Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1883 (13.5.1924)
- Date
- 1924-05-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MM^V ~ ~~ Men, NenMg " ~ % " Wiener Morgenzeitung. Ae Umwandlung bei der Allgemeinen Jepostteubank. Hoftat Aniold Aorta übernimmt da« Präsidium. Auf Wunsch der fünf Großbanken, welche oie kürzlich gemeldete, die Allgemeine Depositenbank betreffende Transaktion abgeschlossen haben, wird das ftühere Vorstandsmitglied der Unionban?, Hoftat Arnold Barta, das Präsidium dieses Instituts übernehmen. Außerdem -werden dieft Banken Persönlichkeiten aus industriellen und kommerziellen Kreisen in den Berwaltungsrat der Allgemeinen Depositenbank delegieren. Hofrat Barta ist sowohl in den Wiener als auch in den internationalen Fiiiarrzkreifen allgemein bekannt und genießt das Ansehen eines hervorragenden Baukmanues. Er gehörte früher der Direktion der Ungarischen Agrar- und Rentenban? an. Im Jahre 1914 wurde er in den Vorstand der Unionbank berufen, an deren Leitung er bis vor ungefähr einem .Fahre maßgebenden Anteil hatte. a Fllnfandsechzigtansend Menschen. In langer Reihe kriechen übervolle Straßenbahnwagen. Eine endlos« Autokette schiebt sich vorwärts. Am Ziele em buntes Durcheinander. Hastende Menschen, schreiende Verläufer, Wache und Kommandos, Berittene und Wagenpark. Was rennt das Volk, was wälzt sich dort? Fußball... Noch um Mitternacht goß dieser wonnevolle Mai seinen unerbittlichen Regen nieder und ein Frösteln ging durch die Stadt. Am Morgen aber strahlte die Sonne und zog durch das Gemüt. Maiwunder. Die braven Meteorologen harten es vorauSgesagt und eS mußte so kommen. Es wurde ja nicht geboxt, es ging um Sport, um Fußball . . . Der grüne Rasen blinkt. Ein Kommen und Wandern, Suchen und Schwirren, der Menschenstrom scheint unaufhörlich. Endlich ruhen die Scharen. Hoch hinauf ansteigend klebt die Riesenmasse, ungeheuer und schwarz schaut sie herab. Der grüne Rasen blinkt. Er ist noch leer, und in der Mitte Tiegt das kleine Leder, der große Herrscher, das runde Ding, der Gigant des Tages, voll rätselhafter Hypnose süv 130.000 Augen, der F u ßball... Zweiundzwanzig sehnige Gestalten betreten das Feld. Elf und elf. In die Menge kommt wieder Leben und Bewegung, dann wird es stille, denn das Spiel beginnt und wird mit heiligem Ernst verfolgt. Last und L.'id, Freude und Glück, alles ist vergessen. Fußball einst: Wachleute scheuchen die Bul«en von I Wiesen unfo Baugrund. Heute: Ein ganzer Kordon achtet auf Ordnung. Einst fluchten die Men dem Spiel, heute wallfahren sie hin. Das Spiel von heute, die Leidenschaft des Volkes, der Massensport, den Zweiundzwanzig vorführen und dem Tausende bebend folgen, der sie dem Kaffeehaus entführt, ist Fuß 6 a I l. Dort laufen die Zweiundzwanzig und springen und kämpfen und fallen. Die Verletzungen find unwillkürlich. <Mcm sagt, nicht immer.) Immerhin kommen auch die Sadisten beiderlei Geschlechts auf ihre Kosten. Die Zuschauer sind hochgespannt und die Gefühle brechen sich Bahn. Anerkennung, Genugtuung, Beifall, Aevger und Wut bis zum Jauchzen und Toben tönen schrill durch den Raum. Fremde umarmen einander, Freunde, in verschiedenen Lagern scheiden haßerfüllt. Besonnene Meirichen und friedliche Bürger werden rabiat, ernste Männer klein und kindisch. Beleidigungen fallen und Drohungen zucken, Zusammenstöße ballen sich zusammen, da werden Weiber ... im Rausch des unergründlichen Spieles zwischen ,Mravo" und „Pfui" des Fußballs... Die Schlacht ist geschlagen. Der Strom wird abgÄeitet. Die große Arena schweigt und der Rasen ruht. Die Menschen dampfen noch und die Ernüchterung kommt langsam. Doch durch das Gespräch der Woche zicht der Magnet bis zum nächsten