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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-15 · Heft 1856 (15.4.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1856 (15.4.1924)
Date
1924-04-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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m. iM MM, DiEMg Wiener MisraemeUrrttg. i8. AM im Seite S ModM-nc Badeanlagen Waschtische u. Klosette GEBRÜDER MEDEK III« Ungargasse 47 •IdpHone SSSH, 1040, 70197 «Oll Tagesbericht. Das Schachturnier in Rew-Mrk. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") New«Dork, 14. ApM. Me 19. und 20. Runde brachten bt, Emvnuel Laster einen Gewinn von zwei Zählern, -wahrend CapMcmva nur 1,8 Zähler aus den beiden Rnniden herausholte; daher hat sich der Vorsprung Doktor LaÄkers vor seinem nächsten Konkurrenten Gapablanca auf 1,5 Zahler vergrößert. Es sind nur noch zwei Runden zu erledigen, und Dr. Laster ist heute schon als Sieger im Turnier zu >betrachten, e'S sei denn, daß er zwei Partien verlieren und Capablanca beide Partien gewinnen würde. Als Dritter dürfte sich AiHechin umso sicherer placieren, als Ret-r in den beiden letzten Runden unglücklich kämpfte. >Ftt der 19. Runde gewann Dr. Emanuel Laster gegen Eduard Laster in 51 Zügen, Capablanca gegen Tartakowcr und Wjechin gegen IanMvski (50 Züge). Zur allgemeinen Usberraschung wurde Reti von Dates geschlagen. Die Partie Mavsihall—Maroczh wurde remis. Bogoljuibow war frei. Die 20. Runde brachte einen hart erkämpften Sieg Doktor Eimanuel Laskers gegen Maroczh (60 Züge), tvahrend Capablanea sich gegen Dates mit remis begnügen mußte. (28 Züge.) Ebenso rsmilsierte Mjcchin mit Marshall (31 Züge). Reti verlor gegen Eduard La'sker (36 Züge). Die Partie Janowski—Bogolsubow wurde nach 75 Zügen unterbrochen. Tartalower war frei. Stand nach der 20. Runde: Dr. Einanusl Laster 14, Capablanca 12,6, Aljechm llsi, Marshall 10, Reti 9,5, Bogoljnbow 8F (1 Hängepartie), Maroczy 8, Dr. Tartakower 7$, Dates 7, Eduard Lasker 6, Janowski 4,5, (1 Hängepartle).. Der Blldajiester zeftungrstreft teMet. (Eigendienst der „Wiener. Morgenzeitung".) Budapest, 14. ApM. Zwischen dcmr Verband der ZeitnngshevailÄgeber und der FachgswevKfchast der Zeitungädrucksr fanden heute nachmittags Beratungen statt, die zu dem Ergebnis führten, daß das Druckerpersonal morgen früh die Arbeit wieder aufnimmt. Die Verhandlungen betreffend die Regelung der Lrchnverhältnisse toevdsn nach Wiederaufnahme der Arbeit beginnen. Der Mord wegen der Fahrrades. Zwei Buben, die Sehnsucht nach einem Fahrrad hatten, überfielen einen Mechaniker. Der eine schlug ihm mit einem Hammer den Schädel ein, der andere war inzwischen Aufpasser. Die Polizei hält einen in Gewahrsam. Ob er der Mörder oder der Wachposten war, läßt sich einstweilen nicht feststellen. Man wird über dieses Detail, das sicherlich nicht entscheidend ist, erst später Klarheit erhalten. Vorläufig ist nur die sozusagen intellektuelle Ursache bekannt. Beide Buben hatten im Kino vor irgend einem Film den Mordgedanken gefaßt. Aber auch das ist zur Beurteilung der Sache letzten Endes irrelevant. Man erfährt aber, daß der verhaftete Junge im Krieg seinen Vater verloren hat. Er zählt heute 16 Jahre. Als der Krieg ausbrach, war der Bub sechs Jahre alt. Zwischen diesen sechs Jahren und den sechzehn Jahren von heute liegt also der große Seelenausschwung, dem nunmehr die Seelensaniernng gefolgt ist. Der Bub hat in der Schule vieles über das Heldentum hören müssen, zu dem sein Vater verurteilt worden war und das ihm das Leben, dem Kind aber den Erzieher genommen hat. Er hat den Mord in dem hellen Schern einer schönen, nützlichen, sogar int Befehl des Vaterlandes zu vollziehenden Tat gesehen und hat sich sicherlich an dem Gedanken erwärmt, daß sein Vater so