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Wiener Morgenzeitung · 1924-05-17 · Heft 1887 (17.5.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1887 (17.5.1924)
Date
1924-05-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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« Serie 2 Wien, ScknMag .j*—.—■■■■■. ..- —-- ' gern verlohnt hätte. Die Großen und Mächtigen tvarfen m Würfel, und, indes das Volk zugrunde ging, fischten sie aus seinen Tuschen den Kriegsgewinn. Sie erzeugten den Schlvmmstrom, in dem ' die Haie hinter den Helden trieben, und es sich wohl sein ließen. Der Umsatz muß es bringen. Dieses Wort hat einen schrecklichen Sinn bekommen und es hat auch bis in unsere Tage Geltung behalten. Was des Bürgers Fleiß geschaffen, das prüfte jene kaltäugige Gilde der Spekulanten, die alles zu nützen weiß, alle Zeiten und Systeme überdauert, und den Haß und die Hetze gut bezahlt, weil sie daran verdient. Sie ist eine stets lebendige Quelle der Verführung für eine Jugend, die ringsum nur das Unrecht gedeihen sieht, die die Macht der Geldgewaltigen sieht und daneben die Arbeit und den Geist geringschätzen lernt. Der Krieg ist — und das ist der Inhalt des Unglücks, das der Bundeskanzler beklagt — nicht abgeschlossen. Cr dauert fort. Er war aus der Spekulation geboren, die Vorstufe zu den Etappen, die Spekulation auf das Blut. Und alles, was geschieht, und wohin die herrschende Politik zu treiben scheint, ist die Rückkehr zu dieser Vorstufe. Die Billionen der Gemeinde Wien. -8t. W i e n, 17. Mar. Der Finanzkrach in Oesterreich ist leider keine Privatangelegenheit der betroffenen Spekulanten und Geldinstitute. Er lastet mit voller Wucht auf Industrie, Händel und Gewerbe, somit auf den breiten Massen. Zur Deckung der Verluste im Börsenspiel müssen alle verfügbaren Gelder herangezogen werden. Um rasch zu GeD zu gelangen, haben die Wiener Banken den Industriellen, Gewerbetreibenden und Kaufleulen die Kredite gekündigt. Die Nächstliegenden Folgen dieser Maßregel werden Zahlungseinstellungen, Stillegung zahlreicher Betriebe, Arbeitslosigkeit und L o h n v e r r i n g e r u n g sein. Die . österreichische Sozialdemokratie hat die Gefahr erkannt und fordert unter Aufbietung aller politischen Machtmittel, in ihrer Presse und im Parlamente billige Kredite für die bedrohten Industrien und Gewerbe. Sie verlangt vor allem von der Regierung, sie möge die Mittel -der Nationalbank und die noch verfügbaren Reste der Sanierungsanleihe zu billigem Zinsfüße den soliden, notleidenden Unternehmungen, mcht aber den Banken und der Borst zur Verfügung stellen. Die österreichische Sozialdemokratie tut recht daran. Aber der heilige Eifer, mit welchem ihre Führer im Parlamente und in der Parteipresse gegen die zaudernde Regierung Sturm laufen, trägt den Stempel fataler Einseitigkeit. Wer von anderen fordert, 'sie mögen helfen, muß mit guten: Beispiele vorongehen. Warum Helsen die Sozialdemokraten nicht, soweit es in ihrer Macht liegt? Die Sozialdemokraten sind die Herren der Gemeinde Wien. Die Gemeinde Wien verfügt über viele hurwerte Milliarden überschüssiger Steuergelder. Die Fürsorgeabgabe, deren Erträgnisse die kühnste Phantasie ihrer Ersiüder weit übertroffen haben, und noch andere neu eroffnete Steuerquellen haben im Vereine mit dem Umstande, daß die städtischen Betriebe rentabel arbeiten, bewirkt, daß der Gemeinde Wien enorme flüssige Mittel zur Verfügung stehen. Der Finanzreferent der Gemeinde hat wohl die, Bekanntgabe des Kassenstandes verweigert. Aber es sind'sichere Anzeichen dafür vorhanden, daß eine Schätzung auf zwei Billionen nicht allzu hoch greift. Warum stellt die Gemeinde Wien in dieser Zeit der höchsten Kreditnot unseren industriellen und gewerblichen Betrieben -ihre freien Gelder nicht zur Verfügung? Weshalb gibt sie nicht gegen ausreichende