Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-04-22 · Heft 1862 (22.4.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1862 (22.4.1924)
Date
1924-04-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980945--18667-3005752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iimn WW , MerMxg * ,!^ > - " W Mkrtntt Morgenzeftunst. SS April IM Nr. IM Meine krlebniffe im ruUchen Kerker. Aus dem Notizbuch eines zionifte« StrMngr/1 Von David Borowoi. LÄ «eHten die Tage der öffentlichen GerichtsverhanhbMA. Schon die Vorbereitung dgzu versprach nichts Gutes W uns. Die jüdische „Kommunistische Fahne", ein sonst Nie gelesenes Blatt, eröffnete das Gefecht. Es begann ein Berleumdungsfeldzug mit all den charakteristischen Merkmqlen eines solchen. Besonders.wurde die Frage unserer BrOiflhung mit der ukrainischen gegenrevolutionären Be- WMW aufgeworfen. Aber.es wurden auch nicht „Banditen höheren Ranges", wie Lloyd George oder Poincare geschont. Solche Ausdrücke fanden in der offiziellen Anklageschrift Raum, und es bedarf keiner Erwähnung, daß auch die lokale Presse sich ihrer nichtschämte. Es sei überhaupt in Paran-« fljefe bemerkt, daß seit dem Sieg der Sowjetregi-erung die „Ppkffß" in Rußland sich eines Jargons bedient, der wohl in keiner Boulevard-Pxesse eines aridexeir Landes seinesgleichen hat. Worte, die ins Deutsche etwa mjt „Gesindel", ,^chmarotzer" oder dergleichen zu übersetzen find, gelten als durchaus zulässig und man nahm natürlich kein Blatt vor den Mund. Das alles regte uns kaum auf. Wir waren froh, daß das zionistische Problem plötzlich durch die Sowjet-Presse ging und die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit aufsich lenkte,' Wir glaubten bis zuletzt nicht, daß eine öffentliche Verhandlung stattfinden werde. Es schien uns kurzsichtig von der Regierung zu sein, uns die Möglichkeit 8U geben, offen unsere Ideale zu verteidigen und im Gerichtssaale Propaganda zu machen. Und ich glaube jetzt, dgß wir Recht hatten. Es war damals in Sowjetrußland die Periode der „Muster-Gerichtsverhandlungen", die eher bezwecken sollten, das breite Publikum einzuschüchtern, als die vor Gericht Stehenden selbst zu treffen. Diese „Muster- Gerichtsverhandlungen" endeten fast immer mit strengeren Urteilen als sonst, um die beabsichtigte Wirkung hervorzurmfen. Einige Tage vor dem Termine erschienen große Plakate in der Stadt, welche zum Besuche der Verhandlung gegen die Teilnehmer an der dritten Zeire Zion-Konferenz in Kiew einluden. Die Reklame war glänzend, Scharen von Juden standen vor diesen Plakaten, die Verhandlung selbst wurde in einen der größten Räume Kiews verlegt, man sorgte also für ein zahlreiches Publikum. Unsere Stimmung war gehoben. Galt es doch, vor den Schranken des Sowjetgerichts für das Ideal einzutveten und Farbe zu bekennen. Für eine Partei, die eine selbständige nationaljüdische Politik in Rußland befürwortet und treibt, waren die innerpolttischen Fragen Rußlands nicht zu umgehen, und wir hatten uns vorgenommen, unsere Solidarität mit den russischen und ukrainischen republikanisch-demokratischen Bestrebungen zu bezeugen. Vor der gesamten jüdischen und nichtjüdischen Welt war der Beweis zu führen, daß es jüdische Parteien gibt, die nicht vom kommunistschen Taumel ergriffen und für die Demokratie und Recht feine leeren Woür sind. Es kam Samstag der 26. August 1922, der letzte Tag der Freiheit für uns auf beinahe eineinhalb Jahre hinaus. Vom frühen Morgen an wogte die Menge vor dem Saale. Aber das Eindringen in das Innere war nicht so leicht. Man verlangte Eintrittskarten und, wie es sich herausftellte, wurde diese meist durch die kommunistischen Organisationen und professionellen Verbände verteilt. Für eine entsprechende Auswahl des Publikums wurde