Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1881 (11.5.1924)
- Date
- 1924-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980964--18896-3006000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WieEr MdegeMelkllM '1'1. Äl«ü ^' m Lnd der Fall war, in so viele Lager zersplittert wären und es verstünden, diese Wahl als das was sie ist, eine Wahl der auswärtigen Politik zu werten, anstatt um gegenwärtig ganz untergeordnete innerpolitifche Machtpositionen zu raufen. Würden die radikalen Bürgerlichen mit den Sozialdemokraten und. Kommunisten sich zu einem WahMock vereinigen, so könnte dem nationalen Block Poincares eine machtvolle Gruppe entgegengestellt werden, vre dann nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch auf innevPoMschem Gebiet richtunggebend werden Knute. Wer die Sozialdemokraten fürchten die Kommunisten und die Kommunisten glauben, daß sie in Frankreich auch ohne jede Vereinigung mit anderen Parteien -bester abschneiden werden Äs ihre Gesinnungsgenossen in Deutschland. Man hat für die Wahlen in Frankreich das Wort vom europäischen Schicksallstag geprägt. Diese Benennung ist von der Angst diktiert. Man hat eben in Deutschland und auch in Oesterreich noch immer nicht begriffen, daß das Schicksal Europas nicht von Wahlen abhängig ist. Können Parlamentswahlen überhaupt noch das Schicksal Europas beeinflussen, so ist es durch die Wahlen in Deutschland und durch die. Haltung, die von den siegreichen Parteien eingenommen werden wird, bereits entschieden. Denn man wird doch endlich einmal zur Erkenntnis kommen müssen, daß das gemäßigteste französische Parlament, und selbst die radikalste englische oder belgische Regierung Deutschland nur dann^ wird hÄfen wollen und helfen können, wenn Deutsch-" land selbst, vom Hochmut befreit, den eigenen Frieden und den europäischen Frieden will. Wichtiger M das Ergebnis der deutschen und der ftanzösischen Wahlen ist, daß Mac Donald und Poincare am 20. Mai Zusammentreffen. Der Ausgang der ftanzästschen Wahlen wird aus die Haltung Poincares weniger Einfluß üben als die Haltung seiner Alliierten. ert des produktiven Kapitals. Sine Rede des Bunderkanzlerr beim Stollendurchschlag de» LeiMch-Werkes. U Ser deutsche Bersarbeiterstreik. r- (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bochum, 10. Mai. Die Lage im Ruhrgebiet hat sich weiter verschärft. Weitere Betriebsst illlegunge n sind im Laufe des heutigen Tages erfolgt. In verschiedenen Orten des Ruhvgebietes kam es gestern zu Zusammenstößen zwischen Aus-gesperrten und Ausständigen. Mt Notarbeite n beschäftigte Angestellte und Beamte wurden angegriffen und mit Steinen beworfen. ' Die Auswirkungen der Bergarbertevbswegung nehmen allmählich katastrophalen Umfang am Der BochuMer Verein ist seit zwei Tagen von jeder Kohlenzuführ abgeschnitten. In der.gesamten Gruppe Nordwest der Ersen-, industrie ist es zumTeilschon zuArbeits einstellungen gekommen.' Auch die.Kruppschen WeÄe lasten durch' Anschlag" bÄännt" Machen, daß sie aus Mangel a n Kohle undKoks ihre Betriebe im Lause der nächsten Tage ganz oder teilweise s ch l i e ß e n muffen. Auch die Rheinschiffährt ist von dom Konflikt stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Eisenbähnregie teilt durch Anschlag im Essener Bahnhof mit, daß 13 Z ü g e täglich wegen Kohlenmangel aus fallen müssen. Die in Recklinghausen geführten. Verhandlungen zwischen einem Vertreter des preußischen Handelsministeriums, dem Präsidenten der BergbäudirMon und Vertretern der Bergarbeiterverbände sind erfolgl os geblieben. Für Montag hat der Reichsarbeitsminister die beiden Parteien geladen, doch steht noch nicht fest, ob es bereits zu