Sicherstellung Verzinsung und für nicht allzulange Frist soliden Betrieben Kredit? Die Gemeinde Wien leiht heute ihr Geld den Wiener Großbanken und bekommt dafür fünfzehn bis achtzehn Prozent. Bor den Schaltern dieser Banken drängen sich kreditbedürftige Unternehmer, welche mit Absagen abgespeist werden. Wer besonders geschickt ist, ergattert sich auf Umwegen kurzfristige Kredite zu dreißig und vierzig Prozent. Die Unternehmer, welche mit leeren Händen nach Hause kommen, müssen sofort ihre Betriebe sperren, die Arbeitnehmer aufs Plaster werfen und den Ausgleicher rufen. Die Glücklichen, welche mit vierzig Prozent begnadet wurden, können genau ausrechnen, wann sie das gleiche werden tun müssen. Die Handlungsweise der Herren des Gemeindesäckels ist grotesk. Es soll gar nicht davon gesprochen werden,, daß diese HaMungsweise zu dem politischen Programme, welches die Bekämpfung des Großbanikkapitals vorfchreibt, in einfach lächerlichem Widerspruch steht, auch nicht von dem Widerspruche zum wirtschaftlichen Programm, welches die Ausschaltung jeder Zwischeninstanz in der Produktion anstrebt. Es genügt, auf den ungeheuerlichen Zustand zu verweisen, daß der Bürger sein Geld zur Gemeindekasse trägt und sich dieses sewe Geld bei den Banken erbetteln und m$t vierzig Prozent Zinsen bezahlen muß. Der eventuelle Einwcmd, daß es sich um Gelder handelt, welche innerhalb des Budgetjahres verwendet werden müssen, kann vorweg abgew lesen werden. Es handelt sich nicht darum, die Gemeinde für alle Zukunft zum Kreditgeber von Industrie und Gewerbe zu machen. Das ist schon aus dem Grunde uninöalich, weil aus die Dauer -ine Fortsetzung der Steuerp-Äftü der Gemeinde, Heren Ao'Mat die .Aufftapelung von Wtfam A tm Wiener Moraenzeitung. 17. Mar 1924 Nr. 1887 •r-wi Sie, Wirtschaftskrise in Lesterreich. In einer christlichsozialen Versammlung im Dreher- Saale auf der Landstraße hielt Bundeskanzler Dr. Seipel am Mittwoch eine sehr bemerkenswerte Rede, in der er unter anderem ausführte: „Gerade in den gegenwärtigen Tagen scheint es mir gut zu sein, daß wir uns in größerer Zahl zusammenf'mden, weil die Zeitverhältnisse derartige sind, daß m a n ch e über den Weg, den wir gehen sollen, wieder Zweifel zu bekommen scheinen. Auch einem überzeugten Anhänger unserer Sanierungspolitik könnte ein bißchen Zweifel kommen, wenn er sich die Leute und ihr Gehaben anschaut. Bor längerer Zeit Prägte ich einmal das Wort von der Sanierung der Seelen. Das war aber nicht nur eine Erinnerung an meinen eigentlichen Beruf oder, wenn Sie wollen, ein Rückfall in diesen Beruf, daß ich so den Versuch machte, den Leuten ins Gewissen zu reden, und sie an die Notwendigkeit von Reformen im eigenen Innern zu mahnen, sondern es war auch ein Notschrei angesichts besten, was ich beobachten muß. Gerade in diesen Tagen drängt sich mir ein. solcher Notschrei neuerdings auf die Lippen. Wir sind in eine ernste Wirtschaftskrise geraten. Man bringt sie mit Recht mit all der Unruhe und Unordnung in Zusammenhang, die in den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der ganzen Welt herrschen. Insofern ist sie gewiß nicht bloß eine österreichische Angelegenheit. Äeuß-erlich ist die Krise durch den Sturz und den Plötzlichen Wiederaufstieg des FrankenkMes ausgelöst worden. Wer genauer hineinsieht. weiß aber, daß sie keineswegs von der Frank enspetulation allein stammt. Diese half mit, sie gab den letzten Anstoß und machte auch das Ausland mehr, als es früher der Fall tvar, auf gewisse noch immer ungesunde Verhältnisse in unserem Wirtschaftsleben aufmerksam. Aber die Krise hätte auch kommen müssen, wenn nicht gerade -der Frankensturz dazugekommen wäre. Vor zwei Jahren war eine der Ursachen unseres wirtschaftlichen Elends der Umstand, daß viele, die über bedeutende Mittel verfügten, sie nicht unmittelbar der