Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1888 (18.5.1924)
- Date
- 1924-05-18
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Wiener Morsenzettnng. 16. Mai im 'Mt: Ein Geschenk! Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung“ hat sich entschlossen, ihren Abonnenten die Möglichkeit zur kostenlosen Erwerbung des bedeutsamsten jüdischen GeschichteWerkes „Graetz» Geschichte der ludlent( zu bieten. Diejenigen unserer Abonnenten, welche die Bezugsgebühr für ein Jahr im Vorhinein entrichten, erhalten als in 3 eleganten Geschenkaünden PRÄMIE: Graetz, Geschichte der Juden (Ladenpreis K 250.000) gratis! Mit Rücksicht auf die geringe Anzahl der vorhandenen Geschenkwerke, empfiehlt es sich, die Bestellung auf ein Jahresabonnement ehestens vorzunehmen. Zugleich mit der Bestellung muss die Ueberweisung der für ein Jahr entfallenden Abonnementgebühr erfolgen. Diese beträgt: Für Oesterreich,K 420.000. (Bei Postversendung des „Graetz“ sind überdies als Ersatz der Porto- und Verpackungsspesen K 15.000 zu zahlen.) Für alle Ausiandsstaaten das swölffaihe dar monatlichen BezugsgebUhr zuzüglich K 23.000 für Porto und Verpackung in der Währung des betreffenden Landes. Unser Geschenkwerk „Graetz, Geschichte der Juden“ bildet nach Ausstattung und Inhalt die Zierde jeder Bibliothek. Diese bisher unübertroffene Darstellung des jüd. Geschichtsverlaufes gehört in die Kand eines jeden luden! Verschleisser haben keinen Anspruch auf die Prämie. Vle Verwaltung der „Wiener Morsenzaitung“ Wien, l!.T@l»@rstrassel-3, Telephon 44-0-38, 43-3-19 __ Anfang glaubte ich, mich den Wirkungen der Franken-- entziehen zn können. Man meint ja schließlich immer, daß emem das Schrcksal eine besondere Lage Vorbehalten hat, in der man von den Ergebnissen feinet Dummheiten bewahrt bleiben wird. Aber die Ereignisse haben mich eines Besseren belehrt. Der.Mensch entgeht seinen Fehlspekulanoneu nicht. Am wenigsten, wenn . . . Aber davon später. Das erste Sturmsignal kam aus dem Kreise der Familie. Obwohl wir im allgemeinen unheilbar avbeitsfrendige Menschen sind, Befiel der Fieberschauer doch einen aus unserer Mitte. Eines Tages war ein junger Detter brotlos. Er hatte bisher still und bescheiden mit seiner Mutter irgendlvo an der Grenze der Stadt gehaust, war nur zu Feiertagszeiten aufgetancht und hatte auch dann, obwohl er Bankbeamter war/ keine sonderliche Beachtung gefunden, da es unsere absolute Talentlosigkeit in finanziellen Fragen mit sich bringt, daß wir für „Tips" nicht das mindeste Interesse haben. Nicht einmal für gute und die hätte Vetter Emil bestimmt nicht Zur Verfügung gehabt. Denn er war ja nur ein „kleiner" Bankbeamter, konnte sich nicht einmal eines Definitivums rühmen und trug nun auch statt des Marschallstabes die Kündigung im Tornister. Und wenn das erste etwas ziemlich Unsicheres bedeutet, das Zweite ist leider sicher genug. Emil rauste sich nicht die Haare, ließ ihnen viel-! mehr 'ihre tadellose Glätte und setzte uns höchst verständig ausj einander, daß. eine gesunde Volkswirtschaft das Ueberwuchern! des Bankwesens nicht ertragen könne, daß die Entwicklung einer Gesundung der Verhältnisse entspräche, und andere erfreuliche Tatsachen. Unerfreulich blieb bei aller Würdigung der nationalökonomischen Erkenntnisse nur, daß Emil und seine alte Mutter dem Nichts gegenüber standen. Wer sich außer mit den französischen Franken auch noch mit der franKisischen Sprache befaßt hatte, hatte sogar das Recht zu sagen: viS-a-vis de rien. Das war der einzige Trost der mir blühte. Uber es geschieht mir ganz recht. Die Frankenspekulation mußte sich rächen. Allerdings . . . aber das ist schließlich nur ein Detail. Die Gesichter rund um mich herum verdüsterten