Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1863 (23.4.1924)
- Date
- 1924-04-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fÜMfe» Ser Frejhejtsgedanle «Nb das jüdische Bott. Herr Obenabbiner Dr. Chajrs widmete diesem Dhema <vm ersten Tage Pessach seine Fesöbetrachtung. Die in dieser Rede enAvickÄten Gedanken ividerlogen, ohne es zu beabsichtigen, die von gewisser Seite so oft und vielleicht Wider besseres Wissen tendenziös behauptet« Unterstellung, als ob die Pflege der kulturellen Interessen des. Judentums mit reaktionärem Streben gleichbedeutend sei. Nach einleitenden Ausführungen über -das Wesen der Freiheit zeigte der Redner an Beispielen aus der Geschichte die Auswirkung der Freiheitsidee.an'unserem Volke. So wie die Knechtschaft eines Volkes, darin liegt, daß cs in Sprache und Kultur, in Denken und Leben von frenrden Einflüssen beherrscht wird, so ist die Freiheit die Abschüttelung einer jeden von außen her auf ein Volk ein« strömenden Einwirkung, die der eigenen fteien Kulturentwickkmrg hinderlich ist... Die Befreiung des jüdischen Volkes ans ägyptischer Knechtschaft bedeutet die dauernde U e b e r w i n d u n g des niedrigen Götzendienstes, des würdelosen Untertanengeistes Despoten und Tyrannen gegen-über mb nicht zuletzt des K l assenu.nd ^astenvorurteil s, das cs'der Priesterschast ernuoglichte, die Geister zu knebeln und zu knechten. Dissen Geist der Freiheit, wie er unserem Volke aus der Befreiung aus Aegypten erwuchs', verstand Las Judentum zu wahren und, zu vertiefen. Es ist bezeichnend, daß wir das Freiheitsfest seit mehr als drei Jahrtausenden feiern. Auch andere Völker begingen Freiheitsfeste. So die Dänischen nach den Befreiungskriegen. Doch erwies sich ihr Gedenken der Freiheit schon nach' kurzer Zeit als wirkungslos. Und Völker, wie die Serben und Bulgaren, die erst vor wenigen Jahrzehnten, ihre Befreiung erlebten, haben in der Mehrzahl ihrer Volkeaugehörigen von dieser Tatsache kann: mehr eine Erinnerung. Man sage nicht: daß. dies bei uns Juden anders ist, hat seinen Grund darin, daß das Freiheitsgedenken zu einem religiösen Fest geüvorden ist. Denn die Religion hat es nie unterlassen, die'Bedeutung dieses Festes als Zeit und Erfüllung der Freiheit zu betonen. Und das jüdische Volk hat den Freiheitsgedanken so tief ist seine Seele geschlossen, daß er sich in den bedeutsamsten Erscheinungen seiner geistigen Kultur auswirkte. Wie wäre es sonst erklärlich, daß es oin so kühnes Rebellenbuch wie das- Buch Hiob in den Kanon der biblischen Schriften aufnahm.. Und. derselbe Geist beherrscht die vablbimsche Zeit'..Im zweiten.Jahrhundert lobte der „jüdische Faust", ein Gelehrter, der später vom Glauben itiiib Volk abfiel. Uich. nichtsdestoivemger vntrde seinen Lehren, die feiy großer Jünger vortrug,,Eln.fluß. aus .die GesetzesüLmng. eingerämnt. 'Und als. im Mittelalter ein Mann, den man anderwärts als Ketzer bezeichnet -haben würde,. austrat, Ehilwi aus Balch, der den Wunderglauben in Wort und Schrift bekämpfte, und nach der Richtung der.Destruktion der herkönrmlichen Auslassungen von Bibel und Religion sogar eifrige Propaganda trieb, hören wir wohl, daß Saadia und andere ihn literarisch bekämpften, nicht a?ber, daß der Bann gegen ihn geschleudert worden wäre. Und als später die Schriften des Maimouides von einem Teile der Gelehrten seiner Zeit und der folgenden Generation angefeindet wurden,.kam es entsprechend den Zeitauschauungen wohl zur Verbrennung seiner Schriften. Aber das jüdische Volk kümmerte sich in seiner großen Mehrheit weder um Bann noch mx Verketzerung und bald darauf zählte Maimonides zu der: unantastbaren Autoritäten, denen man allgemeine Anerkennung zollt. Als im achtzehnten Jahrhundert der Chassidismus entstand, trat ihm der Gaon von Wilna mit schärfster Entschiedenheit entgegen und richtete