Rausch. Körperlsport, sagt man, Lustbarkeit, meinen die Behörden. (65.000 Menschen ift gleich 350 Millionen Steuer.) Die Jmiin-:- der Generation regiert Fußball... Ali. Girardi« Nachlaß. Auktion -ei Albert Kende. Irr dem zweiten Teil von Girardis Nacht aß, der Neben wertvollen Beiträgen aus Wiener Privatbesitz., u.a. der Bildersammlung der Baronin Natorp, vom 15. bis 17. d. in der Kunsthandlung Albert Kende, Wien, 1. Bez./s Kärntnerstraße 4, zur Versteigerung gelangt, sind besonders die Reliquien von Ferdinand R a i m u n d und Johann Nestroy bemerkenswert. Eine Locke vom Haupte Rai-, munds, ein lithographiertes Porträt des Dichters mit dessen eigenhändiger Unterschrift, eine Raimund-Medaille und eine Raimund-Misiiatur, die um 1830 anzusetzen ist, sind kostbares Erinnerungsgut. Zwei figurale Brvnzetintenfässerl. die Nestroy in der Rolle als Sansquartier darstellen, ein Briefbeschwerer.mit einer Widmung des Direktors Carl, rufen die Erinnerung an Girardis Jugend wach- Einq große Zahl von interessanten Girardi-Reliquien gelangen diesmal zur Versteigerung, darunter die «Büsten, welchje den großen Künstler in seinen berühmtesten Rollen darstellen (eine B«einbüste als Csupan, eine Bronzebüste als Vogelhändler, eine Gipsbüste als Valentin ufl.). Auch der jSchellenstab, den Girardi im „Hofnarr" trug, wird ausgeboten sowie die Widmungsmappe, die das Personal des Theaters an der Wien Girardi zu seinem 25jährigen Bühnenjubiläum überreicht hat. Auch die vielen reichen Geschenke, die .Girardi vom Hofe erhielt, gelangen zum Ausbot. In der Auktion, die bis zum 14. d. zu besichtigen ist, ist eine Reihe von Schauspielerautogrammen sowie ein interessantes Autographenalbum mit Eintragungen berühmter Musiker, Schauspieler, Mater, Dichter, Forscher iu fl. in Lederband hervorzuheben. Eine Anzahl von Schauspielerporträts, ferner son-stiger Wiener Theatralia, englischer und französischer Stiche, Antiquitäten sowie eine reichhaltige Bildersammlung, in der Waldmüller, Uprka, Sawyer, Richet, Isidor Kaufmann, Gauermann, Franz Alt vertreten sind, geben der Auktion wertvollen künstlerischen Rahmen. Fsir dm Mieterschutz. Ei» Demonstrationsaufmarsch in Wien angekündigt. Sonntag und Montag fanden Masseuprotestkundgebuugen der Mieterschaft gegen den beabsichtigten Ab «bau des Mieterschutzgesetzes und gegen die vom Zementkartell geforderten Hochschutzzölle auf Zement und andere Baustoffe statt. Als Eiubmifer diesen Massenmeetings s'mgierte der über 400.000 Mitglieder zählende Verbarid der Mietevvereiwigungen Oesterreichs. Es wurden zwei Resolutionen angenommen, von denen die eine gegen den.Abbau des Mieterschutzgesetzes protestiert und die Schaffung des Ausgleichssonds verlangt, während sich die andere gegen den beabsichtigten Hochschutzzoll aus Zement wendet, der die Wohnbautätigkeit gefährden und alle Reparaturen erschweren oder unmöglich machen würde. Die versammelten Mieter warnen, ebenso wie die Landwirtschaft die Regierung, die Langmut der -Bevölkerung nicht auf die äußerste Probe zu stellen. In den Versammlungen wurde auch mitgetvilt, daß demnächst der Ruf an die gesamte Mieterschaft Mens ergehen werde, sich zu einem d e mo n st r a t i v e n A uf m a r s ch in den Straßen Wiens für den Mieterschutz und gegen den Zementzoll einzufinden. Giti schrecklicher FaunlieiidMim. Eine Mutter vergiftet sich und ihre Kinder. Auf der Wieden hat gestern nachts eine Frau, dis den Schmerz über den Tod ihres Gatten nicht verwinden konnte, im Uebermaß des Leides Selbstmord begangen und ihre beiden Kinder mit in den Tob genommen^ Wir erfahren darüber: Im Hause 4. Bez., Rairiergasse 24, wohnte die 34jährige .Frau Weber mit ihren beiden Kindern, der 14jährigen Anna und dem 11jährigen