Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1855 (14.4.1924)
- Date
- 1924-04-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14. AM 1954 EMt 1 Mm, Monkcks ' _. Wiener MorgenzettuM. i AustämnrmgSarbeiten fertig war, sich gegen dreiviertel 8 Uhr auf den Heimweg begeben halbe. Etwa 5 Mimten vor 8 Uhr war er bis zum Hotel Hämmerand an der Ecke der Florlanigaffe und Schloffelgaffe gekommen, als im strömenden Regen ihm ein Radfahrer aus der Richtung vom Gürtel her entgegenkam. Zu seinem Erstaunen sprang der Radfahrer knapp vor ihm mtf das Trottoir und fragte ihn ganz unvermittelt, oib er das Rad kaufen wolle. Der Lehrjunge sah, daß er ein ganz neues Rad sei und ftagte, über das Angebot ganz verdutzt, woher er denn das Geld nehmen solle. Darauf «Märte der Radler, daß er dringend Geld brauche, und deshalb das Rad für nur eine Million hergeben wolle. Brzobohath meinte nun, daß er eine so große Summe nicht 8ei sich habe und überdies erst seinen Vater fragen müßte, ob er das Rad kaufen dürfte. Der Radler ließ jedoch von ihm nicht ab und sagte, er lasse ihm das Rad auch für eine halbe Million. Während die beiden miteinander sprachen, kam vom Gürtel her ein zweiter Radler auf einem nicht mehr neuen Rade und fuhr, ohne zu halten, an ihnen vorbei, rief aber dem ersten Radfahrer zu: „Servus, morgen sehen wir uns wieder." Darauf antwortete der erste Radler: ,^Ja, ich weiß schon wo, zwischen 6 und halb 7 Uhr, wo wir uns immer treffen." Der zweite Radler fuhr weiter, stieg aber an der Ecke gleichfalls oft. Der erste Radfahrer unterhandelte nun weiter mit dem Lchrjmrgen und die beiden gingen durch die Landesgerichtsstraße dem Rathause ru. Brzobohctth schob das Rad am Gouvernal. Wahrensie sprachen, sah der Lehrling einen Wachmann des Weges kommen. Kaum hatte der Radler ihn gleichfalls erblickt, so erschrak er und sagte zu dem Lehrling, er solle ein wenig mit dem Rade warten, er wohne in der Nahe und werde gleich wieder zurückkommen. Er verschwand und ließ Brzobohath mitten auf der Straße im Regen stehen. Auch der zweite Radler, der an der Ecke gewartet hatte, war verschwunden. Nahezu eine volle Stunde wartete nun Brzobohath auf bk Rückkehr des Radlers und ging endlich heim. Eine Strecke fuhr er auf dem Rade, dann schob er es bis nach Ottakring, wo er um 10 Uhr abends ganz durchnäßt ankam. Er wird zu Hanse sehr streng gehalten und bekam deshalb sowohl von seinem Vater wie von seiner Mutter ein Paar Ohrfeigen wegen seines verspäteten Heirmkommens. Nun erzählte er sein Abenteuer mit dem Fahrrad und zeigte es setinsm Vater. Dichem kam die Geschichte nicht geheuer vor. Der Hilfsarbeiter schöpfte Argwohn und begab sich mit dem Lehrling und dem Rade zum PÄizeikommisiariat Ottakring. Das Rad war wirklich ein neues ,,Kosmos"-Rad mit zwei Rcserveschläuchen, und der Lehrling des ermordeten Schlossevmeisters Pachol-ik, Fleischmann, erkannte das Rad sofort als das seinem Lchrhr-rrn geraubte. So ist es außer Zweifel, daß das Rad von dem Raubmörder stammt. Me Forderungen der Bundesangestellten. Heute nehmen die Verhandlungen des Fünfundckwanzigerausschusses der Bundesangestellten mit -er Regierung ihre« Anfang. Unter den Staatsbeamte« herrscht wegen der Verschlechterung ihrer materiellen Lage eine v e r zw eise lt e S t i m mün g, so daß die Beratungen vielleicht einen erregten Verlauf nehmen werden,. Me wir erfahren, haben die Beamtenvertreter von ihren Organisationen die Weisung erhalten, die Regio» rung auf den außerordentlichen Ernst der Situation aufmerksam, zu machen und dem Finanz mini st er zu erklären, daß es mit der Geduld der Staatsbeamten zu Ende sei. Die Autornserei. Gestern abends gegen 9 Uhr wurde der 43jährige Rechtsanwalt Dr. Leo' Faust, 1. Bez., Schwertgasse 4 wohnhaft, in der Augustinerstraße von einem Auto überfahren und erlitt hiebei sehr schwere Verletzungen. Das Unglück ereignete sich