Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1867 (27.4.1924)
- Date
- 1924-04-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WM^MNWHMWFWMWMWUAWWMMMWWWMWWWMMM t * \ i.+ yx 1 ir** Kt i rih. rss7 .,r Wien, Sonntag '”w»*1?“"' dEk Schahei mH eingebauten BERSON-GUMMIABSATZEN ' larrgüng vom Völkerbund als BedinWng für die iveitere Mtzmeßuugder Kredite ausgestellt wird. Es hat de« Anschein, als ob die Regierung sich mit der Absicht, tragt, alle diese Dinge: Normalbudget, Verwendung d'er Bölkerbundkredite, BesoLungsordnun g, Abgabe nie iungsnov el l e und Z o l l t a r i f, in einen organischen Zusammenhang zu bringen. Die VeÄvendung der Bölkerbundgesder zu Jnveftitiönszwecken soll dazu diemn, die Opposition weich zu nvachen. Diese ist nicht zu erreichen ohne die Ausba'laneievung des Budgets, wozu wieder die Abgabenteilungsnovelle erforderlich ist, und schließlich soll die Erfüllung .der Wünsche der. Bundesangestellten im Rahmen der neuen Bssoldungsordnung der Vorspann sein für den Zolltari s, dessen geldlicher Ertrag eben die Mittel für Mchrbezüge der Beamten bieten soll. Die Regierung wird mit . dev Opposition Verhandlungen einleiten. Ueber die Abgabentellungsnovelle wurden bereits die offiziellen Besprechungen mit den maßgebenden Personen des Wiener Rathauses begonnen In der Budgetdebatte, die morgen ihren Anfang nimmt, wird sich Gelegenheit ergeben, diese Fragen vor aller Oeffentlichkeit zu erörtern. Allerdings ist es fraglich, ob in den ^wenigen Wochen, die noch bis zur Völterbundsefsion iibrig sind, all diese Probleme gelöst werden Knnen, , ' : : Sin Wahlausrufder Reichsregürung. (Eigendienst der „Wiener Aiorgenzeitung".) Berlin, 26. April. Die Reich s reg i e ru-ng hat anläßlich k«r bevorstehenden Reichstagswahlen an das deutsche Volt folgenden Aufruf erlassen: Der Wahltag am 4. Mai ist ein. Schicksalstag für das deutsche Volk. Der neue Reichstag wird über Gedeih und Verderb unseres Reiches die. Entscheidung fällen müssen. Als Reichsvogierung ist es unsere Pflicht, allen Volksgenossen die Bedeutung gerade dieser Reichstagswahlen eindringlichst vor Augen zu. führen: Wir vergessen zu schnell. Denket zurück an die Zeit der wahnwitzigen Geldenüveriung, erinnert euch an die Tage des vergangenen Jahres. Da war das Ende nahe, da standen wir wirklich vor dem Verderb. Wir sind nicht m den Abgrund gestuft. Wir sind nicht der Verzweiflung zum Opfer gefallen. Die Staatsgewalt hat sich behauptet, das Reich ist nicht zerbrochen. Große Opfer hat die Rettung vor dem Untergang gefordert und wir werden noch weitere schwere Lasten auf uns nehmen müssen, ehe wir wieder ganz gesichert den Boden unter den Füßen haben. Aber wir. haben doch wieder die feste Mark. Die entsetzliche Arbeitslosigkeit ist im Schwinden, in Staat und Wirtschaft, irr Gemeinde und Einzelhaushalt Wiener Mortzenzettuns. Ae letzte» ffs (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Löndo«, 26. April. (Radio.) ■ Devisenschlußkurse: Wien 312,500, Prag 149, New-York 4,37«/„, Paris 68,80, Brüssel 80,87«/a, Rom 98.12'/,, Zürich 24,68-,„ Madrid 31.65, Amsterdam 11,76'/,, Kopenhagen 36,11, Christtania 31,66'/., Stockholm 16,6», Berlin 19'/* BMonen, HelsingforS 175'4. LoUöou» 26. ApE (Wechselwrse). New-Nork 4,38, trotzdem er ursprünglich niedriger einsetzte. Paris 68,66, Brüssel 30,60, Berlin 19'/. BMonen, Wien-311:000, Prag 149. Amsterdam 11,7867, Rom 97,82'/„ Schweiz 24,68'/,, Madrid 31,77, Siockholm 16,67, Christtania 31,59, Kopenhagen 26,10, Warschau 40,43, Bukarest 840, Athen 217. Baumwolle: Anfangs amerikanischer Termin 25 bis 46 höher. Mai 17.62, Juli 16.96, Oktober 14,73, Jänner 13,95, Schlußamerikanische April 17,66, Mai 17.46, Jnli 16,79, Oktober 14,49, Jänner 13,85, Aegyptische Baumwolle war nur 25 Punkte