Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1860 (19.4.1924)
- Date
- 1924-04-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wiener . "jgr' 19. April 1924 Seite 8 Es blieb noch die Frage der osfigi«Ilen Sprach« der Universität offen, die durch die Jniellekinellen-Kom. mMon nicht erledigt worden ist. Diese Frage wird durch Re Wische Universität in Samts. Wir wir bereits berichteten, hat die VWevb-uMommission für geistige Zusammenarbeitder Errichtung einer Mischen Universität in Europa ihre prinzipielle Zuftnnnmng gegeben; als Sitz dieser Universität wurde Danzig angenommen. Bei der Sitzung der Völkerbundkommffsion war auch auf Einladung des Völkerbundes der Initiator der Idee einer Mischen Universität in Europa, der bekannte Warschauer Frnanzmann Henrrich Doktorowicz, anwesend; er machte, wie I. T. A> berichtet, den Vertretern der Presse über die Vorgeschichte seines Planes folgende Mitteilungen: „Seit einigen Jahren trage ich mich mit der Idee der Schaffung einer jüdischen Universität in Europa. Ich befürchte aber, diese Propaganda könnte der Schaffung der Mischen Universität in Jerusalem hinderlich im Wege sichern Nachdem aber in dem polnischen Sejm der Numerus clausus-An trag eingebracht worden war, beschloß ick), mich mit allen Kräften für die jüdische Universität in Europa eingusetzen. Ich entsandte einige kompetente Personen nach Danzig, die dort einen Platz für die Universität wählen sollten. Sie entschieden sich für einen Platz, der aus dem Wege Zwischen dem Kurort Oliva und dem Seebad Glodt'au liegt. Das Areal umfaßt 250.000 Quadratmeter. Der SLadtrat von Oliva stellte als Bedingung der Uebevlassung des Platzes auf, daß innerhalb drei Jahren mit dem Bau begonnen rvevdeir soll und daß schon jetzt die Baumaterialien abgelagert werden müßten. Ich lvar bereit, dies aus eigene Kosten zu tun, wollte aber vor allem den Beschluß des Völkerbundes abwarten. Am 20. Dezember vorigen Jahres fartbte ich an den Präsidenten des Völkerbundes Salandra ein ausführliches Memorandum und erhielt am 8. Jänner von Salandra die Antwort, daß das Projekt der JutellektuellenuKommMon übersandt loorden war. Ich sandte hieraus ein Memorandum an die Jntellektuellen-lKommiffion. Inzwischen arbeitete der Warschauer Bauingenieur S t y s e l m a n auf meine Anregung hin einen Plan des zukünftigen Universitätsgebändes aus. Ich sandte den Plan an Völkerbund sowie an den Proseffor Einstein. Professor Einstein antwortete sofort, er interessiere sich schr für -das Projekt und habe sich schon längere Zeit mit der Frage einer Mischen Universität befaßt. Bald darauf erhielt ich auch vom Völkerbund die Einladung, am 2. April 1924 persönlich in ' Genf zu erscheinen. Ich wurde auch an diesem Tage zu der Sitzung zugezogen. In einem Zweistündigem Gespräch entwickelte ich vor der Jntellektuellen-Kvmmission meinen Wan. Es wurde an mich die Frage gestellt, ob ich im Namen einer Partei oder Gruppe spreche. Ich antwortete: Ich spreche im Namen der jüdischen akademischen Jugend, der in vielen Ländern der frei« Zutritt zur Zivilisation und Wissenschaft verschlossen ist. Man fragte mich weiter, ob Professor Einstein meirver Meinung sei, da dies schr ins Gewicht fallen würde. Ich konnte dies bejahen. Ans die dritte Frage, wie ich mir die Organisierung des Pvrfefforenkollegiums vorstelle, antwortete ich, die besten Vertreter des Judentums werden ihre Mtzvirkung nicht versagen, die Türen der Mischen Universität werden allen, die lernen wollen, offen stehen, auch wird jeder lehrende an dieser Universität offene Mren haben. eme besondere wissenschaftliche Kommission entschieden werden. Herr Doktorowioz beantragte beim Völkerbund -die Ein. setzung einer sieben gl iedrigen Kommission, \n der Amerika, England, Frankreich, Italien, Deutschland, Holland und Polen durch je ein Mitglied vertreten sein sollen. Den -Bor. sitz