Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1866 (26.4.1924)
- Date
- 1924-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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darum so grausam erschöpfender. Arbeit. Und die ^Millionen anderen Juden zogen an den fürs Judenland ikävchfenden Darren, mit gehässigem,^ höhnischem- Lachen vorüber oder in-eisiger TeilnahlusWgkeit. Liebdr, numnchr entzückter Zuschauer! Vielleicht -warst du nicht unter jenen, welche die Arbeiter an der großen heiligen Sache beschmutzt und beschimpft haben. Dann aber warst du gewiß unter jenen» die nichts unternommen haben, um ihnen zu helfen. Hast du ihnen keis nen Stein in den.Rucken geworfen, so Haft.du ihnen auch gewiß keinen Stein, aus dem Wege' geräumt.- Nun ist das Wahnbild vom jüdischen Palästina zur Wirtlichkeit geworden,- - trotz deines Nichtstuns.- Dir; freust d ich dieser Wirtlichkeit, an welcher das Blut und der Schweiß anderer haften, sie erfüllt dich mit Mischem Stolz. Logen dir -diese MHÄös erworbene Freude und dieser tatenlos errungene Stolz nicht eine Verpflichtung auf, die weiter reicht als bis zur Empfehlung des Films" an Bekannte? : Fühlst du dich nicht in große Schuld geraten? Du bist doch ein anständiger Mensch... Der. Palästina-Film-dichtet nichts hinzu.. Er zeigt [bit die Dinge wie sie sind, aberer zeigt dir nicht alles. Er überspringt.Phasen des Aufbaues.. Palästina hat .nicht nur sonnige Weingärten und Felder. Es hat auch Spitäler. Dort liegen, junge Menschen, vom Pesthauch -der Sümpfe vergiftet, von der harten Arbeit in tropischer!Hitze auf staubigen Straßen um einen Hüngerlohn gebrochen. Die meisten sind von der Schulbank weg ins 'Judenland gelaufen, Steine klopfen und Moraste trockenen. Manche der Kranken kehren zur Arbeit zurück und lachen dir wieder aus dem Film entgegen, viele lachen nie mehr. Die in den Spitälern sind die Glücklichen. Denn Palästina hat zu wenig Spitäler- und an ihre -Düren klopfen vergeblich so viele junge, kranke Menschen, -die ihr Fieber, ihren Hunger, ihr Glend durch die Straßen schleppen müssen. Pestrlenzialischer Smnpfhauch -und Hunger, der die Eingeweide zerreißt. Man kann sie wicht auf die Leinwand bringen, aber sie sind da,- mein Lieber, entzückter Zuschauer. Du kannst es dir schwer vorstellen, weil du gegessen hast und die Sanitätsbehörde ängstlich darüber wacht, daß. das Kino, in welchem du fitzest, genügend gelüftet wird.. Du sieht auch auf dem Film Aräberdörser in idyllischer Ruhe. Du sieht es nicht, wenn es in ihnen zu brodeln, zu . kochen beginnt, wenn .braune, -verhetzte Teufel sich blutgierig auf die, jüdischen: Bauern stürzen und unsere Jungen verzweifelt kämpfen -müssen. Dort unten liegen schon viele Tote. Sie haben ähr junges Leben gegeben, wir geben ihnen dafür den Titel „Holden", und sind sehr empört, wenn es etwa beim Kinoausgang .ein Gedränge mit Rippenstößen gibt, und , .schreien nach Ordnern und-nach der Polizei. Jüdische Menschen leiden und bluten und geben alleschin,.damit: Palästina aus dumpfem Schlafe erwache, damit auf der r Leinwand ein Bild erstehe, das dir-Stunden des Behagens verschafft.. Jüdische Menschen leiden und bluten i und nehmen die schwere Last schmachvollen Ghetto- - Judentums von deinen Schultern, .von den Schultern : deiner Kinder und geben dir ein Judentum, das dich trägt und stolz und frei macht. Was willst du tun, mein lieber Zuschauer? . - Willst du weiter deinen bequemen Weg gehen und ändere arbeiten lassen? Willst du vielleicht mit unwilliger Gebärde eine Bettelgabe reichen und ein Geächze und Gekrächze über die schweren Zeiten und deine geschäftlichen Sorgen anstimmen? Palästina soll deine Sorgen mehren! Opfere! Gib so, daß du das Geben hart empfindest. Gib, sonst bleibst du unehrenhaft verschuldet, als Mensch und als Jude. Früher konntest du deine Unwissenheit als Entschuldigung ins Treffen führen. Hast 