Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1894 (24.5.1924)
- Date
- 1924-05-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener MovMnzeitüng.-___ 24. Mar IM ' M. 18SD ieHfiftfiett und ihre politischen ziele? Der Berliner Berichterstatter der ,Pajseler Nationalzeitung" stellt in seinem Blatte die folgenden Betrachtungen.an: - ' TeRe 2 Wien, SainZtag »—.. ■ - - -.....—-- Details der Weltpolitik zeigen sich heute für ein deuwkratisches Deutschland jo günstig wie noch nie. Aber diese Stunde' wM versäumt werden, weil das den Patrioten so beliebt. Sie halten die Juden als bequeme Ausrede immer bereit, und wenn das Reich jetzt wieder in Gefahr gerat, fo wird dieses Geschrei mit doppelter Kraft angestimmt werden. . * Sie Eröffnung der italienischen Kammer. Vorbereitungen, Feierlichkeit und Thronrede. (Von unserem römischen Korrespondenten.) Rom, 23. Mai. Italien hat «ach einer wüsten innenpolitischen Periode «sich selbst wieder gesunden. Zucht und Ordnung sind im Lande wieder eingekehrt. Das verlotterte System, das nach Kriegsende überall herrschte, mußte nach dem Siege des Faszismus einer straffen Zentralisation weichen. Morgen beginnt auch parlamentarisch eine neue, vielversprechende Periode. Fünf Jahre der inneren Ordnung und, der Arbeit hat --Mussolini dem Lande versprochen. Mit allem Pomp wird, morgen vormittags die 27. Legislaturperiode eröffnet. Monte Citorie prangt im Feftifchmuck. Schon heute waren in Rom über '450 Abgeordnete eingetroffen, die morgen nach der in den letzten Jahren in Vergessenheit geratenen alten Sitte im Frack zur Eröffnungssitzung erscheinen müssen. Alle in Rom anwesenden Sollten werden fiir den Ordnungs- und Ehrendienst herangezögen werden, vom Quiriawl bis zum Parlamente werden die Grenadiere S^p alter bilden. Grenadiere werden aus dem 'Monte Citorio aufgeftM werden. Der Hoszug, bestehend aus a ch t G a l aw a ge n, wird gegen halb 11 Uhr 'vormittags den Qmrinal-Palast verlassen. Dem Zug worden 30 b erittene Karabinier: in Galauniform, voranreiten. jZu beiden Seiten wird ein Zug der königlichen 'Garde anfziehen. Auf der Seite des Königs wird der "Generalstab einherrerten. Don Zug werden 20 Karabinier! schließen.! ' Die Thronrede, die Viktor Gmanuel der Dritte vor dem saszistischen Parlament halten wird, wird ein europäisches Ereignis, sein' und radiotelephonisch /weit über die Grenzen des Landes gehört werden können. Das italienische Regierungsprogramm ist in wenigen Worten zusammengefaßt: Liebe zum Vaterland And Friedenswille Italiens. Den Ausgangspunkt der Pragrarttmrede bildet der 24. M'a i, der ^Jahrestag der Kriegserklärung Italiens -an Oesterreich. In diesem Zusammenhänge wird der Wieg, der das Vaterland noch größer und geachteter machte, :gefeiert werden. Die Rede geht dann zu folgenden Grundgedanken über: Die neue Legislaturperiode muß dem Lande Mnf Jahre ersprießliche Arbeit Und -inneren Frieden sicherstellen. Das Regierungsprogramm ist ein Programm der innigen Zusammenarbeit mit dem Parlament. Mussolini bleibt dem Grundsätze treu, daß die .Kammer funktionieren muß. Die Regierung will das Land zu normalem Leben zckrückführen. Die Einheit der Alliierten ist von Italien stet's befürwortet worden. Italien verfolgt auf diesem Gebiete eine ideal reale Politik. Zum Schlüsse wird die Thronrede das Rüstuugsprogramm berühren und die'Aufnahme der faszistischen Nationalmiliz im stehenden Heer verkünden. Nach der morgigen Thronrede in -der-Kammer wird das italienische Königspaar in Begleitung des Erbprinzen die Reise nach London antreten. Die Trinksprüche, die am 27. d. gewechselt werden, werden radiotelephonisch durch ganz England verbreitet werden. Von der italienischen Regierung wird kein Mitglied das Königspaar begleiten, wie auch nach englischer Sitte das englische Königspaar kein Minister nach Italien begleitet hatte. Die. Reise des italienischen Königspaares hat daher