Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1881 (11.5.1924)
- Date
- 1924-05-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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K TJ’-H. *:; I-'1:?- ^"1'";^;' -7 ' i « «M 8 *-■■ I -'— Wien, Sonntag 'V$Zt7r Wiener MyrMkjMuM. wlv SberbLrgermeister M. Lizengoff Wer Lel-Awiw Unser M. R.-Korrefpöndent sendet uns die rrachfolgvnfen Ausführungen, die ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Tel-Awiw, Herrn M. Dizen gaff,, wieder-geben. Die rasche Entwicklung und der schnelle Aufbau von Del-Awiw stchen fast einzig in -der CnÄvicklung der moder- MN Städte da. Im Jahve 1909 wurde Tel-Awiw auf einer öden Sand du ne nördlich van Jaffa von etwa sechzig Mischen Familien gegründet. Der Ansbruch des Weltkrieges hatte für fünf bis sechs Jahre die Bautätigkeit unterbrochen. Im Jahre 1980 setzte die Bautätigkeit wieder ein. Die Stadt nochm dank der Privatinitiative einen rapiden Aufschwung. In der vergangenen Bausaifon von April bis September wurden mchr als 500 Häuser gebaut. Groß- DelMviw umfaßt heute ein Areal, -das großer ist als Jaffa, Mit ungefähr 20.000 Einwohnern.' Die Stadt Del-Awiw erhielt von der Regierung ein Dezielles .Gesetz über ihre Rechte als autonome Stadtverwaltung. Ddeifes Gesetz verleiht der Del-Awrwer Stadtverwaltung das Recht, Steuern emzuheben, ein eigenes Mmrizipcügericht und eigene Polizei zu haben. Die Zukunft van Del-Awiw liegt m der Industrie Md im Touristenverkehr. Wir denken in erster Linie tat Kleimntdustvie shefonders in TeMien), Brauereien und ^Zuckevindustrie, schließlich an Diamantschleiferei. Die el e k'trisch« Kraft wivdnns hoffen, diese Industrien zu betreiben. Wir haben niemals die Hoffnung aufgegeben, daß Jaffa einen Hafen bekommen wird. Die Regierung hat versprochen, in jeder Beziehung die Industrie zu fördern. Mr Maschineneinifuhr wird künftiHrn kein Zoll bestehen, ebenso wird für alle Rohmaterialien, sobald sie in der Industrie verwertet werden, beim Export jeder Zoll zuvückerstattet. Tel-Mviw ist schon heute ein Handelszentrum. Mau zählt bereits 650 Geschäfte, 20 bedeutende Fabriken, ein Elektrizitätswerk und eine ganze Anzahl kleinerer Unternehmungen. Tel-Awiw hat ein vorzügliches Klima, kühle Brisen, datz ganze Jahr hindurch Obst und Gemüse, vorzügliche. Hotels, einen ausgezeichneten Autoverkehr, ein herrliches Kasino, schöne Badeanlagen, vorzügliches Trinkwasser, mit einem Worte alle Vorbedingungen für einen Kmart ersten Rmges. Hier wird der Jude zu Hause sein und sich stets glücklich fühlend Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß TelMoiw bereits heute moderne Sämako rien und Kliniken besitzt. Es ist an der Effenbahnstrecke gelegen und wird sicherlich ein Anz iehu-ngspunkt für - die Touristen werden. Um Tel-Awiw soll nach dem Plane -Du Sosikm's 'eine intensive Gartenkultur betrieben: -werden, um'fee Stadt mit Gemüse zu versorgen. Die wirtschaftliche Lage von Tel-Awiw ist normal e r als in jeder anderen Stadt, selbst dort, wo Juden eine Majorität besitzen; Tel-Awiw beschäftigt 7000 jüdisch e A r b e i t e r, mit einem Worte, wir haben 31 Prozent -Arbeiter, 31 Prozent Handwerker, 11 Prozent Kaufleute, 12 Prozent Beamte, 3 Prozent Lehrer, 5 Prozent freie Berufe, der Rest entfällt auf Rentiers und Gutsbesitzer. Tel- Awiw ist die erste jüdisch« Stadt der Welt, die eine normale. Entwicklung genommen hat. In der! nächsten Zeit soll eine Hypotheken- und Industriebau! ge« gründet werden, ebenso ein großes Jndustriekrafthaus, in -welchem jede private Kleinindustrie untevgebracht werden soll. Schließlich beabsichtigen wir, billige Wohnungen für die Arbeiter zu bauen. Man kann in einem ' gewissen Sinne von einem speziellen Geist in Tel- Awiw sprechen. Ws Baro« Rothschlld uns besuchte und wir ihn auf de m Boulevard