'geglaubt, das Ganze sei Phantasterei. Nun hast du den Palästina-Film, hast das lebendige Judenland gesehen und die Menschen, welche dort so hart arbeiten, so schwer 'und leidvoll, nicht für sich, für dich, für dein Volk, deine Ehre, deine Kinder. Und wenn du weiterhin stumpf und verschlossen bleibst, so ward Palästina doch gebaut werden. Ohne dich. Andere werden nur mehr Opfer bringen, es werden mehr junge Menschen leiden und sterben müssen. Und dieses blutige und leidvolle Mehr wird als trüber Fleck auf deiner Ehre ruhen, als drückende Last auf deinem Gewissen. Vorausgesetzt, daß du Ehrgefühl und ein Gewissen hast, mein lieber, beftiedigter Zuschauer. „An alle!" ~y, Wien, 26. April. Wir haben geistern inftaeteM. daß heute Gug-lialmo Marco-ni seinen 50. Geburtstag begeht. Er hat das Mick, daß sich hie gesamte Kultuvwelt als Gratula-nt um ihn sammelt und ihm für sein Werk dankt, das eine unendliche Bereicherung ihres Lebens gebracht hat. Air dm Namen Marconis knüpft sich die Vollendung der Erfindung der drahtlosen Telegraphie und Delephonie, die noch immer nicht nach ihrem tatsächlichen Wert gewürdigt wird. Gerade in unseren Tagen nimmt die Radiotelephonie eine ungeahnte Entwicklung und eröffnet Möglichkeiten des Verkehrs, an die man noch vor kurzem ka-um denken konnte. Es ist heute möglich, mit Hilfe unscheinbarer Apparate Stimmen und Laute' aus weiten Entfernungen auszufangen. Die Kulturbedeutung - dieser Erfindung laßt sich noch kaum ahnen. Hier ist ein Mittel dev Verständigung zwischen Menschen geschaffen worden, das auf der direktesten Relation beruht und wenngleich Storungen noch immer möglich sind, so arbeitet doch rastloser Erfindungsgeist an der Vervollkommnung der Apparate und der Reinheit des Sondens und .Empsangens, .. LvrieM2 Es ist nicht unnötig zu , sagen, daß Vlarooiri bei seinen ersten praktischen Versuchen, die er im Jahre 1897 an einer Kststenklippe in Wales vornahm, auf dem feisten Fundament, staub, das Heinrich H.e.rtz als Professor der technischen- Hochschule in.Karlsruhe gelegt hatte. Hertz, -der .am 22. Februar -1857 iit Hamlmrg geboren wurde und am 1.' Jänner 1894 starb, war. Jude, und dieses für unsere Zeit nicht so unwichtige Detail wird gewöhnlich genau so übersehen wie die Tatsache, daß.Philipp Reis, der Erfinder des Teleiphon^, Mchfallsder geistig so sterilen und nur auf das -Geldverdienen eingestellten s-cm-ttischen Raste angehört hat. - Heinrich Hertz hatte in den Jahren 1880 und 4867 den Zusammenhang zwischen Licht -und Elektrizität untersucht und es war ihm 'gelungen, elektrische Schwingungen von hoher Zahl zu erzeugen. Er wies nach, daß sich diese Schwingungen als elektromagnetische Wellen oder als „Strahlen - elektrischer Kraft" mit derstVöen Geschwindigkeit durch den Raum fortpftanzen wie das Licht, daß sie an Spiegeln zurückgewovfen, durch Prismen gebrochen werden und Polarisationserschei-nungen zeigen nach denselben Gesetzen wie die Lichtstrahlen. Diese Entdeckung stellte den innigen Zusammenhang zwischen den bisher getrennten Gebieten der optischen und der Mtrornagnettschen Erscheinungen her. Der menschltche Körper, der. für die Wahrnehmung dev Lichtstrahlen--das Auge» für die Wahrnehmung der Wävmestrahleu die Hallt hat, besitzt kein Organ für die WahrnehlMng der elektrischen Wellen. Dieses Ersatzovgan, das Hertz nicht fand, konstruierte auf Gmnd der Arbeiten dieses jüdischenPhvsilkerszuerst, ein -Franzose, dann aber ün brauchbarerer Form der Jtalliener Mareon-i, der 1897 dem Chef des englischen DelegraphenwesenS Sir Pveece mitteilte, es. sei ihm möglich, mit Hilfe der Hertzschen Wellen drahtlos zu telegraphieren. England unterstützte die Versuche, die nach dreitägiger Anstrengung Zuerst. auf eine Entfernung von fünf Kilometer gelangen. Marconis Namen trugen die Hertzschen Wellen hinaus in den Raum-... Marconis -Verdienst, das durch diese Betrachtungen nicht geschmälert werden soll, liegt darin, daß er den rechten Einfall zur rechten Zeit' hatte. Hertz' Verdienst liegt in der wissenschaftlichen Vorbereitung. Es ist dies beiläufig so, wie Graf Zeppelin die Erfindung des Agraaner jüdischen. Kaufmannes' David Schwarz, die gasdichten 2Muminiumkcvmmern, praktisch ausführte. Der Name dieses Inden ist verschollen und vergessen. Er starb in bitterster Armut. Auch Philipp Reis. "UH Heinrich Hertz lebte kümmerlich von seinem Lehramt.