und so viele ruchlose Feinde weggeräumt hat, die die teure Heimat bedrohten. Dann kam das Kriegsende, die Not, die Sorge, der Verfall des Heimes. Der Bub und sein Freund hatten diese Entwicklung mit den grausam klaren Augen der frühen Reise mitangesehen. Die Mutter zieht mit irgend einem zusammen, der Knabe kriegt Geld, damit er nicht immer zu Hause ist. Er trägt es ins Kino. Und dort fällt ihm ein Film auf, der die Beraubung eines Juweliers schildert. Sicherlich haben dieser Bub und sein bisher noch unbekannter Freund in der Schule außer dem Heldentinn auch noch die Lchre empfangen, daß man nicht morden dürfe. Aber wie können Kinder die beiden Dinge auscinanderhalten? Ist die Gewaltanwendung gestattet und sogar des Preises wert, wenn sie im Namen des Kaisers geschieht, und ist sie dann anders beschaffen, als wenn sie zum Zwecke der Erfüllung eines persönlichen Wunsches erfolgt? Was wollte das Vaterland und wozu zwang es deut Vater den Schießprügel in die Hand? Doch nur, um größer zu werden und sich zu bereichern. Weshalb soll dann der Hansl Brzobohaty nicht das Fahrrad, das der Traum seiner 16 Jahre ist, aus dieselbe Weise erwerben dürfen? In dem jungen Gehirn kreisen die Gedanken. Er findet einen Freund und sie schlagen den Schlosser nieder. Dar Schicksal einer Baal öchem-Briesrr. Von den: Begründer der chassidischen Bewegung, Rabbi Israel Baal Schemtow, gibt es, ebenso wie die historische!» Daten seines Lebens, durch die Legende stark verdunkelst, nur spärlich fließen, wenige Dokumente von seiner eigenen Hand. Es ist ja auch bekannt, daß er keine Schriften über seine Lehre hinterlasstn hat und daß das, was unter seinem Namen au Lehrsätzen und Aussprüchen kursiert, höchstens auf Aufßeichrrungen seiner Schüler zurückgcht, wenn es -nicht späteren Generationen der chassidischen Rabbinen ange hört. Ein paar Briefe sind von der Hand des Baal Schem erhalten geblieben; einer der wertvollsten darüber kam vor kur zem in den Besitz des Rabbiners Chaim Liebermann in Safed. Es ist der Brief, den der Baal Schem im Jahre 1741 an seinen Schüler Rabbi Jaakob Josef (Toldoth) schrieb, eines der interessantesten historischen Dokumente, zumal darin einiges über die Lehvanschauiungen des Baal Schem enthalten ist. Wie dieser Brief rn die Hände seines heutigen Besitzers ge langte, verdient wiedevgegoben zu werden. Rabbiner Lie-beirmann flüchtete, als die Türkei in dm Krieg eintrat und die Kämpfe auch in Palästina entbrannten, nach Rußland, wo seine Angehörigen «wohnten. Dann brachen die Kriegspogrome in Güdrußland aus, denen die für die Juden ebenso unheilvolle bobschswikische Mvolntion folgte, in der jüdisches Hab und Gut dem Raub und der Plünderung anheim fiel. Damals Wurde in Kiew die dort befiMiche BrlbliochcL des berühmten Zaddck von Rhschrn von den Bolschewiken beschlag nahmt. Wn Teil dieses kostbaren Schatzes an Büchern. Hand schriften und anderen bibliophilen Kostbarkeiten verschwand natürlich, ein anderer Teil wurde nach Masikau ycMrt, wo sich Rabbiner Liebermarm gerade aushielt. Um das noch übrig gebliebene wertvolle Gut vor der gänzlichen Vernichtung zu bewahren, erwarb er um hohen Preis in Goldrubeln eine große Zahl von Handschriften, darunter auch den erwähnten Brief des Baal Schem. In sein Eigentum ging bei diesem Kauf -auch eine Dhorarolle aus Gold und Silber, die mit Brillanten bescht war, Über. Lietbevmann wollte diese wertvollen Bücher- und Handschristensätze nach Palästina bringen,- um sie dort einem Museum oder einer Bibliothelk einzuverleibsn. Ms er jedoch aus der Flucht aus Rußland 'den Dnjcstr übersetzte, um nach Rumänien zu gelangen, kippte das Boot, auf dem Ratz Inner Liebevmaim heimlich das rumänische User gewinnen wollte, um und die Kiste mit -der Bibliothek des Zaddik von Rhschin versank am