Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1888 (18.5.1924)
- Date
- 1924-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morftenzeitung. 18 Mai 1921 Nr.' 1888 Periode hinweist, die in der Ermordung Rathenaus ihren Höhchllnrt fand. Die Deutschnationalen finö davon überzeugt, daß ihnen die Vovkspartei folgen wich, wenn einmal der so umstrittene Stresemann als Gesandter in Washington oder Lima sitzen wird. Sie wissen auch, daß die völlischen Freiheitler sich ihnen zugeftllen werden, wenn die Verstimmungen des Wahlkampfes vergessen und über die >gegenseitige Beschuldigung Mscher Abkunft Gras gewachsen sein wird. Mit all diesen zusammen haben sie die Mehrheit, die sich im Reichstag ganz legal, verfassungsmäßig in den Sattel setzen wird. Ist dies erreicht, dann braucht man keinen Reichstag mehr. Eine einfache Verordnung genügt zur Dekreüerung der Diktatur, und der Widerstand, den vielleicht noch der brave Ebert versucht, wird sich leicht überwinden lassen. Wie sich dies außenpolitisch auswirken wird, läßt sich einstweilen selbstverstäMich nicht sagen. Die Besorgnisse im Ausland sind sehr stark und sie äußern sich in einer Reihe von Warnungen,-die aus Amerika, aus England und aus Italien vorliegen und miteinander darin übereinstimmen, daß die Expertenberichte angenommen werden müssen. Man kann deutlich die Nervosität erkennen die überall herrscht, und es kann leicht-geschehen, daß der Wahlsieg Herriots in Frankreich von dem ' Sieg der Westarp und Ludendorffübetvumpft wird. Vielleicht kommt Herr Pomcare Wickler zurück. Irrwege der FoMung. Bon Dr. Germmms Agtrcola (München). 1. - Die „Fibel" .jedes völkisch gesinnten, hakenkreuzlerisch organisierten Deutschen ist heute die „Rassenkunde" des Dr. Hans GüMher geworden. Dies Buch fasziniert, blendet auf den ersten Mick. Den ersten, kr-itillosen Blick. Verblüfft durch die scheinbar naturgemäße Einfachheit, mit der — in: Güntherschen System — Europas Völkergemisch in vier Grundrassen eingeteilt wird. Wie bequem für den deutschen Spießer: sich seinen Nebenmenschen nur flüchtig ansehsn @u brauchen, um „sachverständig" urteilen zu können: „Sie, Herr Meier, sind rrordisch-dmarifche Mischung. Denn: Langschädel, blaue Augen, aber Adlernase und schwarzes Haar. Nun, die dinarische Rasse ist ein sehr wertvoller Bestandteil unseres Volkes." Oder: „Sie, Herr Müller, sind von ostrscher Rasse.- Rundkopf, breite Backenknochen usw., geringer nordischer. Einschlag. Die ostische Rasse ist imn zwar fiir unsere Kultur absolut wertlos, aber trösten Sie sich: Sie sind ein ostischer Mensch wit einer nordischen Seele." (!) •' Man sieht: diese Afterwissenschaft operiert mit kulturellen Werturteilen, und gerade diese Werturteile behagen dem satten, aüf söine ,chorwiegend nordische" Erscheinung stützen Spießer von Hitlers -Anhang 0. a. Wie der Vater dieser Werturteile (Günther) in originellster Weise si ch felbst w ider >legt, dafür nur ein Beispiel In seinen Illustrationen zu der „wertlosen" ostischen Rasse finden wir als „astisch" >bezeichnet: H. d. Balzac, I. Kerner, M. v. Ebner-Eschenbach vorwiegend osttsch"), Fritz Reuter (do.), Luther- („ostisch-novdlsch"), Schubert (do.). Waren.diese Männer wirklich ^-wertlos" f ü r d i e d e u t s ch e K u l t u r Dabei steckt Günther offenbar noch in den Kinder-, schuhen seiner ^Forschung", in den Anfängen seiner Entwicklungslime, die folgerichtig im geistigen. Zustand eines Dinter enden wird! Die erwähnt veMuffende Einfachheit des gekennzeichneten ,-Systems" war es, die mich an ihm sehr , bald zweifeln ließ, so daß sich durch meine vorurteilsfreie Forschung das Ganze als ein einziger Irrweg, erwies. „Jst's Wahnsinn nicht, hat's doch Methode, . Zugegeben