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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-11 · Heft 1852 (11.4.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1852 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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3k. 1855 Wien, Freitag vie sorialdemokratische Wahlniederlage in gberösterreich. 72 GemelnderatSfihe verloren. Linz, IS April. Bisher liegen ans rund 340 Gemeinde», zum überwiegenden Teil Landgemeinden, die Ergebnisse der Gemeinderatswahlen vor. Nach der „Tagespost" habe» die C h r i st l i ch s o z i a l e n 119 Mandate gewonnen und SO verloren, somit 63 Mandate erobert. In 44 Landgemeinden stehen de» christlichsozialen Kandidaten keine Gegenkarrdidaten gegenüber. Die S o z i a l d e m o k r a t e n haben 99 Mandate verloren und 21 gewonnen, verzeichnen somit einen Verlust von 72 Mandaten. Die großdeutsche Partei hat 63 Mandate gewonnen und 18 verloren, somit 4b Mandate gewonnen. Die Nationalsozialisten haben insgesamt 18 Mandate erobert und eines verloren. 2er geistige Abba«. Die Elternvereinigungen für die Mittelschullehrer. Der Verband der Elterrwereiniguugen an den -Nittels ch u l en und gleichgestellten Lehranstalten hielt gestern eine Versammlung ab, welche gegen, den Schul- und Personalabbau entschieden Stellung nahm und zugleich für die Besserung der materiellen Lage der Lehrkräfte an den Mittelschulen eintrat. In einer Resolution sprach sich die Versammlung eil: schieden gegen alle das Schnlleben einschnürenden Maßnahmen aus. Wenn dieser Meinung kein Gehör geschenkt wird, so wird die rechtlich denkende Oeffentlichkeit des Auslandes darauf aufmerksam gemacht, wie unter dem Deckmantel der Sanierung die Mittel- "chulen systematisch dem Verfalle zugeführt werden. Sie LArderverketer leim Bundeskanzler. Ueber Einladung des Bundeskanzlers erschienen gestern nachmittags die Landeshauptmänner der Länder außer Wien im Bundeskanzleramt zu einer Besprechung, bei der die Lage der Bundesangestellten, die Grundzüge der geplanten Besoldungsreform, Fragen der Reihungs-- revision und die Vorschläge der Regierung für die Verwaltungsrefovm, soweit diese die Länder betrifft, erörtert wurden. Mae internationale Ausstellung für Genossenschaftswesen. In der Zeit vom 15. Juni bis 15. September 1924 findet, wie der soeben erschienenen ersten Nummer der vom Zentr-alverband der jüdischen Genossenschaften Osteuropas herausgegebenen Monatsschrift „Jüdisches Genossenschaftswesen" zu ent- Atterrer Moraenzeltimü. ~ ^ERÖFFN UN GS- : ANZEIGE! M. I I B I I I 1 I I I I I I I I I I I I I I I I Die bei der Damenwelt altbekannte Firma „Zur Blusenkönigin“ I eröffnet heute Freitag den 11. April nachmittags die vollständig neu adaptierten und erweiterten I! Verkaufsräume. 111 rVe P. T. Damen werden aufmerksam gemacht auf die sehenswerte, von ersten Künstlern geschaffene moderne Aufmachung der Schaufenster und Innenräume. Gleichzeitig wird gebeten, die reichhaltige Auswahl der neuest ein gelangten j|| Frühjahrsmodelle in Kleidern, Mänteln, I Kostümen, Blusen, Jupons, Jumpers zu besichtigen. WIENER MODENHAUS „ZUR BLUSENKÖNIGIN« Inhaber; M. WEINSTOCK WIEN, IX. ALSERSTRASZE 32 III || Telephon 22-0-45 | nehmen ist, in Gent eine internationale Ausstellung für Genossenschaftswesen statt, welche einen Ueberblick über Geschichte, Entwicklung nnd gegenwärtigen Stand des