Walter^ Die Familie lebte in guten Verhältnissen. Im vorigen Jahre war ihr Mann, ein Kaufmann, einer Krankheit erlegen-- er hat seine Familie wohl in guten Verhältnissen zurückgelassen, doch war die Frau Wer den Verlust vollkommen niedergeschlagen. Sie hat seither oftmals die Absicht geäußert, ihrem Gatten iin den Tod zu folgen; und dabei-halfen weder Vorstellungen Verwandter noch der Hinweis auf «die beiden noch in zartem Alter stehenden Kindjer. Gestern ftüh wollte die Mutter der Frau Weber die Tochter besuchen. Als sie an die Türe pochte und läutete, wurde ihr zu ihrem Befremden nicht geöffnet. Die Frau war von Unruhe erfüllt, da ihr die Todesdrohungen der Tochter! einsielen. Der rasch herbeigeholte Schlosser öffnete die Türe gewaltsam, und eine ' Nachbarin, die auch eintrat, nahm starken Gasgeruch wahr, der aus dem Zimmer drang- Als «die Frau in das Zimmer trat, fand sie Mutter und Tochter« regungslos auf dem Boden liegen, neben dem aufgebetteten Divan. Der Sohn lag ohne Lebenszeichen im Gitterbette. Ein Arzt, der Herbeigerusen wurde, konnte bei allen drei Personen nur den Eintritt des Todes feststellen. Frau Weber hat zweifellos die Hähne der Gasleitung geöffnet und, um sicherer den Tod zu finden, die. Fugen der Zimmer-', türen durch Tücher verstopft. Obwohl keine Zeile des Abschiedes zurückgeblieben ist, steht es außer Zweifel, daß, die Frau aus Schmerz über den Tod des Gatterr die schreckliche Tat verstbt hat. Ler Vemaltungsgerichtsfiof unter volkzeMchem Schutz. Gegen die Exzesse «^gewiesener Rentenwerber. Seit einiger Zeit wohnt allen Verhandlungen des BerwabtUWsgerichtshoses, in denen er als Jnvalidenentschädigungsgericht fungiert, ein Sicherheitswachorgan in Uniform und voller Ausrüstung bei. Anlaß hierzu bot der noch in Erinnerung stehende Selbstmord eines mit seinem . Reutenanspruche abgewiesenen Haupdmanns aus Villach, der sich nach der Urteilsverkündigimg des Verwaltungsgerichtshofes eine Kugel durch den Kopf jagte, auch mchrere schwere Exzesse von Kriegsinvaliden, die mit ihren Rentenansprüchen sachfällig wurden. So kam es vor, daß ein Beschwerdeführer nach der Urteklsverkündigung mit einem auf- : „Wiemr MrgWerLmrg" I """". 13. Mai 1924 j&Wt , gehobenem Sessel, auf den Gerichtshof losging» seinen Gewalt« aff allerdings nicht ausüben konnte, weil sich der- Gerichtshof mittlerweile schon ins anstoßende Zimmer zurückgezogen hattet Ein anderer Rentenwerber, der Won während der Verhandlung den Referenten des Senats angeschvien hatte: „Sautet! Ich hör' nix!" war nach der UrteilsvervündiWng zur Estrade geeilt mit dem Ausrufe: „Dös versteh' 4 net, sagts es g'rad heraus: Hab' i gwonnen oder verspielt'?" Als chm bekanntgegeben wurde, daß feine Klage als unbegründet abgewiesen wurde, machte er einen Griff in die Tasche, wurde aber von dem' herbeigieeilten Saaldiener überwältigt und hinausgewiesen. Ein anderer aibgcwiesener Rentenwerber wollte Selbstmord durch einen Sprung aus einen Gangfenfter verüben, und konnte noch im letzten Momente von einem GerichtSdiener zurückgehalten werden. Auch Fr men haben Anteil an den Exzessen. So erschien ein Bauernchepaar aus einem niederösterreichischen Orte als Rentenwerber wegen Entganges der Beihilfe durch ihren im Kriege gefallenen Sohn. Nach Verkündi- Mng des abweisenden Urteils stürzte der Mann wortlos in voller Länge auf den Boden, während die Frau mit-geballten Fäusten auf den Senat zuging mit den Worten: „Mein Sohn habt'S mir g'nommen und zahlen wollt's nix? Mir san Wirtschaftsbesitzer sagt's ös? Mein Mann is arbeitsfähig, sagt's ös? Da schaiui's her, wie er zlammg'falln iS." Der „Zusammengestürzte" war inzwischen ebenso rasch aufgestanden, als ec zusammengesturzt war. Das ganze war nnr eine Komödie; diesnral sind es tatsächlich reiche Leute. Wegen dieser Vorfälle wurde dem VerwaltungsgevichtS- Hose auf sein Ansuchen von der Polizeidirektion ein Sicherheit s- Wachnranu für die Jnval-ldeugerichtsvechandlnugen zur Verfügung gestellt. Bis jetzt hatte der Wachmann keinen Anlaß einzuschreiten. - .