sich.; Zwar wurde keiner meiner Angehörigen durch die Krise gezwungen, sein Auto zu verkaufen. Nicht ein einziger mußte sich zu diesem Opfer versehen, dessen Durchführung auf unübersteigliche Hindernisse ' gestoßen wäre, da natürlich keiner ein Auto besitzt. Auch die Gemäldesammlungen und .der Familienschmuck sind — aus demselben Grunde — unangetastet geblieben. Trotzdem herrscht gedrückte Stimmung, wenn wir beisammen sind. Ein Onkel, der im Besitz einer kleinen Buchhandlung ist, steckt in Zahlungsschw'ieri.,Seiten. Er kann nicht zahlen, weil ihm nicht gezählt wird und Privatleute jetzt ihr Geld für nützlichere Tinge als für Bücher verwenden. Auch die Angestellten größerer Geschäftshäuser gehen mit sorgenvoller Miene umher. Es lriselt. Man spricht öent Entlassungen. Was soll da noch werden? Dieses verwünschte Spekulationsfieber! Natürlich, da will jeder dabei sein, die -goldenen Früchte pflücken, schnell und mühelos Geld verdienen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Freilich muß ich ja geltend machen . . . nun, ich komme noch daraus zurück. , s Auch unsere Lebenshaltung beginnt unter der verfehlten Spelulalion zu leiden. Es sind ja auch alle wichtigen Lebensmittel im Preise gestiegen. Die Gier werden teurer, nicht weil d^ Hennen die richtige Stimmung zum Eierlggen fehlt, sondern weil der Franken gestiegen ist. Die Butter, das Fleisch, das Gemüse folgt -dem Beispiel. Salat turnt auf einer Hohe herum, die jede Vertraulichkeit verbietet. Ich bin zur lieberzeugung -gekommen, daß die „Krowotin" an der Ecke und der Gemischtwarenhändler geheime Börsenbesucher sind und nur im Nebenberuf heurige Erdäpfel und Schmierseife verkaufen. Äirch die Stoffe erinnern an Pariser Ereignisse, wenigstens soweit die Preise in Frage kommen. Automobile, Brillanten und Bilder sollen allerdings beträchtlich billiger geworden sein und nie wiederkehrende Gelegenheilstäufe bilden. Leider ist mein Bedarf auf diesem Gebiet nicht allzu groß. Beklage ich mich über alle diese Mißlichkeiten, dann finde ich taube Ohren. Und ein Verwandter aus Berlin, der sich gerade in Wien aufhält, sagt es mir rund heraus: „Du lieber Gott", meint er achselzuckend, wenn ihr euch mit den ollen Franken so verbuddelt habt . . ." Niemand kann dem Mann widersprechen. Es geschieht mir unbedingt recht. Die Suppe, die man sich einbrockt, muß man auslöffeln, wie man sich bettet, so liegt man und wenn man spekuliert, muß man auch bereit sein, die Folgen zu tragen. Aber selbstverständlich habe ich niemals auch nur einen einzigen Franken besessen und mein Gescrmt-besta-nd an französischer Valuta beträgt 70 Centimes, die mir von einer Reise nach Cannes im Jahre 1913 übrig geblieben finfb. Und nicht einmal mit diesen 70 Centimes habe ich spekuliert. K. M. Wir es bei der BerMgrmg zuseht. Der bekannte römische Journalist und gewesene Herausgeber des „Messaggero" Luigi Cesana, hat sich vor einigen Tagen einer Be rjüngungs Operation stach den Methoden des Türmer Professors Woronoff unterzogen, über deren Einzelheiten und Resultate Cesana einem Vertreter des '„Corriere della Seral‘ gegenüber höchst interessante Mitteilungen macht: Cesana, ein 73 Jahre alter Greis, litt danach vor der Verjüngungsvperation an einer Lähmung der rechten Hand infolge von fortgeschrittener ArterienverkalkuW. Er hatte das Zahlengedächtnis vollkommen verloren und konnte sich nur noch mit zwei Stöcken fortbewegen. In diesem Zustande faßte er, im Einvernehmen mit dem Chefarzt der Deputiertenkrmmer, Dr. Cervelli, den Entschluß, sich der Verjüngungsoperation nach dem Woronoffschen Verfahren zu unterziehen, und begab sich, zu diesem Zwsecke mit Cervelli-nach Turin in eine dortige Klinik. Die Operation dauerte