Rothschild" einen Empfang bereiteten und fei dieser Gelegenheit ganz : besonders seine Verdienste hervovhofen, fragte er uns, womit er der Stadt Tel-Awiw dienen könne. Wir baten ihn,! daß er uns sein Porträt schenke. Der Baron stutzte ein ’ wenig und bedeutete un'S, daß er bereit wäre, für Tel-Awiw r einen größeren Betrag zu geben. Wir erklärten ihm, daß - wir selbständig seien und keiner Hilfe von außen , bedürfen. Der Baron feharrte auf seinem Standpunkt und spendete für die im Bau befindliche neue Synagoge 1000 Pfund Sterling. Wr können also mit Recht von einem Tel- Awvwer Geist sprechen. Auch in kulturell er Beziehung steht Tel-Awiw fast an erster Stelle. Hier wurde das erste Gymnasium ge- : baut, die erste Musikschule ins Leben ge rupfen, hier sind die schönsten Schulen, hier erscheint eine Tageszeitung und mehrere Wochenjournale, hier werden Dramen und Opern -aufgeführt, Konzerte veranstaltet, hier sind die größten jüdischen Denker z,r .Hause. AchadHaam und Bialik;• sind Bürger unserer Stadt. Das ist ein Stolz für Tel-Awiw. Das Verhältnis zu denArabern ist ein gutes.; Ich kenne das Land schon zwanzig Jahre, ich lebe mit den Arabern im festen Einvernehmen. Zu Ostern hatte ich zu Besuch die Repräsentanten der Stadt Jaffa und Umgebung und im'Ramadam statte ich Gegenbesuche ab. Die ganze Araberbewegung ist ein Kunstprodukt. Die Opposition ist übrigens.jetzt Wvächer. Mendelssohn über den Porr Dr. Immanuel Olsvanger (Kapstadt). Im Jänner 1770 sandte in Berlin ein „Mann von Stande" an Möses Mendelsisoh-n ein vorsiegoltes Paket. Es war begleitet von einem . Schreiben, das der Direktor der königlichen Haupt- 'bank zu Berlin, Koes, dem Philosophen übermittelt. Der Inhalt dieses Pakets ist nicht erhalten geblieben, läßt sich aber sowohl aus dem Brief -des Unbekannien wie aus der Antwort Mendelssohns erkennen. Der Briefwechsel ist.nachMesen ,m „Moses. Mendelssohns aesaMmelte Schriften", 8. Band, S. 491 ff. (Leipzig. Bvöckha-us 1844), einer Veröffentlichung, die sercher keine neue Auflage erlebt hat. ■ > - Koes an Mendelssohn. ,Ms ist Mir die Anlage von einem Manne von Stande- und den ich als Menschenfreund kenne unliebe, zur Bestellung zugesandt Zvovden; doch mit dem Begehren seinen Namen zu verschweigen, es sei denn, daß nach Durchlesung Dieselben -ihn zu wissen verlangen. Die beliebige Antwort werde ich richtig besorgen. Koes. Berlin, den 23. Januar 1770." Schreiben eines Mannes von Stande an Mendelssohn. Die- Bedingung besieht darin, daß Sie. wer ich sei, nicht auszuforschen sich bemühen -werden; hauptsächlich aber, niemals in dem Inhalte jemanden, wer es auch sein niög-e, etwas entdecken wollen, im Falle, derselbige Ihnen ein törichter Einfall zu sein Vorkommen sollte, oder auch nur Ihnen auszufühven unmöglich schiene. Die väterliche Liefe verblendet uns gar zu oft über die -Gestalt der von uns gezeugten Mißgeburten; wie leicht konnte es mir diesmal so gegangen seyn? Indessen ist die Sache von solcher Beschaffenheit, daß, wenn Sie das Urteil fällen, daß es eine Mißgeburt sei, ich, aller väterlichen Lieber ungeachtet, mich völlig davon überzeugt finden werde. Sie können es mir dreist also eröffnen was Sie davon denken, und gewiß versichert sehn, daß auch die 'höchste Mißbilligung von Dero Seiten nicht im allergeringsten die Hochachtung und Bewunderung vermindern werde, mit der ich jederzeit verbleibe Dero dlenstevgefener obgleich unbekannter Verehrer. Berlin, im Januario 1770. Sie können die geliebige Antwort in dieselben Hände überliefern, durch die Ihnen gegenwärtiges zugestellt werden wird. Derselfege Freund kennt -mich zwar sehr Wohl, weiß aber ganz nichts von dem, was die Beilagen enthalten. Eröffnen Sie die Beilagen nicht früher, als bis Sie allein sind, und belieben Sie die Siegel abzuschneiden und nicht zu zerreiffen." ' ,/Hochzuverehrenlder