Gvunide des Flusses. Mit Mähe rettete Rabbiner Liebermann sein Leben. Der Brief des Baal Schem, den er in der Busentasche -seines Rockes trug, ist das Ueberbleibfel dieser wertvollen Bibliothek und Web nun im Besitze Liebermanns, der seine Abstammung vom Baal Schem herleitet.' ACHTUNG! beritt« KARMEL-WEINE MW NE" nvv bv ~WT sowie sämtliche Qualitätsweine in fabriksneuen Flaschen sind zu haben im RESTAURANT MAYERSOHN, WIEN, II. TABORSTRASSE 24a Telephon 44-1-51 Jedes Quantum wird zugestellt Im Laufe des gestrigen Tages hat die Polizei den Buben, den sein Ziehvater als einen wichtigen Zeugen dem Kommis saviat vorführtc, wiederholt verhört und auch seine Person einer kritischen Untersuchung unterzogen. Hierbei ergaben sich manche Einzelheiten, die nicht zu seinen Gunsten sprachen. Er heißt Hans Brzobohaty, ist 16 Jahre alt und der Sohn eines Kutschers namens Jakob Brzobohaty aus Bukowan bei Znaim und hat in Neudorf bei G r a tz? n (Doutschböhmen) vier Klassen Volksschule besucht. Im Kriege ist sein Vater ge fallen. Seine Mutter zag vor vier Jahren nach Wien und lebt mit dem Hilfsarbeiter Ziegenbem. In Wien ist der Junge vor vier Jahren in die Schule eingetreten und will seither immer im „Sitten" 1 bekommen haben. Seit drei Vierteljahren ist er bei dem Meister Lösch in der Lchre. Er war zeitweilig im -Besitze eines Rades, mit dem er hie und da in die Lchre zu fahren pflegte. Diesen Umstand hat er verschwiegen. Ferner wurde festgestellt, daß er ein Rad mit rotem Rahmen einem Mechaniker in Ottakring in Reparatur gegeben hatte. Auffallend war ferner, daß er einen: Burschen ein Fahrrad veruntreut hat. Während der letzten Zeit sind dem Lchrherrn einige 100.000 K. abhanden gekommen, und der Verdacht hatte sich gegen den Jungen gelenkt. Auffallend war es auch, daß gerade am Freitag, am Abend der Tat, Brzobohaty es abgelchnt hatte, bei fernem Meister abends zu essen und es sehr eilig hatte, aus dem Geschäfte zu kommen. Im Verhör verwickelte er sich in Widersprüche und gchand zuerst die wiederholten Diebstähle bei seinem Meister, die insgesamt eine halbe Million ausmachen. Als man seine Kleidung genauer untersuchte, fand man auf seinem grauen Arbeitsrock, den er am Freitag ge tragen hat, mehrere kleine Blutspritzsr auf dem rechten Aermel Der Kinofilm als Anstifter. und einen blassen Blutstreifen oben an der Innenseite dÄ Rockkragens. Nach dieser Feststellung stand die Sache für ih> sehr ernst und, eingehenden abermaligen Verhören unterzogen entschloß sich der Junge, in die Enge getrieben, zu einem Geständnisse, das wohl kartm als rückhaltlos bezeichnet werden kann. Danack hat er mit einem zweiten Burschen, den er im 16. B» Me kennen gelernt hatte, vor ungefähr vier Wochen ein Kini besucht. Es wurde damals ein Film gegeben, dessenJnhalr ein an einem Juwelier begangener Raubmord bildete. Dieses Kinostück, so bchauptete der Junge, hat be> ihnen den Gedanken reifen lassen, einen Mord zu begehen, aw sich in den Besitz eines Rades zu setzen. Sein Bekannter hatte schon lange den Wunsch, ein Fahr» rad zu besitzen. Erst soll er versucht haben, Bvzolbohath zur Vernntrcnnng eines FahrrradeS zn überreden. Ms sie aber de» Film gesehen hatten, soll der Bursche beziehungsvoll gemeint haben, daß sie sich auf solche Weise in den Besitz eines Fahrrades setzen könnten.