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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-16 · Heft 1857 (16.4.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1857 (16.4.1924)
Date
1924-04-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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vmr*» WW, MMv oH Wiener MorsenzeitunA. Nr. 1867 18. April 1924 Bombenwerser «nd gollschwindler. Budapest 16. April. (Tel. «der „Wiener Morgen- -ettrwg".) In der Angelegenheit des großen Zoll- Panamas, m dessen Verlauf der Spediteur Pallas nntz der ZollamtsPassi-er D u p o n a vor einiger Zeit verhaftet wurden, ist ein« sensationelle Wendung eingetreien. Wf Grund der Aussage des gleichfalls in di« Zolls,chwinde* il^en verwickelten Zollolbermagazineurs Neuhauser wurde nämlich wegen der Bestechung von Amtsorganen der bekannte Erwachende Ungar" Ladislaus Jllp, der Bombenattentäter aus dem Klud- «aG«hauÄ, fostgenommen. Jllh hat mit den Zollbea-ntten Warenschi ed ungen in größtem Um fange durchgeführt und das Aerar um Hunderte Milkivve« von Kronen geschädigt. Me MIjssdischen Exzesse in Luttotom. Mn Monsterprozeß. Aus Warschau >berichtet I. T. A.: Am 8. d. fand dar dem Bezirksgericht in Ka li s ch die Verhandlung gegen 4L Bauern statt, die der Teilnahme an dem am 17. Juli 1988 während des Jahrmarktes in der Stadt Luttet-ow (Distrikt Weilun) stattgefuudeuen Pogrom beschuldigt waren, bei dem 20 Juden schwer verletzt wurden. Es waren Über 100 Zeugen geladen. Das Gericht verurteilte d« Angeklagten zu sechs bis zwei Monaten Gefängnis. Die polnische Notenbank. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 16. April. Bei der heutigen konstituierenden Generailiveosamndlung der polnischen Notenbank siegten die Anhänger des Zentrallveobandes der Industriellen gegen die vom Finanzminister ausgestellte KandidatenMste. Der Kandidat des Finaing/ministers und Repräsentant der Kooperation Mielezarsli fiel durch. Es bleibt abzuwarten, ob der FinanKminister die Wahl bestätigen wird. Nahe au der russisch-rnmönische» Grenze. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Bukarest, 15. April. Amtlich wird festgestellt, ^daß die Gerüchte über russisch-rumänische Zusammenstöße an der beßarabifchen Grenze gänzlich unbegründet sind. An der ganzen russisch-rumänischen Grenze herrscht vollkommene Ruhe und aus ukrainischem Boden ist keinerlei Truppenbewegung zu beobachten. Ungarische Spionage in Siebenbürgen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeimna".) Bukarest, 16. April. Gelstern wurden, dem „Unicherful" zufolge, acht siebenbürgische Ungarn wegen Spionagevevdachtes in das .Staatsgefängnis von I l l a v a cingeliefert. Untier den Verhafteten befinden sich zwei Offiziere und eine Frau. Fnland. Ae Verhandlungen mit Rumänien. Die finanzielle und die Verkshrskommission der österreichisch-rumänischen D e le ga t i o n haben während der letzten Wochen täglich Sitzungen abgehalten, m denen nahezu alle Programmpunkte der Konferenz durchberaten wurden. In der gestrigen Plenarsitzung der Konferenz, der 'die Ergebnisse dieser Verhandlungen vorgelegt worden sind, ist in beit bestehenden Differenz- Punkten teils eine Einigung, teils eine Annäherung erzielt worden. Insbesondere liegen gegenwärtig schon vor: 1. Der Entwurf für die gegenseitige Regelung der Forderungen und Schulden gegenüber Nen-Rumänien. 2. Ern Protokoll über die Freigabe der privaten und öffentlichen Depots. 