sei, daß von verschiedenen S p e z i e s des Menschen gesprochen werden darf: etwa von blonden, brünetten, lang- oder breitköpfigen.. Diese verschiedenen Spezies über in bestimmte Klassen von Rassen oder Völkern einzuzwängen, ist ein müßiges, unwissenschaftliches Unterfangen, wofür den besten Beweis die vorgeschichtlichen Gräber bieten. In denen findet man die verschiedenen Güntherschen „Rassen" wirr durcheinander:, „nordische" Langschädel, „ostische" Bveitschädel usw. — alles hübsch kunterbunt. Und dieses so ganz, theoriewidrige Gemengsel stammt aus den ältesten Zeiten und .den oft isoliertesten Gegenden!! Ein einheitlicher Rasssnthpus ist durchaus nicht festzüstellen. Betrachten wir nun einmal die ,-wertvollste" Raste, die nordische, die nach den Fantasten von Ehamberlain bis Günther alle (!). europäische Kultur geschaffen 'haben soll: die mykenische, hellenische, römische usw. (all diese hohen Kulturen sollen erst infolge „Vevsiegens des nordischen Blutes" zugrunde gegangen sein). Im allgemeinen werden die Germanen von den klassischen Schriftstellern als 'blond und blauäugig beschrieben — aber nicht a u ch als langschädlig (wie nach Günther der echte „Nordische" beschaffen sein muß). Wohl aber hören wir auch von Germanen mit so schwarzem Haar, daß sie äußerlich keinen Unterschied von den Romanen aufwiesen, zum Beispiel den Burgunden. Ich selber sah und sprach vor nunmehr 17 Jahren, als < ich nach Brasilien fuhr, aus dem Dampfer eine schwäbische Famlie, deren.-herrlich, groß und schlankgewachsene, tief brünette und schwarzäugige Tochter durchaus nicht „ostischen", das.heißt mongoloi-den. Aussehens den Landestöchtern Brasiliens, völlig glich. Erinnern nröchte ich hier auch an die Schädel. messi^enLwllmcmns: unter 6-75 Schädeln aus' germani- 45 Prozent mittellang, 30 Prozent breitköpfig, 23 Prozent langköpfig.! Wären wir Theoriefanatiker a la Günther, so müßten wir hieraus den Schluß ziehen, daß danmls der „Germane" ein Breitkopf gewesen (an den mittellängen Schädeln sind Noch häufig künstliche Deformationen ins Längliche zu bemerken). In Ostholstei n (Neustadtund Umgegend) habe ich schwarzhaarige Langschädel als den überwiegenden Menschentypus festgestellt. Dabei gilt Ost- Holstein allgemein als die Wiege des Germanentums, ebenso wie die Hallige Schleswigs, und dort findet man nur brünette Langschädlige und — blonde Breitköpfe. „Erkläretmir, Graf Orin-dur . . ." Schließlich fei — um den Mythus vom blonden, blauäugigen und la ng sch adligen Germanen ad absurdum zu führen — noch auf den „Merowingerschädel" Brocas hingewie.sen (brünetten Langschädel altfränkischer Gräber). Wer t'heovetisiert, ist eben immer noch „wie ein Tier auf grüner Heide, vm: einem bösen Geist im Kreis herumgeführt . . — (Ein zweiter ArMl .folgt.) Berlin, 17. Mai. Wie -die „Zeit" wisten will, ist mit einer Ungültigkeitserklärung der gesamten Re.ichstagswahln in Oberschlefien zu rechnen. Die dort von der deutschen Wwtschaf.tspoltzei eingereichte Lifte wurde Von der Wählleitunggrundlos zurückgewiesen. Die Wirtschaftspartei hat dagegen Protest eingelegt. Da die Wirtschastspartei bei den Wahlen in ganz Oberschlesien -vermutlich ziemlich gut äbgeschnitten hätte, werden die gesamtend Wahlen" in Oberschlefien nochmals v o rge n omme n wrden müssen. Zer Streit im Ruhmvier. Der Schiedsspruch gefährdet. Essen, 17. Mai. Wie der Alte Bergavbeiterverband mitteilt, haben der-Verband der Bergarbeiter Deutschlands und der .Gewerksverein der - christlichen Bergarbeiter den gestern -in Berlin gefällten S ch i e d s s p r u ch einstimmig abgelehnt. / . Sie preußische Staatsregierung gegen die völWe Hetze. (Eigendienst der . „Wiener Modenzeitung".) ' Berlin, 17, Mai. In d e u t