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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-20 · Heft 1861 (20.4.1924) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1861 (20.4.1924)
Date
1924-04-20
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Ke. KK Wen, Sonnkäg hören „Und der Schullehrer!" ließ sich eine zweite Sti»me Mienev wroraenzeiiunA gasse Lallend. Dann etwas ruhiger. Und,'je näher es zürn' .Und der Mesner!" fügte eine dritte hinzu. J „Der Vorsteher, der Schullehrer und der Mesner!" schrie es aus zahllosen Kehlen. „Vorsteher, Lehrer und Mesner, zu mir!" Die Drei bahnten sich mit Mühe den Weg zur Karosse. Vor ihrem Herrn angelangt, beugten sie tief und ehrerbietig das Knie. „Um Christi willen, was ist geschehen?" fragte der Uraf mit erregter Stimme. „Ein Ritualmord!" schrie der Vorsteher hysterisch. „Die Juden haben ein Christenmädchen gemordet!" )nhr der Lehrer erregt dazwischen. ,,<Sie brauchen Christenblut für die Feiertage", fiel der Mesner seinem Freund ins Wort. „Einer rede", befahl der Graf, „Vorsteher, erzähle Len Vorfall!" „Herr", begann der Vorsteher, sich räuspernd, „hinter!der Mühle/ jenseits des Baches, wohnt die verwitwete» 'Bäuerin Marischka Kniasch. Gestern ging sie in die Stadt, um einiges für die Wirtschaft zu besorgen, und ließ ihr achtjähriges Kind allein zu Hause. Als sich die Kniasch des Abends auf der Heimkehr befand, begegneten ihr auf dem Wege zwei Juden, die stadtwärts zogen. Einer trug ein schweres Bündel auf dem Rücken, der andere murmelte Gebete. Der Kniasch war ganz bange zu Mute. Sie schritt rasch an den Juden vorbei. Doch ihr gab es keine Ruhe und sie wandte sich um. Danahm sie zu ihrem Entsetzen wahr, daß auch die Juden stehen geblieben waren und kopfschüttelnd ihr nachblickten. Es war ihr, als hörte sie deutlich die Worte: „Arme Frau, wenn du jetzt nacht Hause kommst, findest du dein Kind nicht mehr!" Die Kniasch lief, was sie konnte. Keuchend, mit heraushängender Zunge, einem gehetzt«: Hunde gleich, stürzte sie in ihre Hütte. Das Furchtbarste war zur Wahrheit geworden. Das Kind war nicht da. „Wunden des Heilands", stöhnte der Mesner. j'V „Gottverdammte Juden", assistierte chm der Lehrer. „Rede weiter!" sagte der Gutsherr kurz und befehlend. „Die ganze Nacht rannte die Kniasch umher, suchte und schrie nach ihrem Kinde, natürlich vergebens. Alle Bauern und Knechte des Ortes schlossen sich.der unglücklichen Mutter an. Vergebens, vergebens. Als der Morgen angebrochen war, beschlossen wir, an den Mördern Rache zu nehmen." „Mit mir zur Kniasch!" rief der Graf kürz entschlossen, mit weithin vernehmbarer Stimme. „Mit unserem Herrn zur Kniasch!" schrien die &m Führer, zur Menge gewendet. „Kein Mensch bleibe hier, alles mir nach!" rief der Graf. . Die Menschenmasse bewegte sich. Der Graf fuhr im Schritt voran, chm folgten die Wagen mit den bewaffnete!: Feldhütern, hinter ihnen der blutrünstige Mob. Zuerst schreiend, laut gestikulierend, die Fäuste gegen die Inden¬ Dorfe kaut, desto stiller wurde es in den Rechen der Menge. Schließlich wagte man nicht mehr zu sprechen. Das Rauschen des Baches, hinter dem die Hütte der unglücklichen Bäuerin lag, wurde vernehmbar. Die Erwartulig war groß, die Spannung unerträglich. Einem Leichenbegängnisse gleich bewegte sich der stumme Zug dem Bache entgegen. Bor dev Brücke machte der Graf halt. Die Menge blieb stehen. Ein Diener erhielt Befehl, die Kniasch zu holen. Bange Minuten vergingen, Endlich, endlich, wurde die Bäuerin aus'der Ärücke sichtbar — mit dem Kinde an der Hand. Die Menge wurde unruhig. Der Graf befahl Stille. Die Bä'^rin kam heran. Sie warf sich ans die Knie vor chrem Herrn. Der Graf ließ sie aufstehen und fragte laut, daß es allen vernehmbar war: „Sag', Bäuerin, ist das» dem