3. Eine Vereinbarung über die Rückstellung der Bergeguter. 4. ' Eine Erklärung betreffend die von Rumänien durchgeführte Abstempelung rumänischer Wertpapiere. 6. Ein Fovfeit-Ueberein kommen über die Restitutionen. Die Verhandlungen über die Durchführung des- Artikels 196 des Staatsvertrages von Saint-Germain haben ebenfalls gestern begonnen. Ein österreichischer Sachverständiger wird sich demnächst nach Bukarest begeben, um den Wert der rumänischerseits auf Grund der Reziprozität zum Austausch vorgeschlagenen Kunstgegenstände abzuschätzen. Die Verhandlungen über die Fragen, über die bisher «och kein Ergebnis erzielt worden ist, werden fort-geführt. Halbtüglger Drmrmstrationrßnü der akadrml- " schen Beamten. Di« Bundesbeamten mit Hochschulbildung -beabsichtigett, -heute vormittags demonstrativ die Arbeit niederzulegen. Während dieses Bormittagsstveiks wollen sie eine Versammlung abhalten -und Beschlüsse fassen, die der Negierung nachmittags unterbreitet werden. Es sind Bemü- Erstklassige Wiener sowie die bestbekannte erste original orientalische KÜCHE nco Ttopy^iiS 0ddn Jn1? während der PESSACH-FEIERTAGE Sederabende unter dem Vorsitz des Oberkantors Herrn - Jß«COS WAHRMANN (ny^WD) * Anmeldungen täglich von 12 bis 3 Uhr im Restaurant „NATIONAL“ iü Wien, II. Taborstr. 18 «'»"WAL?" Feinste inu. ausländ. Qualitäts- Weine, Sliwowitz und Meth ■Bflr n d d n 3 n bw Hungen im Gange, um die Beamten von der Stvsikcvbsicht abZubvingen. Für morgen ist eine Versammlung der Telegraphen- und Telephonbediensteten und der Arbeiter der Bundesbetriebe in die Volkshalle des Rathauses einberufen, es werden dort die Forderungen nach Gleichstellung der Bundesbediensteten mit jenen der Gemeinde Wien erhoben werden. Gestern hat der 26er-Ausfchuß der Bnndesangestellten über die Vorschläge der Regierung-verhandelt. Heute findet die gemeinsame Beratung mit den Bundesangestelltenvertretern und den Vertretern der Regierung statt. Tagesbericht. Anatole France — 89 Fahre alt. Der Sohn, welcher dem jüdffchen Antiquar T h i b a u l t in Paris am 16. April 1844 geboren wurde, lenkte bereits als Nsunzchnfähriger die Aufmerksamkeit der literarischen Kreise der Seinestadt auf sich. Im Jahre 1873 erschienen seine ersten Gedichte und machten ihn durch die sprachliche Meisterschaft, die sich darin bekundete, berühmt. Der Junge ,Homme des lettres", welcher den vom Vater bereits angenommenen Zunamen France weiterführte, erlangte bald eine Bibliothekaranstellung im Senat und hatte nun die Möglichkeit, die Weisheit des Buches, die ihm schon in früher Jugend der Laden seines Vaters vermittelt hatte, in Ruhe in sich reisen zu lassen. Er hat die Bücherwelt seiner Jugend in seinem im Jahre 1880 erschienenen Roman „Le Crime de Shlvestre Bonard" in prachtvoller Weise geschildert, und gleichzeitig die Gestalt des bei seinen Büchern verhafteten Gelehrten mit so viel fein ironischen und wohlwollend skeptischen Lichtern umstellt, daß das Buch bis heute eines der am meisten gelesenen aus. der französischen Literatur ist. Die weise, weltbejahende Ironie des Skeptizismus, welche die Werke Anatole Frances atmen, führt in gerader Linie zu Voltaire zurück und von ihm, durch die strenge Form Flauberts geläutert, zu jenem Positivlsmus, der als philosophischer Ausdruck vielleicht zu äußerlich, als Ausdruck des Lebens aber immer da's beste geistig» Gut Frankreichs geblieben ist. Und Jacques Anatole France repräsentiert bis heute, bis zu dem