den Bannstrahl gegen den Urheber dieser Bewegung. Es kommt für uns nicht darauf an, wer im Recht war, oäj der Be-scht oder der Gaon von Wilna. Lediglich darauf kommt es> an, daß dieser Bann wirkungslos blieb, daß er vom jüdischen Volk einfach nicht 'zur Kenntnis genommen wurde, weil der gesunde Freiheitssinn unseres Volkes keine Bevormundung im Denken erträgt. Und noch in der jüngsten Vergangenheit, wenn der Jude in Polen oder Rußland in Angst und Zittern vor dem Polizeim-eister stand, war sein inneres Verhältnis zu diesem und seiner Stellung doch ein ganz anderes als etwa das des polnischen oder rumänischen Bauern oder Bürgers. Nie erschien ihm wie diesem der Vertreter der brutalen Knechtung als ein Organ der höheren, göttlichen Ordnung. Und da sich der Jude in seinem Innersten von Knechtsinn freizuhalterr wußte, konnte er sich in Zeiten der Befreiung nach dem Wegfall äußerer Fesseln weit leichter und gründlicher in die geänderten Zeitverhältnisse hineinftnden als andere. - In Italien' erzählt man eine für diese Tatsache bezeichnende Anekdote. Als im Verfolg der französischen Revolution einige von österreichischen Gwßhevzog^n regierte Kleinstaaten vorübergehend als Republiken, erklärt wurden, gab der damalige Rabbiner von Livorno, der berühmte Bibliograph Chajim David Asulai, übrigens ein Palästinenser, seiner Begeisterung über die eirMtretene Veränderung überlauten Ausdruck. Aus die entstandene Frage, weshalb er, der niemals vorher Interesse für politische Vorgänge gezeigt hatte, der Sache so große Bedeutung vermesse, antwortete er: „Wie sollte ich mich nicht freuen, wem ich Mener Morgenzeltung v>; Letzte RachMeN. | Wechsel in der schweizerischen Gesandtschaft in Wien? Bern, 22. April. (Tel.-Koinp.) Wie ans dem Bundeshaus verlautet, ftchteiu teilweise'Z Revierement in der schweizerischen Diplomatie bevor. .So dürfte auch der Gesandte m Wien, Charles Daniel Bourcart, noch üm Laufe dieses Jahres., aus. Gesundheitsrücksichten seine Demission geben. ' ' nunmehr durch alle Straßen Livornos, nicht bloß durch die des Ghettos, im offenen Talles zur.Synagoge gchen kann!" Aus dieser nur dem Unverständigen lächerlich klingenden Aeußerung spricht die tiefe Schätzung der Freiheit als Grundlage der Kulturentfaltnug zu uns, der Gedanke, daß .jeder Mensch die unbedingte Freiheit haben müsse, nach seiner Fasson selig zu werden. Das jüdische Volk hat bewiesen, daß es den Freiheitsgedanken vollauf begriffen hat. Davlmr ist es ein tief beglückendes Gefühl, das den. Juden jedesmal erfiillt, so oft er die Berichte der Bibel irber die Erlangung der Freiheit für unser Volk liest. Und die Auswirkung des Freiheitsgodankens in unserem. Volk, der ihm wie kaum enmn anderen irr Fleisch und Blut überging» gibt diesem die sittliche Berechtigung, miteinzus-.mmen in den Ruf: Es lebe die Freiheit! Las KultnsgeMindewahkecht in Wien und Lim. Vonl Obmann der zionistischen Fraktion der jüdischen K-ult-usgemeinde in Linz, Herrn Rechtsanwalt Dr. Gustav Morgenstern, «chatten wir folgende Zuschrift: „Ihr Artikel „Die Wchlresorm in der Mischen Kultusgenwinde. Erfolg der Zionisten" erheischt wegen der Schlntzbemcrkrmg, in welcher es heißt, daß zu erwarten sei, daß nun nach dem Beispiele, das Wien gegeben habe, auch die Kultusgemeinden in der österreichischen Provinz, bei denen auch noch dek unerträgliche und. beschämende Unterschied zwischen Staatsbürgern und Nichtstaatsburgernbestehe, diesen fallen lassen werden, eine Gegenüberstellung und Richtigstellung der Verhältnisse in Lin z. Wenn es auch an sich zu begrüßen ist, daß das bisherige, wahrhaft beschämende Wahlrecht in Wien einem besseren Platz gemacht hat, so ist unseres Erachtens leider noch lange nicht der Erfoljg ein solcher, daß er der Provinz als Muster vorgehalten werden könnte. Wir in Linz haben bereits seit dem