dadurch, daß das vom Mozartplatz heransausende Automobil an der Ecke der Dorotheergafse über das Trottoir fuhr und hiebei Dr. Faust niederstieß. Ohne sich um den Verunglückten zu kümmern, blendete der Chauffeur die Lichter ab und fuhr in rasendem Tempo davo n. Der Arzt der Rettungsgesellschaft fand Dr. Faust bewustlos und mit einer großen B l u t b e u l« an der rechten Stirnseite vor. Der Schwerverletzte wurde auf die 1. Unfallstation gebracht. * Wiener Komödienhans. Im Komödienhaus entfällt infolge Vorbereitung zur Premrere die h e u t i g e V o r st e ll u n g. Morgen Dienstag findet die Erstanfführnng des Wiener Volksstückes „Das Madel vom Mergrund" von Bleh-er-Grohmann mit Mizzi Zwerenz in der Titelrolle statt. Jer Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Der schlechte Schuh. Krankheitszustände, die Fuß und Bein betreffen, sind jetzt viel häufiger anzntresfen, als vor zwei Jahrzehnten. Auch damals litten. die Menschen an den Beschwerden infolge Knick-, Platt- oder Hohlfuß. Der Arzt sah oft genug die Folgen schlechten Schuhwerkes in Form von verschiedenartig verkrümmten Zehen. An Kranipfadern, an rheumatischen und gichtffchen Schmerzen Leidende gab es immer in großer Zahl. Und doch fällt, wie der Minchner Orthopäde Hohmann richtig bemerkt, jetzt eine gesteigerte Häufigkeit der Bein- und Fußkranken ans. Den Grund hiesür glaubt er in der mangelnden Ernährung breitester Volksschichten während der langen Kriegs- und Nachkriegszeit zu finden. Bei Kindern und Erwachsenen hat sich eine Schwächung der Gewebe, insbesondere des Stützgewebes eingestellt. Außerdem ist zweifellos eine allgemeine stärkere Ueberlastung der unteren Extremitäten (Berne und Füße) der Menschen zu beobachten. Die Menschen müsse:: infolge der Teuerung der Verkehrsmittel taffächlich ihre Beine viel mehr in Anspruch nehmen, so sind häufigere Krankheilszustände an Fuß und Bein zu erklären. Diese Beobachtung Weitz-Gabardin für Wfferöüe Konzerte. Das letzte philharmonische Konzert war erfreulicherweise nicht Weingartners Schwanengesang, mit dem er für immer von Wien Abschied nahm. Wir wollen es im Gegenteil als frohen Auftakt zu neuen Taten begrüßen, daß er noch in dieser Spielzeit die „Schöpfung" dirigiert und auch in der nächsten Saison anscheinend den Philharmonikern die Treue zu halten gewillt ist. Bei dieser Gelegenheit erneuern wir unseren oft gehegten Wunsch, bei den Philharmonikern nicht nur Klassiker und Romantiker vorgefttzt zu bekommen, sondern auch ab und zu eine Keine Kostprobe von dem, was die lebendige musikalische Gegenwart bewegt. Weingartner hat ja bekanntlich zur Moderne so gut wie gar kein Verhältnis, er hat übrigens auch lange gemrg zu Bruckner keine näheren Beziehungen unterhalten, und trotzdem gelang ihm letzthin dessen monumentale „Achte" bis auf das Finale überraschend gut. Namentlich das Scherzo vom Deutschen Michel kämpfte sich mit großer Bravour durch alle Widerstände durch und in dem ekstasisch hymnischen Adagio, welches in seiner Annäherung an Gott noch über das Adagio der „Siebenten" hinauswächst, konnte man des Zusammenwirkens von Weingartner und den Philharmonikern restlos froh werden. Der große Endkampf im Finale wurde freilich beinahe zu eimr philharmonischen Niederlage, der Satz krachte in allen Fugen und konnte nur durch Weingartners Geistesgegenwart zusommengehalten werden. Kapellmeister Ignaz Neu ma rk kommt aus Scheveningen, also wohl der Dirigent des Kurorchesters, wofür seine Fähigkeiten vollkommen ausreichen. Mit angenehmen Manieren und deutlicher Zeichengebung dirigierte er ohne sonderliche Eigenart Webers „Euryanthe- Ouvertüre", in Cesar Franks „Orchestervariationen" trat er bescheiden hinter der australischen Pianistin Madalah M a s s o n zurück, diewie im Vorjochre durch chr besonders kultiviertes klanglich durchgearbeitetes Klavierspiel den Hörer fesselte. Im Grunde