Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1883 (13.5.1924)
- Date
- 1924-05-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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/ H . v K».' 1865' ~ Wien, Dienstag k iilNWliich verarmt, zog nun Lhimonnier von Ort zu Ort tattf» führde tzas Modell seiner Nähmaschine, das er sich selbst W Hvt wie MlÄMch angöfertigt hatte, gegen ein gervirges EntgLlddem «-öltgkvvgeu PMikum vor. Der ideenreiche Schneider Wfbe, ,.auf der Londoner Weltausstellung von 1891 Interessenten für seine Erfindung heranMgiehen; «der auch diese HofsimM war vergebens. Gänzlich unbeachtet stand die Maschine da; verbittert und vergrämt starb Dhimonnier schon sechs. Jahre später ün.Armenhaus von St. Etionne. JnKvijschen war aber jenseits des Ozeans großes Interesse für das Problem der NÄHmaschme erwacht: 1831 erstand der New-Torkker Hunt eine Äiaschine für Doppelsteppstich, die zur Grundliaye der heutigen Schisschemnaischine geworden ist. Mer aus Mangel an Adnt und Selbstvertrauen vermochte Hunt Nicht seine Erfindung weiter auszubauen und zu verwerten. Ein gewisser Elias Howe aus Spencer im Staate Massachusetts ließ sich dann 'in: Jahre 1816 eine Maschine patentieren, die der Huntschen sehr ähnlich war. Aber schon trat ein Konkurrent gegen Howe aus: I. M. Sing er,«dem 1891 ein Patent für ein neues Modell erteilt wurde. Er hat der Nähmaschine eine große Verbreitung gesichert, und seine energische Arbeit ließ den armen Schneider Thimonnier gang und gar in Vergessenheit geraten. Wenn dieser kleine Franzose auch nicht als der einzige Erfinder zu betrachten ist, so war doch das von ihrn gebaute Modell mit derart wcseniblichen Vorzügen gegenüber den Konstruktionen seiner Vorgänger ausgestattet, ja, es war das erste brauchbare Modell überhaupt, daß man doch das Jahr 1814 als das eigentliche Entstchungsifahr der Nähmaschine betrachten darf. Selbstmord einer Berliner Bankier». Wegen Börsenverluste. Berlin, 12. Akai. der „Wr. Mochsngeiinng".) Der bekannte Bankier, Viktor Reimer Hai sich wegen großer. Bö rs e nverluste mit VeronaI v e r-- gtstet. Vertauschte Köpfe. Transplantationen an lebenden Insekten. 'Der Biologe Walter Finkler, ein gewesener Assistent Professor Kämmerers, - hielt im Hhdro-biologischM Verein einen Vortrag über seine Versuche von Transplantationen an lebenden Jüsekten. Cr führte unter anderem aus: Im allgemeinen ist die Verpflanzung von Körperteilen an lobenden Insekten bei weitern nicht so schwierig, wie der Laie sich das vorzustellen pflegt. Diese Tiere besitzen eine ungeheure Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit. Ms Beispiel für die besondere Zähigkeit gewisser Insekten, insbesondere einiger Käftrarten, führt her Hortragerrde seine Experinrente.an, So setzten zum Beispiel Kaser trotz Am Pu tat io n des Kopfes das begonnene Begattungsgeschäft fort, Heuschreckennrännchen flogen ungeachtet der operativen Entfernung des Hinterleibes zu-den Weibchen usw. Diese Versuche nun führten in vielen Fällen! zur Lösung von Problemen auf biologischem Gebiete oder brachten diese der Lösung naher. Ws Beispiele führt Finkler die EKerimente Steinachs an Keimdrüsen an, die den.Beweis für das Vorhandensein der Drüsen mit innerer Sekretion erbrachten, ferner die A u g e n t r a n s p l a n t ationen Köppanyis, die bereits zur erfolgreichen Verpflanzung von Augen bei Menschen geführt haben usw. Diese Operationen werden jetzt alle nach der Wiener Schule Hans P r i b r a m s durchgesührt. Diese Methode unter- . scheidet sich von der früher üblichen dadurch, daß die frsncken Körperteile nicht geklebt oder angenäht, sondern einfach in die