Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1888 (18.5.1924)
- Date
- 1924-05-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1888 Wien, Sonntag Wiener Mvrgenzeitung. 18. A!ai 1924 : ' Seite 7 ßine Stunde am Saukfchalter. Eine elegische Betrachtung. Das-Lvkal ist wie ausgewechselt, daher der Name Wechselstube Es bedarf gar nicht einer Stunde, nur darauf zu kvmmen, was los ist; nämlich gar nichts. Eine halbe Stunde langsam niemand, dann erschienen zwei Personen, die ^wortlos langmächtig den großen Kurszettel stMerten und daun noch wortloser verschwanden. Nach einer Weile trat ein Vetter vom Lande ein, der sich scheu umsah rund wieder kehrt machte. Et hatte den Raum für elneTahaktrafik gehalten. Ein Beamter erwischte ihn noch rechtzeitig beim Frack und der Mann mußte, immerhin mit einem Los der Staatslotterie beladen, abzichcn. Das sind die Geschäfte. ' Mau sagte mir, es. gebe Börsentage, an derren manches- Mal doch ein regerer Betrieb herrscht und bisweilen vier bis fünf Personen gleichzeitig „verkehren" -oder noch weniger. Bei dev Konkurrenz jedoch nebenan sei das „Geschäft" diel schwächer. Das ist dev Frühling in Wien! Jahrhundert, wie hast du dich verändert! Wenn man sich an die guten alten Zeiten (so vor zwei Jahren) erinnert. Bitte schön, nicht reden, Sie haben auch genascht und sich jetzt den Magen verdorben, Mv keine Interesselosigkeit-heucheln! Wissen Sie noch, wie es zugegangen ist, damals, als in den Wechselstuben Atassenversammlungen abgehalten wurden und jeder sich noch schnell sanieren wollte, bevor ihm die Sanierung des 'Landes jode Hoffnung dazu raubte? Ein jeder hat sich vor der Krone so sehr geflüchtet, daß er sich ganz austzab. Die Flucht ist aus und die Kronen sind auch weg. Oesterreich ist saniert und die Oesterreicher sind krank. Damals aber haben sich die Leute angestellt, und wenn einer am Schalter für die Valuten Rekordkurse bekam, so bekam der dritte hinter ihm bestimmt noch mehr; und wenn einer ein langsamer Patron war, dann war der Kurs, bis er die Noten aus der Brieftasche „gewuzelt" hatte, wiederum gestiegen. Damals gab es, erkläre ich, viel zu wenig Wechselstuben. Ich weiß von Lokalen, die inan damals für Bankzwecke hätte adaptieren können, und kann Nachweisen, daß da sehr oft sträflicher Leichtsinn Vortag, wenn es nicht dazu kam; ja, man konnte damals von Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge sprechen, weil das Gedränge in.den vevMtmsmäßig wenigen Lokalen geradezu gefährlich war. Es.ist wahr, die Lokale, die ich meine, waren sehr eng, aber Raum ist in der kleinsten Hütte für eine Hausse. Und wenn auch nur soviel Platz gewesen wäre, daß man bloß mit einem Fuß hätte hinein können, was hätte das gemacht? Sehr viele sind ohnedies mit einem Fuße meistens wo. anders.' <!Ja, das waren Zeiten, da war ein Getriebe in den Filialen; hätten die Beamten damals gestreikt, mail hätte nicht mit dem Abbau gedroht. Sie erinnern sich an alles, ich sehe es. Ihr träumevisch-inelancholffch-bitteres Grinsen beweist es. Heute? Man kann wirklich eine ganze Stunde in so einer Wechselstube ans der Bank sitzen und es ist nichts los. Auf den Bänkenwar zwar auch seinerzeit Platz genug, denn wer hat sich damals niedergesetzt? Niemand, alles hat die Schalter bestürmt! Das hat sich geändert, und heute sitzen schon viele. Die Atmosphäre in der Wechselstube ist ziemlich schwül, auch -wenn die Eismänner, weil schon alles verkehrt ist, nicht gerade so feurig sindwie heuer. Die Börseleute schwitzen so auch genug. Die Stimmung ist — wi-e sagt man doch? — stau. Das Telephon klingelt und danach ist es noch flauer. Wieder Telephon: Reservierte Haltung, die Kurse bröckeln