Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1881 (11.5.1924)
- Date
- 1924-05-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ßtr. 1881 Wien, Sonntag MrloMen vom Tage. Es gibt noch Merkwürdigkeiten» man muß nur die Augen ^ffen yoitt>M.r.Dke-.St<ltisttk der Kuriositäten kann abermals bereichert werden. Hier-ewige Fälle: Dieser Tage ettappte ich einen Straßeickähnschafsner dabei, Äie er, während das Publikum noch lebhaft ein- und ausstieg, n icht Mäirtete. — Ich habe ein Kaffeehaus entdeckt, in welchem keiner ver Gäste für das Sinken des französischen Frankens oder eine freundlichere Bvrsentendenz Interesse hat. — Es gibt ekne Weinhalle, in der kern Besucher vorbestraft ist, sondern immer nur nachher. — Neulich traf ich eine Dame auf der Maße, die Leinen roten Hut trug und in der Oper statt: hock) Jeritza! einen anderen Nmnrn rief, ohne arretiert zu werden. Mervings verschwand sie in der Menge. — Matt schimpft auf die Chauffeure. .Bitte, jüngst fuhr ein Ausländer mit einem Wiener ANtolenker, der Lein Trinkgeld nehinen wollte! Ist das nicht schön? Dabei hatte er denr Fahrgast nur dreimal so viel gerechnet als ihm gebührte. In der abgelaufenen Woche gab e8 einen Tag, an dem in keiner Zeitung oder politischen BersammluW das Wart: Sanierung vorkam. Die Stelgemug der Preise würbe dadurch Nicht beeinflußt. — Wenn ich sage, daß es neulich einmal Krischen 10 und halb 11 Uhr vormittags keine neue Insolvenz gab, so ist das ein Kuriosum, aber man wird e8 mir vielleicht nicht glauben. — Eiirmal zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags wariw der verflossenen Woche auf der Ferdinandsbrücke niemand Lurch Orangenschalen zu Falle gekommen, womit natürlich nicht gesagt ist, daß keine dort lagen. Außerdem wurde zur nämlichen Zeit ein Mann gezeigt, der einen lebendigen Maikäfer und die zweite SchivMe gesehen haben soll, die den Sonnner macht.' — Es wupde jüngst «in Manu aufgofunden, der in seiner Wchnung ein Mephon hat und nicht im geringsten nervös ist. Allerdings ist der Mensch bereits taubstumm. — Schließlich Wurde <m namhafter Schauspieler eruiert, der noch reicht von Reinhardt engagiert ist. Obendrein soll bei eurer ansverkauften französischen Vorstellung auch ein Billeteur die Sprache des Stückes verstanden haben, wodurch die Zahl der Sprachkundigen mit den Schauspielern zusammen auf ein halbes Dutzend stieg. — Durch Zufall wurde einer entdeckt, der ausrechnen wollte, Lvas für Beträge Carpontier bei achtstündiger Arbeitszeit in der Woche verdienen würde. Der Mann hat außerdem behauptet, Oesterreich fei ein judenfteundlicher Staat. Er ift ein Hakerikmrzler rmd befindet sich im Stemhvf. Ali. Eindrücke einer Nichtzionisten beim Palastinafilm. Bon Willy Neumann-Rördlinge«. Zn den Straßen Wiens konnte man in den letzten Tagen Plakate mit der Altsschrift lesen: „Palästina-Film, eine Reise Lurch Erez Israel." Beim Lesen.des Plakates dachte ich mir: Dn hast seit einer Reihe von Jahren schon so viel von und über den Zionismus reden gehört und nichts und niemand war eigentlich imstande, dich von der Notwendigkeit und ZweckmäMeit eines praktisch ausgeübten Zionismus zu überzeugen. Wenn dir diese Ueberzengung auch ein Fllm kaum geben diirfte, aber vielleicht gibt er dir irgendeine Aufklärung oder Anregung. Diese Gedanken und die Aufforderuilg einiger überzeugter Zionisten, mir den Film anzusehen, um mir selbst ein Bild vorr der Atbeit, den Zielen und Zwecken des Zionislnus p machen, veranlaßten mich, letzten Sonntag mit einem Freunde, der ähnlich wie ich empfand, ins Tuchlanbenkino zu gehen, wo der Film aufgesührt