Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1861 (20.4.1924)
- Date
- 1924-04-20
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■V^qwwyiyti' -' i v-y. Wiener MoraenzeiLuns. 20. AM 1924 Nr. 1861 .Semriia'aes.. btt tzwlanisormor vhne Rskcktavrrikbluh. .D.oütz', trä:«iloser -^rnhalteti einer Fratt ist die Zeit, .da sie.noch, jung aUSsieht. Gliickliäierweise liegt eS in der Macht jeder Frau, diesen Zeitraum beliebig aüszudehnen. Die ersten Spuken des Alters bemerkt man an der Figur. Man altert, sobald die schlanke Linie sich zu runden beginnt. Dies kann man aber durch Tragen eines«G e nt m a"'- Schlankformers verhindern. Frauen, die jahrelang kein Mieder getragen haben und daher bereitdie schlanke Modelinie vermissen, tragen zum. Uebergang gern einen ^Ollh"- GiimmtschlÜpfer, der sehr angenehm ist und eine sofortige Verbesserung der Figur bewirkt. „® c m nt a" ohne Nückenschnüruiic; Ki 330.000,380.000,400.000' und 480.000;-„Ol lv" lSeidL)' K. 300.000, 350.000, 450.000 und' 600:000; '„Dolly" K.65.000; „Schlüpfer" K. 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Ter König begab sich in den Bezirk seines Freundes und leitete persönlich die Verhandlungen. : . Er vernahm die. Ankläger, die Zeugen, prüfte die angeboten'en Beweise, ließ.sich teilt«. Mühe verdrießen,, um' alles gründlich zu. erforschen — doch es kam nichts. heraus. Alltägliche Verdächtigungen, der Mißgunst und dem Neid entsprungen, klägliche Beschuldigungen, denen entstellte i Tatsachen zugrunde lage^ kurz, haltlose Dinge, wie sie in allen anderen Bezirken .vorkamen,K ohne daß sie so viel Staub aufgewirbelt hätten ivie im Bezirke seines Freundes. Schon wollte . der - König - freudigen Herzens' die-Untersuchung abschließen,: als sich: ein.Mann dringend bei ihm melden ließ'. '. ‘ 1 ,• . : . * i : : •/■;* Er trat vor den König. Md schiertsofort anders als seine Vorgänger. Er war einfurchtbarer Ankläger. Die von ihm angeführten Verbrechen des königlichen.Freundes, waren grauenerregend und doch unter'präzise Betveise gestellt. Die grausamen.Behauptungen waren Nur, die Beweisketten lückenlos und vernichtend. Die Worte des Mannes drangen wie Schwerterin das Herz; des Königs,.-denn-ihre Schärfe war rein, ihre Klarheft - überzeugen^ -ihr . Zweck heilig. .- , -: *• . •/ :; Der König wankte. Eine kleine. Schwäche Überkam ihn, doch er ermannte sich bald, denn ging ums- Mcht; er brachte alles zu Papier, alles, alles^ - - - Da, plötz-lich, als der König mit hem Protokolls das er mit eigenem Herzblut hätte schreiben , inögen» fertig war, trat der Fremde, hart an Kn heran. Der-Khuig blickt« auf und erschrack.. Der.' fremde - Mann . stand' bleich . und zitternd da, seine Lippen bebten, seine Augen rollten Üit* heimlich in den tiefen Höhlen. Er. beugte-sichzum König und sagte stammelnd: „Majestät, wenn Sie .den -Angeklagten Vernehmens . . . Ihren . Freund - . ..geben Sie acht, lassen Sie ihn nicht auf sich blicken, seine Augen, sind ans Glas ...» sie könnten springen . .. . dann 'sind Sie -tot .. . . mausen tpt'. . / . - -7. Der .König sprang auf. Kein Zweifel, der Mann war wahnsinnig, .der grenzenlose -Haß hatte, ihm. her; Beistand geraübt. Auf dein Wege, in seine Gemächer, lachte der König herzlich aus:, ded. Maim',. herihm den Freund verleumdete, war' verrückt; denn das wqr M) -sicher, -sein . Freund hatte keine gläsernen. Äugen. Der' Mann, befand,sich ' also in einem wahttsinnlgen. Jrrtuyt. .Ihm' kann sohin das' -Recht, Nicht ein'gerämn't werden, anzuklagen. - Denn, ist--einmal M Wahnsinn in einem' Punkte erwiesen, wird: er. auch, in den and.eren nicht.fehleni" Ter Rabbi hielt inne. Ter Graf nickte -ernst und z'ustimmend 'mit dem Kopfe. Minuten des. Schweigens vergingen, dann schloß der Zadik: ' - . * “ ' . .