natürliche Lage eingeführt werden. Seine Versuche nahm Finkler hauptsächlich an Wasserkäsern, Rückenschwimurern, Mehlwürmern und Schmetterlingspirppen vor. Bei Verpflanzungen von Köpfen von Männchen auf Weibchen -und nmgekchrl, zeigte sich stets eine Jnstinktänderung, und zwar richtete sich der Sexualtrieb immer nach dem Kopfe. Manchen mit weMichen Köpfen benahmen sich wie Weibchen und Weibchen mit männlichen Köpfen fühlten sich zum zarten Geschlechte hingezogen. Besonders interessant ist das Ergebnis eirrcs Versuches mit Rückenschwimmern. Von dieser Wanzeirart gibt es zwei Arten; sine dunkle und eine Helle. Finkler hat nun einige Exemplare der Hellen Sorte während des Schwimmens in einem Bassin grellem Lichte ansgesttzt, und zwar derart, daß in das Bassin,' das verdunkelt war, nur'von oben her Licht fallen konnte. Nach längerer Bestrahlung der Unterseite der Insekten zeigte sich die interessante Tatsache, daß sich der Bauch völlig dunkel gefäöbt hatte. Finkler sicht in diesem Faktum beit Beweis für die HaltlosigLeii der Theorie, welche annünmt, die Fische und andere Tiere trügen ihre dunklere« Rückenfarben zum Schutze, um von ihren Feinden nicht so leicht ivahrgenmnmen zu werden. Cr sieht in der dmMeren Färbung nur den Einfluß des Sonnen--' lichtes auf dar Pigment der Haut. Ein anderes Experiment erwies, daß sich bei -der K opft transplantation, ähnlich wie bei den Wasserkäsern, auch di^e Haut färbe, änderte. Dunkle Rückenschwimmer bekamen helle Hautfarbe, wenn ihnen helle Köpfe aufgesietzt wuvden und im nmgekchrten Falle, helle Jlvsskten dunkle Farbe. Wiener: Morgenzertung._l3. Mai 1921 , ■_ÄWH Me wüße Kohle. Der Stollendurchschlag in Teigitsch. Die Gäste, die zum StollenÄur'chschlag geladen. worden waren, mußten den ganzen Tag über im Freien-im strömenden Regen verbringen. Sie - erhielten so . eine kleine Vorstellung davon, was Arbeiter und Ingenieure zu ertragen hatten, nur eine kleine Vorstellung, denn die Stürme und Schneeverwehungen des Winters waren vorbei und der regnerische Mai konnte diesen vergangenen Beschwerden nichts Gleichwertiges folgen lassen. Zn den.Mühsalen des Wetters gesellt sich die fast ununterbrochene Lebensgefahr für die Arbeiter oberiags und untertags. Aber mit verbissenem Trotz kämpfen olle gegen das Wetter, das Gestein und die großen Entfernungen, alle von dem Zwange der großen Aufgabe getrieben, - hier eine großes Knltnvwevk zu schaffen, Licht- und Kraftquellen aufzuschließen und ein bisher abseits liegendes Territorium dem Vcrkchrsbereiche anzugliedern. * Oesterreich ist durch den Krieg und noch mehr durch die Not der ersten Friedensjähre daran verhindert worden, den Kampf um die Befreiung von der schwarzen Kohle aufzunehmen. Wenn man die Sache richtig betrachtet, so scheint es sich hier weniger um ein wirtschaftlich e s, als vielmehr um ein politisches Problem zu handeln, um die Befreiung von der Tyrannei der Kohle, die sicherlich eine der giftigsten Ursachen des Weltkrieges war. Die Schweiz hat sich schon emanzipiert, Oberiialien, Spanien und zu einem großen Teile auch schon Frankreich sowie Bayern haben den gleichen Weg eingeschliagen, ihre Wasserkräfte in den Dienst der Industrie und der Städtcheleuchtung zu ziehen. In- Oesterreich liegen die Verhältnisse einigermaßen schwieriger. Die Wasserkraftwerke können erst von dem Augenblick ihrer Vollendung angefangen sich für die Volkswirtschaft nutzbringend auswivken. Während der Zeit des Baues sind sie und das znm Ban notwendige Kapital sozusagen lahmgelegt, und dieser Umstand begünstigt den Widerstand, den die -Verfechter der schwarzen Kohle gegen die Elektrifizierung der Wasserkräfte