Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1861 (20.4.1924)
- Date
- 1924-04-20
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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MNL s SÖten, Sonnlag gedunkelten Fenstern die hier eingestickten Sterneninschriften Gottes zu lesen vermochte, und wenn sich in den Hütten und Häusern Licht an Licht in langer Wächterreihe entzündete, glänzten ihm die goldenen Geister göttlicher Klarheit in dem zweifachen Schimmer der Erden- und Hvmmelslampen entgegen. So war Thies Kabot ein treuer Lehnsmann des Höchsten aller Herren und ganz der Weihe seiner Gottesträume hingegeben.' Eines Tages aber trat der Versucher an ihn heran. Wie aus rätst*haster Ferne hcrgeweht, tauchte Plötzlich ein Mann von. schwer bestimmbarem Alter mit dunklem Haupthaar, zergrübelter Stirn und einem strengen Blick, in dem viele grüne Sprühseuer heimlich brannten, vor ihm auf. Er sah aus wie ein Gelehrter, und seine Augen ruhten ernst aus Thies Kabots Gestalt: „Ich vernahm manchen Lobspruch aus deine Kunst, doch wie kostbare Gläser du auch bisher formtest, noch bliebst du der Welt dein Meisterstück schuldig. Ich will dir alle Erdenschatze schenken, die ich besitze, wenn du mir ein Glas von so makelloser und lauterer Durchsichtigkeit zu schleifen vermagst, dasi ich durch seinen Brennspiegel die Gedanken hinter jeder Menschenstirn lesen kann. Erweise dich deiner hohen Aufgabe würdig, und ich will dich als Meister aller Meister Preisen und ehren!" Thies Kabot fuhr in jähem Schreck empor; er wurde leichenfahl; sein ganzer Körper erzitterte. Soviele schwere Aufgaben,er auch bisher in seier Kunst zu lösen vermochte, vor dieser mußte seine vielgerühmte Meisterschaft ihre Ohnmacht bekennen. Aber auch wenn durch, eine Schicksalsgnade mit seinen geübten Händen den Wunsch des Fremden hatte erfüllen können, so hätte ihm sein Herz diese Drenstbereitschast versagt. Denn er war ein gottessürchtiger Mann und wußte, daß ein solcher Zaubevspiegel nur grenzenlose Reiche des Grauens und unerschöpfliche'Blutmeere schauen und alle Bilder des Elends so lange in seinen gläsernen Glanz hineintrinken würde, bis er mit stummen Blicken seinen Schöpfer bäte, ihn wieder mit den gnädigen Schattenschleiern seiner alten GchrimniMindheit zu verhangen. So gütevoll Dhies Kabot selbst war, er hatte im Dause seines langen Lebens erkannt, daß viele dunkle Gedanken hinter den Stirnen seiner Mitmenschen schliefen, und daß bei der Durchstrahlung und Erhellung dieser geheimnisvollen Gewalten Bruder gegen Bruder, Schwester gegen Schwester, Freund gegen Freund, Vater gegen Sohn Messer oder Dolch zücken würde. Undda Thies Kabot eine offene Seele besaß, sagte er dem Fremden, daß er seinen Wunsch weder erfüllen könne noch wolle, denn er sei ein gottessürchtiger Mann und wünsche nicht, dem Satan zu dienen. Da wetterleuchtete das Antlitz des Fremden in einem schwefelgelben Glanz, seine Stirn nmwölkte sich, und er sprach erst mit-leisem Spott, dann mit donnernder Stimme: „Ei, ei, der vielgepriesene Meister erklärt seine Unfähigkeit; aber warte nur: ich werde dich bald eine göttliche Erhellung lehren!" Mit diesen rätselhaften Worten, entschwand der Fremde ebenso geheimnisvoll wie er geder heiligen Lehre abziehen. Der Staub der Straße legt sich dir nicht aus die Brust, die sich weit dehnt und breitet; er senkt einen Schleier aus alles, was du aus die Straße rmtgeb rächt hast: auf deine Bücherweisheit, aus deine angeborene und bewußt anerzogene Frömmigkeit; duwirst unschuldvoll, unbewußt und ungewollt fromm wie der Baum, dessen Laub der Staub der Straße bedeckt, ohne ihm etwas anzuhaben. Perez Schreiber hatte recht, als er vorigen Winter bei einem Disput, den ich mit, chm hatte und bei dem ich schon sehr schlecht abschnitt, zum Schluß witzig bemerkte: „Berl Jluj, die Leute wundern sich, daß