höher, fullmidling 18,30. , Aew-2)ork, 26. April. (Radio.) Devisenschlußkurse: Taggeld nominell, Wechsel auf London 4,39, 60 Tage-Wechsel 4.34.50, Paris 6.45, Amsterdam 37.20, Prag 2,94'/., Berliner Schlußkurs 23 bis 23*4, Silber 64-/«. können wir wieder mit festen Einnahmen und Ausgaben rechnen. Ernst und eindringlich aber sei es gesagt: Jedes Abirren von dem von uns beschrittenen Wege dev Ordnung und Vernunft wirb das Ende des Reich es, dev Verderb des Volkes fein. Nur durch Arbeit und Opfer werden wir den Wegaus dem Elend in die Freiheit finden. Durch die von den ausländischen Sachverständigen im Auftrag ihrer Regierungen erstatteten Gutachten wollen wir z>t einer Lösung der Reparationsfrage, zur Befreiung unserer Brüder am Rhein und Ruhr gelangen. Auch die Vorschläge der Sachverständigen fordern von uns die allergrößten Opfer. Aber sie Men die uns bedrückende militärische Gewalt ersetzen. Durch Grundsätze und Forderungen wirtschaftlicher Vernunft, das be-deutet für uns als wehrloses Volk einen Fortschritt. Prüfet sorgsam, ob Ihr Eure Stimme dom Belverber gebet, der von Berantwortu-ngsgefühl durchdrungen die Gewähr' für die Erhaltung des Friedens bietet. Nur dann wird die Währung vor neuem Verfall und die Wirtschaft vor endgültigem Zusammenbruch gesichert ferm Es gilt Deutschland, es gilt den Frieden, es gilt die Freiheit, e's gilt das Glück unserer Kinder! , Re Zemarche wesen der Geheimorganisationeu. (Eigendienst der „Wiener MorgenWtung".) : Berlin. 26. April. Die Botschafter der alliierten Regierungen haben heute einen K o ll e k t r v s ch r i t t bei der Reichsregierung unternommen, um die deutsche Regierung auf die Gefahren, die die deutschen Geheimorganisatiouen für den Frieden bedeuten, hinzuweisen und Maß-, nahmen gegen diese Organisationen zu verlangen. ,, ■. 27. April 1924 Seite 8 Moden» Badeanlagen Waschtische u. Klosette GEBRÜDER MEDEK III. Ungargasse 47 &ou •lephon« 15B3,1040, 7610? , Die Botschafter der Ententemächte haben dem Außenminister Noten, die sich auf die Gehennorganisationen beziehen, übermittelt, WMsche und Klerikale. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitnng".) Berlin, 26. April. Der Wahlkampf hat bereits berschte* dene Konflikte zwischen den Deutschnationalen und den katholischen K'irchenbehörden hervovgerufen. So ist zwischen dom württeuGergrschen Bischof von K e p p l e r und der württomlborgrschen deutschnationalen Partei'ein schwerer Konflikt entstanden. Der Mschof hatte den von den Deutschnationalen flir die württembevgischen Landtagswahlen ausgestellten kacholischen Goistlichen, Professor Dr. Fürst, die Erlaubnis zur Wiedermmahme der Kandidatur verweigert. Darauf haben die Deutschnationalen erklärt, daß sie sich um das Verbot des Bischofs nicht kümmern, sondern die Kandidatur Fürsts aufrechterhalten werden. Auch Kardinal Bertram in Breslau hat sich ge» zwangen gesehen, gegen die Deutschnatianalen Front zu machen. Er veröffentlicht eine Erttäruug, in der . er daraus Hiuüveist, daß von deutschnationalet Seite die Kandidatur des Pfarrers Wo lf von Markowitz dazu benützt wird, um in Plakaten zu verkünden, Wolf sei der Spitzenkandidat der Deutschncrtioualen in Schlesien, und zwar mit ausdrücklicher Genehmigung des Kardinals Bertram. Der Kardinal verwahrt sich nunmehr öffentlich gegen, wie es in seiner Kundgebung heißt, „ein solches tendenziöses Hnreinzerren der kirchlichen Autorität in die Wahlagitation", und erklärt, falls Pfarrer Wolf nicht im Stande sein sollte, dieses Hineinzerren zu verhindern, so werde Hm die Annahme jedes Mandates verboten werden, Ser Prozeß gegen Hiüerr Garde. '(Eigendienst der „Wiener Morgenzettung".) München, 26. April. Bei-Begrim der heutigen Web. Handlung wurde der in Salzburg verhaftete flüchtig gewordene Ludwig