leisten. Die Kohle läßt sich mit geringeren Aufwendungen in elektrische Energie umsetzen und liefert rascher Ertrag. Aber ein Danrpfkraftwerk -muß unaufhörlich gespeist werden, die Kohle muß immer wieder neu gewonnen werden, unter Einsatz von Menschen und Kapital. Dagegen ist die Wasiermenge ein Geschenk des Himmels, abhängig von der Ergiebigkeit und Häufigkeit der Niederschläge, vom Klima, von der Größe des Flußgebietes und vom Gefälle. Wenn einmal der hochgespannte Wechselstrom durch die Fernleitungen zuckt, genügen von da ab wenige Hände, um den nienmls versiegeln, von selbst weitevfließenden Energiequell zu betreuen. Das sind Erwägungen, welche sehr zugunsten der Elektrifizierung der Wasserkräfte sprechen, wenngleich die hiefiir aufgeivendeten Kapitalien erst in einem spateren Zeitraum sich zu amortisieren beginnen können. Politisch gesehen ist die Verwertung der Wasserenergie eine Sicherung der Unabhängigkeit und damit eine sehr wesentliche Bürgschaftfürden Fri eld e n. Diösem Gedanken dient das Werk in der Westfteiermark, das der Beginn großer, weitausgreifender Anlagen werden fall, dienen die Ingenieure und die Arbeiter, Man versteht, wenn man mit ihnen spricht, ihren Enthuisiasnms und man freut sich mit ihnen über den großen Augenblick, der ihnen am 4. SOM vergönnt war, als zum ersten Male indem fünf Kilometer langen Stollen die Bohrer die trennende GefteiMvarid durchstießen. Auf dem kleinen Bahnhof in Gaisfeld kommen die Fe-stterlnehmer kurz nach 7 Uhr morgens an: der Buntzes- ' Präsident Dr. H a i n i s ch, der Bundeskanzler Dr. S e i p e l, der Handelsunnister Dr. Schürfst der Landeshauptmann von Steiernrark Dr. Rintelen, die Vertreterder WeMeierinark im Nationalrat und im Landtag, die führenden Persönlichkeiten der österreichischen VoWtvirtschaft, ‘Präsident Kamillo Castiglioni, der Direktor des Bankvereins Lippe, der geüveseire Mlnisterpräisident Dr. Seidler, der Vertreter der Wiener Baugesellfchaft Direktor Architekt Dr. Arnold Kar plus und die Vertreter der Wiener und der anslvärtigen Presse. Am Bahndanrm begrüßt eine Mordnnng der Bürgernreister des Bezirkes die Festgäste, drüben auf der anderen Seite hat sich die Ortsbevölkerung um einen Triumphbogen versanmre'lt. Die Gesellschaft wird auf primitive Loviwagen . verladen und tritt in zwei Gruppen unter Führung von Irigeni-eureu di« Fahrt an, die zunächst bis zum Krafthaus von Amstem rm Teigitschtal geht. Die Schmalspurbahn läuft in beänAstigender Nähe der Teigitsch links und des Abzugskanals rechts. Der Regen 'hat eingesetzt, aber trotzdem ist die Wivkuirg der Landschaft, die sich in der vollen, grünen Pracht des Frühjahrs präsentiert, nicht zu beinträchtigen. Hinnmlhoch steigen die Talwande auf, dicht bestandest von - Forst, und wo der Wald ein wenig Mrückt'M, stahl man die Schneegipfel der steirischen Alpen. Eine Stunde etwa fährt man bis zu>m Krafthaus. Die Zugänge sind mit bunten Fahnen und Wimpeln, mit Tannenreisig und Blumen geschmückt, Arbeitertrupps stehen überall und b^ grüßen die Gäste.'!! i Die erste Gruppe, der PräME und die. Regierüngsmitglieder, setzen die Fahrt im Schräganstzug fort, der zweite Teil besichtigt die Kraftstation, in der .' drei riesenhafte Turbine» ' W - p die Wasserenergie, die vom Bergstollen in Rohrleitungen heruntevkommen wird, in den elektrischen Strmn nmwandeln sollen. Ingenieur Dr. Ornig, als Führer der Gruppe, und die Ingenieure Egerer und Grnnwald als Unterführer, geben hier die nötigen CÄäutermvgest. Im Herbst, des vorigen Jahres konnten , hier die Fundamente des Aiaschinerchauses gelegt und das Schalchaus unter Dach gebracht werden. Nach kurzenr Aufenthalt ge'hts