Volkswirtschaft zur Verfügung stellen wollten, tveil sie an die Möglichkeit ihres Wiederaufbaues nicht glaubten. Sie warfen sich lieber auf die Spekulation. Damals war es die Spekulat i on auf d en Sturzrznserer Krone und das Steigen der Fre md Valuten. Dann trat die gewisse tote Zeit ein. Es waren dies die Sommevwochen 1922, in. denen alle die Flügel hqngen ließen. Auch die Flügel der Spekulation fanden nicht mehr Wind genug, um zu flattern. Seit dem 2. September 1922 ist unsere Krone stabilisiert. Und nun frage ich, wie lange hat es gedauert, bis eine eine neue Spekulation einfetzte, jetzt die Spekulation in Effekten. Ohne daß die Erträgnisse der Wertpapiere gestiegen wären, hat man ihre Kurse hinaufge'steigert. Wer hat ein Interest« an einer solchen Kurssteigerung, wenn nicht zugleich dv Dividenden bester werden? Nur jene, die die Effekten in geeigneten Moment wieder zu verkaufen gedenken, uich jene, die eine dauernde Kapitalsanlage, eine wirkliche Be- , teiligung an den Unernehmungen. um deren Papiere ef sich handelt, suchen. Auch das ausländische Kapital ist viel fach die gleichen Wege gegangen bis tief in die Frankenspekulätion hinein. Mer darüber haben wir jetzt nicht zu richten. Bei uns Müssen wir Ordnung machen. Nun ist die große Frage: Wird nach der schmerz, lichen Lehre, mit ber die z we it e Spekulationsperiode abschlicßt, nachdem gar manche unter die Räder gekommen sind, ein anderer Brauch zur -Herrs cha f t g e l a n g e n? Von den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, die Menschen aufzuklären, erwarte ich mir nicht eine vollständige Aenderung. Es wird weiter spekuliert werden; insbesondere, wenn irgendwo eine Währung ins Wanken gerät. Aber es ist doch ein großer Unterschied. Die einen werden sich an diesem Geschäft beteiligen, weil sie sich eben ein solches Geschäft nicht entgehen lasten wollen, aber sie werden nur mit einem Betrag, den sie vor sich selbst verantworten können, in das Geschäft hineinsteigen. «Bisher gab es aber noch zu viele reine Sprelernaturen aus der Krieg's- und Nachkriegszeit. Denen ging es, wie - es den Spielern überhaupt zu gehen Pflegt. Wenn sie durch " das Spiel gewonnen haben, nehmen sie sich vor, nie mehr zu spielen. Wenn daun aber eine Gelegenheit zum Spielen kommt, dann sagen sie: Heute spiele ichnoch einmal, von m o r g e n a n w e r d e i ch s ö l i d. Wir dürfen aber auch nicht übersehen, daß noch so viel vom Geiste der ersten Nachkriegszeit in Kreisen lebt, deren Tätigkeitsgebiet sichert nicht das Geldgeschäft ist, daß auch viele, denen es nicht an der Wiege gesungen wurde, sie würden einmal in der Spekulation gewinnen oder verlieren, sich mitreißen ließen. - Man sagt mir, daß besonders.d.iele junge Leute auf . diesen ^eg glommen sind. Sie sehen "s von anderen, wie es gemacht wird, sie beobachten hie und da einen sogenannten genialen Spekulanten, und ween sie zu nichts anderem Genie in sich fühlen, glauben sie doch, den genialen. Spekulanten es leicht gleich tun zu können. Sehen Sie, auchdiefesoprosaifchen und we111icheu Sachen, wie es das Geschäft und eine Börse'nkrife sind, schreien doch nach der Satt i e r u n g der Seelen, nach .dem Einstellen -der Seelen auf eine a n d e re D e n k w e i se, nach derWiederäufrichtung von Idealen, vor allem aber " danach, daß keiner die Schuld nur dem anderen gebe, sondern jeder an sich selbst denke und in sich' die Wurzeln des Leichtsinns, der Genußsucht und alles Gösen abzutöten suche. durchführbar erscheint. In den Zeiten . der Hochkonjunktur und der fabelhaften Börsengewinne konnte sich der Finanzreferent diesen tiefen Griff in die Tasche der Steuerzahler erlauben. In normalen Zeiten, wenn, die Erträge der Unternehmungen wieder auf Arbeit und nicht auf Spekulation gegründet sein werden, wird auch der Finanzreferent seine Ansprüche bescheidener