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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-16 · Heft 1857 (16.4.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1857 (16.4.1924)
Date
1924-04-16
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Das der Zeit LTTERATURBEILAGE DER ."WIENER MORGENZEITUNG* I ■ ■ ' ERSCHeSot jSSSTmSwOCH 16. April 1924 N ummer 5 ADMINISTRATION: „"WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II.. TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER "WOCHE I Der Geist des Pilgers „Mit den Worten ist es überhaupt schwer. Du drehst sie nach der einen Seite und sie sind so; du drehst sie nach der anderen Seite und sie sind anders.“ Dieses Bekenntnis, welches Jakob Wassermann ausführlich in seinem Essay „Der Literat“ abgelegt hat, formt er in der mittleren der drei Erzählungen, die den Titel „Der Geist des Pilgers“ tragen und jetzt im R i k o 1 a-V erlag ersddtnen sind, zu einer Geis-talt, Le Zar Alexander I. war und nicht mehr ist, da et seine Macht von sich geworfen und „seinen Zinn" seine Einheit mit sich selbst gefunden hat. Die andere Ausstrahlung dieser Gestalt aber ist Witberg (nach dem die Erzählung benannt ist), der eine Kathedrale auf dem SperlingsbeTg bei Moskau bauen ,wüßte und — „er schöpfte sein ganzes Herz aus, als er schuf. Es blieb ihm keine Kraft mehr und die Weltfeute konnten ihn umblasen, so schwächlich war er geworden.“ Er wollte dem Stein seinen lebendigen Odem einhauchen; „da sah er, daß er verraten und verkauft war. Verraten und verkauft an Holz und Stein und Eisen; an Gedrucktes und Geschriebenes; an die Läufer und an die Aufpasser und an die Geschäftemacher und die Nutznießer.“ Diese Formeln sind das Wertvollste an Wassermanns neuem Werk, wie denn das Fesselnde an allen seinen Werken die Formulierungen sind, auf welche et Ereignisse, Menschen, Schicksale zurückzuführen .versucht. Mit einer manchmal nahezu unheimlichen, an Artistenkunststücke gemahnenden Gewandtheit schaltet Wassermann mit diesen Formeln, In der ersten Novelle des neuen Buches „Das Gold von Caxamalca“, die sich um die Hauptmanns Montezuma ähnliche Figur des peruanischen Inka Atahuallpa rankt, ist diese Formel wieder einmal in eine glas^tarre Prägung gebracht: der Inka Ataliuallpa, der ergründen möchte, welcher Art die Macht des von ihm und seinen Untertanen stets unbeachteten, als Gebrauchsgegenstand dienenden Goldes sei. da es imstande war, in den spanischen Eindringlingen unter Pizarro einen Aufruhr der Seelen zu entfachen, muß den Trieb, fremde Seelen zu ergründen, der ihn bis zur Wehrlosigkeit lähmt, mit dem Tode büßen. Vor seinem Ende wünscht er eine Probe der „wunderbaren Kunst des Schreibens“ zu sehen, von der er gehört hat, daß die Spanier sie verstünden. Da gestaltet Wassermann eine merkwürdige Szene: Afalnmllpa verlangt, es solle ihm jemand ein bestimmtes Wort auf den Nagel seines Daumens schreiben und dann sollten alle anderen Spanier es lesen und ihtn so leise Mitteilen, daß nur er allein es hören könne. Wenn alle dasselbe Wort aussprächen, wolle er nicht länger zweifeln, daß die Spanier mit der Schreibkunst wirklich begabt seien. Damit Ist — wenn auch die historischen Tatsachen ein wenig verrenkt werden — in tiefes Geheimnis der menschlichen Seele hineingeleuchtet; ob' die Hand, die dies tat, die nötige Heiligkeit dabei empfindet, ist eine Frage, die im „Fall Wassermann“ schwer zu entscheiden ist, da sich Scheu und Dreistheit hinter der sprachlichen Formel, die oft meisterhaft .ist, schwer auseinanderhalten lassen. Der Ausklang der Erzählung „Das Gold von Caxamalca“, die einem der Eroberer Perus in den Mund gelegt wird, welcher ebenso wie Zar Alexander I. seine „innere Gestalt“ angenommen hat - und sich dem leiblichen Auge der Menschheit entzogen hat, ist im Gegensatz zu den bisherigen Erzählungen Wassermanns merkwürdig pessimistisch, weit pessimistischer als es die darin herrschende Formel zuläßt, pessimistischer als es überhaupt Wassermanns reflexionsbeschwerter Skeptizismus der Formel erträgt. Die Schlußworte des Kitters und nachmaligen Mönches Domingo des Soria Luce: ..Mich erfüllte das Verlangen nach dem besseren Stern, den