wllrde. Wohl hatte ich mich, als denkender Mensch und Jude, mit den Problemen des Judentums seit einer Reihe von . Jahren intensiv befaßt und das Judentum nicht nur vonl Standpunkte der Rassmfrage behandelt, sondern es auch als kosmische Idee p durchdenken und beleuchten versucht, aber all dies konnte mich bisher von der ZiveckmaßUeit eines praktischen Zionismus, von der Notwelldigkeit, den Jrcken in Palästina ein eigenes Land pznftciieu, nicht überzeugen. Ich ging also ins Kino mit gemischten Gefühlen. Mein Interesse steigerte sich von Bild zu Bild. Ich begann den Film auch mit der Seele zu sehen. Eine Fülle von Gedanken und Empfindungen, die vielleicht in meinem Nnterbewnßtsein geschlummert hatten, wllrde lebendig, ich konnte die Tränen nicht unterdrücken, imd als ich das Kino verließ, War ans dem Saulus ein Paulus geworden. Ich sagte mir: „Es ist eigentlich eine Schande, daß du als Jude bisher so gar nichts in der Sache des Zionismus uitib im Interesse der Menschen, die du da im Bilde an der Arbeit gesehen, getan hast. Der Einwand, du wußtest von all dem nichts, ist eine bequeme Ausrede. Hättest du ein wahres Interesse für die Sache gehabt, sie wäre dir bis zum heutigen Tage nicht verborgen geblieben. Die Schuld liegt an dir selbst, weil du, eingesponnen in deinem „Ich", ein egozentrisches Dasein geführt hast. Hier gilt es jetzt zu arbeiten, nachzuholen,!vas versäumt wurde. Der Film hat mir llnter anderem gezeigt, das; im Laufe von dreißig Jahren ein Häuflein Menschen eine Arbeit vollbracht haben, zu der andere Völker Jahrhunderte gebraucht hatten. Wie war es möglich, in dieser kurzen Spanne Zeit eine so übermenschliche Leistung zu vollbringen? Auch aus diese Frage gab mir der Film' die Antwort. Weil in Palästina eine Anzahl wertvoller Menschen mit einer Hingabe am Werke ist, die ihresgleichen nicht Mfpweifen hat. Dort wird nicht völkerentzweiende Politik, nicht nationaler Chauvinismus getrieben, dort wird für nachsolgen.de Generationen eine Arbeit vollbracht, deren Segen nicht nur dem Judentum, sondern einst der ganzen Menschheit zusließen wird. Der mit dem Kamsfluche belastete Jude soll wieder zur Ruhe kouuneu. Er soll eine Heimat haben, seinen eigenen Grund und Boden, wo er befreit atmen, arbeiten, schaffen kann. Der Gedanke ist so erhaben, daß kein fühlender Jude sich ihm verschließen kann. Jetzt wurde mir auch der Grund p dem nicht ganz unberechtigten Vorwurf gegen das Fndentmn klar, daß ans Wiener Morgenzcrtung. 1 »■ * Ueber Wunsch vieler Mitarbeiter und Sektionen wurde die österreichische Propagandnaktion für den Keren Hajessod bis 18. Mai verlängert. Versammlung der Bezirkrleiter. Dienstag den 13. Mai, Präzise 6 Uhr, findet im Sitzungssaale, 1. Bez., Bauernmarkt 24, eine Besprechung der Bezirksleiter statt. Keine besonderen Einladungen! Erscheinen ist Pflicht. Nachkonferenz. Sonntag den 18. Mai werden sämtliche Mitarbeiter der österreichischen Palästina- Aktion eine Nachkonserenz abhalten. Ort und Zeit wird rechtzeitig bekannt gegeben. seinem Stamme seit Jahrhunderten kein elementares Vollgenie hwvorgegangen sei. Wie kam das?' Nun, alle Volker hatten ihr eigenes Land, das ihnen ein Bodenbewußtsein gab. Nur der Jude war der Heimatlose, der in aller Welt Verstreute. Was hätten Begabungen wie die eines Spinoza, eines Heine, eines Meininger, eines Rathenau, um nur einige zu nennen, alles schaffen können, wenn sie aus der Mitte eines bodenständigen, geeinigten und konzentrierten, jüdischen Volkes hervorgegangen wären!! Auch der'Vorwurf,'der Jude tauge nur zum Handel, wird durch den Palästina-Film widerlegt. Wir