verloren gegangenes Kind?" „Jawohl", schluchzte das WeiÜ. „Das Luder ist gestern ür das benachbarte Dorf zu ihrer Tante durchgegangen und erst vor kurzem zurückgekehrt." „Diebsgesindel, Mordgesindel!" schrie der Gutsherr. Und er ergriff die Zügel seiner feurigen Rosse, raste m die Menge hinein und schwang die Peitsche nach rechts.und links. Die Hiebe sausten auf die gekrümmten Leiber herab. Die bewaffneten Feldhüter, die in den Wagen folgten, machten es chrem Herrn nach . . . Ter Graf empfing viele Deputationen die ihm für die mutige und gerechte Tat Dank sagten. Zuerst kam der Raw des Städtchens mit beider: Dajanim. Sie dankt«: in schlichten, bewegt«: Worten. Der Raw beinühte sich, durch Zitate aus Thora und Talmud darzutun, wie widersinnig das Ritualmordmärchen sei. „Wir, die wir die größte Scheu vor dem Blute im Tiere haben, sollen gar Menschenblut vergießen?" Es erschienen auch Delegierte des Kultusvorstandes, ein Advokat, ein Gerichtsschreiber und ein Kaufmann, von dem Hausjuden des Grafen geführt. Der Advokat hielt ein schwungvolles Plaidoyer für das verdächtigte Judentum und eine überschwengliche Lobrede auf den Grafen. Seine Tat.sei höher zu werten^ als die seines großen Ahnen Sobieski, der einst Wien von beit Türken befreit. Und es kamen von den vielen Gütern des Grafen Abgeordnete, Schenker, Holzflößer, Mautpächter, Sägeverwalter und noch viele andere aus naher und ferner Umgebung, um dem allmächtigen Gutsherrn Dank und Anerkennung zu Füßen zu legen. Auch, die Vertreter städtischer Berufe fehlten nicht. Sie wurden alle an einem Tage empfangen. So hatte es der Graf gewollt. Er war ein Mann von Stil, es sollte ein schöner Tag für seine Erliuwnlirg werden. Als die Sonne zur Neige ging, wurden dem Grafen die letzten zwei Juden gemeldet. Sie waren unter den Ersten erschienen, zogen sich aber in einen Winkel des) Wartezimmers zurück, und getvährten allen dkeuangekommenen den Vortritt, indem sie treuherzig erklärten, ihr« Zeit, wäre gar nicht kostbar, sie/könnten warten. Nun kam die Reihe auch an "sie. 20 April 1924 " " ' Gei!« 8 Als die beiden cintratell, war es dem Grafen, als kämen sie aus einer anderen Welt. Sie kamen ruhig und selbstsicher, ehrerbietig, keinesfalls aber dienerisch. Sie trugen Samtkäppchen auf den Scheiteln und schwere Sabbatgewänder floss«: ihnen an Leu geraden Gliedern herab. Siel traten an den Grasen heran und spräche!: fast gleichzeitig: „Wir kommen vom Belzer Rabbi." Ter Graf sprang auf. Er war sichtlich überrascht und reichte den Boten des von ihm und seinem verdorbenen Vater verehrten Zadik die Hand. O, seid herzlich willkommen, Ihr Herren! Es freut und ehrt mich, daß der Zadik meiner gedacht hat. Das ist schön! Wie geht es dem: dem heiligen Manne? Schon viele Jahre sind es her, daß ich ihr: gesehen und gesprochen habe." Einer der Juden sagte: „Der Zadik wäre persönlich' zu Euch gekommen, Her: Graf. Die heilig«: Feiertage stehen aber vor der Tür und legen chm zu viel irdische und himmlische Pflichten auf, die ihn ans Haus fesseln. Er bittet Euch, Herr Graf, mit seinen Boten fürlieb zu nehmen." „Gewiß, gewiß", sagte der Graf leutselig und frohgelaunt. Hierauf erhoben die Abgesandten des Rabbi von Belz chre Hände und ließen sie über dem Kops des Graf«: ruhen. Einige Augenblicke herrschte feierliche Stille. Und die beiden Juden sprachen fast gleichzeitig und warm: „Der Zadik von Belz läßt Euch durch uns die Botschaft künden: So wie er -herzlich lachen mußte, als chm die Kunde von dem Ueberfall auf die Juden wurde, so möge Euch, Euren Kindern und Kindeskindern das Glück zulachen bis zum zehnten Geschlecht! Und wenn es Euch! bestimmt sein sollte, Tränen zu vergießen, so mög«: es nur Tränen der Freude und des Lachens sein! Amen!" Es schwiegen die Drei: Man konnte