Tage, da er, achtzigjährig, Krankheit und Alter zum Trotz, mit unermüdlichem Geiste weiter schafft, bestes geistiges Wesen Frankreichs. Seine Spötterei über Formen und Formeln der Religion, wie sie in der „Heiligengeschichte", die den Titel „Thals" führt, durchklingt, feine Ironie gegen die Geschichte (in dem Skizzenband „Clio" am deutlichsten sichtbar) und seine in das Tiershmbol gekleideten Sticheleien gegen die Gesellschaft und ihre Politik, welche der herrliche phantastische Roman „Die Insel der Pinguine" bringt, sie sind bei Anatole France -die Widerklänge eines großen Empfindens: Ewige Erneuerung der Menschheit, ewige Erneuerung im Sinne der Natur und des Alls, sozusagen dem Programm des Kosmos eittsprechend. Das ist der Sinn von Anatole Franoes wundervollem Altersvoman „Die Götter dürsten", das auch der Sinn -des Sozialismus, wie ihn France empfindet. Er dient heute p-oktisch der Idee des Sozialismus, die ihm ein Ausdruck der ewigen Erneuerung der Menschheit ist, dient der Menschheit, deren bescheidenste, unbeachtetste Individuen ihm, wie jener von ihm mit so viel Güte geschilderte klo'vne Karrenschieber Crainquebille, ebenso Ausdruck vollen Menschentums sind wie die Genießer im Garten des Epikur. Das volle künstlerische und menschliche Empfinden der ewigen Erneuerung der Menschheit ist Anatole France nicht mrr zmn Impuls seines Schaffens geworden, sondern ist gleichsam in ihm inkarniert, in der Lebenskraft und Vitalität, die er als Erbe, seines Stammes und seines Frankreich hat, das geistig gang zu durchmessen und zu erfassen ihm wie selten einem anderen gegeben war. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag, von Ehren umranscht (Franse ist seit 1896 Mitglied der Academie Francaffe); das Frankreich, das ihn ehrt, ist ein ganz andres als das Frankreich, das er empfindet. Er tragt es mit der göttlichen Heiterkeit deS Manschen, -er um die ewige Erneuerung -der Menschheit weiß und um ihre Größe. _ S. S. ssarventier kommt! Der Kreis schließt sich. Die dekadente Vorkriegszeit ist endgütig abgetan. Da- Zeitalter der Heroen ist da. Von Schützengraben, Handgranate und Gummiknüttel führt der Weg. über Uridil und Breitbavt bis zum Riesen Carpentier. ES istTriumph, Zeitgenosse zu sein. Er ist Franzose, aber er gehört der ganzen Welt. Er ist dar Stolz -der großen Nation, aber er ist unser aller. Er kommt! Nnr noch einige Stunden, und er fft da. Mitbürger, seiid würdig des großen Momentes . . . Wir sind in der Lage, das vollständige Bogrüßungsprogramm für Carpentier bekcmntzugeben: Vom Westlbcchuhof bis zum Hotel, in dem Carpentter absteigt, -werden aus sämtlichen Wiener Häusern die Vertrauensmänner das Spalier bilden. Die Ankunft wird durch 26 Schüsie von der Urania 'bekanntgegeben, worauf in den Restaurants alle Wiener die Zahnstocher, mit denen sie sich die Ohren reinigen, zu Ehren des berühmten ' Gastes weglegen. Eine Minute lang darf nicht gqgessen werden. Auch die Worte ,Börse" und „französicher Franken" dürfen während dieser Zeit nicht in den Mund genommen werden. Die Ordnung im Bahnhofe werdm in Vertretung der ertüchtigten Jugend, Lehrbulben, jeder mit einem Hammer in der Hand, aufrecht erhalten. Wenn der Zug einfahvt, taucht Plötzlich eine Abordnung der verschwundenen Mädchen auf, um den Champion mit den sinnigen Versen zu begrüßen: „Rosen, Veilchen, Nellen, alle drei verwelken, aber unsere Liebe nicht!", worauf im Namen der Wiener Jungfrauen die Jeritza im