Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1866 (26.4.1924)
- Date
- 1924-04-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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TBK 1880?- WrW, SaWW ***” Wiener MovgMzeitünü.^E w- IM' "W' Teilnehmer einer solchen Fahrt, der mit einigen §&* fccltettt deS Gdud Hmüvvdcch nach Sichem zur Pessachftier fuhr, Dr. A. I. Brawö aus Jeuisalem> jerzählt im pHaalam" Über den samaritanischett Peffach folgendes: Um L Uhr nachmittags kamen wir in Sichftn an und beeilten uns, den Berg Garifim zu bestöigen. Wir fürchteten, zu spät zu kommen, da wir doch wifien, baß das alte Peffachopftr um die MnchMrit geschlachtet wurde. Aus den GvrisimLerg, der 30V Mter hoch ist, führt kein Weg und er mutz erklommen werden. Oben auf der Bevgesspitze sind 28 Zelte errichtet, in denen die Samaritaner während der Peffachfeiertage wohnen. Ihre Häuser in Sichem stehen jetzt leer. Bon den Vorbereitungen zum Pessachfest ist nur der Mar zu sehen. Vor dem Altar ein Scheiterhaufen, auf dem die Pessachlämmer geopsrt werden. Diese weiden noch am Berge. Muer der Leviten — ihre Hohepriester sind vor ungefähr 300 Jahren ausgeftovben und es versehen die Leviten den Opserdienst — läßt sich mit uns in ein Gespräch ein. Dieser Levite ist auch der von der Zionistischen Ouganisation bestellte Hobräischlehrer der Gemeinde. Er zeigt uns eine alte Thorarolle in der Schrift der Samaritaner, die angeblich von P i n ch a s, dem' Enkel Aharons, geschrieben wurde. Die Schrift ist kaum leserlich Ueber sie wird der Segenspruch gesagt, wahrend man aus einer anderen Rolle liest. Es sind noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang. DaS Peflachopfer wird erst in der Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und dem Aufleuchten der Sterne dargebracht. Die Samaritaner zeigen die Stätte ihres ehemaligen Tempels. Man sieht hier auch Ruinen aus der byzantinischen Zeit. Die Sonne geht unter. Da erscheint die ganze Gemeinde in weißen Kleidem und gruppiert sich um den Men. Der Gottesdienst beginnt. Die Gemeinde richtet ihr Antlitz gegen die Ruinen des Tempels. Der Bor- Leier singt unter Begleitung des angeblichen Hohsprresters und der arideren Leviten und die Gemeinde Mt ein. Uns ist ihr sonderbarer Singsang ganz unverständlich. Man Hort kaum die Worte Abraham, Isaak und Jakob heraus. Der Hohepriester schaut auf die Uhr. Noch eine Minute fthlt zur gesetzlich vorgeschriebenen Zeit. Sie wird abgewartet. Nun werden die Lämmer, sieben an der Zahl, unter großem Jubel der Gemeinde geopfert. Um 9 Uhr ist die Prozedur beendet. DaS Fleisch wird verteilt, wobei acht gegeben wird, daß ja kein Knochen gebrochen werde. Um Mitternacht werden sie vom Opfer essen, in Eile, nach dM Wortlaut feg MetzeS ,,, ' Seit- .tz Hochenegg und die Aerztekammer. Persönliches von Kant. Kants Lebensweise. KantS LebeuSgswoihnhvitsu sind für ferne Eigenart so /ezeichnend, daß darüber einiges mitgeteilt we.rd:a möge: er lebte genau -nach der Uhr und einen Tag wie -den andern. Nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter stand er regelmäßig um 5 Uhr morgens auf, und sein Di'.nrr hat später emural einer anwesenden Gefttlschast bezeugt, daß sein Herr dreißig Jahre lang von dieser Gewohnheit um keine Minute abgswichen sei. Dann rauchte er eine Pfeift Tabak, trank zwei Tassen sehr schwachen Tee und begäb sich au seine Arbeit bis zum Beginn seiner Vorlesung, die von 7 bis 9, manchmal auch von 8 bis 10 Uhr stattzw« finden pflegte. Dann ging er «wiedr an die Arbeit und um 1 Uhr zu Tisch. So lange er köme eigene Wirtschaft hatte, saß er in einem Speisehauise und liebte es, bei anregender Unterhaltung hier gemächlich zu verweilen, um, wie er sagte, ,/vuch dem Körper feine Ehre