„Könnten nicht jüdische Männer an ihrem Volke irrd werden? Anklage aus Anklage, ällerzcit, allerorts..-Schwach« Seelen köuutei; w-aukel-nütig werden, aber.auch -die stärken..'. Ja, ja. Schließlich ist .ja. der .beste' Jude' .auch (nur eilt Mensch. Nun wird der Ankläger wahnsinnig, er' behauptet^ ' wir brauchen Blut', i Nun 'Wohl, da 'musseh wir schon, lachen , ... .denn das -ist. doch- -sicher .und .seststeheiid, wir brauchen 'kein. Christenhlnt .'. . Also, ist;n;ser'. Änklägev doch > verrückt-. . und er wird/e.s. nicht, nur in einem" Bdlänge sein '. . . dann sind'eben auch hie, änderen'Beschuldig ' gungen. ebenso mutwillig wie' hrnfällig .« . Ist .das nicht zum Lachen? . : Dem Himmel sei Daük Der Wahne sinn der .anderen gibt uns Verstand, Vertrauen mndGött^- furcht wieder . . . und die große, ewige, grenzenlose Liebe .zum Volke ..: Desivegei; habe ich gelacht." '"v mmäm mm 10 Wien, Sonntag Er beschloß, nach Belz zu fahren, um dem Grübeln eist Ende zu machen. Und so fuhr der Gras, unmittelbar nach dem Pessachjfeste, beim Belzer Zadik vor. Er kam in voller National-, tracht, auf einer vierspännigen Karosse, von galoNnserten Dienern geleitet. Der Rabbi, dem das Erscheinen des Grafen angekündigt war, empfing den. Gast mit herzlicher Freude. Er erinnerte ihn daran, daß' des großen Gutsherrn Vater bei ihm vor vielen Jahren vorgesprochen hatte, um sich' in einer schwierigen Sache Rat zu holen. Er hob bei. dieser Gelegenheit die guten Eigenschaften des alten Grafen hervor und lobte das Geschlecht der Vorfahren, in deren Geschichte er sich bewandert zeigte. Dann kam er auf das jüngste Ereignis zu sprechen, doch .der Gras wich - aus,' denn er mochte aus dem Munde des Belzer Rabbi kein Lob hören. . „Ich habe meine Pflicht getan und mache Nicht viel. Wesendaraus.' Uebrigens habe ich meinen schönsten Lohn im Segen, des Rabbi erhalten." - „Den Segen gab ich Euch ans. ganzem Herzen, Gras, »r wird bestimmt in Erfüllung gehen . :. ." „Ainep!" schloß. der Graf; dann ging er auf fein. Ziel los.' „Verzeihet, Rabbi, daß .ich Euch mit einer Frage, belästige. Ihr-ließet mir sagen, ihr hättet gelacht, als . Euch die Knud«, .vom Ueberfall würde . Haben Eure Boten. richtig gemeldet? Ihr habet wirklich, gelacht?" . ' ' „Es stimmt", sagte der Rabbi, herzlich lachend. Det Gras machte.ein ftagend-erst'aimtes Gesicht. Der Rabbi - dachte, einige' Augeriblicke nach und sagte. dann:'„'Ich habe gelacht.'Ich sehe es '. Euch an, Gras,i Ihr möchtet gar so gerne wissen/ wanttn.' Seid Ihr nicht etwa nur ans diesem Grunde zu mir gekommen?" Ter Gras konnte es nicht leugnen. Der Rabhi'setzte fort, indem er seinen langen Bart , gemächlich, glättete: ' ° ./,Wie fo!f ich es Euch nur am besten erklären? Ich will Euch ein Beispiel, eine Geschichte erzählen. . . „Ich hin. ganz Ohr, Rabbi", sagte der Gras geilpannt.' .' „Nun höret! -Es war einmal ein König. Ein "guter,, frommer, gerechter König/ Sein Grundsatz war: Recht, und 'Gersschtig- - keit für' allst. Untertanen. Da es aber nicht, möglich, war,, in dem stroHeü^Reiche/-äl1es 'alleiw zu." übersehen, alle Regie-' rungsgeschaste .persönlich zu leiten,' teilte er das. Reich in Bezirk-Undsetzte, ln. jeden , Bezirk , einen Stettstertoeter/ein.. Natürlich Maren es. ausgesuchte Männer, die das Vertranen. des Königsgenossen, darunter die eigenen Freunde, aus -die er sich verlassen konnte, Laß sie tüchtig und . vor allem unbestechlich /den Bezirk leiten und .sterivalten würden. An - der Spitze-eines solchen' Bezirkes stand' nun ein Mann, -dem der König besonders gewogen war. ‘ Ein guter, alte« Freund, ein gewesener: Spielkamerad, ein Weggenosse. Der König liebte ihn gar sehr und schätzte seine Eigenschaften hoch eiüs überdies war. der Mann seines Stammes. „Mütterchen