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Wiener Morgenzeitung · 1924-05-17 · Heft 1887 (17.5.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1887 (17.5.1924)
Date
1924-05-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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' Telle A I . Mm. SamMg tie Note als einen Versuch zurückweisen, sich in die innere« Angelegenheiten Polens einKUmischen. Die polnische Regienmg protestiere kategorisch gegen die Kritik m der Tätigkeit des Präsidenten der Republik, einen Fall, der in den diplomatischen Beziehungen ungewöhnlich sei. Die polnische Regierung drückt ihr Erstaunen darüber aus, daß sich die Sowjetregierung als Verteidigerin der bürgerlichen Rechte und der Freiheit des Kultus der angeblich in ihren Rechten verletzten nationalen Minderheiten in Polen auffpiele, während auf dem Gebiete der Sowjetunion die Bürger jeder Freiheit beraubt seien. Die polnische Regierung erkläre, daß sie von nun an jede ungerechtfertigte, und unzuläsiige Interpretierung des Artikels 7;des Rigaer Vertrages unbeantwortet lassen werde. Die polnische Regierung erlaube sich, di« Aufmerksamkeit der Regierung der Sowjetunion darauf zu lenken, daß das beste Mittel zur Erzielung normaler, gut nachbarlicher Beziehungen nicht in ungerechtfertigten Forderungen, sondern in der loyalen Durchführung der sich aus dem Rigaer Vertrag ergebenden gegenseitigen Verpflichtungen bestehe. __ Inland. iet 15. Bericht des GenerallommWrr. Barrmng vor Steuererhöhungen. — Die Folgen des BankbeamtenMelks. lieber die Zeitperiode vom 15. Februar bis 15. März dieses Jahres hat Generalkommissär Dr. Zimmerman dem Völkerbundrate seinenüblichen Monatsbericht vorgelegt. Er enthält einleitend wieder die Mahnung an die Volksvertretung, die Abgabenteilungsnovellzu erledigen, und. wiederholt die Warnung vor den fortgesetzten Steuer- und Abgabenerhöhungen. ,-Die können",. heißt es in dem Berichte, „sogar letzten Endes statt einer Vermehrung eine Verminderung der öffentlichen Einnahmen bewirken. Verfolgt man den Ertrag de r. Esf e kte n u msatzsteu er, so findet man im März 1923 einen Minimalertrag von 5,7 Milliarden Papierkronen und-im August ein Maximum von 38,4 Milliarden Papierkronen. Von diesem Zeitpunkte an sinkt der Ertrag .allmählich bis auf . eine Durchschnittsziffer von A. Milliarden im Jänner und Februar 1924 herab. > Während der Ertrag der Effektenumsatzsteuer in den letzten sechs Monaten abnimmt, steigert sich jener der Warenumsatz st euer unaufhörlich. Der Personalabbau. Die Zahl der Angestellten beträgt derzeit in der Hoheitsverwaltmtg 58.858 'und in den Bundesbetrieben 121.988, zusammen 180.846, beide Zahlen mit Ausschluß des Bundesheeres und der Südbahn. Um den zwischm der provisorischen Delegation des Völkerbundes und der österreichischen Regierung äbgeschlosstnen Abmachungen zu genügen, wäre eine Verringerung des Personalstandes um wertere rund 35.000 Personen. notwendig. . Ein Ueberblick über die Gebarung lehrt, daß das österreichische Budget durch die außerordentliche Steigerung der Einnahmen und nicht durch Verminderung der Ausgaben gesundet ist-. Selbst wenn man zugibt, daß die Ziffern des mit der provisorischen Delegation des Völkerbundes abgeschlossenen UebereinkommenS mehr Richtlinien als unverrückbare Grenzen bedeuten, so muß man doch feststellen, daß das Prinzip des Wi ederaufbäuprogra m me's (das Defizit mehr durch Ersparungen als durch Vermehrung der