckenzeituna. 25. Mar 192^ Wieneu Movaenzeituna. Äe Haltung dl Berlin, 23. Mar. (I. T. A.)' Me bekannt, hatten sich die Mitglieder des Vorstandes des Bundes jüdischer F r o n t s o l d a 1 e n -am Mai wegen der Bildung' eines bewaffneten Selbstschutzes am ß. November, -da der Pogrom im Berliner sogenannten ScheUuenviertel stattfand, zu verantworten. Die FrontbundimiWeder wurden. wegen Notwehr fteigesprochen. Während des Prozesses war aber viel von dem autise- Mitischen Bechalten der Schutzpolizei an dem kritischen Tage die Rede. Die Mitglieder des Frontkämpfer- - Bundes warfen in bm Prozeß her Schutzpolizei vor, daß sie uz den Mob und gegen mißhandellen und geschlagenen FronMmpfer Stellung genommen habe. Nach Erklärung der Betroffenen sind die Hauptschuldigen bei der Schutzpolizei ein Mjajor Strebe, ein Hvuptrnann DubSe, ein Qberwachtmeffter und fünf Polizisten der Alexander-Kaserne, in de^ Kaiser WlhelMstraße. Nach den Erklärungen von MWieMn des Frontkampferbundes, die sich dort aushielten, um Mißhandlungen zu verhindern, haben sich die -Vorgangs, im Scheunenviertel folgendermaßen abgespielt: . Major Str eiste fuhr mit seinem Dienstauto am 5. November durch das ScheMenviertel. As er von Frontkämpfern-gebeten wurde, Schutz zu schicken, da man bedrängt und geschlagen wür-w, zuckte er die Achseln und meinte, das sei „ihm egal", und fuhr davon, ohne einzuschreiten. Etwa fünf Mitglieder des Frontkämpferbundes wurden später unter Führung - eines Oberwachtmeisters fest,genommen, geschlagen, mit Füßen getreten, auf sin Lastauto geschleppt und nach der Alexander-Kaserne gefahren. Dort ließ man sie auf dem Hofe stvammstehen, etwa zehn Minuten lang die Arme hochheben und von der gesamten Mannschaft in der wüstesten Weife befchimpfen. Die Mannschaften schlugen auf die Wehrlosen mrt Gummiknüppeln od^r versetzten ihnen Fußtritte. Hauptmann D ub b e beisand sich auf tarnt Kafernenhofe, sah ruhig dieses- Treiben mit mW ohne daß er Miene gemacht hätte, eilMschreiten. Während die Frontkämpfer mit echobenen Händen auf dem Kasevnenhof standen und beschimpft wurden, trat einer von den Mannschaften an einen der Frontkämpfer heran, es mir. Es enthielt ein wMrg kleines, wundervoll gearbeitetes Stilett mit blau geMter Damaszenerklinge. „Nehmen Sie das, meist Herr. Als Pfand. Es ist seine < dreihundert Kronen wert. Mn, mir ist es geradezu unersetzlich, doch ich habe nichts anderes Lei mir." Ich wollte es zurückweffen und war sicher, mein Geld auch ohne Pfand wieder zst bekommen. Er drang es m aber auf. ,Me Men recht, unter Kavalieren braucht es keiner Pfänder. Ich werde es Ihnen schenken, als Dank fiir Ihre schnelle Bereitwilligkeit." . „ „Wenn es Ihnen unersetzlich ist! „Ich werde nicht mehr reisen. Ich brauche es nicht mehr. Früher allerdings..." Erzauderte. „Es ist auf allen meinen Reisen mein Begleiter gewesen, es war die ultima rai'io des Weltenbuw-mlers." Interessiert horchten wir auf. „Wenn Sie die kurz-e Geschichte hören wollen? Ich habe einmal, es war in.Konstautinopel, eine europäische Dame sehr geliebt, sehr lieb gehabt, wirklich, die schenkte mir das Stilett zum ÄnMiken, als wir uns trennen mußten. Es ist Damaszen-Mr-beit, wie Sie sich leicht überzeugen können, und der Achmied dieses Kunstwerkes