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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-20 · Heft 1861 (20.4.1924) · p. Seite 19

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1861 (20.4.1924)
Date
1924-04-20
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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, V - m. -um Wen, Goml'iay Wiener Morgenzeitung. en das HecresministeriuM «die BeschuldiMng anspfprochen, daß diese Organe der Heevcsveüwaltmng ihr Amt mißbraucht bckben, um sich seines,Postens, den' sie Kr einen freund brauchten, zu bemächtigen. Die Angelegenheit läuft bereits «nige Zeit und wurde auch im Nationalrate zur Sprache ge-' bracht.- Der Hauptmann behauptet, daß er, obwohl vollkommen gchumd. alls dienstunfähig befunden und daß geoen ihn ungerechtfertigte Anzeigen wegen Veruntreuung erstattet wurden, die sich dann als haltlos herauGMen. In dem offenen Brief wich der Pevsonalröferent .Oberstlentnant d. R. Kargl als Urheber deS Verfahrens gegen den Hauptmann bezeichnet. Das Merkwürdige an der Entscheidung d:s Disziplinargerichtes ist, daß es dort heißt, es sei vollkommen gleichgültig, ob die Behauptungen. des- Hauptmannes, daß ihm bepgl'ch seiner Pensionierung unrecht geschehen sei. begründet sind oder nicht.- Die Angelegenheit bedarf jedenfalls einer genauen Aufklärung. Der hungernde Sohn der MniUmMindSrr. Das Zivillandesgericht haite als Berufungsgericht über die Frage zu entscheiden, ob der'Da'er zur Mmentiernng des großjährigen,, verheirateten Sohnes verpflichtet ist. Der Nah- - rige Mosch inentechniker HanS Brunn Lauer brachte gegen, seinen Vater, den Fabriks-, Realitäten- und Gutsbesitzer Ferdinand Brnnnbauer, beim Bezfllksgericht Favoriten ö'me Wage auf' Leistung eines Unterhaltes von monatlich 8 Millionen Kronen und eines Versorgungsbeiitrages - von 600 Millionen Kvoneu ein Der Kläger war-' zuletzt in der Wöllersldorfer Fabrik Kontrollorgan gewesen, hatte jedoch infolge des Verkaufes der Wöllersdorfer Werke diesen Posten verloren und infolge der wirtschaftlichen Stagnation' trotz aller Bemühungen keine andere Anstellung finden können. Der Klage zufolge müsse er mit feiner. Lungenkranken Fvau und seinen zwei. Kindern hungern, denn er könne von seinem Vater, der ein Vermögen von vielen Milliarden besitze, keinerlei Zuwendungen erhalten, während er seinen reich verheirateten Schwestern je ein Landgut mit ausgedshnten Waldrmgen, Wirtschaftsbetrieb usw.. zum Weihnacht s- . geschenk gemacht Me. Mit Rücksicht auf das, schon ans diesen Schenkungen all die Töchter, ersichtliche ungeheure Vermögen des Vaters sei sein Begehren auf monatliche Alimentation von 8 Millionen Kronen bis Mr ErHrngung einer Anstellung und! eines Betrages von 600 Millionen Kronen zum Antritt eines | Gewerbes gerechtfertigt. Das Bezirksgericht Favoriten veruri teilte den Geklagten pr Zahlung von 2 M i l l i o n e n m o- ' natlich bloß für die Dauer von sechs Monaten und,! wies das Mehr begehren des Klägers ab. Der Rich'er; bezeichnet« es als fraglich, ob in einer Zeit, da der Staat durch! die Aribeits'losenfürsorge die Mehrzahl der Erwerbenden vor der! äußersten Not bewahre, e>ine AlimentationZvflicht des Vaters; gegenüber d"m großjährigen Sohne bestehe. Bemerkenswert ist, , daß dem Kläger, da er zum Ersatz von drei Vierteln der Proi zeßkosten..an den Magien Vater verurteilt wurde, von den i'hm! für sechs Monate zugesprochenen 12 Millionen nicht nur nichts bleibt, sondern daß er noch 8 Millionen an Prozeßkosten dem Geklagten „draufzuzahlen" hat. Ucker die von dem Kläger gegen dieses Urteil eingebrachte Berufung fand nun vor, dem Zidillandesgericht unter Vorsitz des Hofrates' Doktor Lichtblau die