also gesorgt. Aufsehen erregten Kinder, die aus den jüdischen Schule» gebracht -wurden, um diesem Spektakel beizuwohnen, damit ihre jugendlichen Seelen vergiftet würden. Man sah i« Publikum auch die Spitzen der kommunistischen Gesellschaft Kiews, und vor den Türen drängte sich eine zahllose jüdische Menge, die offen ihre Sympathie für die Angeklagte« bekundete, die uns begrüßte, als man uns vorbeiführte, und zu unzähligen Zusammenstößen mit der Polizei und der Bewachungsmannschaft Veranlassung gab. Den Gerichtsraum betraten wir in Freiheit, dann wurden wir aber sofort in Haft genommen. Es begann der zweite, der längste und schwerste Abschnitt unserer Erlebnisse. Das Gericht bestand aus drei Personen. Den Vorsitz ftlhrte W a r g i n, ein gewesener Matrose, roh und ungeschlacht, anscheinend nicht ganz frei von antisemitischen Anwandlungen, die zwei anderen waren ein gewesener Eisenbahner, dem der Ruf eines grausamen Richters und Vollstreckers der Todesurteile vorausging. (Dasselbe wurde auch von dem Vorsitzenden erzählt.) Und der dritte war der einzige Jude, der uns anscheinend wohlwollender gesinnt war, als die zwei anderen. Als Ankläger fungierten der Staatsanwalt L a r o w (Lurje), gewesenes Mitglied der studentischen zionistischen Verbindung Hechawer in Rußland, und namens der „jüdischen Oeffentlichfeit" als „Zivilkläger" Ko sakewitsch, der Leiter der jüdischen Sektion der kommunistischen Partei in Kiew. Langsam und feierlich wickelten sich die Formalitäten in dem dicht besetzten Hanse ab. Nach der Personalienaufnahme meldete jeder klar und deutlich auf die Frage der *) Siche Nr. 1790 der „Wiener Morgenzeitung" vom S. Februar 1924. Parteizugehörigkeit; „Mitglied der zionistischen Arbeiterpartei Zerre Zion". Auf di? Frage der Gchuldanerkennung bekam das Gericht ein deutliches „ja" zu hören. Es wax ein erhebendes Gefühl, nach einigen Jahren erzwungenen Stillschweigens sich offen als Mitglied der Partei zu bekennen. Es kam wie ein Jubelschrei aus unserem Munde. Nun sollte das Verhör beginnen. Aber da geschieht etwas Unerhörtes: der Staatsanwalt nennt fünf Namerr und verlangt, daß diese in Abwesenheit der anderen verhört werden. Es war dies: Lurje, Fischer, Dybrin, Towbin und Alnkex. Wie er gerade auf diese eigenartige Zusammenstellung kommt, ist unklar, aber natürlich werden wir anderen sofort in ein Nebengemach gebracht und sind vorläufig von der Verhandlung ausgeschlossen. Eine ganze Nachmittagssitzung lang dauert das Verhör der fünf, und wir wissen gar nicht, was in dem Gerichtssaale vor sich geht. Man führt uns zur Unterkunft in die Tribunalkommandantur. Unterwegs heftige Szenen, has Publikum drängt sich an uns heran, begrüßt Ms warm, gerät nlit der Begleitmannschaft in Zwist, welche blank zieht. Das begleitende Mitglied des Gerichtes droht zu schießen und beschimpft uns. Die Aufregung wächst. Wigehen nicht weiter, bevor' sich die Mannschaft Nicht anständig benimmt, mit Mühe wird die Ruhe hergestellt. Interessant war, daß die Mannschaft von der parteipolitischen Unterrichtsschule beigestellt wurde. Eine kurze und schlaflose Augustnacht in einer Keinen Zelle; wir lagen zu zweien und zu dreien dicht aneinandergedrängt. Es mußte eine Möglichkeit gefunden werden, sich mit den fünf anderen zu verständigen. Mit Not gelang eS auch gegen Morgen. Wir können stolz auf unsere Chawerim sein. Eindeutig und würdig haben sie unsere prinzv- Piellen Fragen erörtert, nichts Ueberflüssiges in die Debatte gezogen, nichts verschwiegen, was aufgerollt werden sollte. Die Beantwortung aller Fragen, die sich auf bestimmte Personen bezogen, wurde abgelehnt. Also war alleS in Ordnung. Wieder wurden wir gesondert in den Gerichtssaal gebracht. Es war ein Sonntag und der Saal noch voller. Kurz nach