sind es immer wieder die gleichen Künstler und die gleichen Werke, die im Konzertsaal einer strengeren Prüfung standhalten, das Gute ist meist alt und das Neue ist selten gut. Auch die Kompositionskonzerte des fruchtbaren Tondichters Franz Moser, verraten mehr musikalische Bildung, als starken prägnanten Einsall; ein seriöser Musiker, der im philharmonischen Orchester sitzt, dort allerlei Musik in sich ausnimmt, und halb unbewußt in seiner Eigenproduktion verarbeitet. Saubere Satztechnik, entwickelter Klangsinn und das reine Empfinden einer Anima oandida empfehlen seine phantastischen Violinstücke, in denen Debussysche Klänge mit Straußscher Melodik eine nicht durchaus klare, aber auch keineswegs phantastische Verbindung eingehen. Achnlich treiben in seiner F-dur- Symphonie für neun Soloinstrumente Innigkeit und Humor unter Richard Straußscher Patronanz ihr wechselvolles Spiel, das dank der Mitwirkung ausgezeichneter philharmonischer Kräfte mit einem vollen Erfolge endete. Stärkere Eindrücke vermittelte ein Abend der internationalen Gefellschaftfür neue Musik, an welchem Rudolf Hindemith und Friedrich Wührer eine Cellosonate von Paul Hindemith vortruge-n..Das ist einmal ein Werk, das nicht geWgelt und nicht gestoppelt ist; es reißt einen fort mit seiner Kraft, seinem Humor, seinem unaufhaltsamen Drange nach vorwärts. Nicht ohne Pikanterie, daß das erste Thema dieses modernsten Werkes Bachsche Melodiestruktur hat. Am gleichen Abend sang Frau Margit Huber die „Slopiewnie", Gesänge von Karol Szymanowskh, die nicht auf Sätze, sondern auf Sprachwurzeln vertont sind. Sie zeigen ganz eigenartige. Biegungen der Singstimme, exotisierende Vokalsten, die durch eine alterierte stachelige Akkordik gestützt sind. Eine hübsche Sonate des slawischen Opernikompopisten J-a nacek, mit echt slawischen Motiven und Stimmungen, und ein im Bvahmsschen Geiste geführtes Streichquartett von Paul Frankl mit sauberem nur zu weitmaschigem Gefüge fanden ebenfalls verdienten Beifall. In der Opernfängerin Helene Falk pulsiert echtes Theaterblut^ Selbst ihr Liedgesang kommt nicht ans lyrischen Gegenden, sondern aus den Regionen vibrierender Theaterleidenschaft. Erst im ariosen Opernvortrag kann sie sich einigermaßen entfalten und' man erfährt eine Vorahnung davon, welche reiche dramatischen Kräfte in dieser blonden Sängerin mit der heißen üppigen Sopvanstimme Nr. 1» erstreckt sich nicht allein auf im Berns stehende Männer, sau. dern gilt noch mehr für die Hausfrauen, die, ohne häusliche Hilfskräfte, vermehrte Arbeit zu leisten gezwungen sind. Darauf ist sicherlich ein großer Teil der Belastung-- krankheiten der unteren Extremitäten zurückzuführen. Man darf aber auch nicht übersehen, wie wenig Aufmerksamkeit die Menschen ihren Füßen schenken, wie sehr sie diese den Gesetzen der lächerlichen Mode unterwerfen und schädigen. Es ist im allgemeinen Wiel zu wenig bekannt, wie verderblich unzweckmäßiges Schuhwerk für die Füße ist, wie die Gdhfähigkeit von der größten Bedeutung für die Erhaltung der Gesundheit des ganzen Körpers ist. Schlechtes, ungeeignetes Schuhwerk kann den Menschen förmlich zum Krüppel machen, ihm jede Arbeits- und Lebensfreude rauben. Leider haben sich die Aerzte. mit diesem Probleme, alvielleicht mit einer ihrer Stellung nicht würdigen Aufgabe, viel zu wenig beschäftigt. Und doch sollte die Verordnung und Anpassung eines guten Schuhes oft genug die ärztliche Ausgabe sein, die keineswegs dem unerfahrenen Schuhmacher überlassen werden sollte. Würden die Menschen mehr Verständnis und größere Sorgfalt auf die Bekleidung ihrer Füße aufwenden, und einen Teil der Eitelkeit, beiseite lasten, dann wären auch die Klagen über Fußbeschwerden viel geringer. Selbst die Erfüllung der Grundfarben: n gen, daß der Schuh nicht schmal, spitz und kurz sei, stößt auf große Schwierigkeiten. Kurze Zeit schien es, als ob die