ab, dafür gibt -es aber später eine starke Schwäche und schließlich stürmische Baisse. Einige kommen auf einen Sprung herein, um sich nach ihrem „Schluß" zu erkundigen, der sehr oft der Anfang vom Ende ist. Die Kaufleute halten sich nicht lange auf. Andere haben mehr Zeit; sie disputieren wenig, dafür schütteln sie desto mehr die Köpfe. Man sicht mir solche, die verlieren, die anderen, die nichts zu verlieren hatten, sind nicht da. Wenn Plötzlich (man kann doch nicht wissen, es ist alles schon da gewesen) die ganze Lage sich drehen sollte, werden auch diese Herrschaften wieder jaustauchen. Die Damen der Wechselstube arbeiten und feilen fleißig an den Fingernägeln herum, wozu sie übrigens auch während des größten Konjunkturgetriebes Zeit hatten. Außerdem lesen sie die Sportblätter. Unter den Da mell ist neuerdings wieder eine Ertüchtigungswelle ausgebrochen. Boxen, Ringen und Fußball sind die Ideale. Die Herren schauen ihnen zu oder sind gleichfalls in die Lektüre vertieft, forcieren aber wehr die neuen FamilieNwocheMätter mit den Persönlichen Fürwörtern im Titel. Das war schon in der Schule so, wo man die diversen „feinen" Micheln u n t e r der Bank las. Jetzt tut man es i n der Bank. Aust einmal wird die Idylle durch einen Massenandrang Meier auf. Urlaub fahrenden jungen Leute unterbrochen, die ans ihren Reisepaß hin etwas Valuten einkaufen. Dann kommt ein altes Mütterchen, um 20 tschechische Kronen auszuwechseln, die ihr 'Sohlt, der Slowak, geschickt hat. Der Herr Vorstand scheut ernst und streng drein und ralrcht seine dicke Zigarre. Dann sicht er sich nach einer Tätigkeit um und schickt den-Diener um heiße Würstel. Zu Mittag kamen noch anderthalb Nachzügler. Sie stecken den Kopf zur Tür herein, gestikuliere» fragend mit der Hand und vevschwin-, den wieder Sie' haben es eilig. Sie haben nämlich zum äußersten gegriffen.und angefangen zu arbeiten. Nichtsdestoweniger ist das Getriebe sehr .abwechslungsreich. Wenn es Sieinteressiert, gchen Sie hin.Ob Ihnen dort zu Helsen ist, weiß ich nicht. Wenn Sie aber Studien machen wollen, empfehle ich Ihnen das Lokal. Es liegt dort in der großen BaissegasibNr. 0. Sie müssen sich aber beeilen, denn wenn Sie Zigern, kann dort über Nacht statt der Wechselstube. eine Milchtrinkhalle etabliert fein, wo Sie allerdings mehr Chancen haben, sich kräftig zu erholen. M.; ie Entwicklung der jüdischen Rational Miothek. An Gespräch mit dem Mer 8r. Hugo Bergmann. (Bon unserem Jerusalemer M. R.-Korrespondenten.) Auch der wissenschaftliche Betrieb Seit der Begründung, der Nationalbibliothek 1892 durch den bekannten russischen Arzt Dr. Josef Cihaf a n ow i t s ch, der sein ganzes Vermögen dieser ferner Idee opferte (er starb während des Krieges im Armenhaus zu Jekaterinoslaw), wurden Bücher wahllos gesammelt und der Bibliothek geschenkt. Seit Sommer 1920 untersteht die Nationalb ibliothek der Zionistischen Exekutive, die den früheren Prager Bibliothekar Dr. Hugo Bergmann mit der Leitung betraute. In dieser Zeit betrug der Bücheristand 30.000 Exernplare. Herr Dr. Bergmann erhielt den Auftrag, die NationaMbliothek so auszugestalten, daß sie für die künftige Universität geeignet sein solle. In der Tat ist es in kaum dreiundeinhalb Jahren gelungen, den Bücherbestand auf 75.000 Exemplare zu vergrößern und auch wertvolle Exemplare zu erwerben. Rechnet man noch diesoeben eingelangte Bibliothek des Arabisten Prof. G o l dz i e h e r hinzu, die um den Betrag von 3000 Pfund erworben wurde, so beträgt der gegenwärtige Stand der Bibliothek 80.000 Exemplare. Die hinzugekommenen Bücher sind in erster Linie I u d a i c a i n f r e m d e n S p r a ch e n, dann auch zahlreiche Werke allgemeinen