>• •’ Irr SntewmtUmale Anwaltverband fttt dir Besserstellung der Richter. In einer im offiziellen Organ des Internationalen Anwaltverbandes erschienenen Kundgebung für eine Besserstellling der Richter' wird es als Pflicht der Anwälte erklärt, mit aller Energie darauf hinzuarbeiten, daß die! Richter innerhalb des 'Staates auch materiell die ihnen gebührende Beachtung finden. Es sei betrübend, daß sie gewissermaßen mit Amtsdienern, vulgo Unterbeamten, in gleiche Linie gestellt sind, so daß Zuwendungen, die man ihnen macht, gleich auch so und so vielen anderen zw-t Vommen sollen. Es kann nicht unmöglich sein, die Vertreter des Völkerbundes in Genf zu überzeugen, daß, wenn der AnfanMehalt eines englischen Richters 450 Millionen im Jahre beträgt, ein Zehntel davon für einen österreichischen nicht zu viel ist. Ioppelselbftmord eine« Arztenrhepaare«. Der städtische 50jährige Arzt Dr. Josef P. und seine 39jährige Gattin haben gestern Selbstmord vevübt. Dr. P.. der erst zwei Jahre verheiratet war, und seine Frau wurden gestern früh von der Bedienerin, die jeden Tag auftamnen kam, im Schlafzimmer ihrer Wohnung tot aufgchmden. Nach den Erhebungen haben sich Dr. P. und seine Frau im Einverständnis Einspritzungen von Morphium und Veronal gemacht und auf diese Weise den Tod. gesunden. Auf dem Tische lag ein von der Hand der Frau geschriebener Zettel, auf dem Anordnungen getroffen waren, welche Behörden sofort verständigt werden sollten. Dr. P. teilt in einem Abschiedsbriefe mit, daß er infolge völligen Nervenzusammen- Ibruches und eines unheMaren Magenleidens in den Tod gehe. Die Frau teilte mit, daß sie ohne ihren Gatten nicht leben wolle und nicht leben könne. ,• \y. tzlnstmz einer baufälligen Hanse«. Die ungünstigen Witterungsvechältnisse und der an« dauernde Re>gen der letzten Wochen haben in alten schon lange barrfälligen Häusern schwere Schäden hervorgerufen. Das Haus Große Neugasse 24 auf de«r Wieden ist vorgestern «äbends in einem Ausmaße von 12 Meter e i n g e st ü r z 1. Das Haus mußte bereits vor längerer Zeit von der Feuerwehr gepölzt werden. Ansangs April wurden dje letzten-Parteien aus dem Hause gebracht. Nur ein alleinstehender Mann blieb darin als Wächter zurück. Der Einsturz des Hauses erfolgte auf der Gassenfront, doch wurde zum Glück niemand verletzt. Das Stadtbauamt hat die nötigen Verfflgungen getroffen. Auch im ebenerdigen Hause, Guglgasse 33, mußte die Feuerwehr Stützungsaribeiten vornehmen. Passive Resistenz der Svitalrärzte. ‘ Beginn heute, 8 Uhr früh. Infolge Zusagen des Ministeriums für soziale Ber» Wallung hatten die Abteilungsärzte der öffentlichen Fondsfpitäler bekanntlich den Plan aufgegeben, in die passive Resistenz zu treten. Da ^as Volksgefundheitsamt bisher die versprochene Not.staudsaushll.fe nicht mrsgezahlt hat, die den anderen Angestellten anstandslos ausgefolgt worden war, treten die Aerzte heute um 8 Uhr ftüh in die passive Resistenz. Um 10 Uhr vormittags finden in allen Spitälern Vollversammluligen der Aerzteschaft statt, in denell weitere Maßnahmen bosü)l«.sssen werden.. Ja« Wetter. Das von den Meteorologen angekündigte bessere Wetter ist lätsächlich am Sonntag einge,treten und auch gestern treu geblieben. Nur in Vorarlberg regnete es. Leider ist für heute veränderliches und vovwi-egend schlechtes, kühles Wetter angekündigt, so daß die Hoffnung-auf andammde Besserung voreilig war.