- - Würde er heute' noch unter unsweilen, dieser große Söhn des jüdischen- Volles, so stünde er auf der Liste dev Hakenkreuzler, die das geistige Leben des deutschen BoWes von-der Umschnürung durch die semitische'Horde befreien wollend Er stünde in'd'Än BWeichms, das wider die Ab» sicht-- -feiner Kompilatovönaller - Welt Kunde Mt von der utHevstöMrew Kraft des-jüdischen Genies, das sich freilich bescheiden muß, Wegbereiter zu sein. Daß nicht die Frucht seiner Forschung einerntet'und in der Stille seiner Gelchrtenstube glücklich ist in 'dem Bewußtsein, Diener am Licht zu fein, Arbeiter an dem Werk der HöheveutwiMng alles. Menschentums, au dem Sieg des Gehirns iiiber die Dtatevie. Für jeden Inden ist es ein' beglückender Trost, daß unser Volk reich genug ist, um mit vollen Händen allen Menschen aus dem Schatz seines Geisteslebens zu spenden, daß es lächelnd wahrnehmen kann, wie. seine Hasser die R-efttttate jüdischen Denkens und.. jüdischen Lehrend eifrig für sich nehmen und die jüdische' Quelle ableugnen oder gevings-chätzen. „An alle!" ist die Botschaft eines jüdischen Geistes, die Zeit und Raum überwindet und den Menschen das Mittel bringt/ den Haß zu bekämpfen. Wenn heute in Euröpa tausend Radioapparate Klopftötte eines Herzens, das irgendwo in Amerika schlägt, ^rbar machen, so ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo ein Mensch zu allen anderen sprechen und von ihnen gehört wird. Es können Worte warmen Empfindens, aber auch Worte des Hasses sein. Man wird ihnen aber auf der Stelle antworten können und Unglückverhüten. Das ist die Erfindung eines Juden, konnte nur die Erfindung eines Juden fein. Wenn wir dem italienischen BcE, das den Ingenieur Marcont geehrt, gefeiert und in. den Senat berufen hat, Glück wünschen, so wollen wir nicht vergessen lassen, daß vor ihm Heinrich Hertz war. Ter Senat von Sämig gegen die Mische Universität. Aus D a n z ig wird uns geschrieben: Im Zusammenhang mit der Meldung, daß die BölkevbunÄommistion für geistige Zusammenarbeit bei ihrer letzten Genfer Beratung das Projekt des Warschauer Fi-nanzmannes Doktorowicz über die Errichtung einer jüdischen Universität'in Europa angenommen und als deren Sitz Danzig in Vorschlag gebracht habe, äußerte sich das Mitglied des Dänzig-er Senats Dr. Strunk, welcher das Ressort für Kunstwissenschaft und Volksbildung innehat, gegenüber einem Vertreter des odz e% Tagblattes" wie folgt: ,-Bor einigen Wochen hat der Senat von Danzig von dem' 'Völkerbundvertreter ObMmiiMisfäv.. Sir Mae ü'O n ne ll eine Abschrift des von Herrn Doktorowictz an das GeneraWretariat detz Völkerbundes gerichteten Memorandums über eine Universität für jüdische Studenten erhalten, Das.Getterälsekrstariat-des,. Völkerbundes ließ rrj, .sfvpVTx:'-j.'oser* durch de.n Oberkommistär' die Ansicht des DMzigÄe Sv»A^ über dieses Projekt einhölen./Der Senat erklärte, .daß er gegen d e n P l a n der Eröffnung einer solchenUnd» j versität auf dem Gebiet der freien Stadt Danzig fei, in Danzig eine technische Hochschull^ bestehe, welche.duH! die Gründung einer zjwetten Hochschule moralisch und prak- > tisch leiden würde; dabei verwies der Senat Mch darauf,^ daß die technische-Hochschule in Laingsuhr keinerlei Bo-" schränkuugeu bei der Aufnahme von jüdischen Hörern-; kenne und ersuchte schli-eWich, daß -Lei der B-chcmdlüng deS Doktor-Miczischen Antrages in Genf. ein-. Vertreter