du, der du doch noch vor kurzer Zeit ein großer Gelehrter warst, so viel vergessen konntest. Sagt doch der Talmud, was man als Kind gelernt halbe, vergesse man me im Leben. Aber wie immer, hat der Talmud auch bei dir recht behalten, Berl. Was du als Kind gelernt hast, wirst du auch nie vergessen, aber was du später gelernt hast, im Bech Hamidvasch, das hast du bereits vergessen, es ist aus der Straße verflogen. Du weißt heute nicht mehr als ein besseres Chederjüngel." Dieses Witzwort von Reb Perez Schreiber ging van Stadt zn Stadt, durch ganz Ungarn, und damit war meine Karriere auch als 'wanderndes Jlut abgeschlossen. Wo ich hinkam, wurde ich nicht mehr als „schöner Jud", sondern als Schnorrer, etwa wie Leb Buchinger, wie „Rabbi Waschblau" und alle anderen wohlbekannten Figuren im Reiche fahrenden Volkes empfangen "und behandelt. Während mir früher die Ehrengaben reichlich zuflosien und sogar ins Haus geschickt wurden, muß ich jetzt selbst um milde Gaben bitten. War ich früher gebetener Gast-bei den Häuptern der Gemeinde, so ist jetzt der Hunger . häufiger Gast bei mir. Sind vor noch nicht langer Zeit meine „Ehiduschim", meine neue geistreichen Interpretationen schwieriger Stellen in Bibel und Talmud, wie wunderlbare Geistesblitze-, hell aufleuchtend, durch alle Lehvstuben gezuckt, so muß ich heute mit Schnorrerwitzen brillieren und den Possenreißer abgeben. So ging es, von Stufe, zu Stufe . . . Abwärts oder aufwärts? Wer mag es entscheiden? ... Bei dem Seder in der Wäschkamme.r ' der Schlassiatt ging es lustig her. Fröhlicher und gemütlicher als es jemals Wiener MorftenzeituNK. Wiener MorgenzeituNK. mma Bei MJrpilLBUZ'r UlUBiUiyKCil sind Df. Hoffbauer* Entfettnngstabletten von bester Wirkung, angenehmem Geschmack, vollständig unschädlich. Ke n Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise, prompte Gewichtsabnahme Keine SeMidflröse! Kein Abführmittel! Depot: JLpotlaebe JBl* Ä y<©«« Wien. I. 2ei.| Woilzelte N«s 13 70s kommen war in die Nebelfernen der schlesischen Berge, und hinter chm krächzten nur noch dreimal die Hahne des Hofes. '; . In der nächsten Nacht aber brannte die Hütte des Glasschleifers nieder. Niemand konnte sich die Ursache des Feuers erklären. Dhies Kabot stand ohne Klagelaut auf den noch schwelenden Trümmern seiner Habe, und er sah in dem letzten Blanker» der glimmenden Lohe den verschollenen Lichterrausch aller seiner schön geschliffenen Träume, die letzten goldenen, blauen und grünen Grüße seiner nun von Flammen zerborstenen, von fremden Füßen zertretenen und bald ganz windverwehten Gläser. Aber der Verlust seiner irdischen Gütter schmetterte ihn nicht nieder. Und so kostbare Erinnerungen an seine Kunst Hm auch in den Scherben seiner Gläser entgvgenglühten und so wertvolle Zeugnisse seiner Meisterschaft er sich noch in den geborstenen Stücken hätte bewahren können: erhob keine Scherbe vom Boden aus; denn in der am 'harten Rade des Leides schon geschliffenen Schönheit seiner Seele brannte versöhnend bereits das ewige Licht des Meisters aller Meister und beschämte die bunten Sterne und dew Tempelfensterglanz aller Kirchen und Kathedralen. Dhies Kabot stieg in der Frühe des Morgens zu den Gipfeln hinan, und er sah hier in den Spiegeln der Bevgströme, in den ewig fließenden Gläsern Gottes, alle Gebilde seiner Kunst heimlich verjüngt und von einem so fürstlichen Glanze geadelt, wie er ihn selbst nicht in seinen tiefsten Schöpserstunden zu erwecken vermochte. Er stand hier> fern den Niederungen des Menschenlandes, einsam und. nur flakenumbraust, alles Flache und Dunkle war ihm entrückt:, eine königliche Sonne brannte und funkelte diademgleich um sein Haupt und sie badete sein Antlitz mit so überirdischem Schimmer,, als, wandelte er bereits in den Sonnenhöhen' der Myriaden Himmelsherrlichkeiten und als wollte de^ Ewige selbst dom in. bunten