zu geben". Nach dem Essen, ging er unausgesetzt spazieren — einen MittaMchlaf Nannte er nicht —, und zwar >in früheren Jahren mit Kollegen, wohl auch mit Studenten, in höherem Mter lieber dem, um sich nicht durch Sprechen anstrengen zu müssen. Ban diesem Spaziergang ließ er sich auch durch das schlechteste Wetter nicht abhalten. Der Weg, den er zu seinem Spaziergange benützte, war immer der gleiche und heißt heute noch.der „Philotstphengang". Der Abend war der Besorgung geschäMcher Angelegenheiten Md dem Leisen von Journalen und Zeitschriften gewidmet. Gr ging früh schlafen, zwischen 9 und 10 Uhr. Eine Zwischenmahlzeit verschmähte er zeitlebens. Bier trank er nie, weil er es für schädlich hielt, dagegen ein Glas Wein zu Tisch. Trotz seiner schwächlichen Konstitution erreichte er dank der geregelten, mäßigen Md einfachen LeLensweise das hohe Mter von 80 Jahren. Kant -war klein von Gestalt, kaum fünf Fuß hoch. Er hatte strahlende blaue Augen und einen überaus gütigen GesichtsMsdruck. Ms er am 12. Februar 1804 sanft entchlief, sägte ein Zeuge seines Hinscheidens: „Soin Tod war ein Aufhöreu des Lebens und uicfyt ein sMältsanrer Akt der Natur." Kant und die Frauen. Kants Liebe schien, wie die der -meisten Männer, durch den Magen gegangen zu sein. Wenigstens unterhielt sich der . Philosoph mit dem weiblichen Geschlecht am liebsten über die Kochkunst. Von einer Frau, die ihn an seine Kritik der reinen Vernunft erinnert oder über die französische Revolution ein Gespräch nrit ihm angeknüpft hätte (über hie er sich sonst in männlicher Gesellschaft recht leidenschaftlich unterhielt), würde er sich augenblicklich weg-gewandt haben. Einmal L ) er gegen eine vornehme Dame, die durchaus mit ihm gelehrt sprechen wollte und, da sie bemerkte, daß er immer auSwich, fortwährend behauptete, daß Damen doch auch ebenso gelehrt sein können wie Akanner und daß es wirklich geehrte Frauen gegeben hätte, den drastischen Ausdvuck fallen: „Nun ja, es ist auch danach." Ein andermal, da ftm Gespräch über Zubereitung der Speisen etwas ' Reue Aeschnldignngen. Der HeMlsgeber der KorvesPonSenz Herzog hatte gestern Gelegenheit, mit Professor Dr. Hochenegg in Angelegenheit der letzten Kundgebung der Wiener Aerztekammer gegen seine «bekannten Ankll^en zu sprechen. IM Verlauft des Gespräches erklärte Hofrat Hochenegg unter anderem: > .Ich bin der ersten Ladung der Zlerztekammer nicht gefolgt, well ich nach ihrem bisherigen Verhallen von einer weiteren Verhandlung keine Förderung betreffs Sanierung der von mir gerügten Mißstände erwarte. Die Kammer inszenierte eine»Mltswogige Untersuchung in breitestem Rahmen", der von vornherein die offensichtliche Absicht anhastete» meine Behauptungen zu widerlegen und ja nicht zuviel meine Darstellungen Bestätigendes zu. erfahre». Ä wardas offenkundige Bestreben der Kammer, nicht nur die von mir gebrandmarkten Aerzte, sondern vor allem sich selbst von der schweren Beschuldigung vernachlässigter Obsorge zu exkuilpieven. Es liegt also der krasse Fall vor, daß von einem Mitbeschuldigten dir Untersuchung in eigener Sache durchgeführt wurde und ein Mitangekagter den Richter spielt. Die unyemem prophylaktisch formulierten Fragebogen wurden, obwohl es in Wien 630 Fachärzte gibt, nur — 50 zugesandt. Die schwarze Liste dieser rückständigen Fachärzte, mit denen kein Geschäft zu machen ist und die daher von praktischen Aerzten kaum jemals einen Patienten zugewieftn eichalten, ist unter den Aerzten allgemein bekannt, so daß es kein Wunder ist, wenn die Kammer aus Grund der Auskünfte dieser ausgewählten 60 Fachärzte erklären kan«, daß die von mir gerügten Verhältnisse nur „ganz vereinzelt" vorgekommen sind. Es wäre unschwer, Me Gegenliste von wett über 1VÜ Fachärzten auszustellen, die