Kostüm der Vindobona Carpentier den Ehrenkuß übermittelt, indessen ein holder Damenkranz in den anmutigen Toiletten der neuesten Revue den großen Seelenauffchwungtanz verführt. Ter große Meister wird sodann >in den Hofwartesaal geleitet, in dessen Mitte der. Watschenmann dom Prater aufgestellt ist. Im Beisein sämtlicher auswärtigen Diplomaten hält der Vizekanzler seine Festrede mtt dem Thema: „An diesem Wesen wird die Welt genesen!" Darpentier dankt durch einige Hebungen an dem Watschenmann. Alles bewundert seine hohe Form. Es sprechen dann verschiedene RapräseManten Oesterreichs: Hofrat Ramsauer über die Befruchtung dar Justtz durch das Boxen. Die Rektoren übergeben dem Weltmeister das Doktordiplom der Wiener Hochschulen und heften ihm das Ehrenhakenkreuz an die Brust. Der Bürgermeister begrüßt den illuftren Gast im Namen der Stadt Wien und bittet ihn, das Ehrenprowktorat der Carpentier-Rletttmgswoche für die trauernden Hinterbliebenen der gefallenen Börse zu übernehmen. Dann stürzt Breitner vor und hält dem Meister die Hand hin. Carpentier ist erstaunt. Sein Manager zuckt zusammen und verweist auf den Termin des großen Boxkampfes auf der Hohen Warte. Die Fahrt durch die Straßen Wiens ist ein Drrmnphzug. Vor Bewunderung lassen die Stubenmädeln an den Fenstern die Staubtücher herunterfallen. Alle Glocken läuten, Carpentier streut numerierte GratiSstchPlätze auf den Bäumen des Kahlenbevges unter das Volk. Bis zur Ankunst im Hotel ertönt per Radio die Weise: „Wien, Wien, nur du allein..." Das Dorotheum gibt bekannt, daß die Verpfändung von Wohnungseinrichtungen zum Zwecke der 'Beschaffung von Eintrittskarten für den großen Boxkampf zu ermäßigten Zinsen durchgesührt wird. Auf zahlreiche Anfragen unserer Leser, was denn geschehen werde, falls es an dem Tage des Wettkampfes regnen sollte, und ob dann das Geld stir gelöste Karten rückerstattet werde, können wir die beruhigende Antwort geben: (£? wird nicht regnen. a. s. MNchrr Wssmz von einem LuMiff. Aus Rom lvird-telegraphiert: Als heute vormittags daS italienische Luftschiff „N 1" aufsteigen wollte, wurde es vom Schirokko erfaßt und eniporgerissen. Von den zwölf.Personen, die an den Seilen hingen, hielten sich drei daran fest, und -erst als das Luftschiff schon in 70 Meter Höhe toar, wurden sie von ihren Kräften verlassen und stürzten ab. Sie blieben soforttot. Es-sind dies zwei Soldaten und ein Arbeiter. Are englische Radiogesetzgebung. London, 16. April. Die staatliche und private Verwes t u n g der drahtlosen Telegraphie in Großbritannien wurde, wie „Sta-nd-art" meldet, in der heutigen Kabinettssitzung endgültig entschieden. Snowden wird bei der Einbringnng des Budgets über diese Angelegenheit im Unterhause Erklärungen abgetben. Die Negierung wird alle Stationen Großbritanniens für die Verbindung mit den Dominions und Kolonien verwalten und direkt alle Nsichssiationen für sich in Anspruch nehmen. Sie wird sich daneben das Recht Vorbehalten, privilegierte Privatgesellschaften zu kontrollieren oder zu übernehmen. Diese Gesellschaften dürfen drahtlose Verbindungen mit -dem A u s l a n d e aufrechterhalten. Die Regiemngsstattonen für die Verbindung mit Kanada nrüssen bis Ende des Jahres fertiggestellt sein. Die drahtlosen Tarife zwischen England, Australien und Südafrika betragen zwei Drittel der Kabeltarise. Seilen '.irW mll breit vytSN.I* ADLE R6 ASSE. ft «tfcfontfc^GZS*»

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