Verhandlung statt. Der Berufungsvertveter Dp. Sch nepp machte geltend, die Alimentationspflicht des Baders lebe auch gegenüber dem großjährigen Sohne wieder anflwenn dieser erwerbslos geworden ist. Daß eine vielköpfige Familie mit 2 Millionen Kronen mo-natlich nicht leben kann, bedürfe keines Beweises. Als Mangel des Verfahrens, fei es zu bezeichlten, daß der Erstvichter den Beweis darüber, daß der geklagte Vater tatsächlich.Multimilliardär ist, nicht zugslassen habe. Der Berufunassewt erkannte nach langer Beratung auf Ab Weisung der Bevirftmg. In der Begründung wird hevvyr'gehoben-, daß., wenn man auch das Aufleben der Alimentationspflicht ' des Vaters für den Fall einer vorübergehenden Erwerbslosigkeit des Sohnes annehme, doch kein Grund vorhanden sei. 'angesichts der bloß temporären Erwerbsunfähigkeit die Unterhaltsguote nicht auf eine bestimmte Zeit zu beschränsken. Auch könne der Kläger Nicht mehr an monatlicher Alimentation beanspruchen als er zuletzt an Gehalt bezogen. Seine Frau uNd seine Kinder kommen hierbei mdj* in Betracht, da diesen gegenüber keine Alimentationspflicht seines Vaters vestche. Der Anspruch aus Detzsovmna des Sohnes durch das angesprochene Kapital von 600 Millionen Kronen sei ungerechtfertigt, da der Vater durch Erziehung und Ausbildung den Sohn selbständig und erwerbsfähig gemocht und ihm dadurch ein hinreichendes Kapital, verschafft hat. Auch die Aufrechnung von drei Vierteln der Prozeßkosten (die jetzt durch weitere 4 Millionen an Beruflrngskoslen vermehrt werden) sei gerechtfertigt, weil Kläger nur zu geringem Dell obsiegte. ' M Rechtsanwalt. die blonde und die brünette Lame und ein Bankbeamter. Im Sportzug Wien-—Semmering. Der Rechtsanwalt sitzt. Ihm gegenüber e>ine blonde Dame im Sportanzug. Pepi'ahose. Der Rechtsanwalt liest die Zeitung. Prozeß VukobrankovieS. Die brünette Dame kommt, stellt sich pm Fenster zwischen Rechtsanwalt und blonde Dam«. Der Rechtsanwalt sieht nichts, ersucht die Brünette, ms dem Licht zu gehen. Kontroverse. Die Blonde pm RechtSanwalt: „Das ist kein Benehmen." Er, aufgeregt: „Halten Sie den Mund." Der BM'kbeamte, p dem die blonde und di« brünette Dame gehören, kommt. Auseinanderfetznng. „LauSbübischeS Benehmen und Frechheit." Der Rechtsanwalt notiert diese Ausdrücke. Wiedersehen beim Bezirksgericht: Der Privatkläger ist zwar in feinem Verhalten zu weit gegangen, der Beschuldigte aber hat das Recht der berechtigten Kritik überschritten. 300.000 K. Geldstrafe. Orgien im Rangierbalhnhof. In einer zweitägigen Verhandlung hatten sich 31 Angestellte ' des Rangievbahnhofes Brigittenau vor dem LandeSgericht in Strafsachen wegen Diebstahles p verantworten. Den Angeklagten war zur Last gflegt, daß sie in den Jahren 1917 bis 1902 verschieden« Diebstähle an Transportgut ■ begangen hatten, insbesondere aber, daß sie Wein in größeren Menaen entwerteten, indem sie beim Rangieren btt Lastwagen absichtlich Unfälle herbeiführten, so daß die mit: Wein, gefüllten verladenen Fässer sprangen und der Weig auLrann. Diesen ausrinnenden Wein sollen die An- Magien nach der Anklage cmfgöfangen und Kr sich verwendet halben. Dabei soll eS in den am Rangierbahnhof gelegenen Plowbierkammern und anderen ' Kr ' .den Amtsgebrauch bestimmten Lokalitäten wahren Orgien gekommen "sein. Oberinspekior Batschen und Inspektor Winklet der- Bundesbahnen, di«, als der Rangierbahnhof Brigittenau ihrer Leitung unterstellt wurde, den Diebstählen, in künzester Zeit ein Ende gemacht hatten, gaben an, daß die am Bahnhof beschäftigten Personen ganz ungeniert gestohlen hätten. Es hatte der ganzen Energie der Zeu.M bedurft, um den eingerissenen Mißständen ein Ende p fetzen. Die Angeklagten leugneten durchwegs und wurden schließlich freigesprvchen, da ihnen ein Verschulden nicht nachzuweisen war. Mr drei Angeklagte wurden wegen Straftaten, di« als Uebertretungen qnal'üfiziert wurden und mit ihrer Dienstleistung in keiner ''Verbindung standen, p ge.ni»ArMn derurkeiL - - - - M. April IM «M-1» \m P Alle Arten von Bankgeschäften Kommandlte der Kroatischen Eskomptebank. Agram Wien, I. Seitiergaue 4 Ecke Bognergasse beim. Graben) Kredituna Warengeschäfte lelephune; 60-4-82. 