die herrliche Sonne reiner durchglüht und beseelt hat. Dieser, auf dem ich lebe, ist vielleicht von Gott verstoßen", atmen eine Stellungnahme, die über das Wort, die Formel mit ihren Unzulänglichkeiten endlich einmal•hinausgeht. Sie läßt vielleicht künstlerisch Neues, vielleicht jetzt noch Endgültiges erhoffen. Die dritte Erzählung des Bandes dehnt die Formel vom Geist des Pilgers, des Wandernden und des „Trugmenschen" zum Tiersymbol hin und verknüpft mit formbeherrschender Geschicklichkeit in kurzen sechs Seiten das Wesen des Tieres mit dem Tierwesen des Menschen. Sie ist eines jener Kabinettstücke Wassermannseher Wortgewalt, die bisher das Bleibende seines Werkes sind. E. G. Fried. DAS MODEBÜCH Heine-Rummel im Deutschen Verlag Nachdem im vorigen Jahr Holderen und Büchner von den deutschen Verlegern plötzlich neu entdeckt worden und etwa zehn verschiedene Ausgaben dieser „neuen" Dichter auf den Markt gekommen waren, hat sich der unbemehimmgsl'U'Stiige deutsche Verlag in diesem Jahre ganz besonders der Neubelebung Meines zugewendet: Der Insel-Verlag bringt im Kähmen seiner geschmackvollen und sehr handlichen Diiundrudekbssiher, von Oskar Wal z e 1 besorgt, eine neue fünibändige Heine-Ausgabe: Georg Müller läßt sich von Elster, eine auf 10 Bände angelegte Heine-Ausgabe zusanimenstelien; der Kösel-Verlag in München hat vor kurzem einen gleichfalls zelmbändigen Heine herausgebracht, für den Frank verantwort lieh zeichnet; in aller Eile ließ der TM 1 gne r-Verla g einen Heine in 4 Bänden zusammenhauen, den ich mir nicht gerne in meine Bibliothek stellen möchte; und der Verlag Hoff mann & C.ampe benützt seine alte Verbindung mit der Familie Heine, um Einzelausgaben von Heines Werken herauszubringen, zu denen er wenigstens aus seinem reichen Archiv wirklich schönes Bildmaterial beisteuert. Allen diesen Versuchen zum Trotz fehlt aber noch immer die wirklich klassische, historisch-kritische Heine-Ausgabe, die man — weiß Gott — keinem Literarhistoriker anvertrauen darf, sondern die ein moderner Mensch und Denker schaffen müßte. Die vierbändige Ausgabe der „Briefe" im P r o p y 1 ä e n - V e r 1 a g scheint mir ein guter Anlauf hierzu. Pr- LEBEN IM BUCH. Ricarda Huch: Bakunin und die Anarchie Dieses wunderbare Buch besitzt vor allem, was Biographien und Abhandlungen so selten ist: Leben. Nirgends erstarrt oder verdorrt es. ein edles Feuer erwärmt jedes Wort und trägt in die entferntesten Winkel des Geschehens das höchste Gut des Geistes: Klarheit. Bakunin, schon fast zur Mythe geworden, steht wieder auf, durchlebt sein fatcnreiches, licbcreiches, leidenerfülltes Leben noch einmal, stirbt noch einmal seinen einsamen, bitteren Tod. Wir sehen den Knaben im Elternhause, an dem er bis zu seinem Tode mit fanatischer Zärtlichkeit hing, finden ihn in .Petersburg wieder schwärmend, philosophierend, begeistert, die Visitenkarte mit „Michael Bakunin, Matheniati'klehrer" in der Tasche, ein Fonds von Realität', der ih-y zu ernsthafter Arbeit zwingen soll. Deutschland, die Schweiz, Paris, die ersehnte, erbetete Revolution und nach erstürmten Barrikaden, gehißten Fahnen und unter das Volk, geschleuderten Flammenworten mit einem Male der Verrat, Kerker, Todesurteil, Deportation. Der sagenhafte, löwcnmähnige Revolutionär, dem keiner begegnen konnte, ohne ihn m lieben, kauerte wochen- und monatelang an die kalte, feuchte Wand angeschmiedet. Hunger, Demütigung, Krankheit zermürbten ihn, aber sic konnten ihn nicht zerbrechen. Seine unverwüstliche Kindlichkeit Meß ihn an alle Menschen glauben, sein Schicksal überwinden. Wunderbare kleine Episoden beleuchten dieses Leben, das oft durch Finsternis, durch schauerliche Einsamkeit lief. Bakunin, der an Gewalt und an die Notwendigkeit der Waffe glaubt, sieht in den Tagen der Revolution aufständische Bauern ein Schloß in Brand stecken. Er läßt seinen Wagen halten, steigt aus und zeigt den Aufstän- Inscl-Vcrlag, Leipzig 1923. DAS BÜCH DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüller8t Sohn Wien, I. Graben 21 «{Jedes $abFC Heim bat Ril<c1a»j8öcbeF dischen, wie man Feuer legt. Und derselbe Bakunin macht allen Ernstes den Vorschlag, man möge auf der Mauer des belagerten