Sitzungserösfnung wurde noch der Schreiben dieser Zeilen als sechster vernommen. Es dauerte etwa zwei Stunden. Ich sehe noch vor meinen Augen das wütende Gesicht des Vorsitzenden, wenn er nicht die erwartete Antwort oder überhaupt keine bekommtj, und das verzweifelte Gesicht des Staatsanwalts, wenn er dem Gerichte meldete, er hätte weiter nichts zu fragen, da der Angeklagte ja doch nichts aussage. Niemand fiel auf die Fragen des Gerichts hinein. Nach dem Verhöre der sechs wurde es anscheinend dem Gerichte klar, daß bei uns nichts zu holen war. Also wurden alle Angeklagten in den Saal gebracht. Allerdings schien das Gericht inzwischen in den Besitz reicher Informationen gelangt zu sein, da kurz zuvor ein Kurier der p. U. dem Vorsitzenden ein Paket überreicht hatte, wonach er sofort eine Pause eintreten ließ und sich mit den zwei anderen Mitgliedern ms Konferenzzimmer zurückzog. Wie umgewandelt kamen sie von dort zurück. Der Vorsitzende legte mir zum Beispiel eine ziemlich genaue Liste der Mitglieder des Zentralkomitees vor. Mit welch plumpen Mitteln die Herrschaften an unS herankommen wollten, war aus folgendem zu entnehmen:'MS man mich hereinbrachte, war die erste Frage, weshalb ich die Genossin B. auS der Partei ausgeschlossen habe. Ich antwortet« natürlich, daß ich erstens nichts von einer solchen Ausschließung wüßte, zweitens, daß ich gar nicht das Recht habe, jemanden auszufchließen. Anscheinend glaubte der Herr „Richter", durch eine ungeschickte Antwort von mir meine Zugehörigkeit zum Zentralkomitee gerichMch feststellen zu können. Sie haben sich doch schließlich auch nicht gescheut, ohne jegliche Beweise, vermutlich gestützt auf Geheiminformationen, chre Auswahl zu treffen und zwölf von uns zu verurteilen. Eine dramatische Episode bildete daS Verhör der vier Vorstandsmitglieder der Synagoge, in der wir verhaftet worden waren, und besonders des SynagogendienerS. Wir sagten alle einstimmig aus, daß wir ohne Befragen in die Synagoge gekommen waren. Das Gericht wollte durchaus foststellen, wer von uns als der erste die Synagoge betreten habe, und dabei sollte der Shnagogendiener helfen. Gewissenhaft ging er durch unsere Reihen, sah sich jeden an, um nach zehn Minuten außerordentlicher Spannung im ganzen Saale zu melden, daß er keinen wiedererkennen könne. Ein Mitglied der Synagogen- Verwaltung erklärte dem Gerichte, obwohl das gar nicht so ungefährlich war, daß eigentlich alle Juden Zionisten seien. Wir hatten unsere Freude an diesen Bundesgenoffen. Nach wilden und sinnlosen Reden der Ankläger, wobei die „armen" Araber, HerzlS Reise nach Petersburg, Lloyd Georges Politik in Irland mithelfen mußten, und sehr herzlichen, aber hilflosen Reden der Verteidiger — wurde das bekannte Urteil gefällt. Mehr als sechs Stunden dauerte die Beratung des Gerichts. Kein Mensch verließ den Saal. Mit Würde hörten unsere Angehörigen im Saale den grausamen Spruch (zwei Jahre Zwangsarbeit unter strengster Isolierung); kein Ruf ertönte, und im Pu war der Saal mit Waffengewalt geleert. Mitteilungen aus dem Puhlttum. (aM«h Pa I aa 11 n a we Ip a) Sjiwowfy ont#r BtrennB*nr Aufsicht sowie Spezerei«! nos bv nwD m bei Ctarascti, II., Novaragasse l?a Im Angeflagtenzimmr trennten wir uns heimlich von den Freunden, die nur bedingt verurteilt und sofort entlaffen wurden, Lange wollten sie von NNs nicht weg, umarmten uns und versicherten uns in heiligenSchwüren ihrer Treue. Sie haben sie gehalten... Spät in der Nacht des 28. August, während eines starre« Regens, brachte man uns zwölf auf siniweyen und durch enge Gassen in die Tribunals-Kommandantur. Pie Behandlung wurde sofort eine andere — wir waren nicht mehr Angeklagte, sondern Verurteilte. Nach der gewaltigen Spannung der letzten drei Tage befiel uns ein