60-4-93, 63 1-85 6'•'-4-42 6« 4 78 69-4-82 10465 Telegrammadresse Frapobank ans inii rnimTTtni imr - i im i n iwimmii ■■ Io« Allgemeine Würdigung der Vorkriegszeit. — ^a5knegs- ^t-wlckru«g.'.-.-'777'.'GegmwSrtlger Stand. Bon Dr. Frltz Seister (Bielitz). - Im sÜdös^ichen Zipfel der Woiwodschaft Schlesien (chemass Oesterreich.-Schlesieu) ' liegt die deutsche Stadt Bielitz, weltbekannt durch ihre Textilindustrie; eng mit Bielitz verbunden ist Biala, das wohl zur Woiwodschaft Krakau gehört, aber wegen seiner deutschen Kultur und der gleichen Jndustrieart mit Bielitz zusammen ein enges Wirisch äftsgeb'et bildet. Die'Industrien von Bielitz und Biala lassen sich nicht trennen; sie werden trotz der politischen Grenze — Biala liegt bereits, in Galizien — stets eine wirtschaftliche Einheit bilden. Die Hauptindustrie von Bielitz- Biala ist die Schafwollindustrie. Die Metallindustrie besteht hauptsächlich aus Maschinen- und Schraubenfabriken. Die Maschmenindustrie befaßt sich wiederum vornehmlich mit der Erzeugung von Textilmaschinen, was sehr begreiflich ist, da diese Industrie gleich am Ort durch die Schafwollindustrie Abnehmer findet. Die Bielitz-Bialaer Schafwollindustrie hat ein Alter von mehr als 200 Jahren; sie greift als» in das 17. Jahrhundert zurück. Damals gab es nur Handbetriebe; erst im vorigen Jahrhundert wurde der maschinelle Betrieb eiizgeführt. . Bielitz war einer der ersten Jndustriepiätze, der sofort zum maschinellen' Betrieb überging, zunächst zur Wasserkraft, später zur Dampfkraft. Von Anfang an war die Bielitz-Bialaer Industrie in deutschen, Händen. Es gibt heute noch daselbst viele Fabrikantenfamil'.en, die ihre SeßhaftigkeiL bis auf den dreißigjährigen Krieg zurückführen können und hier immer Gewerbe ausgeübt haben und später industriell tätig waren. Man kann also nicht von einer eingewanderten Industrie sprechen, wie das vielfach von feiten polnischer Blätter geschieht. Durch Fleiß und Betriebsamkeit hatte sich die Bevölkerung von Bielitz-Mala eine,: hoch geachteten Namen weit über die Grenzen Altösterreichs erioorben. Die Tuchfabrikation in Bielitz-Biala gehörte neben der Reichenberger und Brünner Schafwollwarenindustrie zu den größten Jndustrieplätzen Oesterleich-Angams; sie spielte nicht nur in Oesterreich-Ungarn, sondern auch in ganz Europa eine führende Rolle. Die orientalischen Tuche, welche Bielitz erzeugte, gmgen in die Lev gute nach Nordafrika (Aegypten, Tunis, Marokko). Klein-Asien, Persien, Jnd'.eir, selbstredend auch nach dem Balkan und nach Rußland; aber »auch nach Amerika ging der Export, vor allem nach ©üb* amerika, besonders nach Brasilien und Argentinien. Auch England und Rumänien führten Bielitzer Tuchwaren ein, ebenso die Schweiz. Der .Export betrug vor dem Kriege etwa 60 Prozent der Gesamterzeugung. In Bielitz-Biala gibt es etwa 130 Betriebe, welche sich mit der Erzeugung von Schaswollwaren befassen. Diese Betriebe arbeiten mit etwa 5000 Webstühlen und annähernd 250.000 Spindeln; sodann zählt Bielitz-Biala j}0 komplette Appreturen und 20 Färbereien. Insgesamt beschäfttgt die. Bielitz-Bialaer Industrie 20.000 Arbeiter, darunter die Schafwollwarenindustrie allein 15.000. Nebst der Schafwollwarenindustrie besitzt Bielitz