alle Fragen der eigentümlichen Fragebogen hatten, bejahen müssen. Ich spreche den Erhebmrgen der Kammer jeden Wert für eine Klarstellung de« bestehenden Berhältniffe ab und taxiere den in den Tagesjournalen publizierten Untersuchungsbericht als vollkommen mißglückten Versuch einer Widerlegung meiner Anklagen. Was schließlich die Behauptung der Kammer betrifft, daß ich für die Behauptung, daß die JndAatronSstellüng bei Operationen vielfach eine laxe geworden fti, auch nicht auf einen einzigen Fall ausführlich wach, sagte ihm eine würdige, auch von Hm sehr geschätzte Dame: ,M ist doch, lieber Herr Professor,' vü-Mch, als ob Sie uns bloß für Köchmuen anfthm." Worauf Kaut mit Gewohnheit und Feinheit aussma-nderfttzte, daß Kenntnis ded Küchenwesens und dessen Direktion jeder Frau zur Hö rsten Ehre gereiche. Bleiben Sie mir vom Leibe mit den Gelehrten! In Gsgöniwart Kants kam man «mural auf die Fortdauer der Seele «ach beim Tcde in einer anderen Welt zu sprechen. ,M, Ihrer wird man," sv meinte jemand aus der GeseHchast, ^rhl wenig im Jenseits habhaft -tv-er.de n können." — ,Marmn?" fragte Kant. — „Nun," -war die Mrtwort, „ich denke mir, daß Sie sich da in der Geftfichaft aller Weisen der alten und neuen Zeit befinden und einen himmlischen Klub von Gelehrten gründen werden." — ,Mch, msiu liche-r Freund," versetzte Kant, „b l>e i b e n S i e mir vom Leibe mit den Gelehrten! Wenn ich m der' andern Walt Welt rne-inem alten Lauche —' fern Diener — begegnen werde, so «werde ich froh sein und ausrufen: ,MtÜoib, .ich bm i>n guter Gesellschaft!^ Re Katastrophe von Bellinzona. - (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bern. 25. April. Der Sägereibesitzer Otto Brühl auS Munderfing (Oberösterreich) ist den bei der Katastrophe erlittenen Verletzungen., erlegen. In der Leichenhalle in Bellinzona sind die Ueberreste von 13 Leichen aufgebahrt. Davon konnten bisher noch nicht alle identifiziert Werder^ da hie ^Leichen furchtbar v e r st ü m m e l t sind. Unter den Agnoszierten befindet sich auch der deutsche Professor W e i ß h a u s. Unter den Trümmern der zerstörten Wagen befinden sich, noch immer Leichen. In dem verbrannten badischen Waggon spielten sich furchtbare Szenen ab. Nur drei Personen wurden aus diesem Wagen gerettet, darunter ein Arzt, Doktor Maurer, der mit einem Patienten gereist war. Unter den deutschen Passagieren, die den Tod fanden, befindet sich auch der Berliner Direktor der Stahl-Bet-vn-Werke Hleinbogel, Siegfried W e r t h e i m, der zusammen mit seiner Gattin und dem'Darmstädter Professor Klembogel den Tod fand. 1 * Sämtliche Lekchenteile werden heute mittags irr daS gerichtSinediziurfche Institut nach Zürich überführt, wo geeignete Räume für chre längere Konservierung vorhanden sind. Auch die Leiche Helsferichs kommt vorläufig nach Zürich und bleibt dort solange, bis die Identität der Leichenteile seiner Mutter mit Hilfe der Angehöriger «- folgt ist. Außer der Fran Helsferichs ist auch Helsferichs Brüher in Bellinzona eingetroffen. verweisen konnte, so fit es ittit unklar, wieso sich die Kummer berechtigt fühlt, eine solche Behauptung a-uszufprechen. Ich habe es ans begreiflichen Gründen Vermieden, Rauten p nennen,. der Kammer aber den Weg angegeben, wie sie unschwer zu einem selbständigen Urteil gelangen könne. Ich frage also die Kammer, ob sie zur Ergründmlg dieser meiner Ansicht die ihr von mir vorgeschlagenen Mittel: diskrete Vernehmung der gewesenen und jetzigen Hausärzte der diversen Mittelftandssanatorien und Prüfung der Protokolle dieser Anstalten, namentlich aus früheren Jahren, angetvendet hat. So lange dies nicht geschehen ist,, halft ich auch hierin meine Ansicht für unwiderlegt. EiM Reihe deutschösterreichischer