fiskalischen Belastung zu bekämpfen) bisher nicht befolgt Wörden ist. Die Wirkungen des Bankbemntenstteiks zeigten sich in der Berichtsperiode in dem Anwachsen des Bar schätze's der Notenbank um 43 Millionen Goldkronen; der Banknotenumlauf ist gleichzeitig von 6666 auf 7946 Milliarden gestiegen. Seit dem Ende des Streiks hat die Bank übrigens alle Anstrengungen gemacht, um die inflationistischen Wirkungen der Krise zu mildern, lieber die 'wi.rtschaftliche Lage führte der Generalkommissär an, daß die Preis steig e r un gen mit dem Abflauen der Geschäftstätigkeit zum Stillstand gekommen zu sein scheinen. Der Bericht schließt mit einem Hinweis auf den guten Erfolg der Wiener Frühjahrsmesse und sagt: Alles, lvas die Entwicklung der industriellen und kommerziellen Leistungsfähigkeit des Lindes beschränken konnte, ry u ß um so notwendiger vermieden werden, als Oesterreich dank seiner geographischen Lage wieder ein bedeutende 8 Handelszentrum werden kann und muß. Roch immer die Bbgabenteilung. Die Tagung des Völkevbundrates rückt immer näher ünd der Finanzminister muß daher sein Augenmerk daraus richten, mit dem angekündigten Normalbudget ins reine zu kommen, das er sich vom Völkerbundrat genehmigen lasten wird. Eine der Voraussetzungen hiezu ist, daß die leidige Abgabenteilungsnovelle erledigt wird, um so mehr, als im gegenwärtigen Budgej die Kosten der zweiten r.üppz der Besoldungsordnung noch nicht berücksichtig! die eben in der Abgäbenteilungsnovelle ihre Deckung linden sollen. EL sind daher Bestrebungen im 5luaad.w Merker Morgenzeikünyi. ‘' 17. Mal TM ' Nr. L8Äs Ueberweisungsfrage rasch zu lösen. Nachdem der Finanzminister in der Vorwoche mit den Wiener Nathausgewaltigen über die Abgabenteilungsnovelle verhandelt hatte, besprach er sich vorgestern mit 'den Finanzreferenten der einzelnen Länder. Sie haben ihm ziemlich freie Hand gelassen. so daß er jetzt, die Möglichkeit besitzt,'sich rascher mit den Ansprüchen des Wiener.Finanzreferenten Breitner auszugleichen. Aus diesem Grunde werden die A u s s i chten für eine rasche Erledigung der Abgabenteil u n g s n ö v e l l e jetzt günstiger beurteilt. - Gegenseitige FugeuMfe. Eine österreichisch-jugoslawische Konvention. ' Belgrad. 16. Mai. (Del. her- „Memr Movgemeitung".) Gestern be>aannen hier Zwischen dem österreichischen Geschäftsträger, Dr. Hoffinger, und dem Vertreter der Velar ad er'. Regierung. Univevsitätsprofessor Doktor S ch i l o w \ c, VerbaMungen bezüglich einer K o n v ention-über gegenseitige Jugendhilfe.! Die Konvention -wird voraussichtlich noch heute unterfertigt werden. '■ ' ~ " : - ':v. Sie zustande im BundMrer. Der ewige Zankapfel der politischen Barteien in Österreich. das BundeSbeer. stand gestern wieder M Nationalrat zur Debatte. Nach Erledigung der BMetkapitel „Handel und Verkehr" begann das Haus die Spezialdebatte Liber das Budget des Heeresamtes. Der Stand der Wehrmacht hat sich stark vermindert, statt der-bewMgten 30.000 Mann Mit sie nur mehr 21.363. Dieser Stvndesabbau erregte ganz besonders den. Unwillen des.. fozziabdenrokratiscben Abgeordneten Dr. Deutsch, der. obwohl er eigentlich auf den Pazifismus eingeschworen. sein müßte, blutige Tränen darüber vergoß, daß die Zahl der Wchrmäuner sich auf 18.057 verringert habe. Das Heer sei unzureichend dotiert. Bei einem Bataillon konnten die vorlschriftsmäßigen Hebungen nicht durchseführt werden, weil keine Mittel dazu vorhanden waren. Die Mannschaft mußte daraufhin bei