f ch n a t i -o n a l en Blättern wird in Fortsetzung früherer Polemiken ein heftiger Kampf gegen die preußische Siaat'sr egi e rung geführt, weil sie die von den Deutschnationalen angekündigte. Schlageter - Feier unter fteiem Himmel und eine Reihe von Demonstrationen im Freien in- Provinzsiädten verboten hat» . ' Gegenüber diesen Pressepolemiken veröffentlicht die preußische Regiemng eine Erklärung, in der das ablehnende Verhalten gegen die vate rländisch en Kund„ gedungen eingehend begründet wird. Es ist notwendig, heißt es in der Regierungserklärung unter anderem, anläßlich dieser Gelegenheit einmal grundsätzlich folgendes'zu sägen: Für jeden objektiven Beobachter ist es seit einigen Wochen völlig klar, daß die rechtsstehenden' Gruppen nach einem einheitlichen Plan daran arbeiten,' im Lände eine politisch vergiftete und radikale Stimmung zu erzeugen, die sich schlieMch zu Zuständen der-' dichten muß und teilweise schon verdichtet hat, die den wirklichen Interessen des Landes aufs schärfste zuwider sind. Die ganze Situation hat eine auffallende Aehnlichkeitmit der des Jahres 1922. Schon damals wurden in allen Gegenden des Landes Veranstaltungen unter, alley erdenklichen Bezeichnungen (Gedenktag, deutscher Tag, Fahnenweihe, DeNkmalenthüllung usw.) abgchaltett. A m E n d e dieser gewitterschwülen Sommertage kam dännderRathenau - M 0 rdmitseinenaußen- und innenpolitischen Folgen.; Heute sollte die elementare Vernunft und die einfachste Rücksicht auf die wirklichen Interessen des Volkes und des Landesdenpolitiischen Gruppen aller Schattierungen sagen, daß sie gut daran täten, die stärke Erregung der eben vorübergerauschten Reichstagswählen aMngen zu lasten und sie nicht durch systematische Aufhetzung der B e v ö l k e r u n g zu einem Dauerzustand zu gestalten. Statt dessen gehen die Rechtsgruppe n wieder daran, durch planmäßige Veranstaltungen, insbesondere durch öffentliche Umzüge mit stark militaristischem Gepräge, die Leidenschaften auszupeitschen. Sie geben damit naturgemäß .den link's radikalen Elementen, die ihrerseits dar Volk nicht zur Ruhe: kommen lassen, die günstige G elegenheit zu Ausschreitungen. Darüber hinaus versetzen sie aber die große Masse der ruhigen, besonnenen Der LM'Sup. (Eigendienst der,Mener Morgenzeitung".) Kopenhagen, 17. Mai. Bisher lingen folgende Resultate ..in dem Kampfe um den Davis-Cup zwischen Dänemark und Ungarn vor: Der Däne Axel Peterson schlug den Ungarn 'Ta k acS 6:2, 6:3, 6:3, der Ungar Kehrl i n g schlug den Dänen Ejnar Ulrich 10:8. 6:0. 6:4uub imt das Wohl des Staates besorgten Staatsbürger in tieft Erbitterung und MwehrstimMüng. Am Schlüsse der Erklärung 'heißt es: Die preußische Regierung ist n i ch t g e w i l l t, den radikalen Gruppen die Möglichkeit zu geben, die Dinge wieder so weit zu treiben wie im Jahre 1922, und sie wirb deshalb unbeirrbar all den vom Reiche ausgegebenen Richtlinien des allgemeinen Verbotes öffentlicher Kundgebungen im Freiem feschalten Malvtz redivibu«.. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 16. Mai. Bei den letzten Wahlen -wurde bei -gewesene Außenminister M a l v y aus der Liste der radikalen Sozialisten gewählt. Er ist bekanntlich in einem aufsehenerregenden Prozeß wegen seiner arrgeblich defaitistischeN-Tätigkeit im-Jahre 1919 zn fünfjähriger Verbannung verurteilt worden. Er erklärt, daß er sich vollkommen gerächt fühle. Das Verdikt des Volkes habe ihn rehabilitiert und er kenne nichts anderes, als die Justiz des -Volkes. - . Das Programm der sozialistisch-republikani» schon Partei Frankreichs. Paris, 17. Mai. Der Exekutiv ausschuß der sozialistischrevuMkairischen Partei hat eine Entschließung angenommen, wonach die Mitglieder der Partei