Herr Moses Mendelssohn! Große Männer sind besonderen Vorfällen ausgesetzt. Die Aussonderung des guten Herrn L a v a t e r (der einen Monat vorher in einem öffentlichen Schreiben Mendelssohn zum Uebertvitt.zum Christentum aufgefordert hatte — Red.), hat Sie notwendig sehr betreffen müssen; die gegenwärtige, die iu einem ganz anderen Geschmack ist, wirb Ihnen vielleicht noch sonderbarer, wo nicht gar abenteuerlich, Vorkommen; sie ist indessen wenigstens so gut, so aufrichtig gemeint wie möglich. Menschenliebe hat den Gedanken eingeflößt. So schwer es fft, die verdeckten Gänge der menschlichen Leidenschaften auch in seinem eigenen' Herzen auszuspüren, so lhcrfe ich' doch Ursachen, zu hoffen, daß wenigstens das uneinige sich nie einen Gedanken erlauben würdige, der sich nicht mit der reinsten Absicht verknüpft fände, das Wohl des ganzen menschlichen Geschlechtes zu befördern. Ich darf es sagen, ich habe mich in den Umständen befunden, wo ich zwkchen dem Wohl eines Staates und meinem eigenen Interesse, sowohl an Ghre als an Einkünften, wählen mußte; allein, keinen Augenblick habe ich angestanden, was ich wählen sollte: das allgemeine Wohl fft mir stets lieber als das meinige gewesen. Eröffnen Sie, wertester Herr Moses, die Beilage, jedoch unter einer Bedingung, für welche die Denkungsart eines fo' würdigen Mannes wie Sie sind, mir dir Bürgschaft leistet. Mendelssohn an den Mann von Stande. ,>Jch muß gestehen, daß ich von der politischen Verfaffung der Staaten nicht mehr weiß, als manetwa durch den gemeinen Umgang mit Läuten, die nicht sehr über meinen Stand eilhalfen sind, lernen kann. Me kann ich also ein Projekt beurteilen, das die tiefsten Kenntniffr der Statistik voraüssetzt? Ueberhaupt genommen .scheint mir die Idee groß und in einem Geiste entstanden zu sein, der sich seiner Kräfte bewußt fft. Der Eifer für die Toleranz,: der Abscheu vor der Hierarchie, und die Gesinnungen in 'Absicht auf Religion und Sitten beweisen, daß der Verfasser so groß wie weise zu denken gewohnt fft. Selbst die Zuversicht, mit welcher derselbe von der Ausführung eines so kühnen Unternehmens spricht, hat mir für dessen Chavaeter eine nicht gemein« Hochachtung eingeflößt. , . ' ' ’ ' ‘ ■; „Wiener Morgenzeitung"; .. ix. MM latfg ... ytg; sgar 1 Die Kühnheit meines Geistes, wenn ich anders etwas davon besitze, erstreckt sich bloß auf spekulative Dinge, Im Praktischen bin ich stets in einer allzuengen Sphäre emgefchräM gewesen, als daß ich die Fertigkeit hätte erlangen können, mich zu großen .Dingen zu erheben und üfer gemei-ne. Schwierigkeiten hinwegtzuschen. Wer kann seiner Größe eine Spanne zulegen?. Die größte Schwierigkeit, «welche mir dem Plan«, im Wege $14 stehen scheint, fft der Eharactep meiner Mtion.- Sie ist nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas Großes za-unternehmen. Der Druck, unter welchem wir seit so Vielen Jahr- ' Hunderten leben, hat unserm Geist alle vig-ueur genomnren. Es fft nicht unsere.Schuld; allein wir köunett nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur 'Freiheit b&[ uns alle Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verändert und äußert sich bloß rm ZKetett und Leiden, nicht im Wirken. Ich verspreche mir sogar van meiner so .fchr zerstreuten Nation den Geist der Vereinigung nichts ohne welchen der üferlegteste Entwurf scheitern muß. Bon der anderen Seite scheint mir die Unteonehnmng unermeßliche Summen zu erfordern, und ich, der ich weiß, daß der Reichtum' meiner Nation mehr im Credit als in wirklichen Vermögen besteht, kann nicht glauben, daß ihre Kräfte hin-reichen, solche zu erschwingen; 'wenn auch übrigens die Begierde zur Freiheit'noch so große und die. Liebe zum gMzenden Astetall noch so geringe Geiwalt über sie Hafen sollte. Alle diese SchWierigL-eiten ungerechnet, scheint