wird uns Backwerk schicken," stimmte ich ihm ernst bei. Er betrachtete mich mitztranisch, schüttelte den Kopf und entfernte sich seufzend. Aber an; nächsten Tage erklärte er, grün wie ein Papagei vor Angst. „Meine lieben Freunde! Auch ich werde mit euch hungern." . Die einstimmige Antwort war: ^hungere allein." Und er hungerte! Wir glaubten es nicht, wir dachten, daß er insgeheim etwas zu sich nahen. Dasselbe dachten auch die Aufseher. Und als er gegen Ende des Hungerstreiks an Hungertyphus evkraickte, zuckten wir nur die Achseln: ,/Armes, kleines Schwein!" Und einer von uns — der niemals lachte — sagte finster: „Er ist unser Kamerad. Gchen wir zu ihm." Er phantasierte; und bedauernswert wie sein ganzes Leben, waren diese untzusammenhängenden irren Worte. Er sprach von seinen geliebten. Büchern, von seinem Mitterchen und seinem Brüderlein; er verlangte Backwerk, schwur, daß er unschuldig sei und bat um Verzechung. Und er rief das Vaterland, rief Frankreich an — o, verflucht, du schwaches menschliches Herz! Er zerriß einem die Seele mit dem Ruf: Siebes Frankreich!" Wir alle waren im Krankeirsaal, als er starb. Bor dem Tode erlangte er nochmals das Bewußtsein; füll lag er da, so klein, so schwach — und still umstanden wir ihn, seine Kameraden. Und wir alle, bis zum letzten, hörten, wie er sagte: „Wenn ich sterbe, singet mir die Marseillaise." „Was sagst du da?, riesen wir erbebend vor Frvirde und loderndem Zorn. Und zum ersten Male geschah es, daß seine Augen trocken waren und — wir weinten, weinten bis zum letzterst wie Feuer, vor welchem wilde Tiere fliehen, brannten unsere Tränen. Er ftatfc, und wir sangen die Marseillaise. Mit jungen und kräftigen Stimmen sangen wir das große Lied der Freiheit: schrecklich wiederholte es der Ozean, und er trug uns auf dem Rücken seiner Wellen ins geliebte Fra-rÄreich, zum blassen Schrecken und zur blutroten Hoffnung. Und er blieb uns für ewig zum Symbol — dieser niemand, mit dem Körper eines..Hasen und arbeitenden Viehes, aber mit einer großen menschlichen Seele. Aus die Knie, Freunde und Kameraden, vor diesem Helden! Wir sangen. Auf uns blickten Gewchre, Unglück verheißend rasselten'die Verschlüsse, und die scharfen Spitzen der Bajonette senkten sich drohend gegen unsere Brüste — und immer mächtiger, immer ftöhlicher erscholl ÄaS schwungvolle Lied; in den Händen der Totengräber wiegte sich sanft der schtvarze Savg. Wir sangen die Marseillaise! (Aus den; Russischen übertragen von M. M.) Zur Wiener Ausstellung seines Werkes. In einer Epoche' geistiger' Verflachung, kultttrellen- Niederganges, reaktionärer Volkstümelei hat Deutschland einerr Satiriker großen Stils bekommen, den „Zeichner" George Grosz. DaS heutige Deutschland, soweit es die unterirdische Machtrepräsentieick, wird ihn hassen/ so ww' er dieses Deutschland, diesen deutschen Philister haßt. Aber ans solchem Haß wird der Künstler George Grosz als unüberwindlicher Zeitgenosse hervorgehen. Grosz' Erkenntniswelt ist die gegenwärtige Wirklichkeit. Er trägt schwer an dem Gedanken, Zeitgenosse sein und daher allenthalben in der Umwelt die lläglichen Fratzen der Machchaber sehen zu müssen, die das deutsche Antlitz entstellen und schänden. Sein politischer Haß gilt keiner Partei; den Hakenkreuzler verachtet, er ebenso wie den großmäuligen Militaristen, den Träger der Dolchstoßlegende, den brutalen Philister, den ekelhaften Familimtyrannen. Und seine politische Liebe gilt keinem Schlagwort: aus seiner Verachtung, die vor dem brutalsten Ausdruck nicht zurückschreckt, quillt die süße Zukunftliebe für den komn;endvn Menschen, für eine neue, reinere, freiere Generation. Diese Empfindung muß revolutionären Charakter tragen; sie kann sich nicht bei der Kultivierung des Geschmacks