der Freistadt Danzig beigezogen werden möge.'»Dies ist jedo^» zur Verwrmdevung des Senats nicht ges-chchm." Ser internationale Soziologenkongreß Wer den Völkerbund. Rom, 25.' April. Auf dem internationalen Soizrologenkongreß in Rom erklärte der Delegierte des WMerbUndsekretariats, B r u c c o l e r i, der Völkerbund sei noch nicht genug entwickelt. Man dürfe ihn nicht als eine juristische Körperschaft betrachten, die alle Fragen lösen könne, sondern nur als eine Organisationdie zur Versöhnung beitragen solle. Seine politische Funktion sei,daher sehr beschränkt, während seine Wirksamkeit sich hauptsächlich in seinen technischen Organen zeige, die br L)effentlichkeit kaum kenne. Irr Paßzwang und die Böllerbnndligen. Paris, 25. AprA. (Del., der „Wiener Morgeuzeiitiunlg".) Der Kongreß der Völkerbundligen, der am 28. -Jttn-r in Lyon zusÄMme-ntritt, wird sich unter anderem auchmit einem Antrag auf Aufhebung oder Einschränkung des PaWwanges beschäftigen. Der Antrag wurde von einer' am 25. März in Paris stattgehabten Konferenz der.. ,-,Konrmiss ion für gloiche Behandlung der - Ausländer" auf Vorschlag des Delegierten der deutschen VüWevbundliiga i-n der Dschecho-GlolwaTei, Dr. Medinger, sovmüli-evt 'und -lautet: ,Solange es nicht mögllich 'D, den Paß zwang auMhÄben, soll dev Bisumzwang fallen-gelassen oder es sollten, falls auch dies nicht erreichbar wäre, die Kosten der Visa herabgesetzt und die Geltungsdauer auf ein Jchr verlängert, werden." Die Prager Mrüftungskonferenr. (Eigendienst der „Wiener' Morgenzeitung".) '"'’/v Prag, 25. April. Morgen tritt im Prager RÄHauA das Subkomitee des V ö lkerb und a brüstUng sauss chuss-es zusaminen, um die Frage des privateu Waffenhandels zu erörtern. - An der Konfevemz nehmen teil: Colonel; Re quin (Frankreich), .Oberst Carnegie (Kanada). General--de Mariani (Italien), für die Arbeitgebeffettion-. Dr. H o da o, -'.für die.-Arbeitnchm-erseiktio-n -GewerffchaMeikveRr J-ouhaux, füv^.das GcmevaLsekvetariat des Völkerbundes ist der Ch^.jder..Mrüstungskommisfion Ma-dariada emgetvoffen, Kein italienisch-tschechisches Mtomm«. Rom, 26. April. Die Mechung des Pariser ,Mabin"» daß in Rotm V-epstvndlüngeu über ein italtenisch-chschechosiowakische's MkEmen mch dem Muster des zwischen Italien und Jugoslawen abMschlossenen Vertrages' gönnen hätten, wird-offiziös dementier^ Verschiebung der italienischen Semeiuderatswahlen. Rom, 25. April. Der.Mnfftervat hat mit Rücksicht darauf, daß im Lande nach den Wahlen noch keine Beruhigung eingetveten ist, die für Heuer vorgesehenen Genteindöwahlen aus. das Jahr 1926 verschoben. Sie Anerkennung der griechischen Republik. Athen, 25. April. (HavaS.) England und' die Türkei haben die griechische R-epMik anerkannt. ' . Unterzeichnung der polnisch-ruffische« Wen« bahnkonventlon. Warschau, 26. April. - Gestern wurde von den Beivollmächtigten -der' polnffchen Regierung und der Solwsetregie-Mng die zwischen den beiden Staaten abgeschlossene Gisienbahnkonvent'ion unterzeichnet. Sie beschränkt sich auf den normalen Personen- und Güterverkehr zwischen den beiden Staaten. Die Frage des Tranisilverkchves und des Mvnition'stra-nisits sind in der Konlvention nicht inbeg'vifsen. Leberzeichnnng dek polnische« Labakanleihe. . (Eigondienst der „Wiener Morgenzeilung".) Warschau, 25. April. Die jüngste polnische ^Dabakanleihe wurde elf mal überzeichnet. ES sind Verhandlungen im Zuge, um Polen eine größere Anleihe in Italien zu sichern,^ Die Einzechei-ten werden noch gchei-m geihalten. "- .. ' , / Auslandsreise Riukir'. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeilung".) > Belgrad, 25. April. Minister des Aeußern Dr. Nim cic ist nach Marseille abgevsist wo seine Mutter plötzlich schwer erkwnkt ist. Die Blätter versichern, daß die Reist deS . Ministers kein politisches Ziel verfolgt und daß Doktor Ninoie sich i-n Paris nicht aufhalten lverde.