gestalten müsten. Aber für den kritischen Augenblick kommt nur folgendes in Betracht: Industrie uwd Gewerbe drohen unter der Kreditnot zusammenzubrechen. Rasche, wenn auch kurzfristige Kredithilfe ist unbedingt erforderlich. Die Genreinde hat Billionen frei,, zumindest für einige.. Monate' freu Sie gibt' düs' Gold an BanM, welche es' gar nicht oder zum doppeltes und dreifachen Zinsfüße an die Industrie und das 'Gewerbe weitevgeben. Die Gemeinde muß ihr freies Geld direkt der Produktion zur Verfügung stellen, welche ihr die gleichen Sicherheiten und die gleiche Verzinsung gerne bieten wird. Es liegt in der Hand der sozialdemokratischen Gemeinderatsmajorität, diese Aktion rasch in die Wege zu leiten. Erst öann wird, sie mit gutem Gewissen und vollem Nachdrucke an die chriftlichsoziale Regierung die Forderung nach Hilfe für die bedrvhte Produktion .richten können. Ser Anfftand in Syrien. (Cigendienst der ,Mener Movgenzeitutttz".) Berlin, 16. Mai. Dem „Beniner DagMatt" wird aus Rom gemeldet: Die Kämpfe in Südsyrien wachsen sich zu wahren Feldschlachten aus, wobei die Lage der Franzosen immer kviÄscher wird. In ganz Syrien verbreitet sich der Ruf: ,-Hinaus mit den Franzosen!" Das ,Merliner Tageblatt" erhalt dazu noch aus Konstantmopel folgendes Telegramm: Die Kämpfe 'in Shvien rufen die wildesten Gerüchte hervor, so die Nachrichten von der Beteiligung Lossows und regulärer türkischer Truppen und Gendarmen. Tatsache ist ein wohlorganisierter und mit GeDmittsln versehener Aufstand der türkischen Bevölkerung, dem die volle Sympathie der Düiriken gehört. Die drei französischen Divisionen, welche die syrische Besatzung bilden, reichen knapp zur Defensive aus. Frankreich will, wenn möglich, das shÄsche KvoVlem erst nach Maßgabe deS Ausganges, der Bsqn, - ‘ Sie englisch-russische Konferenz. London, 16. Mai. Heute fand wieder eine Plenarsitzung der englisch-mMchen Konferenz statt, in -der Unterstaatsisekretär Ponsonby den Vorsitz führte. Es wurde der Bericht des Unterausschusses a n g e n o mm e n, der die GültigM der VvrkriegsVerträge zwischen England und Rußland zu prüfen hatte. Die Konferenz beschäftigte sich sodann mit dm Verträgen zwischen mehreren Staaten, unter denen sich auch, England und Rußland befinden (wie zum. Beispiel über Post-, Tele- Mphen-, KalbÄverkehr u. dgl.). Ferner wurde in der Sitzung die Frage der Schadenersatzansprüche englischer Priivat- und juristischer Personen seit der russischen Revolution behandelt; die englische Delegation schlug die Ernennung eines Schiiedsgerichtes zur.Feststellung der Höhe der Schadenersatz« , ansipvüche vor; die Russen mödifigjierten diesen Vorschlag dahin, daß das Schiedsgericht nur dann vngevufen werden solle, wenn, sich in direkten Verhandlungen mit. den Geschädigten keine Einigung erzielen lasse.; j Sie Wischen Mitglieder der srimMschen Kammer. ' Paris. 18. Mai. T. St.) Die solgeM» WM Persönlichkeiten sind in die neue französische Kammer gewählt worden: Der Marineminister im Poineare-Kabinett Bokanowski (nationaler Block); M. Scheer und M. S i I b e r m an (Republikanischer Bund); Drp. Leon .Blum, Mitglied der französischen Keren Hajessod-Kommission, M. WLill und M. Uhry (Sozialisten); M. Meyer, Milhoud (Radikalsozialisten); Jgnaee, M. Frybourg und M. Abrami (Clemencisten). Der Sekr-tär Clemenceaus, G'arges Mandel, sowie Baron Maurice de Rothschild sind M der Miuderhüt geblieben. Bemerkenswert ist -die Niederlage des Führers d'er>. royalistischen antisemitischen -Partei Leon Daudet. . ..!. N\ Set Frankenftm. Paris, 16. Mai. (Tel. der „Wr. Morg-enzmtung".) Heute nachnrittaigs wurde plötzlich m Muistervat zusamlneniberufen, in welchem der Mnanznstuiste-v Wer M« UM Stütz Hing d e AFF raU,Henk n r s" ^WWenW^ > E-aßMbmen Ne^yiM eMattckei v «BMawWUtfoMg»

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