soll Proseffor Einstein haben; diese Kommission soll in allen Ländern durch SMommMonen. die Universitätsaktion durchführen lassen. Mendel Bellir gestorben? Nach Warschau und Lodz gelangte Nachrichten ded Russischen Telegvaphenagentur, die aus Palästina datiert sind, behaupten, daß vor kurzem in Jaffa Mendel Beilich dem im Jahre 1913 von der Zarenjustiz ein Ritualmordprozeß gemacht wurde, welcher großes Aufsehen erregte, vor kurzem gestorben sei. Diese Nachricht ist mit Vorsicht austzmrehmen, da eine Bestätigung uoch ausstcht. An schwer« KsenbahanngliiS in Frankreich. Der Expretzzug Paris—Bordeaux führ, -wie aus Paivis gemeldet wird, bei Nacht bei der Durchfahrt durch die Station Saint-Saviol mit voller 4e* schwiudigkvit in einen auf dem Geleise stehenden Lastzug hinein. Der Mechaniker des Schneltzugs wuvde getötet, vier Mann vom Zugpersonal und zwei Reisende wurden schwer ver-letzt. Der Sachschaden ist sehr groß. Selbstmord d« Prof. Momkglilmo. Dieser Tage schied, wie I. T. A. berichtet, in Rom dich Professor der Philosophie an der Universität Rom, Felke Momigliano, freiwillig aus dem Leben. Der Verstor-. bene gehörte zu den angesehensten italienischen Schriftstellern und Gelehrten. Jude nach Geburt und Erzichung, entfremdete er sich später dem traditionellen Judentum und widmete sich der Philosophie des Christentums^ In den letzten Jahren wurde er aber durch die zionistische Bewegung dem Jndentmn wieder nahe gebracht. In seinem Testament sprach er den Wunsch aus, nach jüdischem Ritus begraben zu werden. Er erklärt darin, das; feine Sympathien zum Christentum daher stammen, daß er in den Evangelien die Entwicklung der jüdischen Idee gesehen hat. Die italienische Oeffentlichkeit beklagt einmütig den tragischen Tod des Gelehrten. Meder zwei Amerikaner in Manien ermordet. London, '16. Aprrl. Das Reuters che Bureau mekdet airs'Athen: Wie verlautete, seien in Tirana zwei Matrosen von der Dacht des amerikanischM Bankiers Morgan ermordet worden. Lerschiebnng der Mount kvereft-krdedition. „Daily Mail" meldet aus Kalkutta, daß General Bruee, der sich anschickte, einen vierten Versuch zur Besteiguug des Mount Everest zu unternehmen, erkrankt ist UNinfolgedeffen seine Expedition verschieben mußte. > ~~ ....~ Mm, 'SMsW'd^.^.- . ZMnd. i Der Lraum der „Reichspoft". fr .D« Zionismus tot?" ' ' - i Wat gestiüige AbenWatt der „Roichspost" Kniet seiner 8«ne«lt>e.eine sveudige Qsterbotschast. Es belehnt sie mit Wfe ZangwillS, daß der politische Zionismus tot sei. Do» Artikel ZcmgwillS entnilmnt es dem ,^Tagebuch" Stephan Gnotzmanns uud fügt eine historische Remi'niszenz von Julian dem Apostaten hinzu, der ansonsten in diesen Kreisen nicht sehr beliebt ist. Wir möchten bemerken, daß die ganze Sache auf eine Euqpete zuvückzufnhren ist. die die Londoner „Nabion" vor «mm Monat unter dem nicht glücklichen Titel. „Ist der Zionismus tot?" veranstaltete. Es kamen zunächst zwei Persönlichkeiten zu Wort, und zwar Israel Zangwill, der die Frage bejahte, und Dr. Weizmann, der sie verneinte. Diese zweite, für jeden Mchtziomsten nicht unwichtige Aeußerung Weizmanus hat wohl nicht den Befall Groß- Manns gefunden, der sich lieber an Zangwill hält. Wir Wimen es uns ersparen, aus das Meritum emzugshen. Das jüdische Leben in Evez Israel spricht wohl stärker und bernchmkrcher als tausend Totmeldungen durch Israel Zangwill. Wenn man aber in den Kreisen, deren Sprachrohr die „Reichspost" und ihr Abendblatt ist. sich der süßen Hoffnung hingeben sollte, daß der politische Zionismus tot sei, so meinen wir, würde dieser Traum bald zu Rauch werden. _____ -le Aussperrung In der Steyrer Waffenfabrik. Der SchlKchtungsausschuß des Avbeitslosenamtes Steyr hat den Beschluß gefaßt, daß die Entlassung der Arbeiterschaft dar Steyrer Waffenfabvik eine normale Entlassung und keine Aussperrung sei und das; darum die Voraussetzung