Glasflüssen stummen Lobsinger seiner Schönheit und Urgewalt danken, daß zuletzt Thies Kabots. Seele in ihrer LauteMt und Durchsichtigkeit wie sein kostbarstes Kunstwerk aus Glas erglänzte. Denn wie sehr auch der Herr der Wolken und Wälderwüßte, daß es'.Thies Kabot, dem Verkünder seines leuchtenden . Weltenreichtums,. yymyglich' gewesen, wäre, den Wünsch des Fremden zu erfüllen; bereits der Wille des 20. April im T - Wr. 1661 Glasschleifers, die Geheimnisse des Morgen nicht freveH lich zu durchdringen und t somit die Menschheit: vor bei Schrecken allgemeiner Bruder- . und iSchwestermovde,. 'A tvahren, genügte der Güte des Herrn, um . seinen strahlen' den Sohn aus dem Füllhorn seiner Gnade zu segnen. Im ReWel. Von David Roklum. An einem.. schönen Frühlingsmorgen, etwa vlrrzHn Tage vor hem Pessachseste, brach in den Gassen eines kleinen polnischen Städtchens der helle Aufruhr aus. Bäuerin, und Holzknechte aller Altersstufen, Greise- -Weiber und. halbwüchsige Mädchen mit Stöcken, Spaten und.. Heugabeln bewaffnet, mit Körben und Säcken, die zur Aufnahme allfälliger Beute bestimmt waren, versehen, wälzten sich, übe, den breiten, holprigen Marktplatz den engen Gassen zu, wo die Juden wohnten. Ohrenbetäubender. Lärm.erfüllte di< Luft. Schlachtrufe, vom Krachen erbrochener Haustore uni! Klirren zersplitterter Scheiben begleitet, mengten sich unheimlich in das Angstgeschrei von. unerwartet überfallenen Menschen und das Gejammer der Verletzten. Wie ein gruseliges Leitmotiv schlich sich wiederholt in die furchtbare Symphonie das Geheul von Straßenhünden, die unversehens .in, das Handgemenge geraten waren. Bald glich die enge Gasse eiyem Schlachtfelde.' Verschlungene Menschenknäuel, zertrümmerte Möbelstücke, Glassplitter, fliegende Wurfgeschosse, hin und her sausende Steine, herabstürzende Fenster, blutgefärbbes Straßenpflaster'. Kurz: — ..Pogrom. In diesem Tohuivabohu erscholl plötzlich ein-, kräftiger Hornstoß. Der Mob hielt inne. und blickte in. die Richtung des Signals. Man reckte den . Hals und spitzte das Ohr, Husschlag galoppierender Pferde 'wurde vernehmbar, Bald darauf erschien eine Karosse, von schnaubenden Rossen gezogen, hinter ihr viele andere. Wagen. Ein hochgüvachsenet Mann stieg auf den Bock des ersten. Wagens und riejV indem er die Rechte energisch höchhielt: „Meute, halt!" Der Mob war starr und unbeweglich. Entsetzen malt« sich auf den Gesichtern. So mancher wollte die Beutt von sich werfen, fürchtete aber, sich durch die Bewegung zu verraten. Plötzlich rief ein Weib: „Der Herr!" „Ja, der Gutsherr", wiederholte die .Nachbarin. 7 „Unser Herr! Unser Herr!" riefen die Umstchenden. Und nun erscholl es von allen Seiten: „Der Herr! Der Gutsherr! Der Gras! Seine Herrlichkeit, der Graf!"' Inzwischen sprangen bewaffnete Feldhüter aus den öiefett Wagen und scharten sich um ihren Herrn, der nochi immer hoch aufgerichtet auf dem Bocke seiner Karosse stand. Eine blutgeschwellte Zornesader verlich seinem Gesichte den Ausdruckvon Kraft und Mut. Er rief mit Stentorstimme: „Gesindel, wex führt euch an?" . .v.. „Der Ortsvorsteher", antwortete jemand schüchteM-Ms der.Menge. > ■■■'. prima Dualität §||.000 WIIN.U AOtCR«AS»t * « . «'.-mMr 73?.I5d» STOFFE St IDE beim Seder des reichsten Hausherrn möglich gewesen wäre. Der hohe Rat des fahrenden Volkes saß am weihgedeckten Tische beisammen und feierte das Fest ■ der Freiheit von allen gesellschaftlichen Fesseln. Wäre nur das auf den Sedertisch gekommen, was eine hochherzige Gemeinde bestellt und bezahlt hat, so wäre es tatsächlich kaum mehr als „das Brot der Armut" gewesen. Und mit den ,/Vier Bechern" war es überhaupt schlecht bestellt. Sie waren uns in ganz kleinen Gläschen kärglich zugezählt und zugemessen und reichten kaum hin, um in Sederstimmung zu geraten. Aber wir waren gestern und heute recht fleißig gewesen. Dem einen