Schaub Vvvgeführt. Auch gegen ihn erhob der.Staatsanwalt die Anklage wegen Beihilfe zum Hochverrat. Bei der Einvernahme gab Schaub zu, an > den Borgängeu am 8. November beteiligt gewesen zu fein. Der Staatsanwalt, welcher födaun die Anklagerede hielt, beantragte, sämtliche Angeklagten des Verbrechens der Berhilfe zum Hochverrat und den Angeklaigten Feichlmeyer auch des Verbrechens de's.Diebstahls schuld^ zu sprechen, und zwar Maurice, Kuobloch und Schneider zu je zwei Jahren Gefä-ngnis, die AngeNagten Schmied, Ste'vubmder, StollwerL und Geruur . als die Mindevbelasteten zur gesetzlichen Miudeftstvase. von Fahrendes Volk. -A n s d er <Serre ,/S chw in-den d e Ghe t i-ogestalten". F Von Jakob Krausz. 5. Aus dem Tagebuch des Bevl Sträselmann. *) Wieder einen Winter übertancht, einen der denkwürdigsten meines „Lebens. Denke ich jetzt, da ich gewärmt von der linden FrühlmgÄsonne unschlüssig auf der Landstraße stehe und Minen Blick aus die noch ihalbvevschneite Bergkuppe der transsylvanischen Alpen richte, an die.Monate, die ich dort in dem märchenhaften Säöatavievdors verlebte, übevkammt wich ein mystischer -Schauer, wie er etwa «den verwunschenen Prinzen geschütteilt haben mag, als er, aus dem anderen Leben erwachend, noch einen hastigen Mick auf das Traunrland /warf, in das er durch eine geheinrnisvolle Macht gebannt war, und nicht recht wußte, ob er sich des Evwachtseins freuen solle. Es ivar auch sonderbar. Der letzte Somnver brachte-nnch irach Siebenbürgen. Es war eine Flucht ans der Slowakei mit ihren auf ihre Gelehrsamkeit und ihren Hang zur 'deutschen Bildung furchtbar eiivgebildeten Juden, aus dem uuga« vischen Tiefland mit ihren auf ihr völliges Abrücken von der jüdischen Lchre -wie auf ihre bauernhaste Ablchnung der deutschen Kultur gleich stolzen Juden. Bei diesen und bei jenen hatte ich mich bereits in gleicher Mise-ganz abgeu-ützt. Die fliowakischen Juden haßten mich, weil ich das Wißen verlor, ohne es fmchtbvingend angelegt zu haben, die magyarischen Juden verachteten mich, weil ich noch etwas jüdisches Wissen besaß, das ihnen unverständlich war. Beide ■ aber behandelten mich wie den altgewovdenen, auf die Damr lästigen Schnorrer, der zur 'bestimmten Zettln die'Türe pocht und je nach der Laune des Hausherrn.mit einertt Kreuzer abgefertigt oder davongejagt wird. In SieberMvgen konnte ich nach etwas ausrichterr. Man hatte wohl Mch dort schon manches von Bvvl Jluj gehört; ganze Legenden, lustige und traurige, waren über mich int .Umlauf; die Men erzählten im Schulhof Mtze und Streiche, die ich.siiemals gemacht hatte, aber von Natur aus gemüö- . - 9) Siehe „Wr. Morgenzeiinng" vorn 50. März, 6., 13. und 20. April. -voll, neigen sie selbst zum Scherz, zum Wenteuerhaiften, und bevstehen e's, alles, Lvas geistvoll ist, das Leichtt.und'das Schwere, mit Verständnis aufzunehmen und zu genießen.. Roumnttsch, wie das herrliche-Stück Land, auf dem sie fett undeuTicheu Zeiten leben, sind diese Juden selbst träumerisch und doch impulsiv und es ist.kein Zufall, daß hiev, obgleich die Juden durchivegs fromm, den Gesetzen treu, lckben, die Agadah, die -iu Legenden gekleidete Deutung dev Schrift, eine größere Pflegestätte gefunden hat, als die Forschung der dogmatischen Juterpvetation, der Halachah. Wer diesen wohllsbigerr, lebensfreudigen Juden, die den fahrenden Bruder nicht als Last eanpfinden, hatte ich eine Reihe schöner Tage, -während welcher mich wiederholt die Lust anwandelte, das Wanderleben aufzugeben, und.zwischen diesen Aienschen, -die so ve-if sind für die Ronrantik des Ehasiidismms, ein Leben der Freude am Wissen, de's Poetischen Genießtzirs und der träumerischen SeWucht nach der Erlöiftmg zu fuhren. Der „Köuigsteig", wie die.Ungarn diese schöne, srrlchtbare Ecke ihres Landes nennen, an die sie so viele Sagen gedichtet 'halben, wurde in nvein-er Phantasie zum „Konigsteig" des Messias, des Erlösers des jüdischen Voltes. „Wemr für die MMvischen Juden einst die Stünde der Geulah, der Erlösung, schlagen lvi-rd, wird frc sicher über den K-önigsteig Lomnren . , Ich bl-ieb länger iu Siebenbürgen als ich urspmuglich beabsichtvgt hatte. Es.war bereits Ende Oktober, als ich spät am Abend, in den Bergen streifend, die Richtung verlor und gegen Mitterrmcht in eine Bergsiedlung verschlagen wurde.