Genossenschaftswesens in allen feilten Formen und Richtungen in der ganzen Welt geben soll. Es soll die Entwicklung von den bescheidenen Anfängen im Jahre 1841, da die erste Konsumgenossenschaft mit einem Kapital von 700 Franken gegründet wurde, bis heute aufgezeigt werden, wo das Genossenschaftswesen mehr Äs 10V Millionen Industriearbeiter, eine ungeheure Zahl von landwirtschaftlichen Arbeitern, viele Tan- ,enoe von landwirtschaftlichen Kreditkassen, Ein- und Brrcaufskartellen umfaßt. In den fünf Erdteilen gibt es heute mehr als 150.000 Genossenschaften. Außerdem wird die Genossen-. schaft auch eine Uebersicht über soziale B e r s o r g n n g, und zwar bei genossenschaftlichen, staatlichen und privaten Institutionen, bieten. Die Ausstellung wird vom internationalen Genvssenschaftsbund in London, der Genosseuschaftsabteilnng des internationalen Arbeitsames in Genf und den Zentralverband der Genossenschaften in Belgien organisiert. li. Avril IM Gotte 8 Präsident MasarYk empfing gestern Vertreter der tschechischen und slowakischen Studentenschaft zu. einem Tee, wobei er in einer Ansprache namentlich auf die Notwendigkeit verwies, Politik zu studieren. Politik im engeren Sinne bedeute politische Führung, Verständnis dafür, wohin die Entwicklung des Staates und der Welt hinzielt, deduktive Politik mit idealen Zielen. Es sei Aufgabe der tschechischen und der slowakischen Intelligenz, die Weltsit Nation zu erfassen, sich klär zu machen, wie die Freiheit der Nation mit dieser zusammerchängt. Gerade in der tschecho-slowakischen Republik und Demokratie müsse sich die Intelligenz für die Weltpolitik bilden. Das werde dann zugleich Kulturpolitik sein. Wir sind, erklärte der Präsident, an der Wende einer neuen großen Zeit. Wahre Demokvatie hat nicht nur das politische und wirtschaftliche Leben vor sich, sondern das Problem der neuen geistigen Kultur überhaupt. Wahre Demokratie ist aber ohne Sittlichkeit der Wähler und der Bürger nicht möglich. Man sagt, daß die Jugend von Natur aus radikaler ist als die ältere Generation. Ich hege auch da meine Zweifel. Die Studenten spielen auch heute nicht mehr dieselbe Rolle wie früher, als rn der Politik die großen Massen noch nicht mit entschieden haben. In der Zeit des Absolutismus konnten einige hundert begeisterte Studenten wirksam demonstrieren und auch revolutionär eingreisen. Diese Stellung besteht für die Studentenschaft in der modernen Demokratie nicht rnchr., Das Schachturnier in Rew-Hork. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-Vorkl» 10. April. Die 17. Runde befestigte di» Spitzenstellung Dr. E m a n u e l L a 8 k e r s, da Capablayea spielfrei war, und Dr. Lasker, der Dates znm Gegner hatte, diesen mühelos in kräftigem Stile schlug. Da nunmehr jeder der beiden Hauptkonkurrenten um den ersten Preis noch fünf Spiele zu absolvieren hat und Lasker gegenwärtig vor Capa- Maitca einen Vorsprung von Vf. Zahlern besitzt, ist eS wohl nicht leicht mehr möglich, den Berliner Meister vom ersten Platz zu verdrängen. Die übrigen Partien der 17. Runde wurden — — es geht gegen das Ende des Turniers — sehr scharf und hartnäckig gespielt. Ret: besiegte Dr. Tartakower in 46 Zügen. M a r o c.Z y mußte in einem ziemlich aussichtsreichen Spiel gegen Janowski sich geschlagen geben, da er die Zeit überschritt. Marsh all konnte gegen Eduard L a s k e r nur remis erzielen (46 Züge). Die Partie B o g « V j u b o w-A l j e ch i n wurde nach 63 Züge« vertagt. ^-—— -_ - > .