lernen den Juden als volltvertigen Mann des Ackerbaues, der Landwirtschaft kennen. Wer den Film gesehen hat, dem wird erst klar, welche Fülle von positiven und anfbauenden Kräften im Judentum vorhanden sind. Mein Freund, der ebenso ergriffen war, sagte mir: „Als ich in dem Kino unter den dreihundert Juden saß, und wir die Bilder des Films ansah, hatte ich das befreiende Gefühl: Hier bist du zu Hause." In einigen Jahren wird sich jeder Jude schämen müssen, wenn er dem Ausbau des Mischen Palästina nicht mit Einsatz feiner ganzen Kräfte gedient hat. Sine Kant-Feier in der Universität. Die Philosophische Gesellschaft .der Universität veranstaltet anläßlich des 200. Geburtstages Immanuel Kants gestern ckboNds titn großen Festsaal der Universität eine Gedächtnisfeier. Professor Dr. Robert Ra in in ge r, der die Wiener Universität und die Wadeul'ie der Wissenschaften 'bei der Kant-Feier in Königsberg vertreten hat, hielt die Gedenkrede. Er lvüvdigie die Bedeutung 'Kants für die deutsche Philosophie und legte im Verlaufe seiner Rede dar, daß Kant stets Revolutionär' und überzeugter Demokrat gewesen sei. Zu einer Zeit, m der die 'finsterste Reaktion Europa beherrschte und der Wille der Regenten und die Stadtantorität alles galt, war Kant stets für Freiheit und Selbftbestinmtung des Jnviduums «und der Völker einigctreten., Er ließ tute ein Gesetz gelten: das Gesetz der reinen Vernunft. Unser Handeln dürfe nur vorn Pflichtgefühl, nur votr -dein Gewissen geleitet werden. Religion und Vernunft schließen einander durchaus nicht ans. Jur Gegenteil, sie 'ergänzen einander. Kant als Denker und Müschen kennzeichnet am besten seilt kategorischer Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deiner Handlung zur Richtschnur des Gesetzes werdest kömten." c rstkla ss ig Porhal* 1 GeschäfteS DEN DISKRETEN. RASCHEN! ■ UND VOLLKOMMEN VOftSPESEN- ■ FREIEN AN-u.VERKAUF I I VERMITTELT 1 JOSEF SALZ EvR ■ ecndftbtte» AUfOA wie»ri * scn&av. I U1>6£USAU6ASSE * 46 fl. («« eckyvkRÄLr a) fl TEt.vi/jyif.,. Lpnrcnrr..':--.."- 11. Mat 19-24 'v ‘; 'rs ’ ^' ' Serie f, Die Znnlerhöhnng für die Bundesangesteüte« K, -der festen' Srtzmig fcoä Füuf»»dztv<iuzig«Mis, schusses der BnndeSängesteltten ivurde der von uns ängekündigte Beschluß über die Boranszahlimg am 1. Jun> gefaßt. Eine Abordnung des Vollzugsausschusses des Fünfnndzwanzigerausschusses wird Monrag beiur Bttttdeskauzler Dr. Sctpel vorsprechen und ihm folgende Mitteilung nrachen: Da eine grundsätzliche Ein i g u n g in der Frage der Besoldungsrcform zustande 'gekommen ist, sind die Voraussetzungen bereits erfüllt, an die der Bundeskanzler eine erhöhte Bezngsauszahlung an die Bttudesairge- ■ stellten geknüpft hat. Die Abordnung wird dem Bundeskanzler den Antrag stellest, daß noch im Lause des Monats Mai eine Vorauszahlung auf die kommende Befoldungsordnung voltzogen werde, beziehungsweise daß unter adeu Umständen am 1. Juni eine dcnr Versprechen des Bundeskanzlers gemäße E r h ö h u rt g d e r B e z ü g e auszuphlen fei. Die Assistenten der Technik gegen die 9hÄ. standsnushilfe. Die Assistenten der Technischen Hochschule haben in einer Versammlung beschlossen, die Notstandsaushilfc aibzulehnen und sie Unterrichtsnünlsterium zur Verfügung zu stellen. Die Natstandsunterstützung für die gesamten Angestellten der Technik, Professoren, Dozenten, Assistentett trnd Diener, betrug msgesantt 25 Millionen Kronen. Auf die Assistenten entfielen da v o-u 7 Millionen, die äbgelehnt wurden, obwohl ein, allerdings geringer Teil 'der Assistenten, nicht für den Verzicht war. Ae zahimlgrschwierigkeiten der