Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1863 (23.4.1924)
- Date
- 1924-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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UTERATURBEILAGE DER „WIENER MO RGENZEITUNG* N ummer 6 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 23. April 192/ 'ADMINISTRATION: „WIENER MORGENZEITUNG“. WIEN, U.. TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Der Mensch Smetana Die Biographie Smetanas, welche Emst Rycfofiowsky in der Deutschen Verlagsanstalt in. Stuttgart erscheinen ließ, kam gerade rechtzeitig zur Jahrhundertfeier des großen tschechischen Nationalkomponisten, Opernauffü-hrungen und Konzerte anläßlich der $metana-Feier in Prag zeigen, welch reiches Lebenswerk Smetana in vierzig Jahren seines Schaffens vollbracht hat; - beschämend genug, daß man außerhalb seiner engeren Heimat kaum viel mehr von ihm kennt als seine „Verkaufte Braut“, seinen „Dalibor“ und sein erstes Streichquartett „Aus meinem Leben“. Auch vom Menschen Smetana weiß man nicht viel mehr, als daß er Kapellmeister am tschechischen Nationaltheater war und schließlich in Taubheit und geistiger Umnachtung endete. So wird die neue Biographie — das erste größere Smetana-Werk in deutscher Sprache — eine klaffende Lücke .vorläufig schließen, wenn Sie auch wie die meisten Erstlingswerke Stückwerk bleiben, mußte. Wer die nationalen Verhältnisse in Böhmen kennt, weiß, daß dem deutschen Schriftsteller nicht jede Quellenforschung unbedingt möglich ist, und so muß sich derjenige, welcher tiefer in Leben und Werke Smetanas eindringen will, auf die monumentale Biographie Prof. Zd. N e j e d 1 y s vertrösten, die in tschechischer Sprache allmählich 'herauskommt Rychnowsky hat mit lobenswertem Eifer in Smetanas Werdegang hineingeleuchtet und manches Dunkel aus dem Leben des Tondichters mit Hilfe von dessen Briefen, Tagebüchern und Aufsätzen gelichtet. Recht anheimelnd eröffnet er mit Smetanas „Jugend- und Gymnasäastenzeit“: Schon mit fünf Jahren improvisiert, der, Knabe einen Walzer und mit sechseinhalb Jahren tritt er bereits in Leitomischl in einem Schülerkpnzert mit der Ouvertüre zu den „Puritanern“ von Bellini als Klavieryirtuose auf. Er selbst war vom Klavierüben nicht begeistert, „doch—so erzählt er später — der Vater zog nrich bei den Ohren, ließ mich knien und dann ging‘s zur ersten Lektion“. Also nicht ganz so schlimm wie das Schicksal des kleinen Beethoven, den der betrunkene Vater nachts aus dem Bette zerrte und zum Klavier zwang. Schon frühzeitig sammelte Smetana Volkstänze und Volkslieder und spielte fleißig Trios und Quartette von Pleyel und Gyrowetz, ja, es gab auch bei Smetanas ein HauStheater mit der Mutter im Souffleurkasten. So floß die Jugend ungetrübt dahin; in Prag schwänzte er das Gymnasium und musizierte anstatt Latein und Griechisch zu lernen; bald lachte auch die junge Liebe zu Katharina Kolar, die ihm später zum Altar folgen sollte, und im Jahre 1848 eröffnete Smetana mit Unterstützung seines freundes unä Gönners Franz Liszt seine Musiklehranstalt. Auch in Smetanas mehrjährigem Aufenthalt in Schweden gewährt uns die Biographie manchen Einblick; auf der Heimreise verlor er seine Gattin dufch Lungentuberkulose, doch schon entbrannte er m notier Liebe zu seiner um sechzehn Jahre jüngeren