< M'Mroin Merode WICN.I.AOlEft«AStt -» Telefon Nr 7&2A4 Fritz Mauthners „brinnermigen". Bon S. Meifelö. Wen» es wahn ist, daß Aufrichtigkeit die Tugend des Schriftstellers bedeutet, so war Fritz Mauthner einer der tugendhaftesten Schriftsteller unserer Zeit, vorausgesetzt natürlich, daß man Aufrichtigkeit und Tugend in ihrer ganzen Bedeutungsfülle gelten läßt und sie nicht als leere Worthülsen abtut. In bezug auf die EinreihMg in eine bestimmte Gattung und Etikettierung mit einem bestimmten Beiwort muß man sich bei Mauthner besonders vorsehen, da es sonst leicht passieren kann, daß man etwas über ihn aussagt, was »ach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch recht viel, nach den sprachkritischen Ergebnissen Münchners aber recht wenig oder gar nichts bedeutet. Mauthners Bücher sind Bekenntnisschriften Mauthnerischer Art: Er sagt darin vieles, aber nicht alles; er deckt sein Innerstes auf, ohne es bV zur Nacktheit bloßzulegen. Gerade dieses Nichtallessagen macht den Reiz seiner Bücher aus und eben darin äußert sich seine Aufrichtigkeit. Vielleicht das auftichtigste Werk, das Mauthner geschrieben, ist die soeben bei Felix Meiner in Leipzig in dritter, um Zusätze vermehrter Auflage erschienene „Kritik der Sprache". Ich nenne es ein aufrichtiges Werk, weil es nicht das zufällige Ergebnis rein wissenschaftlicher Forschung, sondern die notwendige Folge einer persönlichen geistiger Entwicklung darstellt; was freilich nicht ausschließt, daß das Werk auch wissenschaftlich ein Standart Work bleibt Zunächst ist es ein Werk, auf das man füglich das talmudsche Wort: „Wende es rechts und wende es links, vieles, nahezu alles, ist darin", anwenden kann. Dabei aber ist es ein trostarmes Buch; denn ganze Wortwelten stürzen hier zusammen, ohne daß an ihre Stelle neue aufgebaut würden. Bei einem Meister des Stils, wie Fritz Mauthner einer war, erübrigt sich wohl zu bemerken, daß alle Ergebnisse der sprachkritischen Untersuchungen sowie die eingestreuten kulturhistorischen und philosophischen Betrachtungen in bündigster Form und in wunderbarer Klarheit vorgetragen sind. Es erübrigt sich ferner, Mauthners nachdenkliches, zum Nachdenken anregendes und obendrein fesselnd geschriebenes Werk heute nochmals eingehend zn würdige», nachdem es bereits öfter von berufener Seite nach Gebühr und Verdienst gewürdigt worden ist. Nur der Hinweis scheint nicht überflüssig, daß sich in diesem Werk Objekt und Subjekt, Buch und Verfasser, wie Grund und Folge zueinander verhalten. Mauthners „Kritik der Sprache" versteht ein jeder; die Mauthnersche Sprachkritik hingegen wird nur derjenige ganz verstehen, der den Sprachkritiker Fritz Mauthner ganz kennt. Den Sprachkritiker Mauthner lernen wir am besten in seinen „Erinnerungen" kennen. Diese Erinnerungen, in denen Fritz Mauthner mit schlichter Offenheit seine Lebensgeschichte erzählt, sind deshalb wertvoll, weit sie uns zeigen, wie und warum der im kleinen Landstädtchen Horitz geborene, in dem schönen, hunderttürmigen Prag, in einer entjudeten Umgebung und in einer schon damals sehr slawischen Stadt erzogene Fritz Mauthner zur Sprachkritik gedrängt wurde. In dieser Beziehung ausschlußwich ist namentlich das Kapital „Ohne Sprache und ohne Religion". In diesem Kapitel erzählt Mauthner, wie er eigentlich ohne Muttersprache erzogen