zwei Stunden und wurde von Dr. Cervelli unter Leitung des Universitätsprofessors Marro unter ^Assistenz von sechs Aerzten vollzogen, Cesana ließ keine Narkose an sich, vornehmen, um die Operation beobachten zu können. Dagegen w!urde der Menschenaffe aus Neu-Guinea, dessen Drüsen in den Körper Cefanas übertragen wurden, narkotisiert. Cesana verspürte während der Operation keinerlei Schmerzen, in den darauffolgenden Tagen traten nur leichte Fiebererscheinungen auf, welche alsbald verschwanden. Die' Einschnitte, 'wo die Affendrüsen transplantiert wurden, vernarbten in kurzer Zeit. Cesana befindet sich derzeit wohlauf und ist ungleich frischer als vor der Operation. Die Lähmungserscheinungen sind im Verschwinden begriffen. Die kosten beliefen sich, den Mitteilungen Cesanas zufolge, auf 40.000 Lire, so daß die Verjüngungsmethode des Professors Woronoff durch Uebertragung von Menschenaffendrüsen in den menschlichen Körper vorläufig ein großer, aber ziemlich kostspieligen- .Segen für die Menschheit zu sein scheint. - Gin MilrMsloge isir die Universität in Sentfolem. Aus London berichtet I. T. A.: Dr. S. Adler wurde zum Assistenten am mikrobioligischen Institut an der hebräischen Universität in Jerusalem ernannt. Nach einer glänzenden UniversitäiSkarriere Und der Tätigkeit an der Liveopooler Schule für Heilkunde der Tropen war Dr. Adler während der Letzten Jahre mit Forschungsarbeiten am Sir Alfred ^vweS-FovschnngSlaLovatorium in Freetown beschäftigt. Während' dieser Zeit hat er ein großes Feld der tropischen Heilkunde, besonders aus dem Gebiet der Parasitologie, erforscht und eine AnzaM Arbeiten über diesen Gegenstand veröffentlicht. Dr. Adler, der ein ausgezeichneter Hebraist ist, be- ' findet sich aus der Reise nach Palästina. $05 jüdische Aufbauwerk in Europa. Am 11. d. fand, wie I. T. A. berichtet, in Paris die erste Sitzung der neuen Gesellschaft statt, die das bisher vom Joint Distvibutions Committee geleitete Aufbauwerk sortsühren soll. Antvesend waren unter anderen der Direktor des Joint-Aus- Lauwerks in Rußland, Dr. Joses Rosen/ der Präsident deS litauischen Mischen Nationalrates und gewesene Minister ffit jüdische Angelegenheiten Dr. Rosenbaum. In der Exekutive werden drei Personen sitzen: Kolonel Herbert Lehman ans New-Iork als Vertreter deS Joivt, Herr Philipson ans Brüssel als Vertreter der Jcä und eine dritte Person, die von den in der Gründung vertretenen jüdisch'n Körperschaften gewählt werden soll. Die Foundation! wird sich Ms sechs von der Jewish Colonisation Association ernannten Mitgliedern zusammen-- setzen, ferner aus acht weiteren vom Joint Distribution Com« mittee einzuladenden Vertretern der osteuropäisch e n I u d e n s ck a f t. Das Joint Distribution Committee besitzt ein Kapital von etwa 760.000 Dollar, über das noch' nicht disponiert worden ist und das eventuell der Foundation übergeben werden soll. Ferner ist noch eine Summe von Mva 300.000 Dollar vorhanden, die für besondere Zwecke bereits eingetragen worden ist. Auch diese würden der Foundation, jedoch nur zur Verwendung für die besonders bezeichneten Zwecke, übergeben werden. Die noch verbleibenden, dem Joint gehörigen Anfbanaktiven, wie Anleihen, Vorschüsse, Investierungen, Einrichtungen usw. werden der Foundation zur Verwaltung übergeben werden. Das durch die Reälrsierunjgdi^er Aktiven erzielte Geld wird von der Foundation für weitere Aufbauarbeiten verwendet werden. Die Foundation, ist durch ein Abkommen mit dem Joint Distribution Committee verpflichtet, so jveit wie möglich die bisher vom Joint geleistete Arbeit sortzusetzen. Sie Fudeu iu Persien. Wenn auch bis jetzt keine Volkszählung in Per s i e n stattgefunden hat, so kann man doch die Zahl