Schwägerin, seiner „lieben, guten, vortrefflichsten, einzigen Betty“, seinem angebeteten Engel, dem er die Bettina- Polka widmete. Die Ergüsse die er an Betty, seine spätere Gattin, richtete, gehören mit zu den schönsten Liebesbriefen, die von Künstlern abgefaßt wurden. Neben diesen Briefen und. Smetanas Reiseberichten an seine ffrau wird man namentlich die Bekenntnisse aus sefi&r letzten Zeit der Taubheit und geistigen Umnachtung mit tiefer Teilnahme verfolgen: im Jahre 1874 klagt Smetana, „daß seine Ohren sich zeitweilig verlegen und daß es in ihnen zu summen beginne, als ob er vor einem starken Wasserfall stünde“. Durch die Taubheit verliert er Rang und Stellung, und im Jahre 1878 klagt er: „Vielleicht wird es noch dazu kommen, daß ich durch die Welt mit dem Leierkasten ziehen werde.“ Und im Jahre 1882 ahnt er die völlige geistige Umnachtung und schreibt im Dezember in einem'unklaren Briefe, „er habe die Macht und die Möglichkeit verloren, die Gedanken auszudrücken, er dürfe nichs mehr musikalisch denken, seine neuen Kompositionen beschwerten ihn derart, daß er am ganzen Leibe zittere“. So blieb ihm weder die Taubheit Beethovens noch die geistige Umnachtung Robert Schumanns oder Hugo Wolfs erspart; im Jahre 1884 kam endlich der erlösende Todesengel und der behandelnde Arzt schildert den sterbenden Patienten:. „Leiblich war der Meister Haut und Knochen, die verkörperte Morschheit Langsam verlöschte er. Mit der rechten Iiand schlug er Takt und brummte dabei, wobei er sich bemühte, Musikinstrumente nachzuahmen, und in disharmonischen Sequenzen stieß er plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft einen Ton aus wie ein heftiger Schlag auf die türkische Trommel: Bumm!“ So vielerlei Anregendes uns diese vorläufige Lebensbeschreibung über den Menschen und Musiker, , den Kapellmeister und Kritiker kündet, so wenig Beschreibendes und Aesthetisches berichtet sie über dessen Musik. In wenigen Bögen ist das Lebenswerk des tschechischen Tonheros zusammengepreßt, kaum vierzig Seiten des starken Bandes geben über Text und Musik seiner acht Opern Aufschluß, ohne in stilkritische Betrachtungen irgendwie einzugehen. So beruht der Wert dieser ersten Smetana-Riographie vor allem in der liebevollen Sorgfalt, mit der bisher unbekanntes Quellenmaterial nach Möglichkeit gesammelt und gesichtet wurde. Wir gewinnen erschütternden Einblick in das tragischeste Künstlerschicksal und vermögen rein menschlich dem einsamen Meister näher zu treten. Erwin Felder. LEBEN IM BUCH Eine Caruso-Biographie Schon frühzeitig war der kleine Caruso, «das Kind armer neapolitanischer Eitern, deren Ehe nfit 20 Knaben und einem Mädchen gesegnet war, als „Divo Errico’’ bekannt. Er war der „Schatz der Familie’’, arbeitete als halbwüchsiger Knabe tagsüber in einer Werkstätte und sang feiertags auf KÄrchencbören. Mit 21 Jahren begann seine glanzvolle Künstleriaufbahn, die mehr als ein Vierteljahrhaindert währte: In kleineren italienischen Theatern hi Caserta, Trapani, Salerno, Livorno, Palermo usw. begann sein Aufstieg, bald folgte die Mailänder Scala und St. Petersburg, Südamerika und London, und schließlich die Höhe seiner Triumphe in der New-Yorker MetropoKtain Opera. Wo er hinkam, brauchte er nur zu singen, um zu siegen, nur in seiner Heimatstadt hatte er einen