dumpfes Gefühl der Schwere, die Sorge für die Lieben und der Ernst der Situation in seiner ganzen Schärfe, Ich glaubte nicht, daß jemand von unS diese Nacht die Klugen schloß. Die heroische Periode war eben M Ende, es nahte die Alltäglichkeit des Gofängnislebens mit allen ihren Wider- Würdigkeiten. _ 6itt tödlicher Antonnfall am Semmering. Fwu Lilly Wärndorfer, die Gattin des Begründers der Wiener Werbstätte, und ihr Sohn Herbert erlitten am Samstag einen Auto Unfall auf der SeWmerinigstmHe. Der herzleideud e Sohn wurde ohnmächtig und starb an einem Herzschlag. Die Fahrt ging zunächst in ganz normalem Tempo durch die Straßen Wiens und erst außerhalb der Stadt wurde mit großer Schnelligkeit gefahren. Alsbald hatte Frau Wärndorfer die erste Kurve der Semmevingstraße zwischen Schottwien und Maria-Schutz erreicht. Da ertönte ein lauter Knall, der Pneumatik des linken Hinterrades platzte und sprang von der Felge ab. Der Wagen geriet ins Schleudern, Frau Wärndorfer verlor hiedurch die Gewalt über den Wagen, die Steuerung versagte und gleich daraus — das alles war das Werk eines Augenblicks — überschlug s i ch d a s Auto zweimal und blieb mit zerbrochenem Volant und zertrümmerter Führerschutzscheibe am Rande der Böschung liegen. Beim Ueberschlagm des Autos wurden beide Insassen ans dem Wagen ins Gras neben der Straße heransgeschleudert. Frau Warndorfer und auch ihr Sohn Herbert erhoben sich sofort, anscheinend^ganz unverletzt vom Boden. Da sagte plötzlich -er junge Warndorfer: „Mir ist es, als ob miralle Glieder einfchlafen würden." Und im nächsten Augenblick stürzte er tot zur Erde nieder. Frau Wärndorfer, die sich begreiflicherweise wahre« Schmerzausvrüchen hingab «nd an der Leiche ihre- Kindes znsammenbrach, war wie durch ein Wundervöllig unverletzt, sie hatte bei dem gefährlichen Sturze auch nicht eine Schramme davomgetragen. Die Gendarmeriebeamten nahmen an Ort und Stelle den Tatbestand auf. Während die Leiche des jungen Wärndorfer in die Totenkammer nach Maria-Schutz gebracht wurde, wurde Frau Wärndorfer auf dem Gendarmerie- Posten in Schottwien einvevnoimmen. Sie gab eine Schilderung der Katastrophe und auf Grund ihrer Aussage.sowie ans Grund des Lokalaugenscheins wurde amtlich festgestellt, daß bei dem Unfall kein fremde s B e r s ch u l d e n in Betracht komme. Neben Personen in Lebensgefahr. Der Kaufmann Samuel Stern, Mferstraße wohnhaft, erwachte in der Nacht zum Ostersonntag gegen halb 4 Uhr infolge eines Unwohlseins und nahm wahr, daß das Schlafzimmer mit Leuchtgas erfüllt war. Er weckte gleich die Familie, die die gleichen UebeÄeiten verspürte. Die Rettungsgesellschast wurde 'berufen und fand sieben Personen mit Anzeichen einer Leuchtgasvergiftung vor. Es stellte sich heraus, daß der Hahn des Gaskochers unvollständig geschlossen lvar. _ * Hosrat Dr. August Haberda gestorben. Am Kar» samstag ist vier nach langer schwerer Krankheit der Landesschulinspektor i. R. Hoftat Dr. August Hab erd a verschieden. Der Verstorbene wurde nach langjähriger Tätigkeit als Direktor des Meidlinger StaatSgynmastums in den Landesschulrat berufen, wo er als einer der bervorragendsten Kenner des Mittelschulwesens bis zu seiner im Vorjahre erfolgten Pensionierung verblieb. Er hinterl&fjt eine Witwe und zwei Söhne. Ein Bruder des Verschiedenen ist der bekannte Gerichtsmediziner Professor Dr. Albin .Haberda. * Tauzinstitut Hermann Braun, 14. Bez., Reindorfgasse 42. (Entgeltlich.) Vereinsnachricht. Zionistische Sektion-für den G., 7. -und 8. Bezirk, pcute, halb 9 Uhr abends, 8. Bez., Bennoplatz 1: Vortragsabend mit Konzortakademie. Pros. Dr. Bronncr: Die Schätze des jüdischen. Museums. prima LualMt W»« N.Is A D L fi A G ASflfc T«Jefon N». 7&2J5<*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.