-Die Hunde schlugen, als sie den Fremden witterten, in ohrenbetäubendem Chor an und weckten die Leute aus dem Schlaf. Damit hatte ich gerechnet pnd blieb am Dorfemgang stehen. Da die Hunde sich ÄngerMise nicht beruhigen wollten,- bis jemand aus dem Dorf sich nicht überzeugt hätte, wer der Fremde sei, wurde -es in den kleinen Fenstern der niederen Häuschen rrachemauder hell und bald war ich von einer Anzahl Männer n^uringt, die mich ohne jede Erre- Mug mtt Fragen überschütteten: Mr ich sei, woher ich komme und welches Ziel mein Mg habe. Einige Mimtten später lim ich unter Dach und -da -ich Speise und Trank aiblehnte, wurde mir in der Gerätekanimer ein gutes Lager gerichtet. „Fremder, finde -den Frieden und die Ruhe, unter meiuem Dach!" grüßte der Wirt und ging, nachdem er noch einen Krug Wasser gebracht hatte, ohn? die Kammer zu schließen, in sein Hans, - Am Morgen — ich legte gerade die TefillM an, um ldas .. Morgengebet zu verrichten — trat der Alte mit einem Morgengvuß in meine Kammer. Betreten blieb er e-rnen Augenblick stehen. ,Menn du deine Sache mit deineim Gott erledigt hast, komme hinüber zu uns!" sagte -er und verließ leise die Kammer. Die Familie meines Gastgebers, zwei Sö-hne und -eine Tochter — die Frau war vor eiaüger Zeit geswrben —, betrachtete mich anfangs stumm und scheu, wie ein aus einer anderen Mlt gekommenes Wesen. „Du bist Jude", begann der Me, wahrend er einen Knrg frischer Milch und ein Stück Schwarzbrot vor mich lsinschöb. „Wie heißt du?" ^Berl. Man nennt mich Berl Jluj, iveil ich noch vor wenigen Jahren meine Glaubensbrüder durch mein Wissen und meinen Scharfsnvn in Erstaunen versetzt habe.Dlotzlich kam es über mich wie -eine Naturgewalt, zog mich fort -von den Büchern, hinaus ans die Straße, in den Wald und -in die Berge, fort von -den Menschen, hin zu jenen wundervollen Geschöpfen Gottes, deren Sprache nur ein Atensch jemals tKvsta-uden und deshalb die Bezeichnung eines Weisen verdient lhat. Seit-König Salomo dem Mff'en sind/die Menschen böser, roher geworden, iveil sie die Sprache der Tiere nicht verstehen." — „Du sprichst wie ein SWata-vier, Berl, das freut -mich, denn so werden wir -besser miteinander auskom-men. Bleibe, solange es -dir geMt, bei uns, ruhe aus von des Wan,derns Müheir und dann ziche in Frieden." Ich lbat um-die Erlaubnis, drei-Tage im Tors a-us- -ruhen zu dürfen. In der zweiten Nacht brach'nrplötzl-ich. .wie es in diesen.Bergen häufig zu geschchen Pflegt, der Winter ein. Als -wir erwachten,llag das Dorf und der Wald, in den es eingebaut-war, in ellentiefeiu Schnee. Wege und Pfade lagen unter der schweren weißen Decke. Die Häuser sahen wie große Schneehaufen aus, in-die eine luftige Kna-- 'benschar Feusterlöcher geschlagen hatte. „Jetztsind die Mge hier -nicht inehr geheuer, Fvemlder", fptach der Alte, als ich verdrießlichen Blicks die SiLmtion betrachtete. „Dukannst bei-uns bleiben, dir bist jung, kannst mir bei der ohüehiu- 'geringen Wi-uterar'beit helfen und brauchst -dich unserer Gaben-nicht zu schämen." Ich konnte nicht anders als annchmerr. Es waren- Monate ^reichen Erlebens, die nun folgten. Eine neue Welt tat sich mir aus, wesensvcrwandt mit der, i-ir der ich geboren .wurde und ausgewachsen bin, und doch so ganz anders, so