Prager Rathauses das Bild, der Sixtinischen Madonna aufs teilen, denn die preußischen TrupipCn hätten Lu viel Kultur, um auf Raffael zu schießen. Der. Zauber, der den „Löwenhäuptigen" umgab und selbst seine Feinde, seine Kerkermeister unterjochte, hier ist er aufgelöst in hundert reizvolle, liebenswerte, aarte, gütige Züge seines Wesens. ‘ Ricarda Huch sagt von dem mythischen Kämpfer, den uns die Geschichte als finsteren Gewaltmenschen überliefern wollte: „Ein kindliches Hingegebensein an die lebendige Erscheinung und zugleich ein Fernsein von der Wirklichkeit, das man Blindheit nennen könnte. Er geht, in eine WoJIke eingehüllt, mit seinem Traum; aber er bleibt nicht a-Mn, sondern greift mit Leidenschaft nach diesem und jenem, was ihn umgibt, und erkennt es überraschend klar und genau, aber im Zauber licht seines Traumes.“ J. N. In der Bücherschwemme Im Herrenhof Modernes Antiquariat (Bukum A.-G., Hugo Heller) I. Herrengasse Nr. 10, Eingang Fahnengasse finden Sie20.000 ernste Bücher zu lachhaften Preisen VON BÜCHERN DICHTERN u. VERLEGERN George Grosz George Grosz gibt selbst kund, daß es ihm nicht um die I< im s t gehe, sondern um die Zukunft des M e n-, sehe n. Um dies zu begründen, mußte er den Idealismus’ und die Romantik seiner Jugend ablegen und die Welt bewußt erleben. Und um zu seinem Stil, zum George Grosz- Stil zu gelangen, mußte >:r jie schäbige und häßliche Drastik seiner Objekte als etwas Gegebenes betrachten und sie ehrlich und tief hassen — zunächst als individualistischer Skeptiker, in weiterer „Abwicklung“ als sozialistischer Moralist. Diesen Weg ist George Grosz auch gegangen. Darum ist sein Werk auch in künstlerischem Sinne revolutionär. Seinen Haß spritzt er gegen die Gesellschaftsordnung und gegen deren Machthaber. Die Vampire der Menschheit sehen ihr Spiegelbild in den Zeichnungen „Das Gesicht der herrschenden Klasse“ (Der1 Malik-Vcrlag. Berlin 1021). Diese Zeichnungen sind mit blutigstem Haß geschrieben: eine menschlich-unmenschlichpolitische Satire, die das Objekt desto krasser charakterisiert, je mehr sie am Objekt klebt und das Zeichnerisch- Stilistische außer acht läßt. Wer Gbarakter hat, der hat auch Stil — George Grosz beweist dieses Dogma auf jeder seiner 57 „Schöpfungen“. Indem er sich vom Banauseiietlios emanzipiert, wird er Zyniker. So wird er zum _ Verächter des bürgerlichen Pathos, des leeren, schwindsüchtigen Persönlichkeitskults des aufgeblasenen Scheinkünstlertums und der pöbelhaften Einfalt, die den' verfaulten, privilegierten Traditionen als Maske dient. Sein Pinsel und seine Feder sind spitze Waffen, keine leeren Strohhalme. In „E et e Horn o“ (Der Malik- Vc-rlag, Berlin 1923) kämpfen sie ihren bewußtesten und zeichnerisch wertvollsten Kampf; keine Analyse empfangener Eindrücke mehr, keine Impressionen aus Widerspruch' und Einsamkeitsgefühl; die Welt des Spießers in seinen gemeinsten Lastern und Häßlichkeiten wird offenbar; kein Abscheu vor dem Leben, vielmehr seine nüchternste, abschreckendste Gemeinheit. Die Kunsthandlung Würth- 1 e (Weihburggagse 9) legt gegenwärtig einen großen Abschnitt des Grosz-Werkes in Aquarellen, Theaterdekorationen Zeichnungen, Konstruktionen und Lithographien auf. 137 Blätter führen durch des Künstlers revolutionäre Gesichte. Der Spießer wird erschrecken. Der Freiheitsmensch von der Wahrheit und „Menschenliebe“ erschüttert sein. Oskar Rosenfeld. Billige Bücher Die 2-Mark-Ser!e des Georg Müller Verlages Mit einem wirklich verdienstvollen Unternehmet überraschte der Münchener Verlag Georg Müller auf der Leipziger Messe. Dieser Verlag hat das Unmögliche möglich gemacht: er bringt Bücher auf den Markt für <ten phantastischen Preis von 2 Mark in wirklich vollendeter Ausstattung und auf wirklich holzfreiem Papier. Das Erfreuliche bei dieser Sammlung ist, daß der Bücherkäufer nicht eine Attrappe kauft, sondern wirklich gute Literatur; vor allem aber werden breiteren Kreisen des Publikums Autoren zugänglich gemacht, die bisher nur ih doch Immerhin recht teueren Gesamtausgaben zu haben waren. BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN. 1. RQTENTURMSTRAS3E 22

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