einsetzende Resormbewegung in bezug ans zweckmäßige und hygienische Bekleidung die spitzen Schuhformen zu verdrängen vermochte, doch ist jetzt der enge, spitze und hohe Schuh wieder Mode. Und wer kann der Mode widerstehen? . Der übechrche Absatz stellt den Fuß in starke Spttzfußstellung und überwälzt die ganze Last des Körpers bloß auf den Vorderfuß. Die kleine Unterstützungsfläche verursacht die Unsichechsit des Ganges und daS häufige Umknicken, daS ofi mit langdauernden Blutergüssen im Sprunggelenk einhergeht. Jeder Schuh, der die natürliche Gestalt des' Fußes nicht beachtet, ist als unbrauchbar zurückzuweifen. Der Fütz ist kein symmetrisches Gebilde, weshalb Schuhe mit gleichen symmetrisch gegen die Mittellinie verlaufenden Längsrändern der Sohle eigentlich ungeeignet sind. Der Schuh hat nicht allein die Aufgabe, den Fuß gegen, die Härte und Unebenheiten des Badens, sondern auch gegen Feuchtigkeit und Kälte zu schützen. Besonders wichtig ist die Stützung des Fußes an der Ferse gegen Ueberlastung, weshalb der Schuh an der Ferse Wohl sestsitzen soll, aber keineswegs die Bewegung der Muskeln ausschalten darf. Die Shuhspitze muß so geformt sein, daß keine Ueberlagerung und Verkrümmung der Zehen stattsindet und freie Beweglichkeit der Zehen ermöglicht ist. Bei engen Schuhen ermüden die Berne leicht. Primitiven Völkern, denen die Kultur das enge Schuh- Werk noch nicht gebracht hat, sind die seinen Leistungen der Zehen und daS Spiel der Fußmuskulatur erhalten g-blkben. Weinevt, der sich mit der Gestalt des Fußes viel beschästigte, wies darauf hin, daß die fertigen Schuhleisten auch bei Maßschuhen ganz falsche Formen haben, und daß bei Anfertigung neuer Stiesel der Schuhmacher daS Maß im belasteten und unbelasteten Zustande zu nehmen habe: WICN.U.AOIER6ASS1 Teä.fon Nr 7LLSA gebunden sind. Frau Helene Falk wäre wohl ein Gewinn für eine Wiener Opernbühne. Auch Herr Oskar L a ß n e r kommt vom Theater. Sein Gesangsmaterial ist nicht eben reichlich, doch weiß er es voll zu nützen, Piano und Mezzovoce wohl zu handhaben und so im Liedvortrag zu bestehen. Herr Franz A. Maye-r sang mit Keiner Stimme und gewaltsamem Vortrag Lieder von Schubert, Herr Professor Erhard brachte neue anheimelnde Volkslieder von Kienzl zur Erstaufführung. In Harry Farbmann stellte sich ein junger Geiger vor; sein Ton ist schön und schlakenlfrer, die Technik beträchtlich, der Vortrag vielversprechend. Gmanuel Scharf- Lerg wahrte wie im Vorjahre gute Haltung; Mozarts G-Dur-Biolinkonzevt spielte er recht brav, wenn auch mit eigenen Kadenzen!—Iuliusz Wolfsohn hat seinem ersten Klavierkonzert einen Chopin-Abend folgen lassen. Sein feinsinniges poetisches Klavierspiel ist uns längst wohlbekannt und so glauben wir gerne unserem zuverlässigen Gewährsmann, der uns von einem vollen Erfolge Wolffohns berichtet. — Blaß und blutleer setzt sich die halbwüchsige Erna Jonas mit allen Zeichen starker Befangenheit ans Klavier. Erst allmählich spielt sie sich frei und verrat nicht nur eine noch halb kindliche musikaln^e Seele, die sich der Musik völlig hingibt, sondern auch ansehnliche Pianistische Fertigkeit. Noch jünger ist der kleine Robert Goldsand und doch ein ganzer pianistischer Kerl, der schon jetzt sein Publikum fasziniert. Und zwar nicht mit eingedrillten Virtuosenkunststucken, sondern durch die ganz überraschende Plastik, und Dynamik, mit der er Bachs Chromatische Phantasie und Fuge spielt. Er bezwingt mit männlichem Ernste Chopin, diese gefährliche Klippe, an der so viele Pianisten scheitern und führt in Werken von Liszt und Rosenthal die hohe Schule der Virtuosität vor. Mit feinen 13 Jahren ist er bereits ein fertiger Pianist Md Pollblutmnsiker, kein Wnnder- ' lind mit tiefliegenden Augen und eingefallenen Wangen, sondern ein gesunder lachender Junge, der. sich sein« Kindheit trotz Klavierspieler: nicht verkümmern läßt. Erwin Felder.