die Herzen schlage): hören. Und die Sonne sank und schier: zu sagen: „Wenn sich die Menschen gegenseitig so wärmen, bin ich wohl überflüssig auf dieser Welt." Dem Grafen ging die ganze Sache im Kopfe herum. Beschäftigt«: schon der Pogrom, sein eigenes. Dazwischentreten, die. vielen Abgeordneten, seine Gedanken, so war der merkwürdige Segen des Rabbi von Belz für ihn ein Rätsel, um dessen Lösung er sich vergebens quälte. Er wußte schon von seinem Vater her, daß der Beizers kein überflüssiges Wort rede, und daß seine Sprache vom Geiste tiefer Wahrheit durchweht sei. Was soll es nun bedeuten, wenn der Belzer ihm sägen ließ, er habe über! die Nachricht vom Ueberfall aus die Juden gelacht?. Wie konnte die Wiederholung eines Geschehnisses, das eine der schmerzvollsten und schwärzesten Verdächtigungen des jüdischen Volkes zur Ursache hat, ein«: Mann, den Juden und Nichtjud«: für ein«: Heiligen haften, zum Lachen reiz«:? Wären hier Tränen nicht eher am Platze? Das viele Nachdenken zeitigte beim Graf«: eine krankhafte Neugierde. Sein Zustand wurde unleidlich, so haß: D as neue Schekeljahr hat bereits begonnen!"ME E s versäume niemand, den Sehekel für5684 zu zahlen! In der halbgeöffneten Tür stand eine Weine hagere Gestalt, in ein weißes Leintuch gchüllt. Dort, wo man den Kopf vermutete, leuchtete eine weiße Hau!be hervor, wie man sie toten Frauen mitg'cht auf dam Wag ins Jenseits. > „Jossell, ich bin dein Weib Chane," sprach die Geiste rgestailt fast flüsternd, seinetwegen habe ich keine Ruhe im Grabe und meine Seele nicht den Frieden im Jenseits! Das Geischrei der Avmen und Gelehrten ist .bis zum Himmel gedrungen. Jetzt schickt mich her Malach- Hamoweß, der Todesengel, zurück zu dir..." „Chane, geh' in deine Ruh'!", kam es flehend aus dem Munde des zitternden Jossel. „Der Malach-Hamcweß hat sich geirrt, er hatte den' Auftrag, dich zu holen, Jossel... Jetzt bleibe ich hier und werde mein Vermögen an die Armen verteilen." „Chane, geh' in deine Ruh'!", bat Jossel, dan es bei dem Gedanken, daß er wieder mit Chane leben müßte, eiskalt überlief. „Und als ich für dich ein gutes Wort einlegen wollte, Jossel, ries der Engel Raphael: „So geh' doch hinunter, Chane, und sieh' Mit dornen eigenen Augen: Wo sind die Armen, die du alle Jahre zum Sader zu Gaste hattest? Wer hat in deinem Hause diesmal Geld auf Mazzoth und die „Vier Becher" erhalten?..." „Chane!", schrie jetzt Jossel wie ein Verzweifelter, ,/geh' in deine Ruh'! Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen, gelobt sei er dafür immer und ewig!" Die Geistergestalt ließ nicht locker. ,Ms ich hierher kam, traf ich den Propheten Elijahu. Mft läßt dir durch mich sagen, daß er und mit ihn: der Segen dein Haus meiden wird. Aber er ist 'bereit, sich für dich an allerhöchster Stelle einzusetzen uud mich wieder znrückznsühren in meine Ruh', wann du zeigst, daß du ibefftrungÄvillig bist.. ,^Chane, geh' in deine Ruh', was soll ich tun?" fragte Jossel, schon.weich geworden, als er Hörle, daß er sich von einer Fortsetzung des Zusammenlebens mit Chane los- Pauftn könne. ' ,/Aeim SchammeS in der Schilafstatt sind Orchilm, arme Leute, eingestauden. Sie haben kaum auf Pessach genug zu essen und auch auf Pessachwein reicht es nicht. Zojscl, wenn. hu deine -und. meine Ruh' lwh hast, schicke jedem der zehnarmen Leute durch deinen* Kutscher eine Flasche Wein, schicke auch, was du an MaZzoch entbehren kannst, und von dem Kalb, das du gestern geschlachtet hast, schicke ein Viertel, damit die. armen, hungrigen Juden sich zu Pessach sattessen können. Wenn du es vor meinen Augen wegschickst, dann holt mich der Prophet Elijahu sofort und führt mich hinauf an die Seite des allerhöchsten Richters... Drei Minuten hast du Zeit..." Jossel versuchte noch zu handeln, aber