einer Sparkasse ein Darlehen von sieben Millionen Kronen cvusnehmen. Einem anderen Bataillon hat die Gewerkschaft der Wshrmänner aus demselben Grunde einDarlehen voneine rMillion gewährt. Mit dieser Wirtschaft mache man sich nur lächerlich. Schließlich beklagt er sich noch über die Behandlung, die seiMr Stellvertreter, dem . General Körner, einem alten, verdienten General, zuteil werde, der übrigens jetzt sozialdemokratischer Bundesrat ist. Daß diese hohe Meinung von General Körner bei den Sozialdemokraten nicht immer die gleiche war, bewies hierauf Abg. Jerzabek durch BeMung? eines. Zitates aus der „Arbeiterzeitung" vom,Mai. 1919. In Besprechung eines Todesurteiles gegen einen meuternden Chauffeur - schrieb das Blatt damals: „Der Elende, dem diese sinnlose Tötung eines Menschen zur Last fallt, ist der Oberst Körner, dem für den erkrankten Korpskommandanten die Bestätigung zufiel. Wir können nicht mehr tun, aber auch nicht weniger, als daß wir >den Herzlosen der allgemeinen Verachtung preisgeben." Das Gezanke über die Wehrmacht ging dann weiter. Abg. Schneidmadl beschwerte sich, daß republikanisch gesinnte Offiziere und Wehrmänner nach allen Regeln der Kunst oder der Tradition schikaniert und gequält werden. Die republikanischen Offiziere werden aus der Wehrmacht verdrängt und, soweit das nicht möglich ist, von dem reaktionären Teil der Offiziere gesellschaftlich gemieden. Der Großdeutsche Kliemann, ein gewesener. Oberst, fand es sehr bedauerlich, daß das Heeresbudget..so sehr gedrosselt ist. Heeresminister Baugvin stellte, in Abrede, daß er persönliche Weisungen vom. Generalkommissär erhalten habe, den Stand des Heeres abzubmen. Er hedaure es, daß die finanziellen Verhältnisse der Sanievungsperiode ihn zwingen, derzeit Mit einem geringeren Stande auszukommen. Es seien jetzt wenigstens Pferde vorhanden. Als er vor drei Jahren die Wehrmacht übernommen habe, hatten wir eine Kavallerie ohne Pferde und Geschütze ohne Bespanung. (Abg. Dr. Deutsch: „Jetzt haben Sie -eine Armee mit Pferden, aber keine Mannschaft!") -Die Unterhaltung über däs Bundesheer wird am Montag fortgesetzt. Näch steSitz u n g Montag den 19. d. um 10 Uhr-vormittags. :.GRAETZ. :Ge$chg€ht®d«rJyc3@n Drei schöne Qeschenicbände gratis! bei Aufgabe eines MMoiinements auf die „WIENER MORGEHZEITÜHr H iBBiBmaanBoe Jör ¥. 520»Ö00 nnosb -♦ MtüMSt. 1. "• ■" ' > Eine Aktualität ist nichts anderes als eiur Dagwichttzkeit, d ie sich auf Wochen aus dehnt. Aktuell sein heißt, auf den Tag .beit KÄg sich einstellen, heißt, irgend etwas zum Allern-mesten eines TageS oder irgend jemand züm Mittelpunkt des allgemeinen Interesses machen. ' , - " - - Was in der Zeit wirksam ist tmt> worauf W Drffenbilichkeit mit seismographischer Sicherheit - reagiert, dasist aktuell. ■ - 2. .! Früher einmal gab es Senfatibnen, heute 'gibt es nur noch Aktualitäten. Die Sensation setzt eine Ueberrafchthieii vovrnS, «in. Erstauntsein über ein Geschehenes oder ein .Gemachtes, dessen Außerordentlich^ cu^fliegi und Staub a^fwirSät. Die Wualität dagegen erzeugtgar oft. eins künstliche Begeisterung, in die man hineingerät, weil man sich in sie hineingeredet hat. * 3. Durch eine Sensation wird der Hvhilton der eigene Leerheit mit dem Lärm eines äußeren Vorganges übertönt. Die .Aktualität schiebt den oder das ins Mi-ckfSld des Heute, um Aufmerksamkeit zu ewegxn oder gllatt Aufhebens zu machen. ' ' . Wer sich, von der Sensation mitreißen läßt, , der istwirklich. mitgerissen; das Muelle jedoch erzeugt kalhe Interessiertheit, man spricht davon, well eS das Tagesgespräch' ist, man tut mit, um gewissermaßen dem Zeitgemäßen seinen Zoll zu entrichten. . . . .