gemeinsamen Besprechungen kommen wird. Die Lage ist dadurch kompliziert, daß sowohl der Reichtzarbeitsminister sowie Reichskommiffär Mehlich durch ihre Schiedssprüche festgelegt sind, und man glaubt kaum, daß eS ohne Eingreifen des Gesamtkabinetts zu einer schneien Beendigung des Konflikts kommen wird. Die Lage rm sächsischen Revier. Berlin, 10. Mai. Die Lage im sä chsifcheu Steinkohlenbergbau hat sich verschärft. In mchve-ren Bezirken wurden gestern auch die Notstastdsavbleiten nicht mchr duvchgesühvt. Ebenso sind in verschiedenen Schächten auch die Heizer nicht mehr erschienen. Sympathiebewegung im tschecho-slowakische« Kohlenbergbau. ' Prag, 10. Mai. Wie das ,Mragsr DpMR" meidet, haben die Blwgänge im deutschen Kohlenbergbau unter der Arbeiterschaft der tschecho-s.lowakischen Kohlenreviere starken Widerhall gesunden. Montag traten die koalierte« Bergarbeiterverbände einer Tagung zusammen, die sich mit der Frage der Stellungnahme zu den Vorgängen im deutschen Kohlenbergbau, besasten soll. Es gibt Strömungen, die durchsetzen wollen, daß die Ausfuhr der tschecho-slowakischen Kohle nach Deutschland für die Dauer des MveikS in den dortigen 'Kohlengebieten eingestellt werde. Die Sage rm obeeschlefischerr Revier. Hindenburg, 10. Mai. Eine Konferenz von 89 Gruben» betriebsräten clller Richtungen stimmte gestern mit 66 gegen IS Stimmen für die Einstellung der Nodstand'sarbeiten in den Gruben. Nach einer ^Versammlung von Frauen der stv-ikenden Arbeiter, in der gegen <den Schiedsspruch des ReichsardeitAmmisteriums protestiert worden war, kam es in den Straßen zu erregte n Szenen. Ein Bergrat wurde von den Frauen mißhandelt. Einigen Kindern wurde das Mittagessen, das sie ihren arbeitswilligen Bäte-vn bringen wollten, auf die S t r a ß e g e s ch ü 11 c t. Die P oligei verhinderte größere Zwischenfälle. Graz, 10. Mai. Im Beisein des Bundespräsidenten Dr. Harnisch, des Bundeskanzlers Dr. Seipel und des HandelSmüristers Dr. Schür ff, des LandeKhauPtmannes Dr. R i n t e l e n, der Spitzen der Behörden, von Vertretern des - in- und ausländischen BankenshndikateS zur Finanzierung der Steweag, darunter des Präsidenten C a stiglio ni und des Direktors des Wiener Bankvereins Lippe, zahlreicher Vertreter der in- und ausländischen Presse fand gestern die Stollendurchschlagsfeier im Teigitsch-Werk der Steirischen Wasserkraft und Elektvizitüts A.-G. (Steweag) statt. ' Die Feftgäste begaben sich von Graz nach Arnstein und von da in den WafferdrUckstollen, wo Liber Einladung des Larcdeshauptmaunes BundesPräsidenten Dr. H ainisch durch Drücken auf einen elektrischen Taster dm feierlichen Akt des StollendurchschlägeS domahm. Sodann wurde das Stauwerk besichtigt; die Feftgäste sichren hier-! aus — das Wetter hatte sich mittlerweile sehr verschlechtert — nach Arnstein zurück, wo im Äerkrestaurant das Mittagessen eingenommen wurde. Laudeshäuptmamr Dr. Rintelen begriißte alle Festgästeurw betonte, das Teigitsch-Werk sei nur die e r sie S t a p p e auf hm Wege, der zu dem großen Ziele führen solle, die Wasserkräfte der Mur, der Enns und vieler anderer Gewäster nach einem großem Plan zu binden, sie zu sammeln, und zu verwerten zum Nutzen der Volkswirtschaft des Bundesstaates. Hierauf hielt Bundeskanzler Dr. Seipel eine Aussprache, in der unter anderem ausführte: Gerade in-der heutigen Zeit, in der wieder -unser Wirtschaftsleben und wichtige Institutionen des Geldmarktes Erschütterungen ausgefetzt waren, in der manche wieder geneigt sind, die alten und weltverbreiteten Vorwürfe zu erheben, daß die Geldinstitute mehr der Spekulation als der Förderung unserer Wirtschaft im eigentlichen Sinne und unserer : Entwicklung dienen, in einer solchen Zeit sind wir hieher gekommen und haben gesehen: Hier wiÄ> wackere Arbeit geleistet.