unverdienten Mißerfolg und betrat auch nie wieder Neapels Opernbühnen. Von diesen Erlebnissen erzählt eine eben hn Münchener Verlage Buch.enau und Reichert erschienene Biographie von Pierre v. R. Key (Deutsch von Kurt The sing), Le mtt Fleiß und Gewissenhaftigkeit Carusos Künstlerfahrt durchs Leben wiedergibt, alle Stationen und Werke, m denen er auf trat, registriert und gutgemeinte, freilich wenig überzeugende Ansichten über das Geheimnis von Carusos Stimme vertritt: Tonansatz und Toribildutig, Regästerwecfasel und Uebungsmetbode Carusos versucht Key bloßzulegen; ständig von ihm geübte Vokalisen sind sorgfältig gesammelt, auch einzelne von Caruso gezeichnete Karikaturen, die bekanntlich des Sängers besondere Liebhaberei bildeten, werden den Caruso- Enthusiasten erfreuen. Was vermag freilich die Schulweisheit des Buches, das mehr lehrhaft als spannend geschrieben ist, gegen dessen Stimme, die im Phonographen — Caruso nennt ihn „Maschine“ — der Nachwelt erhalten blieb! Auch als Filmschauspieler ist Caruso einmal In dem amerikanischen Stücke „Mein Vetter“ gegen ein Honorar von 100.000 Dollar aufgetreten, ein einziges Mal betätigte er sich ohne jeden Erfolg durch fünf Monate als Gesanglehrer. Nicht ohne Pikanter,ie, daß einer der größten Gesangskünstler aller Zeiten seinen Schüler — es war übrigens kein Tenor, sondern ein Bariton — nicht in die Geheimnisse der Stimmbildung einzuführen vermochte, flb. „Musik des Südens*' Friedrich Nietzsche wird heute wieder mehr denn Je fin den Mittelpunkt der Diskussion gestellt, wenn ein Grundproblem der Musik, das Wesen der Melodik, aufgerollt wird. In dem kühnen Denker hat sich am Ausgang des 19. Jahrhunderts der Drang der Germanen nach dem Süden in gleicher Weise objektiviert, wie er am Ende des 18. Jahrhunderts in Goethes Italienfahrten seinen reinsten Ausdruck gefunden hat. Dazu kommt bei Nietzsche noch das rein persönliche Moment hinzu,'die eifrige Werbung um die Klarheit der romanischen Form, die seinem Stil einen fast ariosen Wohlklang verleiht. Kurt Hildebrandt hat es nun in einem größere« Werke mit dem Titel „Wagner und Nietzsche —- Ihr Kampf gegen das 19. Jahrhundert“ (Verlag Ferdinand Hiirth, Breslau) unternommen, das Mythische herauszuheben, das beide Gestalten an dem Wendepunkt deutschen Geistes eint und das sie trennt. „Triebsehen" als Symbol für die Freundschaft zweier überragender Geister, deren romantische Dämonie gegen die aufklärerische Seichtheit der Umgebung sich wendet, „Bayreuth“ als Wohnsitz des Altmeisters, dessen lebensfeandMie Askese die Verleugnung der eigenen Jugend bedeutet, „Zarathustra“, diese dionysische Bejahung des Lebens und des Kampfes für. eine höhere Menschenentwicklung — um diese drei Pole kreist das Schicksal des deutschen Menschen. Das angeführte Buch bringt viel Neues zu diesem von tendenziösem Parteistandpunkte immer wieder aufgeworfenen Thema; Abschliessendes zu geben, wird erst möglich sein, wenn die Persönlichkeit! des Freundes Nietzsches, Peter Gast, als Komponist und als Mensch zu übersehen sein wird. Die Nietzsche-Gesellschaft hat in ihrem Verlag den ersten Band der Briefe Peter Gasts an ihren Heros veröffentlicht und der Herausgeber Dr. A. Mündt, hat sie trefflich eingeleitet. Aber den Schlüssel zum Wesen dieses merkwürdigen Mannes Wird man erst . finden, wenn wenigstens die wichtigsten Kompositionen dieses von Nietzsche als Antipoden Richard Wagners.gesehenen Künstlers zugänglich sein werden. Sie schlummern noch immer Im Archiv der Stadt Annaberg im Erzgebirge und harren ihrer Erweckung oder zumindest ihrer Achtung. Nur flüchtig sei in diesem Zusammenhang das Werk von Walter Dahms erwähnt, das den Titel .Musik des Süden s’’ führt. (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt.) Auf 421 Seiten papraphrasiert der geschwätzige Autor die Aussprüche Nietzsches, die sich mit dem Schicksal der Musik befassen. Da er dessen klare, knappe Formulierungen . sprachlich in die Breite tritt, verwässert er auch ihren ' Inhalt, ohne auch einen einzigen neuen Gedanken hinzufügen zu können. Ein so ausgezeichneter Verlag sollte doch einmal die Reihe seiner Autoren mustern und Spreu vom Weizen sondern! Alfred Sandt CARUSO BEI HELLER Ein Buch, das Sie interessieren muss: Die eben erschienen« einzig autorisierte Biographie Enrico Carusos Zahlreiche Tafelbilder, Notenbeispiele und Abbildungen im Text, Ganzleinen K 163.400. Leicht gebunden K 130.700. Erhältlich bei Heller (Bukum A. G.), Bauermarkt, und in jeder anderen gut geführten Buchhandlung VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Neues über Johann Strauß. „Lebensfragmente“ nenffl Siegfried ’Löwy seine im Verlage der „wiener literarischen Anstalt“ erschienenen Aufzeichnungen übt! Johann Strauß, den „Spielmann von der blauen Donau". Der Ton eines Spielmanns, dessen Liedern und Geschichten Kinder gerne lauschen, und das wienerische Kolorit von der blauen Donau gehen in Löwys Büchlein eine anheimelnde Verbindung ein, hier spricht der Freund zum Freunde und schöpft in reichem Alter aus dem Quell seiner Jugenderinnerungen. Allerlei Heiter res und Launiges von Strauß’ Jugend und Walzerseligkeit, von den Geburtstagen der „Fledermaus“, manches lustige Geschichtchen und Reiseabenteuer zieht in leichtem .Plauderton vorüber. Nach Decseys Standard Work, das eine so reiche Ernte über Strauß’ Leben und Schaffen eingebracht hat, darf man von der Strauß- Forschung in nächster Zeit kaum Viel Neues erwarten; immerhin bietet Löwys Strauß-Büchlein eine fleißige Nachlese, die dem Strauß-Verehrer gleichwie dem Wiener Lokalforscher willkommen sein mag. flb. Ein neuentdecktes Singspiel von E. T. A. Hoffmann. Dr. Friedrich Schnapp in Berlin, der ausgezeichnete E. T. A. Hoffmann-Kenner, hat in der ehemaligen Kgl. Hausbibliothek im Berliner Schloß ein bisher verschollenes dreiaktiges Singspiel „Die Maske“ von E. T. A. Hoffmann entdeckt, dessen Manuskript der junge Dichterkomponist 1800 an die Königin Luise gesandt hatte, um durch diese eine Aufführung des Werkes zu erreichen. D°r Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin, publiziert davon jetzt das Textbuch mit den faksimilierten Einbandzeichnungen Hoff* manns selbst und drei größeren Beispielen aus der Partitur . im Klavierauszug. Die Auflage beträgt 1000 numerierte Exemplare, von denen die ersten hundert mit der I Hand in Leder, die übrigen in Halbpergament gebunden I werden. Wilhelm BraumUller & Sohn Abteilung: Antiquariat s# Wien, I. Bez., Bauernmarkt Nr. 2 a ------- [ Dedes $abre fleiro bat Ri1<©1a»J3äcbcF BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN. I. ROTENTURMSTRASSE 22