- Der Gedanke an das Fahrrad hat den Bekannten des Brzobohaty nicht verlassen. Aber immer wieder stand dem im Wege, das; sie kein Geld hatten. Endlich will sich Brzobohaty bereit erklärt haben, „sich umzuschanen". wo ein Rad zu bekommen sei. Er dachte gleich an den Schlosser Pacholik, bei dem er sich schon einmal eine Batterie gekauft hatte. Er und der Bursche, erzählt Brzobohaty weiter, ließet, sich einige alte Räder und auch das neue „Ko8mos"-Rad zeigen. Aber entschließen konnten sie sich noch nicht; sie sagten, si« würden gerne ein Rad kaufen und in einiger Zeit wiederkommen. Durch den Besuch hatten sie gewissermaßen vorgebaut, so daß sie dann später nicht mehr als Fremde kamen. Und als sie draußen waren, soll ihm der Bursche gesagt haben: Jessatz, da wäre der Alte intmer allein; da wäre die Gelegenheit da, wenn man ihn eventuell ohnmäch» tig nrachen könnte. Dann könnte man gleich ein Rad haben. Gegenüber diesen: Plan will Brzobohaty Bedenken geäußert und bemerkt haben, wenn man das tue, riskiere man ein paar Jahre Kerker. Und da soll der Bursche geäußert haben, daß man ja einen Hammer nehme« und de» Pacholik mnbringen könnte. Dann wäre der Mann tot und niemand wüßte, wer der -Täter ist. Schließlich traf sich Brzobohaty mit dem Burschen am 10. d. und bei dem Stelldichein wurde die Ausführung für den 11. d. bestimmt. Brzobohaty beeilte sich, an dem Abend, der den Gußregen mit Schnee brachte, aus der 'Lehre zu kommen und verzehrte nicht einmal sein Nachtmahl. Um 8 Uhr abends haben sich die Burschen in der Florianigafse getroffen. Wieder hatte Brzobohaty seinen Meister bestohlen. Er nahm für alle Fälle eine Note zu 100.000 K. mit Im strömenden Regen gingen sie durch die menschenleere Gasse. Im Laden war noch Licht. Sie stiegen die paar Stufen hinab und trafen Pacholik bei der Arbeit. Pacholik nahm ein „Kosmo s" - Rad van der Decke herab. Nach fachmÜMischer Ueberprüsnng erklärten sie sich mit dem Rad einverstanden. Um Zeit und Gelegenheit zn gewnrnen, bestellten sie noch eine Reihe von Behelfen. Unermüdlich ging Pacholik dahin und dorthin, um alles zu holen. Das Rad lehnte indessen an der Türe, die in den als Comptoir verwerteten Verschlag fuhrt. Als alles vorbereitet war "und in einem Paket, das man auch nach entdeckter Bluttat fand, verwahrt war, kam Pacholik aus die Bezahlung zu sprechen. Da erwiderten die Burschen, sie hätten nicht genügend Geld da, wollten aber IM.000 K. erlegen und C M .Pi ** . T * Y Pi r . VL f . ^.. lu —f.«1 fl a C Ol aiV ^1« Ai»*-«-«?***« tiunvuuMa I Werbet Abormeuteufürdie I ' Wiener Morgenzeitung" } ♦ fr« den Rest möglichst "bald bringen, wobei sie das Rad und die Utensilien abholen wollten. Da gab Brzobohaty die seinem Meister für alle Fälle gestohlene 100.000-Kronen- Note her, die nämliche Note, die dann bei Entdeckung der Bluttat im Laden gefunden wurde. Zufrieden damit, ging Pacholik zum Tische, um die Rechnung zu schreibe und da geschah das Verbrechen, das Brzobohaty folgendermaßen beschreibt: Er stand etwas abseits und sah plötzlich, wie sein Be» gleiter den Hammer über Pacholik schwang, wie er i h m d e n Hieb auf den Kopf versetzte. Von wo er den Hammer genommen hatte, weiß der Junge nicht; er sah den Schlosser zusammensinken. Dabei ist ihm Blut ins Gesicht gespritzt. Angsterfüllt will Brzobohaty zur Tür gegangen sein, um zn scheu, ob nicht jemand käme.- Und von dem Beobacht-ungsposten ans will er gesehen haben, wie der Bursche dem Mann, der aus dem Boden lag, eilten zweiten Hieb über den Kopf versetzt hat. Gleich danach brachte ihm der Bursche über die paar Stufen das Rad hinauf. Auch der Mörder hat sich die Hand und damit auch den Rockkragen Brzobohatys blutig gemacht. Dmu sagte <nrhnm, er solle das Rad nach -Hanse nehmon, er werde es iV schon holen und dem Brzobohaty für seine Mitwirkung 300.000 K. geben, und Brzobohaty will dann das Rad henngebracht, den Burschen aber seither nicht gesehen haben. So weit läuten die Angaben des verlogenen und grundverderbten Burschen, deren Stichhältigkeit sich erst ergeben muß. Niadergebrochen ist der redegewandte und um Antwort ni e verlegene Junge, der mit seinem frischen Gesicht und d«n aufgeweckten Wesen einen guten Eindruck machte,-nicht.

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