keine, politische Bedeutung. . ■:; London, 23. Mai. Bei Unterzeichnung des österreichisch-englischen Handelsvertrages sprach Premierminister Mae-Donald seine lebhafte Befriedigung darüber aus, daß hierdurch eine neuer sichtlicher Schritt zur Ausgestaltung der Handelsbeziehungen der beiden Länder erfolgt -sei. Oesterreich habe in seinem Wiederaufbau- Werk erstaunliche Fortschritte gemacht und werde euch weiterhin gedeihen. Die Art, wie Oesterreich die große Anleihe verwendet habe, sei für den Völkerbund sehr ermutigend, seine Hilfe in ähnlicher Weise auch anderen Ländern zu leihen. Der österreichische Gesandte Frankenstein erwiderte, England habe, als sich Oesterreich in schwerster Notlage befand, als erste unter den Großmächten ferne hilfreiche Hand geboten und sein warmes Interesse wiederholt bekundet. Es unterliege keinem Zweifel, daß der Handelsverkehr zwischen Oesterreich und England aus dem nunmehr hevgestellten vertragsmäßigen Zustand größten Nutzen ziehen-müsse. An Wahlsieg der Arbeiterpartei. London, 23. .Mai. Die Labour Party hat bei der Nachwahl das Mandat West-Toxteth (Liverpool), das bisher immer in konservativ entzünden gewesen war, erobert. Gewählt wurde ihr Kandidat Gibbons mit 16.000 gegen 13.000 Stimmen, die auf den konservativen Kandidaten entfielen. $ Die innere Struktur der ,Deutschvölkischen Freiheitspartei" ist ziemlich unübersichtlich; es genüge hier, daß sie sich aus zwei Hauptzweigen zusammensetzt, den in- Bayern, um Hitler her wurzelnden „Nationalsozialisten" und den in Norddeutschland von den drei ehemals deutschnationälen Abgeordneten v. Graefe, Mulle und Henning gesammelten „Deutschvölkischen" im engeren Sinne. Kleineve Gruppen, die sich auch völkisch -nennen, so etwa die „Deutschsoziale Partei" Richard Kunzes, die ,-Großdeutsche Arbeiterpartei" in Berlin usw. verschwinden daneben -vollkommen. Die leitenden Männer der Partei sind' — mit Ausnahme des Herrn v. Graefe — höchst durchschnittliche, rohe und primitive Korporalsgesichter: so etwa ihr offizieller Führer Ludendorff oder die weißblonde, inhaltslose Schulmeister-Physiognomie Mulles, oder der Abgeordnete Hennin'g, ein verabschiedeter Major mit alkoholisch rauhem Organ. Die einzige Ausnahme bildet, wie gesagt, der Abgeordnete v. Graefe, ein gewandter, sarkastischer und mutiger Mensch mit funkelnden Fuchsaugen; dieser mecklenburgische Großgrundbesitzer darf Wohl nicht nur als Vertrauensmann des Agrariertums gelten, sondern - ist auch anscheinend, obwohl er selbst jüdischer Blütsbeimengung -verdächtigt wird, in die eigentlichen Zwecke, die mit der Gründung der deutschvölkischen Partei verfolgt wurden, am tiefsten eingeweiht. Denn dem Gros -ihrer Anhänger sind diese Zwecke offenbar vollkommen unbekannt. Die veröffentlichten Programme der Partei genügen ihnen, obwohl sie so vieldeutig und -oberflächlich sind, daß' sie faktisch zu nichts verpflichten. Mas will es etwa besagen, wenn man Dinge -fordert, wie „Schaffung eines gesunden Mittelstandes", „unentgeltliche Enteignung des Bodens für gemeinnützige Zwecke", „Abschaffungdes Bodenzinses", „Kommunalisierung der Warenhäuser"? Das sind Forderungen, wie sie seit Jahrzehnten in den Programmen all der zahllosen Parteien wiedergekehrt sind, die sich die Aufgabe gestellt hatten, den kleinen, ungebildeten Mittelstand, die Domäne des deutschen Spießbürgertums, politisch zu organisieren. Neu ist nur ein bewußt scharfer Radikalismus, der auch nicht davor Zurückschri ckt,4« sozaliftische Gedankengänge und Formulierungen einzulenk-en; so wird etwa in gewissen deutschvölkischen Flugblättern Helfferich „internationaler Finanzagent" genannt, in anderen wird behauptet, die Rückkehr des ehemaligen KronpriNM sei mit jüdischem.Gelde.finanziert worden usw. Wenn die feudalen Führer der Deutschvölkischen sich heute dieser Phrasen bedienen, so beweist das, daß sie den Charakter ihrer Anhänger als verelendeter