Bankfirma Bonwiller. Di« BaMrma Bonwiller u. Co., vre feit dem Jahn 1809 in Wien besteht, ist Freitag in Zah l un gsschwi er i g. ketten geraten. Wie uns einMitches der Firma mitteilt, seien diese' Schwierigkeiien nur vorübergehetlder Natur gswestn und bereits behoben. Die Zahlungsschvier-iKeiten seien ans ntomentane ungünstige Markt-lage prückzuftihren, da die Bankfirma auch mit großen Jndustrieunternchmungen in Verbindung stand, von denen sie das Geld nicht hereinbriltgetl kolurtc. Wie von anderer Seite erklärt wird, beaWchtigt die Firnto die K o h l e n a b t e 11 u n g, die angeblich ein Defizit von zwe! Milliarden auftvies, a u f z >u l -a!s s t \\/ Das Banchaus Vonwiller u. Co. genießt' einen guten Ruf und war auf dem tute." nationalen Markt attgeschen. Wieder: ein Opfer der Börsenkrise. Der 36jähvige Mcidlittger Cafttier Eduard G r ö g l Hai sich am 9. d. auf dem Meidlinger Friodhose durch einen Revblverschuß getötet. In einem zürückgolassetten Schreiben bezeichnet er Ve r l u st e auf der B ö r s e als Ursache der Tat. Dar Wetter. Hestern hat es fast in ganz Oesterreich gLregnet. In Wien regnete es mit geringen Unterbrechungen beinahe Len ganzen Tag. Die Meteorologen haben uns wider Evivarien eine Hoffnung gelassen, indem sie für heute eine rasche Besserung und ellvas -lnärmeres Wetter aukündigen. Infolge des RegenS hatten sich in me h r e r e » Häusern Sprünge im Mauerwerk gezeigt, so das- Lie Feuerivehr wegen der Einsturzgefahr ausrücken mußte, so in der Lerchenselderstraße 51, wo . Pölzungen .vorgenommen werdett mußten, und in der Drostgasse 125. wo die Einsturzgefahr vorläuftg beseitigt wurde. Obwohl die Feuerwehr gerade gestern schwere Arbeiten verrichten hatte, wurde sie noch das Opfer einer Mystifikation, indem ein Unbekannter telephonisch von einem Brande tu der Klavierfabrik in der BreiLenfurterftraße Mitteilung machte., lvas sich, als die freiwillige Fetterwehr Meidling tmd die Zetrtrale der Wiener Berufsfeuerwehr ausrückten, als e>- böser Scherz heransstellte. Schneefall im Mai. > Aus Graz wird berichtet Im Selztal ist star.'a Schneefall eingetreten. Die Schneedecke ist stellenweise einen halben Meter hoch. Auch aus Eisenerz wird Schneefall gemeldet. In Mürzzuschlag.r<gnete es den gangen Tag, wahrend cs aus de* Höhen schneite. Wien, 11. Mai. * TeiePhoitvertvÄliungsteilttehmerverzeichtttseinbanddecke«. „Cs treibt sich ein Mann hemm, der Fernsprechteilnehutern angeblich von der Telkgvaphenverwaltung beigcstellte Einbanddecken für das Teilnehnterverzeichms^ übevbvnrgt, und hiesür „widerrechMch" den Betrag von Kronen 20.000 einhebt. Der Mann ist pr Atrsweisleistung zu verhalten und allenfalls der Polizei p überstellen." — Was will man von drnt Mann? Wo kriegt ntan heute Eirrbanddecken um 20.000 Kronen? Wer braucht schon Einbanddecken,^ Pardon, ich «reine, was sirtd schon 20.000 Kronen? Wenn nran heute im Kaffochaus ein Paar mal in die Telephonzelle geht, kostet das schon so viel. Und außerdem: Die telephonische Verbindung bekommt sttwt nicht, das Geld ist futsch, die Entbanddecke aber, die hat man. Das Telephoitbuch kostet viel mehr, und was hat man davon? Die Nuntmcru sind vor attetn falsch, und wenn man schon ab und p aus eine richtige stößt, so tönt es einem „falsch verbunden" und „besetzt" lieblich zurück. Die '„Teilnchmervergeichnisse" gehen in Fransen infolge der Nachlässigkeit der Telephonverwalttmg. Dieses amtliche Versäumnis >vill der Mann durch die Einbanddecken gutmachen, und da sagt mannoch ,widerrechtlich". Sdein, die Einbanddecke entspricht sogar einem drmget^deu BMchtis. 20.000 Kronen? Wenn