ihre Teilnahme an jeder Regierung verweigern müßten, die sich nicht verpflichten würde, ein Programm durchzuführen, das folgende Punkte enchält: Die Demission des Präsidenten Millerand, die Wiederherstellung des Arrondisements-Wahlrechtes, eine allgemeine Amnestie, die Aufhebung der W a r en u m s a tz st e u e -r und ihre Ersetzung durch eine Vermögenssteuer, Aufstellung eines Finanzplanes, der das budgetäre Gleichgewicht ohne Anleihen Vorsicht und schließlich die Wiederaufnahme herzlicher Besprechungen mit den Alliierten, um im dringlichen Wege das' Problem der Reparationen und der Slchecheit'arff der Grundlage der Sachverständigenberichte zu lösen. Ebenso müsse die Kammer das Gleichgewicht im Haushalte Herstellen und Gesetze betresfeitd die Sozialversichemng und die Herabsetzung der Militärdienstzeit schaffen. Auflegung der tschecho-flowakischeu Auleihr. in London. (Eigendienst der ,Miemr Morgenzeiiung".) London, 17. Mai. Heute würbe die neue tschech o-« slowakische Anleihe zur Zeichnung aufgelegt, und zwar in einem Betrage van 1,360.000 Pfund, achtprogentig rückzahlbar bis Oktober 1925, zum.Kurse von 96.M. Anfangs, als die Subftription begann, sank-die alte Anleihe auf den heutigen Gnrissionskurs. Als es aber klär wurde, daß hie neue.Anleihe übeWichnetwüch- und alle Aussicht habe, bereits morgen, mit einer Pränüe, zu notieren ging der Kurs wieder .auf das bisherige -Niveau van ,.97M. Dienstag beginnt^die allgemeine Älbstriptron, . . Gleichzeitig wird eine halbe-Mllion Wüb auf der' Amsterdamer. Börse mit einem Cmissiouskurs von 93.25 Und in N-öw-Iprk 40 Mllionen Dollar zur -.Emrssip», aufgeleg't. ' '' ' ' ' ä-,' kl« rnmSnflch'Mffischer Sreurablommen. Bukarest, 17. Mai. Infolge des rufsisch-rumämscheN Abkommens von Ka me ne c-Pod ols k betreffend den Grenzverkehr am Dnjestr hat - die Regierung ein entsprechendes' Reglement erlassen. Demnach werden längs der Grenze mehrere gemischte Kommissionen eingeisetzt, wÄche alle Zwischenfälle friedlich beilegen sollen. Allgemeine Verfügungen werden von einer Mssischrumänischen ZentraMommission getroffen, die auch über die Rückbeförderung' der Flüchtlinge ent-- scheiden wird. Den poltilischen WchMntzen wird durch das neue Reglöment die RüÄehr nach Rumänien und die Ansiedlung daselbst gestattet. Damit hofft man, alle bisherigen gegenseitigen Mißgriffe an der Grenze auszuschattem . , Dr. Weizmanns Abschiedsrode in New-Iork. Aus New -Y-0r k berichtet I. T. Ä.: Am Vorabend der Abreise Dr. Ch. Weizmanns nach Von d 0 n fand in der überfüllten Halle des Hotels Aistor eine eindrucks-- volle A b s ch i e d s k u n d g e b u. n g statt, auf der Richter 'Bernavd A. Rosenblatt den Vorsitz führte. In seiner Ansprache sagte Dr. Weizmann: ,/Solaltge die Jewish Agency sowohl hier als auch in Europa nicht ausgebaUt bst, Und solange diese beiden Telle noch nicht vereinigt sind, um die Last des Aufbaues Palästinas auf ihre Schultern zu nehmen, so lange ruht die ganze Verantwortung auf den Zionisten und der Zionistischen Organisation. Da dieses Werk nicht eine ernzi.ge Sekunde unterbrochen werden kann, missen die Zionisten die ganze Last tragen, wie sie sie bis jetzt getragen haben. - Die Garantie für den endlichen'Erfolg des Ausbaues der Jewish Agency aus den verschiedensten Elementen der Iudenheit hängt nur von einer Sache ab: vM!>der unbeirrbaren Bemühung der Zionisten, in ihrer Arbeit fortzufahren." Außer Weizmann sprachen noch Abg. Dr. Qsia's T h ot und der Vorsitzende. der zionistischen Arganisation A'.n>- rikas,, Herr Louis Li pst Y. ~ Das Erdbeben in Kleinasien. < Erzerum, 17. Mai. Bei dem Erdbeben in der Gegend von Erzerum wurden mehrere Dorfer Vernicht-et uitb sind über170Men scheu getötet wordelu