Wissens. Die Bücher wurden von den Freunden der Universitätsbibliothek in der ganzen Welt gesammelt. Die französische, spanische und die tschecho-slowakische Regierung haben eigene Abteilungen errichtet; überdies wurden testamentarisch die Büchereien des Prof. Schapira (Heidelberg), des Wiener Philosophen Popper- L y n k e u s, des Dr. Ludwig M o n d, des Vaters von Sir Alfred Mond, der hebräischen UnioersitätsbibliothÄvermacht. Das Sammeln von Büchern aufs Geratewohl— erklärt Dr. Bergmann — kann uns wenig nützen. Wir beabsichtigen, die NationalbMothek systematisch a u s z ub a u e n. Dabei werden von Fachleuten Listen der wichtigsten von der Bibliothek benötigten Werke angelegt und diese dann von unseren Freunden eingefovdert. Diese Umst e i l u n g der S ia m m e larb e i i ist eine unbedingte Notwendigkeit. Außerdem mutz gegen die Sammlung von Büchern ange'kärnpft werden, die als „alte Garderobe" bereits abgelegt wurden. Es sind unbedingt neue Bücher erforderlich, wenn sie auch teuer sind. So zum Beispiel wurde jetzt ein Rö ntgeninftitut eröffnet und sofort trat man an die Bibliothek heran, sie möge dieses Unstiürt mit der einlschWgigen Literatur versehen. wurde in den letzten dreieinhalb Jahren gehoben. Die Zahl der jüdischen Forscher ist gestiegen und damit auch die große Verantwortung der Bibliothek. Bei den wissenschaftlichen Forschungen kam eine gewisse Methode, ein System zur Geltung. Ueberdres wurde mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der in der Bibliothek vorhandenen Handschriften und Archive begonnen. Zu diesem Zwecke wurde eine Wisienschaftliche Zeitschrift ,^irjath Sepher" heransgegeben, in der alte Handschriften der Bibliothek aus dem 11. und 12. Jahrhundert publiziert und wissenschaftlich erläutert werden. Die Archiv- und Handschrifte nsamrnlung hat einen unschätzbaren Wert. Nicht unerwähnt soll noch die Tatsache bleiben, naß zum ersten Male in Palästina in einer wissenschaftlichen Zeitschrift alle N e u e r s ch e i n u n g e n im? In. und Auslände publiziert werden. Es ist dies die erste Bibliographie in EreMsrael. Eine Ausgestaltung nach außen wird die Bibliothek durch den Bau eines eigenen Gebäudes erfahren. Die Verwalter der Woliffohn-Stiftung haben schlossen, ein neues, würdiges Gebäude zu errichten. Der holländische Konsul in Jerusalem, Herr Jakobus Kann, ist derzeit mit den ersten Vorbereitungsarbeiten für das zu errichtende BMocheksgebäude beschäftigt. Das heutige Gebäude ist ganz unzulänglich, so daß ein Teil der Bibliothek im Mischen Pasteur-Institut untergebvrcht werden mußte. Auch wurde eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit den anderen in Jemsalem vorhandenen Biblioth eken geschaffen. Wir stehen heute mit dem englischen, amerikanischen und deutschen Institut in wissenschaftlichem Kontakt. Me Vorsteher dieser Institute kommen jedesmal zusamnren und tauschen wissenschaftliche Anregungen aus. Die A r a b e r Palästinas! betreiben keine wissenschaftliche Forschungen, daher ist mit > ihnen in dieser Hinsicht e-in Kontakt unmöglich. Die Judenschaft der Welt hätte die große Pflicht, die 'hebräische UnwersitätMbliothek zu fördern. Es ist bekannt, daß Juden für e u r o p ä i s ch e Universitäten, wo der N uwerus clausus praktiziert wird, große Summen hergaben; nun sollen sie auch mithelfen, die hebräische NationaMbliothek aufzubauen, was bei der bevovstchercken Eröffnung der hebräischen Universität ein Gebot der Not- Wendigkeit ist. Eine Konferenz jüdischer Schriftsteller in Fernsalem. In der Peffachwoche fand in Jerusalem, wie uns von dort berichtet wich, eilte Konferenz der in Palästina ansässigen und gegeMvärtig dort wellenden