zur Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung an die Entlaffenen gegeben sei. Dieser Beschluß 'wurde mit den Stimmen der Unternehmer- Vertreter gefaßt. _ Ae Auslösung der dentschen Kulturbund« in Fugoslawien. Eine Represialie gegen Oesterreich. Belgrad 18. April. Am Dienstag sind der Generalchkvetär deS deutschen Kulturbundes Dr. K r a s f t sowie der Sekretär Dr. Pertz beim Unierrchtsurinister Svetozar Pr« Li er die erschienen, um in der Angelegenhrvt der Auflösung des schwäbisch-deutschen Kulturbundes zu mterbemeren. Der Unterrichtsmiürster erklärte, daß die Auf- Wsnng des Kulmvbmldes eine unabänderliche Tatsache fei. Er w'«'s darauf hin, daß weder :n Rumänien noch ln Oesterreich die Nationalitäten solche Institutionen besitzen. Weiters erwähnte der Minister, daß die Slowenen in Oesterreich keine solche Jnstitu- Kon zur Verfügung hcbben. Di« Auftösung deS deutschen Kulturbundes sei nur sine notwendige Repressalie. — Nach dieser Erklärung des Mmstors ist somit der eigentliche Anstoß zu der Maßregel in dem Verhalten der österreichischen Haken! re uzler zu suchen, deren ChanbSMSmus sine stets Gefahr für ihre eigenen Mn-onitäten f Vet Lichtung und Abenteuer. % Zm» hundertsten Todestage Byrons. 4 ' Von Armin T. Wegner. »Der große Zweck des Lebens ist Gesühlserveguntz." Selten hat ein Künstler Sinn und Eigenart seines Wesens treffender bezeichnet als Byron mit diesen Worten. Sie zeigen, daß er wie Verlaine, Rinrbaud, Peter Hille in die Reihe jener Dichter gehört, die den Typus des Abenteurers in der Literatur verkörpern. Künstler und Abenteurer, beide sind einander verwandt. Beide sind in der Regel lebensgierig, egozentrisch, amoralisch. Beide suchen, von inneren Explosionen bedrängt, schicksalhaft, dämonisch der Welt ihre Seele aufzuprägen. Der Dichter durch das Werk seiner Kunst, der Abenteurer durch die Gestaltung des De'bens selbst. Beider Formen gehen oft inÄmaudsr über. So wird der Abenteurer, dem das Leben die eigentliche Dichtung ist, in der Aufteichnung seiner Memoiren zuweilen zum Dichter: Casanova. Der Dichter verläßt zuweilen die Arbeit seiner Kunst, um das Werk ganz dem Abenteuer zu opfern: Byron. Nicht in der Art und Bedeutung seines Schaffens, wohl aber in seiner psychologischen Einstellung zum Erlebnis ist Byron darin dem Franzosen Rimbaud ähnlich, und tragisch ist das Ende beider. Die Größe und Bedeutung Byrons ist deshalb untrennbar mit der Kenntnis seines reichen, phantastischen Lehens verbunden. Goethe hat seine besten Gedichte Gelegenheitsgedichte genannt. Byron sagt von sich: „Alle Zuckungen enden bei mir in Versen." Und in der Tat, die Eruptionen, aus denen diese Verse hervorgchen, sind so gewaltig, daß selbst das Leben Goeches, dessen zeitweise gleichfalls zum Abenteuer neigende Natur durch die Arbeit seines großen schöpferischen Genius zu ewiger Klarheit geläutert wurde, uns gegenüber dem mwergleichlich wilden Schicksal Byrons als fast bürgerlich seßhaft und kleinstädtisch beschaulich erscheinen muß. Schon die Herkunft Byrons/aus einer Familie eigenwilliger, zügelloser Naturen mußte ihn für ein ungewöhnliches Schicksal bestimmen. Sein Großvater, ein englischer Admiral, war wegen der zahlreichen Schiffbvüche auf »seinen Reisen berühmt. Das Gewissen eines Onkels war mit einem syovdHnliKen ME behaftet. Sein Vater, ein dreifacher Frauenentfühver, endete durch Selbstmord, Geboren l wurde George Gordon Byron am 22. Jänner 1788 zu London. Sein Auswachsen als Knabe in Aberdeen und später auf der Universität in Cambridge gleicht zunächst dem regelrechten Weg einer guten englischen Erziehung. Die Natur hatte ihm alle Gaben des Glückes verliehen. Reichtum, Klugheit, Schönheit, Talent, vornehme Herkunft, die bis zum Königshaus der Stuarts hinausreichte. Mt ^hn Jahren war er Peer von England, mit zwanzig saß er im Obechaust als Inhaber einer Macht, die