Aerztekammern, ärztliche Vereine, medizinische Zeitungen (auch aus dem Deutschen Reich) halben mir chre Sympachien, ihre begeisterte, Zustimmung und unumwundene Amrkennung für das. offene und mannhafte Bekämpft» Mzulässiger Methoden 1 in der ärztlichen Praxis und für den furchtlosen Kampf im Jntereffe der ärztlichen Standesehre und gegen die schamlose Protektionswirtschaft ausgesprochen. Zahllose Briese Ms dem Publikum dankten mir für meine Jnikiattve und brachten mir weitere Jllustvationsfakten Mir Kermtnis, so daß ich heute, also nach vier Monaten, davon überzeugt bin, daß ich recht gehabt habe, die ganze heikle Frage in einer Form zur Sprache zu bringen, über die man nicht ohne weiteres zur Tagesordnung überg-ehen konnte. Der Präsident der steiermärkischen Aerztekammer tollte mir offiziell mit, daß die steirischen Sanatorienbesitzer die Hilfe der Kammer in Anspruch nahmen, well ihnen von den Niederösterreichischen Sanatorien- Lesitzern zugemutet wurde, auch Zutreiberprovifionen m der Höhe von 3 bis 20 Prozent, je nach der Stellung des Zu' treibers, Hotelportier oder Arzt, zu gewähren. Auch die JnnsbMcker Kammer erklärte sich mit meinem Borgehen vollkommen einverstanden, ebenso, die oiberösterreichische.! Im Lauft der kommenden Woche erscheint im Hölderschen Verlag mein Schlußwort in Form eines offenen Briefts an die Mener Aerztekammer. Mt diesem Schlußwort ist dann, wenigstens für mich, die Affäre end- , gültig abgeschlossen. ■MMH1WMM Der Tod Helsferichs. . Die GrkemMNig Helsferichs wurde hauptsächlich dadurch herbövgefühvt, daß unter den Trümmem ein goldener' Fingerring ^finden wurde, in den, der Name He.fftrlch oingravie-Vt war. Außerdem fand man Helfierich gehörende polnische Akten, die des Reparatr: nsproblem behandeln, Tie Gemeine Bellinzona veranstaltete ein: Tranes ftier für Helfiecich. Gin Eisenbahnunfall bei Bischafshofen. Wie die Grazer „Tagespost" berichtet, lösten sich von. dem um 2 Uhr früh von Bischofshofen in der Richtung nach S e l z t a l abgchenden Güterzug Nr. 874 bei einer Steigung die letzten fünf mit Gütern beladenen Waggons los und rollten in der Richtung Bischosshofen zurück. Sie entgleisten und wurden gänzlich zertrümmert. Der Stockmann erlitt schwere Verletzungen. Der Personenverkehr wird durch Umsteigen aufrechtechcLten. Die Berkchrsstörung dürste in 24 Stunden behöben sonn t Lawinensturz am Arlberg. Wie aus St. Anton gemeldet wird, ist am Arlberg eine große Lawine modergsgangen. Die Telepho,nVerbindung von Wien nach der Schweiz ist gestört. Ae ZMer Synagoge abgebrannt. Eine durch Unvorsichtigkeit entstandene. Feuersbrunst zerstörte in Jassy die große Synagoge, ein über dreihundert Jahre altes Gebäude, das von bet jüdischen. Bevöl.'erung Rumäniens in besonderem Maße verehrt wurde. Unter den Jassyer Juden, herrscht große Verzweiflung. Auch eine kleinere Synagoge, die sich neben dem großen Ten^" befartd, wurde vom Feuer zerstört. i '. .i; Sin nettes Scharlachlemm. ‘ Wie aus New-Pork gemeldet wird, hat das Mitglied des Untersuch ungslaboratoriums der Stadt New-Pork, Doktor Kinger, auf einer. Aerzteversammlung ,des Staates New- York mitgeteilt, daß das von dem Chikagoer Biologen Doktor Dick entdeckte Serum zur Heilung des Scharlachs von ihm air mehr als 3000 Kindern mit bestem Erfolge erprobt worden sei. Die Heilung des Scharlachs föiitie nunmHr als absolut sicher geltm. (Medizinische Meldungen ans Amerika waren bisher stets mehr wunderbar als wahr. Es wäre daher abz»'' warten,' was eine, einwandfreie Nachprüfung ergibt.) Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche. Wie die „Germania" meldet, ist es Prof. Dahmen vonder Tierärztlicherr Hochschule in Berlin gelungen, den Erreger der Maul- und'Klauenseuche in Rein- " I «.-n. . MMIIXlWZr