Jahre 1919 .statutarisch sin viel demokratischeres Wahlrecht als in Wien nach langen Kämpfen durchgesetzt werden konnte. Der § 28 der bei uns gelt-rüden Statuten sagt: Wahlberechtigt zur Vertretung der' Kultusgemeinde' sind alle Angehörigenderselben, welche das 20. Lebensjahr überschritten habenoh ne Unterschieb des -Geschlechtes, und ohne Rücksicht auf die Steuerleistung. Ausgeschlossen vom. Wahlrecht find nur Personen, welche wegen der in der GnneindeLvählordnung angeführten strafbaren Handlung nicht wählen dürfen. - Uns in der Provinz ist es vor allein unverständlich, daß in Wien selbst noch unter den sogenannten ,bodenständigen" Juden, das Wahlrecht von einer Steuerleistung abhängig ge-' macht wird. „Wählbar .in die Vertretung der Linzer Kultusgemeinde ist jeder Angehörige derselben, ohne Unterschied des Geschlechtes, welcher das aktive Wahlrecht besitzt, österreichischer Staatsbürger ist und das 24. Lebensjahr zuvückgelegt hat, mit Ausnahme der Gemeindeangestellten." (§ 29 der Statuten.) Wie Sie sehen, P auch in diesem Punkte unser Wahlrecht viel liberaler und-demokratischer als das endlich in Wien durch-, gchtzte. . Wir beglückwünschen jedenfalls die zionistische Kultusgemeiindefraktion und wünschen, daß es ihr gelingen möge, in Bälde die weiteren, noch dringenden Reformen durchsetzen." AutomobilunWe. Automobilunglück ln To-elbcrd. Graz,. 22. April. Am Ostersonntag unternahm der Grazer Kaufmann Franz F r ü h w i r t mit seiner Gattin Maritz und seiner Tochter und der Mutter seiner Frau eine Autofahrt nach dem Kurort Tobelbad. Knapp vor dem Ziel suchte er, im raschen Tempo fahrend, einer Wasserrinne auSzuweichen. Der Wagen kam ins Schleudern, der Lenker verlor die Herrschaft über den Wagen. DaS Automobil Lberschluy sich und begrub Frühwirt und seine Frau unter sich, während sein Töchterchen und die Schwiegermutter herauSgeschleudert wurden. In der Nähe tveilende Ausflügler hörten die Hilferufe der Verunglückten und eilten zu Hilfe. Frühwirt hatte einen Bruch des Genicks erlitten und war nach wenigen Minuten tot.. Seine Frau hatte schwere Verletzungen in der Kreuzgegend erlitten. Das junge Mädchen erlitt durch den Sturz einen Oberarmbruch, während die Mutter der Frau mit unbedeutenden Verletzungen davonkam. Tödlicher Autounfall eines Budapesters in Italien. ' Budapest, 22. April. Der in Bickapester Gesellschaftskreisen bekannte Bela Landauer ist, wie während der Osterfeiertage bekannt wurde, auf einer Autofahrt in Italien tödlich verunglückt. Bela Landauer ist ein Sohn des im vorigen Jahr verstorbenen Abgeordneten gleichen Namens, ■:tr'" 23. Ä» bei* auch als SchrrftstÄler ttzti^ war und tvährend des Krieges dem Äriegsprefsequartier.' ängehört ■ hatte. Landauer begab sich nach'Turin, von wo eine Sportgesellschast fünf AntovrobAtz nach Budapest brachte. Bei einer Kurve, als er einem entgegenkommenden Auto ausweichen' wollte, stürzte daS von Landauer gelenkte Automobil.in einen Graben. Der Wage« wurde zertrümmert. Landauer erlitt einen Schädelbruch, fein Chauffeur tödliche innere Verletzungen der Brust. Landauer hat erst vor kurzem geheiratet. Sein Bruder hat wegen Tötung eines Duellgegners eine längere Freiheitsstrafe - zu verbüßen. Brand elner Lrtschaft in Tirol. 60 Personen obdachlos.; , ... Aus Innsbruck.wft-d bedichtet: Wie hie hiesigen" Blätter melden, ist am Karfroitag ein Drittel der Ortschaft T s ch r ng l o im Dintschgau einem > Brande zum Opfer gefallen. Bon der Kirche ist der Turm und das Dach zerstört. Im ganzen sind 14 Wohnhäuser samt Nebengeibäuden verbrannt. Drei Personen wurden schnür verletzt. 69 Personen .sind, obdachlos.