zwei große Jutewebereien und Spiimereiien, nämlich die Wigonspinnerei, eine Webriemensabrik und eine Seilwarenfabrik. In dieseü.. Fabriken werden alle Sorten von Säcken und. Jutegeweben ^erzeugt, hauptsächlich Häuf. Auch die Ausfuhr von Hefen Spimereien war vor dem Kriege sehr bedeutend und der Export ging nach allen überseeischen Ländern, auch nach dem Balkan, nach Skandinavien und England. Zu den bedeutendsten Metallwarenfabriken gehören die Textilmaschinenfabriken, die in der gesamten Welt einen hervorragenden Ruf haben. Die.Erzeugnisse dieser Industrie wurden nicht nux vor dem Kriege, sondern werden auch jetzt stark begehrt.-Die Schwabe-Stühle, ebenso die Maschinen der Fabrik Josephy, sind tatsächlich in der ganzen Welt bekannt. Kürzlich wurden auf dem Balkan neue Wollwarensabriken eingerichtet. Die Arbeit würde der Bielitzer Maschinenindustrie übertragen, die die Fabriken durch 'ihre Sachverständigen mit Bielitzer Maschinen ausstatten ließ. Die Schraubeneweugung und ^lrnlatürenfabrikatlon ist ebenfalls sehr bedeuten.^ " \ . In best ersten -EHkriegsjahren nahm das -Bielitz-. Bialaer Ländchen eine gewisse Sonderstellung ein:- Die lange Dauer der Plebiszitzeit (1910 und 1920) und die Unentschiedenheit seiner staatlichen Zugehörigkeit hatten Verhältnisse geschaffen, die die Entlvicklung der Industrie günstig beeinflußten. Unter der Herrschaft der interattiierten Plebiszitkommission als „Ostpräfektur" erfreute er sich einer weitreichenden, wirtschaftlichen Freiheit: sowohl das. polnische als auch das tschechiM Wirtschaftsgebiet stand der Jndu strie unbeschränkt offen, die Ein-, Aus- und Durckifuhr war nur an ganz geringfÜgEZormalitätengebunden und. die völlige Zollfreiheit, die^Melitz-Biala genoß, gab der Unternehmuügslust einen mächtigen Impuls. All diese Vorzüge sowiestärk. interMionäle --Chäraktevj dieses * GebiereS , macht« Bielitz-Biala zum Zielpunkt ungezählter Neuschöpfungen: Eine mächtige Gründungswelle des polnischen und tschechischen Unternehmertums überflutete dieses für jede industrielle Betätigung prädestinierte Ländchen. Die Nähe von drei Grenzen (Polen, Tschecho-Slowakei und Deutschland), das Vorhandensein von Kohle und Eisen in unmittelbarer Nähe, die seinerzeit sehr ausschlaggebende, gute Versorgung mit Lebensmitteln und nicht zuletzt die angeborene Intelligenz und hohe technische Schulung des Bielitz-Bialaer Arbeiters, gaben den- Anlaß zu dieser so umfangreichen Gründertätigkeit. Außerdem hatte Bielitz-Biala allen anderen Industriestädten Polens gegenüber einen weiten Vorsprung: während die kongreßpolnischen Industrien durch den Weltkrieg und den darauf folgenden Bolschewikenkrieg zum großen Teile vernichtet und ihre Betriebsmittel vielfach for^geführt wurden, blieb Bielitz-Biala nicht nur von allen Verwüstungen des Krieges verschont, sondern nützte auch noch die in. der Nachkriegszeit durch Geldüberfluß und Wareir- Hunger charakterisiette Hochkonjunktur reichlich aus, insbesondere als staatliche Lieferantin für Heer und Eisenbahn im polnisch-russischen Krieg. Lo>dz, Tomaszow und Bialystok steckten noch tief in der mühseligen Wiederaufbauarbeit, wahrend Bielitz-Biala schon in Tag- und Nachtschichten arbeitete. Als jedoch nach Beendigung der russisch-polnischen Krieges sich die Welt allmählich, wieder öffnete und die wirtschaftlichen Barrieren zu fallen begannen — als dann schließlich zu Beginn 1921 die kongreßpolnische Jndilstrie ihre Wiederaufrichtung erlebte, und insbesondere Lodz wiedek' zu arbeiten begann, setzte ein heftiger Rückschlag ein, in dessen Folge die Konjunktur immer tiefer sank; die Einverleibung Ostschlesiens in den polnischen Staatskörper rief eine starke Jnlandskonkurrenz