mit dem Schrägaufzug in die Höhe'. Auf der Plattform ist Raum für 3V Personen. Der Aufzug fährt mit einer Langsamkeit, die änWiche Personen nervös nracht, 20s) Meter hoch hinauf und ' je höher er steigt, um so schöner wird das Bild für das Auge. Das Tal sinkt langsam in die Tiefe, nach Norden zu entrollt sich das Panorama des Gelbirges. Nach 100 Meter Höhe macht die Bahn knapp nach dem Ausweichgeleife der beiden Plattformerl eine ÄegLUte Wendung und landet heim Wasserschloß. Hier stehen wieder Rollbähnzüge bereit, wieder Loriwagen mit Bretterbänken, und es beginnt der zweite Teil der Fahrt. Sttmdenlang keucht das Züg- Icin zwischen Felsendurchschlägen, an übevhangenden Massiven vorbei, zur Rechten tief drunten rauscht die wilde Teigitsch. Sie wird bald aufhören zu rauschen. Wenn einmal hinter der gewaltigen Sperrmauer die Wasser sich zu einem Men Alpensee stauen werden, die Wasser, die dann durch den anderthalb Meter hohen Stollen durch den Berg geführt und von dort mit ungehsurer Kraft durch die Rohrleitungen auf die Turbinen niederstüvM werden^ -dann wird die Teigitsch ihr Lied vollenden und statt ihrer werden die Maschinen singen. * Endlich find wir am Ziel. MW, Böllerschüsse, Winkest und Rufen der Arbeiterschaft, die den Föstplatz umsäumt hält. Von einer Tribüne herab begrüßen Landeshauptmann 'Dr. Ri nt eien und Generaldirektor Hofbauer als Vertreter des Bauherrn, der Steirischen Wafferkraft- und ' Elektrizitäts A.-G., die Wiener Gäste und laden zur Besichtigung des Stollens ein. In langem Zuge, Mann hinter Mann, gcht man in den Berg.' Der Boden P mit Brettern belegt, die seitwärts Raum für die Luft- und Lichtleitun- .gen lassen. Ingenieure und Arbeiter mit Karbidlanchen sind in den Zug eingeteU. Nach etwa fünf Minuten stehen wir auf einem kleinen/ ausgesprengten Platz, der durch' einige Glühlampen notdürftig beleuchtet ist. Auf' einem kleinen Tischchen ist ein Taster montiert, die Leitung der- " lieft sich Mch rückwärts in die Dunkelheit. Einige Worte Dr. H o f b a u e r s, ein dreifaches Gliick auf!, Präsident Hainisch drückt auf den.Taster, und dann hallt der Sprengschuß dumpf durch den Stollen. Der Luftzug löscht mit einem Schlag, sämtliche Karbidlampen aus. Wieder ein Glück auf! und dann wird der Rückweg angetreten. Siebenhundert Meter weit von dein Taster befindet sich die Durchschlagsstelle. Auf dem Festplatz folgen nun,' während der Regen ununterbrochen niedergeht, die ofsiziellen Reden, die Verteilung der Gedenkmedaillen an die Ingenieure und die Stollenbelegschaft. Ernst und würdig gedenkt die Versamntlung der Toten, die im Dienst der Arbeit im Stollen ihr Leben gelassen haben, und PhotogvapheMpparate klappern, um jede Einzelheit der Feier festzuhalten. Dann kommt,der Rückweg. Mit der oberen Bahn zum Schrägaufzug, mit dem Auszug wieder 200 Meter hinunter, unten mit der unteren Bahn weiter nach Arnstein zur Bauleitung. Die Reden, die beiur Festmahl gehalten wurden, haben wir bereite Sonntag mitgeteilt. Um halb 5 Uhr nachmittags 'tvar die Feier beendet rtnd man nahm Abschied von den Männern, die in treuer Hingebung selbstvergessen hier an einem großen Werke der Kultur schaffen. Aus dem Zimmer der Ingenieure klang uns noch lange ihr schönes Bergrnannslicd nach: ,Mr fahren zum Himmel ans, Glück auf!" In Graz war der Bahnhof durch Gendarmen abgesperrt. Im Hoftvartesalon nahmen Präsident Harnisch und der Bundeskanzler die Vorstellung einer Menge vorr Deputationen entgegen. Jnzivischen wurde der Salonwaaerr in den fahrplanmäßigen D-Zug einrangiert, mit dem b-onu - die Fahrt nach Wien fortgesetzt wurde. . j. l. WtfN.«..A0Ult«A5tfc -% -.'-LE MW T*cftwN*7616£