- Pest in Indien. Aus Kalkutta wird gemeildet: Wie aus Pendschab gemeldet wird, nehmen die Pest fälle dort stark zu. In Lahore werden-täglich 46 bis 50 Todesfälle derzoichnet. Aus der Provinz sind allem in eurer Woche mehr , als 90 TodesMe gemeldet. Bankier Lünknnf abermals verhaftet. Wegen Betrügereien in der Höhe von 28Ü Millionen« Bankier Leinkauf wurde am vergangenen Samstag abermals vechaftet und wegen Milliardenbetvuges dem Landesgerichte eingellefert. Gegen Leinkauf wurde bekanntlich, vor einiger Zeit eine Untersuchung wegen Wuchers grsührt und bei der vor einigen Wochen stattgefundonen Derhandbung wurde er. zu einer sechsmonatigen Haft verurteilt. Er erhielt aber einen StrafanfschNb. Mittlerweile ist abermals gegen ihn eine Anzeige wegen Betruges erstattet worden, und zwar von einem Bauern namens Schiefer in Aiatzleinsdorf bei Melk, den Leinkauf um. 280. Millionen betrogen haben soll; er hat ihm minderwertige Sägeschärfsteine als Deckung füv die 280 Millionen gegeben, welches Kapital angeblich in dem Bankgeschäft Leinkauf ange- ' legt werden sollt«. Ueberdles hat er ihm tvertlofe Wechsel , ausgestellt, die die Unterschrift Hysam getragen haben. Nu« ist dieser Hysam mlit zwei Mitschuldigen namens Simon und Fürst vor einiger Zeit verhaftet worden, und zwar unter der' Böschrldigung des MilliardenbetMges, begangen durch Schiebungen mit minderwertigen Metallwaren. - ' - Durch die Untersuchung wurde ein ZusamüwtchaW M-' schen den Betrügereien des KönsortvnnNs Hystnn, Fürst, man und dem-Bankier 'Mn^arff erbr«W:-D^^-'«Ei^M^ einen Schaden' von mehr als zwei'MMmrden Krönestver> - ursächt haben, befinden sich bereits im LandeSgevicht. Das Ev-'.. gebnis dev Untersuchung förderte den Verdacht der NUtschulddes Bankiers Leinkauf zutage, und aus diesem Grunde hat das' Landesgericht auch die Verhaftung Leinkaufs verfügt, und zwar wurde das Kommissariat Neubau beauftvagt, die Verhaftung' Lemkaufs vorzunehmen. Diesem Antrag wurdeam vergangenen' Samstag entsprochen und Leinkauf dem Landesgericht emge- liefert. Der Schaden soll in die Milliarden gchen, . Die Anwendung des PrSgelpatents anf Ge> schSftslente. Nach § 9 des kaiserlichen Patents vom 20. April 1854; des sogenannten Prügelpatents, sind die politischen und poli-' zeilicheu Bchörden berechtigt, Personen vorzuladen, uird im Falle sie der ersten Vorladung nicht Folge leisten, unter Androhung der Geldstrafe und Erlassung eines Borführungsbefchles neuerlich zu laden. Von dieser Berechtigung wird jetzt oft in schikanöser Weise Gebrauch gemacht. So wurde' einem Geschäftsmanne im 3/ Bezirke, der im 9. Bezirk lvohnt, eine Vorladung vom Magistratischen Bezirksamt für den 9. Bezirk wegen Bestellung eines LchrlingS zugestellt und als' der Geschäftsmann in einer schriftlichen Antwort darauf ver-; wies, daß er sein Geschäft im 3. Bezirke habe und' daher das Magistratische Bezirksamt des 9. Bezirkes für ihst nicht zuständig sei, er außerdem unwohl sei und daher nicht kommen könne, erhielt er die zweite Vorladung, wobei merkwürdigerweise die Worte „unter Androhung der Geld-' strafe" gestrichen waren- und nur die Andr ohung der Vorführung durch die Sicherheitswache angeführt war. Die magistratischen Bezirksämter würden gut daran tun, diese Vorladungen nicht schablonenmäßig durchzuführen und^ Geschäftsleute de8 einen Bezirkes nicht' vor den Magistrat eines anderm Bezirkes zu läden. Lord Byrons Klumpftch. Daß Lord Byron' hinkte, und daß ihm dies sein Loben verbittert hat, ist eine historisch feststehende. Tatsache. Welches , aber die Ursache seiner Lqhmheit gewesen ist, wurde zu Lebzeiten de§ Dichters von seiner Umgebung sorgfältig geheim gehalten. Nach seinem. Tode hat sich über diese Frage unter seinen Biographen eine Kontrovers« erhoben, die bis' vor kurzem noch nicht.geschlichtet war. Dr. H.. C. Cameron, von dem königlichen Aerztekollegium in London,. glaubt jetzt die Ursache in der Krankheit entdeckt zu haben, in allen Farben 130 3tm. breit i-i r: WUN,I*ADIKR«ASS« •* :CSErDf| fefomfc.TflJUMh 01788537