hat Gur ein wmrdervolles Geheimnis mitgegeben, er nannte es' „den letzten und besten-Freund". Aban darf das Stilett nur in seinem Kasten bei sich sichren, denn wenn die Spitze eben in die Haut dringt, so bricht sie ab, und ein winziger Tropfen Gift wich frei, der in den Stahl eingegossen ist. Gin winziger Tropfen davon würbe genügen, den stärksten Mann schmerzlos von jedem Leide zu erlösen. Können Sie begreifen, was mir die Jfehf* Waffe wert gewesen ist? Ich habe viele Gefahren durchzukämpfen gehabt, ich bin in den unzivilisiertesten Ländern gewesen und war -mehrmals -dem Tode nahe. Dieses Stilett als Andenken an sine schöne Frau G meine letzte Tröstung gewesen. Es gab mir die große Macht, mich alles Irdischen zu erwehren. Verstehen Sie? Wie ein unsichtbarer Freund war es um mich. Und ich verdank chm alles, denn es machte mich auch in den gefährlichsten Augenblicken stark und sicher. Eine wunderschöne Frau . „Es ist doch - ein Andenken!" „Die Dame ist tot. (sind ich reise doch nicht mehr. IH brauch« die Waffe uicht. Wenn man in Europa leben darf, -hat man es einfacher!" Er schloß den klemest Kasten und schob mir das seltsame Geschenk in die Rocktasche, bezahlte -seine Zeche Md ging. ' Acht Tage s-Pater haÄ ich sine Anweisung über mein Geld und hob es in Malmö ab. Bragatzi -hatte sein Wort Schalten. Ich habe nie wieder von ihm gehört. Aber sein Geschenk war mir lieb geworden. Um jedes Unglück zu verhüten, übevgab ich es nach meiner Rückkehr nach München einem Waffenschmied und bat ihn, das in der Spitze des Stiletts verborgene Gift KU entfernen. : Schutzpolizei. Ml ihm di- Uhr und Brichusihe und ging dabsu. Endlich, nach erUstnndtM. Aufenthalt in -der Kaserne, nachdem, einige Gefangene durch die Mißhandlungen schon recht erheblich veAetzt waren — so war einem von ihnen, e,i n e m A r z t, durch einen Kolbenschlag die H and gebroche n worden wurden sie ent» lassen. . . . . ' Der Kommandant der Schutzpolizei, Oberst Kaustisch, sagte eine strenge Untersuchung dev Vorgänge zu. Ein Major der Schutzpolizei wurde beauftragt, -die Untersuchung zu leiten, die bereits am 6. Noventlber in -der Alexander-Kaserne begann. Bei den Konfrontierungen leugneten fast alle belasteten -Schupo-Offiziere und -Mannschaften. Einige Tage später wurden dann die Mannschaften vernommen. Die Frontkämpfer erkannten fünf Mann wieder, die sie als Juden beschimpft und mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben geschlagen haben. Keiner der Mannschaften gestand, auch derjenige,- der Uhr und Brieftasche gestohlen hatte, -meldete sich nicht. Nur ein ^einziger Oberwachtmeister erklärte, er habe gesehen, wie einige seiner Kameraden geschlagen hätten und daß auch antisemitische Hetzreden in der Kaserne gehalten wurden. 5 ^age nach der Vernehmung trat ein Mttelsmailn bii,. üters ■ der Alexander-Kaserne, des Majors Rank, an den Leiter des' Frontkämpfevbundes mit der Bitte heran, der Frontkmnpferbund möge erklären, daß für ihn die Sache erledigt sei. Das lehnte der Leiter der Frontkämpfer rund ab-und strengte den Prozeß gegen die beteiligten Schupo-Offiziere und -Mannschaften wegen Beleidigung, Verleumdung und tätlicher MißhaMung an. Soweit die Mitteilungen des FronWmpferbnüdes. Wie nun die „Vossische