die Geiftergestalt blieb unerbittlich. Schon machte sie Miene, in das Zimmer zu treten, da schrie Jossel händeringend dem Kutscher zu: „Alwrom, trag den Wein und die Mazzoih und das Fleisch zu den Orchim, aber du Chane, jetzt geh' sofort in deine Ruh'." Es war oin luftiger Pessach. Jossel schwieg über sein Menteuer und auch wir wahrten wohlweislich Diskretion, Re Marseillaise". Von Leonid Andrejew. Er war das Gemisch aus einer Hafenseelen und der schamlosen Geduld des arbeitenden Viehes. Als ihn das Schicksal aus Hohn und Bosheit in unsere schwarzen Reihen warf, lachten wir wie Besessene: gibt es doch so lächerliche, imschöne Fehler. Er — er weinte natürlich. Nie in meinem Leben war ich noch einem Menschen begegnet, der so viele.Tränen besaß, die so bereitwillig fließen konnten — aus den Angen, aus der Nase, aus dem Munde. Wie aus einem durchtränkten Schwamm, der in der Faust gepreßt wird. Auch in unseren Rethen habe ich Wlänner weinen gesehen, doch ihre Tränen waren Feuer, vor dem wilde Tiere flohen. Von diesen Männertränen alterte das Gesicht und es verjüngten sich die Augen; wie die aus dem glühenden Innern der Erde hervorgestoßene Lava hinterließen sie unvertilgbare Spuren, ganze Städte von nichtigen Wüirschen und eitlen Sorgen unter sich begrabend. Aber wem: der zu weinen anhub, rötete sich bloß sein Naschen und befeuchtete sein Schnupftuch.-Wahrscheinlich trocknete er es nahher ans einer Schnur, wo hätte er sonst so viele Schnupftücher hergenommen? Und an jedem Tag der Verbannung lief er zu allen ^..Vorgesetzten, so viele es ihrer gab, verbeugte M vgx ihnen, weinte und beteuerte seine Unschuld, er bat, Mitleid mit seiner Jugend zu haben, und er versprach, daß er sein ganzes Leben hindurch den Mnud zu nichts anderem mehr öffnen würde, als um zu bitten und zu preisen. Diese aber machten sich über ihn lustig so wie wir und nannten ihn: ,Meines, unglückliches Schwein," und sie riesen ihn Mt: ,Heda, du kleines Schwein!" Und er lief ihnen auf den Ruf gehorsam zu: er dachte jedesmal, die Kunde von seiner RücKchr in die Heimat zu vernehmen, doch sie scherzten nur mit ihm. Sie wußten es so gut wie wir, daß er unschuldig war, aber sie dachten, mit seinen Qualen auch die übrigen kleinen Schweine emzuschüchtern — als wäre es diesen nicht ohnehin genügend bange gewesen. Er kam auch zu uns, getrieben von instinktiver Angst vor der Einsamkeit; aber rauh und verschlossen waren unsere Gesichter, und vergebens suchte er nach der Erklärung dafür. Schüchtern nannte er uns seine licken Kameraden und Freunde, aber wir schüttelten die Köpfe und sagten: „Gib acht! Man wird dich noch erhören." Und er erlaubte sich sogar, sich nach der Tür nrnzw wenden, dieses Keine Schwein. Also konnte man da ernst bleiben? Und wir lachten mit einer des Lebens schon entwöhnten Stimme; er aber rückte uns ermuntert und getröstet naher, und er erzählte und jammerte — von seinen gelickten Büchern, welche bei seinem Mütterchen und seinem Brüderlein aus dem Tische zurückgeblieben waren, von welch letzteren er nicht wußte, ob sie noch lebt«: oder ob sie schon aus Angst und Sehnsucht gestorben lvaren. Schließlich jagten wir ihl: hinaus. Als der Hungerstreik begann, packte ihn ein Schrecken» ein unaussprechlich komischer Schrecken. Lickte doch dieses kleine Schwein überaus' das Essen. Er fürchtete sich sehr vor seinen lieben Kameraden, und er fürchtete sich auch vor seinen Vorgesetzten: zerstreut ging er unter uns umher und oft trocknete er sich mit dem Schnupftuch die Stirne, aus welcher sich etwas — waren es Tränen oder Schweiß? — zeigte. Unschlüssig fragte er mich: , „Werdet ihr lange hungern?" „Lange," antwortete ich rauh. wUnb auch insgeheim werdet ihr nichts essen?"

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