wir ein solches Projekt nur alsdann ausführbar'' zu siyw . wenn die großen Mächte Europas in einen allgem^nM Krieg verwickelt sind, und jede für sich zu sorgen hat. Äst. der. Ruhe, in welcher sie dermalen leben, hlnn-'eine einzigeeifersüchtige Macht (und deren werden nicht^wenige seyn) das Projekt scheitern machen. Die unglücklichen ^Kreuzzüge scheinen diese Besorgnis nur zu sehr zu.rechtfertigen. Ich sende affo die mir vertrauten Papiere mit der feierlichen Angelobung eines ewigen Stillschweigens'-hiermit M-rück. Die' natürliche, und in jedem anderen ,Falle nicht un-Mliche Begierde, eine Person, die -man hochckchten muß, näher zu kennen, versprecht ich gleichfalls zu Mterdvückett. Moses MLNdelss-ohtt. Berlin, den 26. Jarma-r 1770." ' Zu dieser Korvesponfenz ist zu fe-merken: Wer war der „Mann von Stande" und was war der genaue Inhalt der Beilagen? Daß er ein gebildeter, menfchenfveu-Micher Mann war, sieht man sowohl.aus. seinem eigenen Schreiben an Mendelsfichn als ans fer Antwort des letzteren an ihn. Die Vermutung liegt.sehr nahe, daß -der ,Mann von Stande" und.Pankd'irektor Koe.'s eine diesM..-PeHau.Dptz'RM.M'.. leicht aus einem Vergleich der. Marmfkripie ffststelle^ Es' ist auch kaum anzunehmen, daß der Verfasser, wer i-Mwer er sein mochte, daS von Mendelssohn zuvückgeschiÄte Manuskript vernichtet hatte. Irgendwo, vielleicht in einem verschollenen WinW einer Bibliothek, oder in den Archiven einer Gesellschaft, zu der Koes gehörte,, muß das Manuskript aufgesunden werden können. Mendelssohns Antwort an den unbekannten „Nla-nn von Stande" fft in allen Einzelheiten bemerkenswert, von dem geradezu prophetischen Satz über den Weltk-r ieg, bis zur feinen Ironie in der-Bemerkung über seinen Umgang mit Leuten, ,^>ie nicht sehr über seinen Stäup erhaben sind". Man beachte, was der Vater der deutschen Ha'skala als die größte Schwierigkeit inder Durchführung des zweifelsohne zionistischen -Planes betrachtete:, .Der „Charaoter meiner Nation, in der d er n a t ü r l i ch e T r i e b z u r F -r e i h e i t alle Tätigkeit verloren hat". Der natürliche Trieb zur Freiheit mußte Mo, nach dieser Bemerkung Mendelssohns, die Nation zur Durchführung des Planes bewegen. So hat der große Denker, der BorkäMftr -der ,^öesveiu^ der deutschen Juden, doch eingesehen, daß dir erstrebte „Freiheit" in der Diaspora -nur eine der-- meintliche, nur. eine künstliche sein kann, und -daß die^M* türliche Freiheit nur durch die Erfüllung-des zionistischen Ideals zu erreichen fft. . Dieser Brief Mendelssohns sollte allen fett emanzipatron'Stvunkenen Juden zu denken geben, die gewähnt waren, sehr oft mit. Berufung aus Mendelssohn, den «8*0* nismuS zu bekämpfen. ' Seit Mendelssohns Brief sind 150 Jahve verflossen. In einem Teil -der Judenheit sind -die 'Bevhältmsie noch genau dieselben, -wie sie Mendelssohn-so treffend schilferte. In einem anderen aber hat sich vieles geändert. Der Welffrieg hat, wie Mendelssohn eS dorahnte. pol-itffch den Weg geebnet. Der natürliche Trieb zur. Freiheit hat die höchste Wirkungskraft entfaltet in den Herzen 4n-e8 großen Teiles unseres Volkes. Ich brauche nur die Chaluzim zu nennen, deren Scharen sich heute in allen Ländern- Euvopas regen. ... Wenn schließlich dieser natürliche Trieb alle Kreise fes Volkes umsaffen wird, soll es sich zeigen, daß, urst in Mendelssohns Sprache zu reden, die Begierde-zur Freiheit über sie eine mächtige, die Liebe zum. glänzenden Metall aber eine gar geringe Gewalt -haben wird. Denn auch darin ist der Brief Mendelssohns bemerkenswert, daß er für die Durchführung fes Planes unermeßliche S -u m rst e tr als erforderlich erachtete. Da8 ist ja. heute hie größte Schwierigkeit, die wir zu überwinden lhafen. Möge dieser Brief deS gwßen Denkers seine Wirkung auf das Urenkel« geschlecht nicht verfehlen.