* 4. . - . ■ Ich weiß nicht, ob. Wen ftüher einmÄ eme' Stadt der Sensationen war, aber ich weiß, daß. Mein eine Stadt der Aktualitäten geworden ist. In den letzten- Jahren hatte Wen immer das die Gemüter erregteohne sie zu erhitzein. Von dem Eisenkönig Breitbart bis zum Ä>xer Car- ' pentier gab es eine langefturge A-ihe von Mualitättt^ Pie oft wochenlang den Tag beherrsch^ oft tagllang dije iSturche regierten. ' V b. ' - - Bei Cärpentiier kopnte mW es mit aller WenÜrchheiL sehen, wie eine Aktualität eigentlich« entsteht.! Die .Aktualität entsteht, indem ein durch! Rellmne-erzwungenes Interesse sie zu einer solchen gemacht hat. Das wäre an sich nüht sch-limm, wenn eS .nicht Manche wunderliche., Erscheinung zeüigenwürde. Denn mit, Ler, .Aktualität, ist es wie tyi-t der^ Liebe;, macht.,blind,.oh-, wohl sie hundert .Augen hat. - . i : Ja, sie macht blind. Me sollte man eS anders als Blindheit bezeichnen, wenn beispielsweise ein Schriftsteller das zeitliche Zusammentreffen von KantS zweihundertstem Geburtstag und- Carpentiers .Boxkampf Wien dazu Be» nutzte, Carpentier nt-ii >Kant zu vergleichen. Ich habe den Artikel gelesen, -und es ist mir nicht ganz klar, ob der ArtikelschreiLer den Carpentier zu eineml Physischen „Alleszermalmer" erni'edem oder Kant.zu einem geistigen Boxer erheben wollte.; ' Zweifellos: der Vergleich, war aktuell, aber ungeheuerlich. 7. * Das Eigentümliche solcher MMitäten ist, baßsie alle den gleichen Kreislauf zurücklegen. - - « Zunächst nimmt sie die Oeffentkichkeit zur Kenntnis, hierauf wird in einer gewissen Presse für sie die' Trommel geschlagen, bann gelangen sie in die sogenannte Breite OeffMlichkeit und landen zu guter Letzt im — Kino. \ Und hat sie erst die Leinwand geschluckt, bann sind sie vorbei! und abgetan, dann hören sie eben auf, aktwell zu fein; Dann sind sie nur noch eine Kino-Attraktion. ____ S; MeiselS. Richard Straab - Ehrenbürger von Wie«. In der gestrigen öffentlichen Sitzung des Wiener Ge« meinderates hielt Bürgermeister Seitz im Einvernehmen mit den Parteien des Gemeinderates ein kurzes Referat üb« die Ehrung Richard Strauß'. Er führte folgendes aus:. Am 11. Juni feiert Richard Strauß,- der große Komponist, dessen Name in d« ganzen. Welt bekannt uwd bevühm>t ist, seinen sechzigsten Geburtstag. Die künstlerische Bedeutung Richard Strauß' ist in den letzten Wochen eingehend gewürdigt . worden. Berufenere als ich haben darüber ihr Urteil gesagt und die Nachwelt wird dieses Urteil bestätigen. Richard Strauß ist aber auch speziell eine Wiener ErscheiM-ng, er hat der Wiener Kunst in der ganzen Welt Achtung und. Anerkennung errungen und, wo immer sein Name erklingt, klingt auch d« Ruhm Wiens als Kunststadt mit. Er ist im wahren Sinne des Wortes, wenn auch nicht staatsrechtlich, unser Bürger geworden, er hat in Wien seine zweite Heimat gchmden. und . ich glaube, der Uebereinstimmung mit dem gesamten Gemeinderat. sicher zu sein, wenn ich es als unsere Pflicht betrachte, den Künstler auch weithin sichtlbar zu ehren, Ich stelle namens deS Stadt» senats den Antrag, Richard Strauß zum Ehrenbürger von Wien zu ernennen und, bitte unr einstimmige Annahme. (Lebhafter Beifall.) Der Antrag wird einstimmig angenommim.

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