aushalten, sie muß „die Wolkenwanderertendenzen der sogeirannten heiligen Krinst" über Bord werfen, sie muß zum Bewußtwerden der wirklichen alltäglichen Welt führen. Die Wirklichkeit also der Welt ist daS Schaffensgebiet des satirischen Zeichners George Grosz. George Grosz gesteht, daß er selbst eine Zeitlang von der Gaukelei der falschen Lebenstverte umfangen war, daß er selbst eine Zeitlang von einem Geist faselte, den der Haiuch des Marasmus infiziert hatte. Als er aber aus diesem Selbstbetrug erwachte und chm daS Problem vom kommenden Menschen aufgegangen, war, da gab es für ihn nur eine Möglichkeit, die Erfahrungen seines Lebens dokumentarisch niederzulegen: sie ins Groteske, bis auf den Gipfel der Lächerlichkeit zu steigern. George Grosz führt also, die banalen Institutionen dev deutschen bürgerlichen Klasse, ihre Lust und Wollust, chre perfiden Freuden, ihr Speichelleckertum, die Jnstintte ihrer hündischen Seelen, ad absurdum. Das ist feilte revolutionäre Tat im ethischen Sinne. In letzter Auswirkuizg mußte George Grosz sich für den Ausdruck feiner Erkenntnis seinen Stil schaffen. In der deutschen Zeichenkunst des beginnenden 20. Jahrhunderts fand er verstreut Keime einer saritischen DispositM;;. ,hr der ftemdländischen Sittengeschichte einer älteren Zeit entdeckte er seinem Bewußtsein ähnliche Groteske: Busch, Wilke, Th. Th. Heine-Goya, Hogarth, Daumier' sind Stilisten seiner Sphäre. „Ich begann mit Zeichnungen: sie waren dev Niederschlag meiner - damaligen H aßstimmung. Ich zeichnete zuin Beispiel einen Stammttsch bei Siechen, wo die Menschen tvie dicke, rote Fleischmassen, in graue, häßliche Säcke ge- Pteßt, saßen. Um zu einem Stil zu gelangen, der so. die. drastische und unverblümte Härte und Lieblosigkeit meiner Objekte wiedergab, studierte ich die drastischen Manifestationen deS Kunsttriebes." Er suchte die Linien, die den unmittelbarsten-Ausdruck und die kürzeste Uebersetznng starker. Gefühle gaben, er versenkte sich in die Eindeutigkeit ptV mitiver Kinderzeichnungen, er erlauschte bk. plötzlichen Züge der Häßlichkeit und Gemeinheit in Gesicht und Halttmg; des deutschen Spießers. So kam er'zum messerscharfen, eindeutigen Zeichenstil, der eigentlich auch im Grotesken nicht, übertreibt, weil er -die Wcchrheit unterdem Kleid herausreißt, weil er die geheimen .Gedanken unter der Giehimschale projiziert. Schablonenmäßig könnte man' den Zeichenstll George Grosz' primitiv nenne;;. Aber diese Primttivftät ist ausgebaut auf einer raffinierten Kenntnis von der Wirkung der Linie, .auf einer Durchbildung ür Farbe und Komposition, kurzum, auf einer geradezu „klassisch" amnutenden. Sicherheit des. Stiftes und der Feder, die durch intensives.'Studium der Natur erworberr wurde. Grosz ist als Zeichner auch dort, mächtig, wo er nicht als Satiriker ausgefaßt sein will. Das große sittengeschichtliche Dokument „Eece Homo", das den preußischen Staatsanwalt zur Anklage wider Grosz wegen Verletzung dev Sittlichkeit veranlaßt«, ist reich' cur rein künstlerisch wertvollen' Blättern, es bezeugt eine leben-, dige graphische Phantasie, und wenn auch die Welt seiner: Dbjette fremd anmuten sollte, so wird die Wucht seines Striches, der Reichtum seiner Ausdrucksmittel, die absolute Sicherheit seiner Lime, ihn als Stilisten hohen Ranges erkennen lassen. Jnnerh alb der zeitgenössischen Karikatur nimmt Georgs GroSz eine singuläre Stellung ein. Er hat nicht nur d«^ Seelen, sondern auch den Zeichenstil seiner Epoche revolu-' ftivniert. Die Tätsachenfeindlich^it.und Kampffremdheit der, reaktionären „Salonküustler" müssen vor seinem brutale;; Wirk!ichkeitssanatismus erblassen. Künstlertum und Führertum — diese seltene Vereinigung hat sich in dem 'verpönten George Moizz vollszogen. Oskar RoZenfel o.