und dem anderen war es gelungen, eine Maische Wein auszus-echten, ein anderer wieder schleppte MaWth heim, die, im großen Holzmörser zu Grieß gestoßen, den Stoff zu herrlichen Knödeln abgaben; überdies steuerte jeder von uns einen Betrag bei, damit die Schlasstätterin ein Sedennahl bereite, um das' uns der Rosch Hakohol beneidet hätte. Während des Seder's und des MahleS wurden Erlebnisse und Schnurren zum besten gegeben; frömmelnde Ignoranten, die in den Gemeinden Machtstellungen einnehmen, die Hagadah nach den Gebetweisen von Jom- Kippur sangen und dabei durch zwerchfellerschütternde Satzfügungen eine Verballhornung des Hagadahtextes zu Wege-brachten, daß er sich wie eine Purimposse anhörte, wurden köstlich kopiert und intime Familiengeschichten aus den verschiedenen Iudengassen des Landes mit souveräner dichterischer Freiheit erzählt. Dann wurden die Wohltätigen und Engherzigen der Gemeinde, -in der wir LNs befanden, durchgehechelt. Wieviel der eine aus Pesiach gegeben und wie der andere jede Gabe verweigert hatte. Wir hatten schon längst bei den Bechern die Zahl vier überschritten, die Erzählungen echitzten unsere Phantasie ebenso wie der Wein: die Stimmung war possenreif. Bei dem Gericht, das wir über die einzelnen Juden des Ortes hielten, kam Josiel Fuhrmann am schlechtesten weg. Keiner kauple etwas zu seinen Gunsten Vorbringen. Iossel war als Kutscher in das Haus der Wittve Chane Eckdorf gekommen und hatte es verstanden, -das Herz der um viele Jahve älteren Frau so zu umstricken, daß eines Tages 'das Städtchen mit der Nachricht überrascht wurde, daß die woMalbende Chane mit ihrem Kutscher AoM unter die Chuppe gehen werde. Chane war ein resMteS Weib,, dabei fromm und wohltat'g, sah gern arme Gäste bei sich, und am'Todestage ihres ersten Mannes mußten zehn arme Leute in ihrem Hause lernen, .und bejen. -und Kaddisch sagen. Josiel hingegen war ein grober,, roher geselle, der immer wütete, wenn Schnorrer das Geld aus dem Haus trugen oder, sich an Chanes Tisch gütlichtaten. So ist es nur zu begreiflich, daß Chane und Iossel kern glückliches. Ehepaar abgaben. Als „Herr im Hause" verwahrte er sich gegen die Verschleppung „seines". Vermögens, jagte jeden Schnorrer, der sich am Haustor zeigte, mit der Peitsche davon oder hetzte die Hunde aus ihn..W kam deshalb zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen Josiel und Chane, bei denen Chane selten den. kürzeren zog und Iossel in der Regel mit einem blauen Auge davon kam. Zwei Jahre bloß währte diese ungleiche Ehe. Chane wurde müde und krank und eines Tages trug man sie hinaus aus dsn Bestimmungsort für alles Lebende". Josiel sprach mit derber Stimme gefühllos die Worte: „Gott hat^s gegeben, Gott hat's genommen." Erft beim Nachsatz: ,/MObt sei der Name des Gwigen jetzt und immerdar", fand auch Josiel den wahren echten Hovzenston. Erleichtert kehrte Josiel von der Stadt der Toten zu den Leibenden, zu seinen Pferden und Kühen zurück. Bon diesem Josiel Fuhrmann wußte die ganze lustige Taifelvunde nur eines zu berichten. Er hat auch heute am Erew Pesiach jeden Bittsteller von seiner Tür gejagt und einen besonders Zudringlichen mit einem Fußtritt hinausgeworfen und ihm noch natMhöhnt: „Geh' hinaus 'zu Chane — soll sie dich zum SÄer laden!" Das Urteil war einmütig: „Das muß ihm' hri^rgezahlt werden! Josiel soll noch heute an uns glauben!" Iossel wohnte nicht weit von dem Hanse, in welchem, der Schantmes die Schlvsstätte hatte und wir unseren. Seder hielten. Es wurde bald ausgekundschaftet, daß Josiel,.der mit seinem jüdischen Kutscher beim Sedertisch saß, schön zu viel getrunken-hatte und angeheitert das Nachtischgebet gröhlte. In wenigen Minuten wird die Tür geöffnet und der Prophet Mjahu.begrüßt werden. Al6 JosselS Kutscher di« Tür öffnete, stieß er einen MchevsMtternden Schrei aus. haL JoM jeM JJä&fiöI*- am