der eines deutschen Kleinfürsten nahezu gleichkam. Aber die Natur hatte ihrn zu diesen herrlichen Gaben auch eine bittere Mitgift gegeben. Einen körperlichen Fehler und seelische Schtvevmut. Byron war auf dem einen Fuße lahnr, und man kann sich denken, wie das ungewöhnliche Selbstgefühl des Dichters sich dadurch verletzt fühlen mußte. Das erste Werk des Neunzehnjährigeu „Stunden des Müßigganges" ist dichterisch unbedeutend und stcht noch etwas unter dorn Durchschnitt der damaligen englischen Lyrik. Aber als die in jener Zeit in poetischen Dingen :naßgebende „Edinbouvgh Revue" das Werk des Anfängers in überaus harter Weise herabsetzt, geschieht ettvaS Merkwürdiges: der scheinbar niedergeschmetterte junge Autor setzt sich hin, mn nach dem Genuß von „drei Flaschen Claret" eine zornige Satire in Knüttelreimen auf die Kritik zu schreiben. „Die englischen Dichter und schottischen Rezensenten" erregten beispielloses Aussehen, weniger durch ihren literarischen Wert als durch die schrankenlose Rücksichtslosigkeit und die oft sehr ungerechten Angriffe, mit denen sich die Satire selbst gegen die ersten Großen der Zeit, wie Walter Scott und Thomas Moore, wandte. Gleichzeitig hatte Lord Byron seinen Sitz im Oberhause eingenmmneu. In einer Rede zugirnsten der wegen Aufruhrs verfolgten armen Weber voü Nottingham 'hatte er mit großem Evfolg das Wort ergriffen. Auch hierin offenbarte sich der gleiche Zug seines Wesens:!das revolutionäre Temperament. Bald - darauf trat Byron feine erste Reffe «ach Spanien. Malta und Griechenland an. Trotz des lahmen Fußes hatte er sich zu großer sportlicher Tüchtigkeit erzogen. Als er air die Dardanellen kommt, durchichwimmt er wie eüfft Leander von Sestos nach Abhdos den Hellespsnt. Darin ist er durchaus Engländer: in Sport, in der politffchen Kultur, in der großzügigen Art seines Reifens, sowie in feinem weltmännischen Auftreten. Lordschaft und Dichterschäft wußte er durchaus zu einem Stil zu vereinen. Der Ertrag seiner ersten Reffe ist sein erstes lvahrhast dichterffchrs Werk: „Junker Harolds Pilgerfahrt". Zum ersten Male zeigt sich darin seine besondere Begabung: die hohe Kunst der Naturbeseelung sowie der ' hinreißende Schmelz der Sprache. Das Erscheinen dieses Buches brachte ihm mit einem Schlage einen großen Cr-.' folg. Byron selbst sagt davon: ^Fch erwachte eines Morgens uttd fand mich berühmt." Drei Jahre später trat jenes ungNckliche Ereignis ein, das einen so grundlegenden Einfluß auf die tragische Gestaltung seines weiteren Lebens haben sollte. Am- 9. Jänner 1815 feierte Byron seine Hochzeit mit A n n a-: bella Milbanke, der einzigen Tochter eines reiche»': Landedelmannes, eine Heirat, die trotz einer ersten Liebesaufwallung im ganzen Wohl doch mehr aus Unbesriedigtheit und Geldmangel geschah. Ein Jahr daraiff, kurz nach der Geburt seiner Tochter Ada, verließ Annabella zum Bestich ihrer Eltern Byron, um nie nwhr zu ihm zurückzutehren. Neber die Gründe dieser Trennung ist viel erzählt worden. Lady Byron selbst bchauptete, daß die Anzeichen: einer geistigen Erkrankung ihres Mannes sie dazu bewogen hätten. Eine andere, ebenso hartnäckig vertreteuL: wie bekämpfte Msicht sucht den Grund in einem Liebes-: Verhältnis Byrons zu seiner Halbschwcher Auguste Leigh. Durch die bekannten, aber viel angefochtenen: Enchüllurrgen der Amerikanerin Beecher Stowe hat' der Vorwurf eines solchen „unnatürlichen" Verhältnisses ■ noch nach dem Tode Byrons in England viel Staub aufgewirbelt. Aber die wahre Ursache dieser Trennung wird Wohl immer im Dunkeln bleiben, da Thomas Moore gerade die Papiere aus den Denkwürdigkeiten Byrons derbrannte, die sich darauf bezogen. Nur über eins besteht kein Zweifel, daß die Zerwürfniffe in der Che Byrons der > Grund waren, daß Byron aus dem vielbewunderten und umschwärmten Löwen der Londoner Gesellschaft mit' L eiv?m„ SMass »«d aesmUkeiM