^ Wir gedenken heute jener, die ihr Leben in der gefährlichen Arbeit im Stollen und außerhalb desselben in die Schanze schlugen, wir gedenken der Techniker, die so viel Glänzendes auch bei diesem Werke wieder von ihrem Können gezeigt hMn, wir gedenken aber auch jener, die hinter diesen unmittelbar Arbeitenden stehen, wir gedenken der Männer der besonderen Snergle, die es verstanden habe«, /.eine Organisation zu /schaffen, und auch daranm ungünstigen und schweren Zeiten ssstzuhalten, die ein -solches technisches Werk erst ermöglichten, und wir gedenken jener Menschen, die ihre Ausgabe zu erfüllen haün gerade in der Vermittlung des Kapitalsdie dieses ihr Kapital zur Verfügung gestellt haben, durch das so -viele Menschen Eiche und ernste Arbeit im Interesse der Allgemeinheit leisten. Ich begrüße eS als österreichischer Bundeskanzlergan besonders, daß bei dem Werke der Evschiliietzung der Waste« kräfte in der SteiermvÄ. , ,,. „ das inländische und das ausländische Finanzkapital sich zusammengesimden haben. Wir betrachten es «ich» als Schande für uns, «wenn wir nicht alles mit Misere» eigenen Kräften leisten - können; wir betrachten es . in Gegenteil als Zeichen, daß man an die Erstark««^ unserer Wirtschaft im Ausland« glaubt wenn auch ausländisches Kapital - in unser Land herein. ' gekommen ist, um sich an diesem Werke zu beteilige« Manche sind ängstlich geworden, wem bei der Firmw zierung eines derartigen Unternehmens auch ändere dazr, beitragen, und dabei auch Sitz und Stimme in den Rate bekommen, der über die Verwendung dieser Mitte) zu entscheiden hat. Wir, die wir näher hineiMicken können, in bfcfe Sache, sind durchaus nicht näMich. Wir haben nämlich den Glauben daran, daß die Stärkeren i m. Auslande draußen wirklich den Willen haben, unserem Oesterreich aufzuhelftn, weil sie es als ein wichtiges Glied im staatlichen und im Wirtschaftsleben von ganz Europa und der ganzen Welt erkennen. Wir selber sind Menschen, die wir von uns behaupten, daß wir nicht-engherzig und «Munützig tm an unser Wohl denken,- wenn wir uns bemühen, Kräfte zu erschließen, und wir habendas Vertrauen, daß die anderen auch weitherzig genug sind, daß sie dabei nicht an irgendeine engherzige politische Ausnützung denken, die wir nicht ertragen können. Das heutige Fest wurde schon bezeichnet als das Fest am Abschlüsse einer Etappe, als «in Fest, das noch nicht das Ende des ganzen Werkes zum Gegenstände hat. So geht es uns in unserem Oesterreich überhaupt: Wir haben den Weg beschrillen, der uns aus dem tiefften Elend wieder zu einer selbständigen eigenen Arbeit ömporsühren kann. Wir sind noch nicht ganz am Ende, aber das säge ich Ihnen: Wir sind mit der Wiederaufbauarbeit in unserem Oesterreich so weit, wie Sie hier bei Ihrem technischen Aufbauwerke stehen. Das Größte ist bereits geschehe«, u-nd ein -Zweifel, daß wir eS zu Ende führen werden, stt n i ch t z u l L f f i g. Ich sehe in dem technischen Fortschritt, den zu bewundern. wir heute hieher gekommen find, auch em schönes Symbol für dm Hinausttteg unseres Oester^ reich Werhaupt. Die Rede des Bundeskanzlers würde von den Anwesenden-Mit langanhaltendem BeiM ausgenommen. Der Direktor des Wiener Bankvereins Lippe gedachte der veMenftpoffen! Mtwrvkung deS. dersw Direktors der Änglobank Dr. Rofenbe r g und. .würdigte. die Verdienste des Larweshauptmanns Dr. Mntelen sowie den Anteil des italienische« FinanzkapitLls an dem Werk. - . " Um halb 4^Uhr wurde die Rüchahrt «ach Graz an» getreten. Der deutsch-ruMche Konflitt. Schwere Rückwirkung aus die Handelsheziehunge«. Berlttr, 10. Mai. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Nach einem Moskauer Telegramm des ,^berliner Tageblatt" hat die Sowjetregieru-ng wegen des Zwischenfalles in der Bev»' liner vustifchen Handelsdelegation alle Verhandluuge« mtt den in Moskau .weilenden deutschen Wirtfchaftsvertretern abgelehnt. Ter größte Teil derselben ist wieder ab gereist. Mn Vorvertrag zwischen der russischen Handelsvertretung und einer Gruppe deutscher Firmen über die LieseMng von Benzin und Schmieröl nach Deutschland im Werte von 43 Millionen Gold mark gelangt, wie die russische Handelsvertretung den Firmen mitteilte, infolge des Vorfälle in der Handslsdelegatton nicht zur Unterzeichnung. Die verhafteten Angestellten dev Handelsvertretung freigelasfen. Die in der russischen Handelsvevtvetung verhafteten Angestellten wurden, wie die „Bossische Zeitung" berichtet, wieder in Freiheit gesetzt, da weder Fluchtverdacht noch Berdunklungsgesahr Vovliege. Sie Rathenau-MSrder. Weitere Verhaftungen. — Auch Ehrhardt unter der MSrderbMde. Berlin, 10. Mai. Nach einer KorrespondenMeldung au'S Loipzig sind im Zusammenhang mit der -wegen Beteiligung an der E r m o r d u n g R a t,h e n a u s erfolgten Festnahme des Studenten Brandt in München weitere Verhaftungen erfolgt. Die Verhafteten seien zum Teil bereits dem Leipziger U-tttersuchung-sgefängnis emgeliefort worden. Unter den Festgenommenen besindet sich, wie die Blatter melden, auch eine Persönlichkeit, deren Name bisher geheim gehalten wird, die jedoch in der Gehoimovgamsation „Consul" «ine leitende Stellung innehaben soll. Im Zusammenhang damit war 'heute in München das Gerücht verbreitet, -daß di-eise Pe>rsönliHkeit Äapitänleutnant Ehrhardt sein soll. Der Bolkrentscheid Wer dar SachverftSadigeugatachteu. Berlin, 1V. Mai. Reichsminister Dr. JarreS hat heut,. einem Vertreter des Wolffschen BureauS eine Unterredung. gewährt, worin er zu -er Absicht der sozialdemokratischen Partei, die Annahme des Sachverständigengutachtens einem. Volksentscheid zu unterbreiten, unter anderem a^Sföhrte, ein Bollsentschvid aus VoWbegchren werde von der Reichsver» fafsung nur dann zugelassen, wenn mit dem Zulassungsantrag' ein genau formulierter Gesetzentwurf vorgelegt werde.. Der von dem Volksbegehr gewünschte Gesetzentwurf müsse dem Reichstag vorgelegt werden und nur dMU, wenn dieser chn Mchne, komme es zum Volksentscheid. Auf die Frage, ob er die Veranstaltung eines Volksentscheides in . dieser Angelegenheit für erwünscht halte, erwiderte der Minister, die in dem. .Sachverständigengutachten zur Entscheidung stehenden Probleme feien so schwierig-zu beurteilen, daß sie sich seines Erachtens für eine Entscheidung, durch das Volk nicht eignen. Re völkische Heerschau itt Halle. Ein blutiger Sonntag befürchtet. Halle a. d. Saale, 10. Mm. (Tel. d. „Wr. Aborgm. zeitung".) Zu der morgen stattsindenden EiUwelhung-feier de's Moltte-Denkmals, die von den rechtsradi'kulen Verbünden zu einer faszistifchm' Massendemonstration benützt wirb, ist bereits Lube ndo r ff eingetroffen. Der Stahlhelmbund stellte ihm eine Ehrenkompanie. Die Ankunft des Feldinavschalls Mackensen unid H i nd e nb u r g. wirb für heute angekündigt. Auch der Massenaufmarsch von Mitgliedern der vaterländischen Verbände hat bereits 'begonnen. Das Festprogramm sie>ht einen Vorbeimarsch der Fe-stteibnehmer an Ludendorff vor. Der Reichs'mnenminister Dr. Jar re's wird von der Linkspresse -wegen' des Nichtverbotes der Veranstaltung sehr heftig angegriffen. Da. die Kommunisten ttotz de's Verbotes nicht ans Hre Absicht verzichtet haben, Gegendemonstrationen zu veranstalten, werden blutige Unruhen und Demonstrationen befürchtet.