der in Per« sien wohnenden Juden mit einer gewissen Sicherheit auf etwa 8 0.0 0 0 Seelen schätzen. Zumeist leben die Juden in der Hariptstadt Teheran und in den größeren Provinzstädtcn, wie Hamadan, Jsphahan, Schiras, Kashau, Kermanschah, Meshed usw. In den kleineren Städten und auf dem Lande sind jüdische Einwohner kaum noch anzutrchfen. Die einzigen erwähnenswerten jüdischen Bildungsanstalten in Persien sind die Knaben- und Mädchenschulen der Alliance I s r a e 1 i t c Universell e. In dicksen Schulen wird sowohl Hebräisch als auch Persisch gelehrt. Viele Absolventen dieser Schulen haben Stellungen in Negierungsämtern erhalten. Früher pflegte die Alliance Jsraelite Universelle die gesamten Kosten für diese Schulen zu tragen und auch für die Verpflegung, Belseidung usw. der ärmeren Kinder zu sorgen. Seit estrigen Jahren aber leistet die Alliance nur das Gehalt für die Lehrer, alle anderen Kosten müssen von den Eltern der Schüler aufgebracht werden. In Teheran existiert noch eine andere Schule mit einer oder zwei Zweigschulen in der Provinz, deren Ziele man aus ihren Namen entnehmen kann: „Schule der Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden." Etwa hundert der ärmsten Kinder, deren > größter Teil mit Krankheit behaftet ist und deshalb nicht in die |. Allianceschule ausgenommen wird, besuchen diese Schulen, wo sie christliche Gebete und das neue Testament Tet» neu. Zuweilen gelingt es, einen jüdischen Knaben zum Christentum zu bekehren, sehr oft aber wenden sich diese Neo» phyien später ihrem alten Glauben wieder zu. . .- . In der Provinz existieren noch kleine ReligionS« schulen, in denen die Kinder die Thora und die Gebete bei den Lehrern des Ortes lernen. Die persischen Schulen, die einseitig religiös gerichtet sind, werden von jüdischen Kim dern n i ch t b esu ch t. Während bet der persischen Bevölkerung nur 10 Prozent leisen und schreiben können, beträgt dieser Pr-" zeusiatz bei den Juden mindestens 95 Prozent.. .. . - . Ausmuderuug ans Ieutschlaud. Die Zahl der statistisch evfaßten deutschen überseeisches Auswanderer ist vom Jahre 1932 mit 85.537 deutschen Auswanderern auf 116.416 im Jahre 1923 ge st liegen. Da» bei sind nur die über deutsche und holländische Häfen fahrenden deutschen Auswanderer gezählt, nicht zur» Beispiel die nicht unerhebliche Zahl derer, die Wer ttalisinschs Häfen befördert wurden. Auch die nicht geringe Ueber« l8ndauSwanderuug ins europäische Ausland ist in dieser Zahl nicht inbegriffen. Seit dem Jahre 1892, wo 116.339 deutsche überseeisch« Auswanderer gezählt wurden, ist die AuSwanderungSziffer bei Jahres 1928 die höchste Zahl, trotzdem inzwischen das deutsch« Gebiet um 13 Prozent seines Flächenvamnes (70.639 Quadratkilometer) und <um 10,88 Prozent seiner Bewohnerzahl (6,477.052) durch den Vertrag von Versailles vermindert worden ist. Auf je 100.000 der Grsamtbevölkernng kommen 1923 187 Auswanderer, gegenüber nur 60 im Jahre 192^ gegenüber 38 im Jahve 1921, 36 im Durchschnitt deS letzten VorMsgsjahrs'ünsis und 281 im Jahve 1892. - Gegenüber dem Vorjahre hat sich die deutsche Hebe* seeauswandsrung mehr als verdoppelt, gegenüber dem Durchschnitt des letzten VovkriegKjcchvsünfts fast der fün fsacht. Diese außerordentliche Zunahme ist als Folge der sich dauernd schwieviger gestaltenden tvivtschaftlichen Lage der deutschen Bevölkerung zu betrachten. DaS zeigt auch dis starke Ztnähme dev Auswanderung im -weiten HMjahr (82 vom 160), die noch stärker gewesen wäre, wenn nicht die' nordamerikanische Ginwandeverquote geigen Ende des JahveS erschöpft gewesen wäre. Mt 15.000 Auswanderern im November 1928 wurde ein im Deutschen Reiche. M Jahrzehnten nicht mchr -beobachteter: Höchststand ervsichll