hervor — diese wurde insbesondere durch die vom Staate damals hartnäckig betriebene prohibitive Zollpolittk gesteigert — und brachte einen völligen Umschwung: der Warenmangel hatte sich rasch in einen Warenüberfluß verwandelt und das Jahresende 1921 brachte eine starke Stagnation, die viele Unternehmungen, insbesondere die schwach fundierten Neugründungen, heftig erschütterte. Das Jahr 1922 stand im Zeichen eines stets zunehmenden . Auslandsexportes,, zu dem der starke Warenüberfluß' drängte. Bielitz-Biala kam das ausgezeichnete Vorkriegsrenommee zu Hilfe. Bald waren die alten Geschäftsfäden wieder angeknüpft und die Vörkriegsäbsatzgebiete rasch erobert: der edelvalutarische Westen, Ungarn, der Balkan, Syrien und 'Nordafrika wurden wieder dankbare Abnehmer von Bielitz-Bialaer Feintuchen; auch die englische Textilhandelswelt kaufte wieder wie in der Vorkriegszeit die Bielitz-Bialaer Textilware flott auf, um sie dann als - „feinste englische Wäre" unter englischer Marke daheim und in den Sukzessionsstgaten weiter zu verkaufen. Kaum 30 Prozent aller Kammgarnstoffe und 45 Prozent aller Streichgarne blieben im Lande, und der Export nahm immer größere Dimensionen an. Diese Konjunktur für die Textilindustrie hielt bis zur Mitte des Vorjahres arr und erreichte im Juni 1923 ihren Höhepunkt. Aehnlich gestaltete sich die Lage bei allen anderen Industriezweigen, wie der Maschinen-, Metall- und Eisenindustrie, die eben«' falls eine lange Kette von Hochkonjunkturen erlebte, die viele Neugründungen zutage förderte; diese Industrie hatte sogar vielfach die Friedenskapazität überschritten. Die Maschinenindustrie, die sich hauptsächlich mit der Herstellung von Webstühlen, Spinnerei- und Appreturmaschinen befaßt, hat nahezu 90 Prozent ihrer Pwduktion nach dem Auslands, insbesondere Argentinien, Japan und Indien ausgeführt. Mit der Textil- und Maschinenindustrie hielten auch die in Bielitz-Biala vertretenen zahlreichen anderen Industriezweige, wie die chemische Holz- und Likörfabrikation, gleichen Schritt; auch diese Jndustriearten erfuhren dank der günstigen Konjunkturen einen starken Aufschwuilg: die Likörsabrikation zählte seit dem Umsturz bis Ende 1923 im Bielitzer und Teschener Ländchen nicht weniger als 48 Neugründungen. Das zweite Halbjahr 1923, das im Zeichen eines starken Niederganges der polnischen Gesamtwirtschaft stand, brachte auch der hiesigen Industrie schwere Zeiten. Ms Ende Juni die Markentwertung in einem rasender^ Tempo sich vollzog, und die wirtschastszersetzende Inflation mit dem Geldentwertungsprozeß wetteiferte, würde auch Bielitz- Biala in den Wirbel des Finanz- und Wirtschaftschaos hineingezerrt. Durch Kalkulation i:i wertbeständigen Devisen auch fürs Inland hatte man sich schon seit Jahr und Tag vor Scheingewinnen und Snbstanzverminderung erfolgreich geschützt und ausden billigen und reichlichen Krediten der P. K. K. P. große Jnflationsgewinne geschöpft, Die Bielitzer Jndustrieartikel hielten sich iilfolge der billigen Papiermarkkredite und der Tiefhaltnng..der Arbeiterlöhne unter der Weltparität, und die Ausfuhr brachte lohnende Prämien, indem der Exporteur oft mit einem Bruchteil der stets steigenden.Exportvaluta'die im Werte zusehends zusammeuschrumpfenden Papiermarkkredite der P. K. K. Pzurückzahlte. Hier trat nun im zweiten Halbjahre ein gründlicher Umschwung ein: Die Markinflation hat chre frühere Eigenschaft als wirtschaftsfördernder und gewinnbringender Faktor eingebüßt und sie wurde zürn gefährlichsten Schädling der Industrie, als sie diejenigen' chaotischen Begleiterscheinungen zeitigte, von deneir bisher alle JnflatiovL- 9 5981393429485985

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