jüdischen Schriftsteller und Publizisten statt. Im Namen des Waad Leumi begrüßte Herr David Ae Hin die SHriststefter, welche jetzt nach Palästina gekommen sind, um sich dort ansässig zu machen. Sie seien, so führte der Redner aus, die geistigen Wegweiser der jüdischen Bevölkerung. Die Konferenz ährte besonders den Dichter Bialik, der seinen Wohnsitz dauernd nach Pailäftiua verlegt hat. BiaW erwiderte auf die zahlreichen chm geltenden Ansprachen, das Nationaleigentum. bildeten nicht die Schöpfungen der einzelnen, sondern des gangen Volkes; er, Blalik, schließe sich der Arbeit der Gesamtheit an, die sicher günstige Ergebnisse zeitigen und Palästina zum geistigen Zentrum machen wird, welches wir anstreben. Die ganze Hoffnung beruhe nunmehr auf der jungen Generation.! Reise und Sommeraufenthalt Med. Dr. B. Kapelner ordiniert) MARIENBAD MERAN „8BISIO&“ „HOTEL ROXAL“ vom 1. Mai bis 1. Oktober vom 1. Oktober bis 1. Mai St. Moritz-Bad •m (SCHWEIZ) Hotel Edelweiss (Besitzer : L. Bermana) Eröffnung: 15. Juni ~;~f- 90 Betten // Schöne Gesell5chaftsräume Bad Reichenhatl Restaurant u, Pension I. Bermahn SPIP g®8ftneft Ad 15. Naimf Mässfge Preise // Streng (( Wiener Küche las Herz. Ich lese jetzt den „Führer der Irrenden" des Maimomdes, der einer der größten arabisch-jüdischen Phllosophen des Mittelalters war. Der »Führer" hcmdckt vom Dasein Gottes und vor der Offenbarung und von der Vorsehung und von der Wille nsftecheit und von allen jenen Sachen, die man die letzten Dinge nennt. Bsvor er sich aber diesen gewaltigen Dingen zuwendet, werden in rncht weniger als fünfzig Kapiteln die Bedeutung gewisser Wörter erörtert, die in den Büchern der Pwphetie Vorkommen. Davon sind einige synonyur, ettvÄche homonym, andere Mtaphovisch und «och andere amphkbolffch. Ich habe alle diese fünfzig Kapitel durchgeackert und fand sie teils interessant, teils lehrreich, aber -im ganzen nicht sonderlich aufregend. Daß das eine Wort eine eigentliche und eine übertragene, das andere eine oben aufliegende und eine verbotgena oder Heologisch-phllofophrsch gesprochen, eine exoterische und esoterische Bcheutnng hat, ist doch schließlich ein Wissen, das man in sich aufnimmt, ohne dabei irgendwie beunruhigt gu werderr. So habe auch ich alle'Maimonidesschen Definitionen der synonymen, homonymem metaphorischen und amphibolischen Wörter kalt genoffen. Nur bei der Definition des Wortes ,Herz" hielt ich wne und wurde innerlich warm. Nein, diese Dösintion gibt oinem emen HerWich, da kann man nicht ruhig Blut bewahren. . MaimouideS defnnert: „Herz ist der Name des Organs, in dem sich >das Lebens- Prinzip befindet für die, die ein Herz besitzen." Ist das nicht zum Auffchreien herrlich gesagt? Besäßen wir von Maimonides nichts mchr als diese eine Definition des Wortes ^erz", mau Mßte ihn in die Reihe der größten Gsister aller Zeiten emreihen.. Es gilt nämlich zu bedenken: Maimonides hat im zwölften Jahrhundert gelebt. Er war in Cordova in Andalusien geboren, hat als Hofavzt des Sultans Saladin m Fostat in Aegypten gcüvrrkt und liegt in Liberias in Palästina begraben. Maimonides hat weder das mildtätige Herz des Juden, «och das goldene des Wieners, noch das tapfere des Preußen, noch alle jene Herzen gekannt, die heutzutage am rechten Fleck fitzen. Und dennoch diese vortreffliche Definition, die einen mitten ins Herz trifft. Ich glaube, man täte gut. die Maimonidessche De'si.'ilion des Wortes „Herz" in die Schulbücher austznnehmen. Frage: Was ist ein Herz? Antwort: Herz ist der Name des Organs, in km ml) das Lebensprinzip befindet für die, die ein Herz besitzen. Aber mein Gott, Schulkinder, ob diAdas ivohl auch versteher: we^en? S. Me i s e l s.