und darum radikalisierter bürgerlicher Mittelständler durchaus richtig erkannt haben. Hiermit aber rührt man auch schon an die. eigentlichen Daseinszwecke der deutschvölkischen Partei, von denen man natürlich auf dem geduldigen Papier des Parteiprogramms nichts findet. Der Wirklichkeit kommt man vielmehr am . nächsten, wenn man m dev deutschvölkischen Freiheits- Partei einfach > eine anonyme Filiale der Deutschnationalen sieht. Die heftigen Gefechte, .die die beiden Parteien sich im Wahlkampf geliefert haben, Awaren offenbar nur ein von der oberen Führung mit großer Geschicklichkeit zur Täuschung der arglosen Wählerschaft beider Parteien arrangiertes Theater. Denn beide Parteien empfangen ihre Geldmittel, die sie mit vollen Händen äusgeben, unbestritten aus den gleichen. Quellen (die auch für die rechtsradikalen Geheimbünde so reichlich sprudeln), aus den Jnslationsgewinnen des industriellen und landwirtschaftlichen Großkapitals. Oder sollte sich -wirklich jemand weis machen lassen, der vermögenslose Tapezierevgehilfe Hitler oder der auf seine Pension angewiesene General Ludendorff sei imstande, aus eigener Tasche die ungeheure Reklame zu 'bezahlen, die in ganz Deutschland für ihre Partei getrieben wird, geschweige denn die ' Umsormartige Tracht — Windjacke, Skimütze, Wickelgamaschen —, mit der ihre Anhänger in kindlichem Stolz so gern 'paradierest? * Da also die Geldgeber beider Parteien die gleichen sind, müssen wohl auch die Zwecke, demn sie dienen, die gleichen sein. Und in der Tat ist dem so. Die deutschvölkische Freiheitspartei hat, klar gesagt, die Aufgabe, die leidenschaftlicheren Elemente des durch Krieg und Inflation zertrümmerten 'Mittelstandes, des neuen. Proletariats, daran zu hindern, sich utit dem alten Proletariat, der Arbeiterschaft, zu-vereinigen -7-7 ja, sie, wenn möglich, darüber hinaus noch zu einer fügsamen Truppe der gleichen Hervenschicht zu machen, der sie ihre Pwletarifievung' vor allem verdanken. Allem Anschein nach ist dies glänzend gelungen, und . unter General Lndendorffs Kommando stehen heute große- Massen neu-proletarische« Kanonenfutters für den Fall bereit, daß es zu Kämpfen Mann gegen Mann mit'dem um feine Novemberrevolution geprellten alten Proletariat kommen' sollte, Kämpfe — an denen sich die deutschnationalen Herren' ' aus Feigheit oder Vornehmheit persönlich nicht gerne beteiligen möchten. MH dies HWyl geglückt zu > sein, besonders seitdem eS gelang, auch aul dem alten Proletariat eine gewisse, wenn auch nicht alhu große Anzahl schwächerer Charaktere in sogenannten /-völkischen. Kampfgewerkschaften"- die programmatisch „jede Bindung mit den internationalen Klaffenkampsgewerkschasten ablehnett", zu vereinen. .Auf diese Weise hat mau allerdings manche neue Anhänger, gewonnen, die nur den blutrolen Grund der Hitler-Fahne sehen, nicht aber den weißen .Kvei's mit dem schwarzen Hakenkreuz, der sich davon abhebt: ehemalige Kommunisten, di« von den Deutschvölkischen kraftvollere Methoden zur Durchführung der gleichen Ziele erhoffen, W der Kommunismus erstrebt. Es schien während des Wahlkampfes manchmal, als wüchsen diese neuen Elemente der Parteileitung über den Kopf. Auch die Deutschnatiönalen wurden nervös und beschwerten sich heftiger über den ,ß o l schew is m u s" der Völkischen, als es der Abrede entsprach. Da's Ergebnis der Reichsiagswahlen aber dürste sie beruhigt haben. Das' SubordinationSverhältuis, das m der ganzen Natur der Dinge 'begründet ist, wird sich demgemäß bald wieder einstellen: L'udendorff wird als treuer Landsknechtshauptmann dem Kommando des Herrn v. T i r p i tz folgen müssen." Und selbst wenn dem ehemaligen Generalquartiermeister die Lust ankommen sollte, gegen den Admiral zu meutern, so genügt ja e i n e kleine Korrektur des Verteilungsschlüssels der den beiden Parteien gemeinsam zugeh.en.den Subsidien, um de« .Frieden zwischen ihnen wiederherzustellen. Nmnensinitzbranch. Leipzig, 22. Mai. (I. T. A.) Dev berühmte PrK Historiker Dr.1 Otto Hauser, der Entdecker des Home Meusteriensis, veröffentlicht in Frankfurter und Leipziger Zeitungen eine Erklärung, in welcher er sich dagegen verwahrt, daß der antisemitische Propagandist, der Journalist Otto Hauser, die Namensgleichheit au'snützt und als ,/wissenschaftlicher" Redner im Lande herumreist, wobei er die Leute im Glauben beläßt, daß es'sich um den berühmten Forscher, handelt. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, wählt der Antisemit Hauser prähistorische Themen und entwickelt dabei seine antisemitischen Rassenvorurteile, Der Gelehrte Dr. Otto Hauser protestiertin schärfster Form' gegen diesen Mißbrauch seines Namens und Rnfetz, . ..' Wie die Zeitungen melden, hat der Antisemit Hauser infolge seines Tricks großen Zulapf bei den'breite Massen und 'den Gebildeten, .jedoch kommen die meisten Höver gleich dahinter, daß es-sich nicht um den Vorträgeeines Aörschers, sondern um eine leere Rederei handelt. / Die deutschen Rekchstagsparteien und der Judenpunkt. Ei« Berliner Leser schreibt uns: $tt; Mer Ihrer letzten Nummern lese ich gelegentlich einer Betrachtung über den Ausfall der deutschen Reichstagswahlen, daß keine bürgerliche Partei jüdische Kandidaten ausgestellt hat. Dies, ist nicht, richtig. (Wir haben die bezügliche Meldung der I. T. A. entnommen.. Anm. der Red.) Meines Wissens hat unter anderem die deutsche demokratische Partei eine ganze Anzahl Juden als Bewerber aufgestellt, von. denen zum Beispiel Dr. Ludwig Haas,,Karlsruhe, auch.wiedergewühlt wurde. Im Deutschen Reich besteht doch noch eine wirklich demokratische, bürgerliche Partei, die auch ziemlich großen Anhang 'besitzt, zum Unterschied von Oesterreich. Auch das Zentrum (die katholische ^Partei) ist nicht antisemitisch, was wohl hauptsächlich darin seinen Grund hat, daß die Katholiken in Deutschland nicht die Mehrheit besitzen und auch für sich Toleranz verlangen müssen. Immerhin ist zwischen den Abgeordneten der Zentrumspartei und den österreichischen Ehristlichsozialen auch in anderer Hinsicht ein gewaltiger Unterschied. Auch die deutsche Volks- Partei ist offiziell nicht antisemitisch, während die Deutschnationalen mehr nach rechts schillern. Eine antisemitische Mehrheit, wie in Oesterreich, gibt eS iim identischen Reichstage nicht. : - - ...! „Nicht weinen Namen Enrrenl" Gilt Brief Ludendorffs gegen General Hofmann. Berlin, 23. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".^ Der „Vorwärts" veröfstntlicht heute' einen unterm 28. Juli 19A. von Ludendorff an den antisemitischen Zeitungsschreiber Sonntag gerichteten Hetzbrief gegen General Hofmann, der während des Krieges Ludendorffs Mitarbeiter war und.in deffen Auftrag auch an den Friedens- Verhandlungen in Brest-Litowsk mitwirkte. Ludendorff schreibt über ihn: „General Hofmann ha»i sich eitt Interview mit einem Sozialisten geleistet. Er ist krankhaft ehrgeizig, sicht tMz unter dem Einfluß seiner jüdischen Frau, gebormn Stern, hat .bei' einem Sektgelage im Jänner einen Schlagansall gehabt und scheint noch mchr in die Hände von Kornclia Irene.. gekommen zu sein. Seine Frau hatte, im Frühjahr INS einen Polliffchen Salon, in dem Erzberger und Sols — beide ReichsvevdeHer — verkehrten. - H i n-d e n bUr g verbot' auf mvme Bitte den Salon. Dieser Frau schreibt er Briefe von einer Bedeutung, daß sie aufgehoben werden, während es verboten war, wichtige Mitteilungen zu machen. So kann man sich nicht Wundern, wem unsere' Maßnahmen bekannt wuvden. Wie er über Nl-ich spricht, ist nicht schr schön. Mer meinethalben! Erlogen sind mein; Kriraserinnerungen nicht, sondern , durch und durch wahr. Was hätte die Linke angesangen, wenn sie mir hätte Fehler Nachweisen können! Auch der Untersuchungsausschuß hat dies nicht vermacht. Ich bNe Mo, '..„scharf Stellung zu nehmen, TM sefner Kriegs^