Zeitung" erfährt, sind in diesen Tagen > vom preußischen Ministerium des JMern das gesamte Material und alle Protokolle über die damals gen Bernehiumugen angefordert worden. Nach Meinung der Zeitungen scheint es aber, als ob man erst den- Prozeß des FronM-mPserbunides gegen die Schupo abwarten will, ehe man von Reg'ierungsseite einschreitet. Die Zeitung verlangt, daß -die-Regierung nunmchr mit.aller Energie die Beschuldigung des FronÄämpferbundes Prüft. mmmmmmmmmammmumumamsmmmmBmmmmmtBBuaai Nach einigen Tagen bekam ich. es zurück. Ich befände mich sicher in einem 'Irrtum. Die Waffe, die übrigens von edelster Arbeit sei, sei von harmlosem Stahl, der -niemals einen Tropfen Gift enthalten habe. Bragatzi hat niemals erfahren, was ich wußte. Es war eine wunderschöne Dame in Konstantin-opü "gewesen und sie hatten sich sehr geliebt . , , Am der Geschichte der Juden m Wlien. Aus der kampferfüllten GegeMvärt muß man schon in weit zurückliegende Epochen flüchten, will man sich an dem ftiedlichen Zusammenleben dpr Völker und- Rassen erfreuen. Von einer solchen Zeit und dem Leben der jüdischen Menschen in ihr will ich heute erzähhen. Weiß man. ja doch in weiteren Kreisen eiWNtlich^ weniger v-on dieser Zeit als sie verdiente. Das schöne Unteritalien hatte-im Verlaufe der Jahrtausende schon manchen Herrscher konrmen und gehen gesehen, als sichj im 11. Jahrhundert die Normannen dort festsetzten und aus herbeigernfeneir Bundesgenossen balddie Herren des Landes wurden. Robert Guiscard und die Könige Roger I. und Roger II. sind glänzende Führerpersönlichkeiten. Besonders der letztere baute die Macht semes Landes gewaltig aus und schuf eine neue, hohe Kultur, von der der .Sizilienwianderer auchj heute noch in Palästen und Kirchen viel zu schert bekommt. Palermo w!ar der l Mittelpunkt des Staats, hier wohnten Christen, Juden, Mohammedairer ftiedllch znsammen.- Auf dieser Insel Sizilien leben die Juden als. völlig gleichberechttgte «Gruppe. Ihr Eigentum blevbt in .der .Hauptsache der Staatsgewalt unterstellt, die sie am bestslt gegen die Uebergriffe lokaler .Gewialten schützen kann. - Mit dieser sachlichen Unfreiheit dem Staate gegenüber war aber durchaus nicht auch eine persönliche verburrderr. Die Rechtsforrn war in der Zeit begründet, die Art mfr Weise aber, wie ur-air die. Juden behandelte, hing von dem Geiste ab, der in der Regierung wchte, und dieser Geist war eben in der Zeit, .als die Normannen und Staufer im Süden Jtalieus regierten, ein durchaus milder. Noch heute gibt ps in -den meisten Städten eine iGiudecca — der Ort, wv die Jud-cit räumlich beieinander wohnen —, so war es auch in Palernl-o. Daß die Juden als steuerzahlendes Zement im Staate eine erhebliche Rolle spiplten, ist erklärlich, Er hier war mit der Art der Erhebung nich.ts Entwürdigendes für sie Verbundelt. Ihre Stellung im Staate aber wurde dadurch, eine ganz besondere, daß man ihnen im Jahre 1231 ein Monopol gab> im Königreich allein den Ankauf roher Seide vorzunchmerr Md sie weiter zu verkaufen. Auch, wurden Juden über die staatlichen Färbereibetriabe gesetzt.. Hierdurch. bekamen sie eine besondere-und.gefestigte Stellung im Staate, -der sie brauchte und'beschützte. Wenn dev Enkel Rogers II. der o roste Stausj'ükall«»: .n».