wurde; denn als Jude mußte er Deutsch, Tschechisch und Hebräisch als die Sprachen seiner „Vorfahren" betrachten, er mußte also die „Leichen dreier Sprachen" in seinen eigenen Worten herumtragen. „Die Mischung ganz unähnlicher Sprachen in dem ganz gemeinen Knchelböhmisch und in dem noch viel gemeineren Manscheldeutsch mußte schon das Kind auf gewisse Sprach gesetze: aufmerksam mach«:, auf Entlehnungen und Kontaminationen, die in ihrer ganzen Bedeutung von der Sprachwissenschaft noch heute nicht völlig begriffen worden sind." Wie mit der Sprache verhielt es sich auch mit der Religion; wie er in dem zweisprachige Vaterlande keine rechte Muttersprache besaß, so hatte auch in dem völlig entjudeten Vaterhanse kckne Mntterreligion. Und eben weil er gewissermaßen ohne Sprache und in urieingeschränktem Sinne ohne Glaube» erzogen wur.de, fehlte ihm auch der Glaube an die Sprache, und eben weil er an die Sprache nicht, glaubte, an die Wörter der Sprache, an deren Sinn und Bedeutung nicht glauben mochte, konnte er doraussetzungslos an eine Kritik der Sprache Herangehen und das gewaltige Werk schaffen, das der Sprachwissenschaft neue Wege wies. Eine leise Wehmut durchllingt jenes Kapitel, worin Mauthner erzählt, er sei in seinem Eltermhause ohne Sprache und ohne Religion erzogen worden. Was Mauthner unter „ohne Sprache" versteht, erfährt man aus seiner Mitteilung, daß er schon als Kind drei Sprachen aus einmal lernen imd sprechen mußte. Unter den Sprachen seiner „Vorfahren" zählt er auch: Tschechisch und Hebräisch. Aber gerade Tschechisch und Hebräisch waren zwei Sprachgebiete, die Fritz Mauthmr, namentlich in seiiren späteren Jahren, fast völlig fremd blieben. Ueber die hebräische Sprache ur» teilt er nicht anders als etwa Friedrich Hebbel, da er zum ersten Male hebräische liturgische Gesänge Vorträgen hörte; sie ist ihm eine tote Sprache, die erst durch die Andacht im Gebet lebendig wird. In dem Abschnitt über Klassifikation der Sprachen spricht Mauthner auch von de» toten Sprachen. Die landläufige Vorstellung, daß eine tote Sprache diejenige sei, die von keinem Volke mehr gesprochen werde, bezeichnet er als ungenau. „Ungelehrte Menschen wissen von solchen Sprachen nur vom Hörensagen, und für die Sachkenner gibt es gar keine toten Sprachen." Als Beispiele führt er das alte Sanskrit, die lateinische P Sprache und Hebräisch an. „Hebräisch", schreibt er, „ist seit langer Zeit eine tote Sprache, und doch gewinnt sie täglich Leben, wenn ein orthodoxer Jude am Todestags seines Vaters oder am Versöhnungstage die Formeln m dieser toten Sprache aufsagt." Es ist zu verwundern, daß Fritz Mauthner, dem alle unterirdischen. Wege der Sprachen vertrant waren, diese irrige Ansicht niederschreiben konnteniederschreiben konnte zu einer Zeit, als Hebräisch in Palästina schon lebendige Volkssprache war, und die. ersten vier Bände von, Ben Jehudas Thesaurus als Zeichen ihrer Lebendigkeit Vorlage):. (Im übrigen ist die hebräische Sprache zu keiner Zeit nur Gebetssprache gewesen; sie hat immer! in lebendiger Beziehung zum jüdischen Leben aestanden.). Mit philosophischem Gelächter,, das aus stolzem Selbstüewußtsein emporstecht, bekennt Mauthner, er sei-kein Fachmann, er sei Autodidakt, er sei im besten Sinne ein Dilettant, der seine Arbeit aus Liebe tut. Mit diesem offenen Bekenntnis tritt Fritz Mauthner als Ebenbürtiger m die Reihe jener großen hebräischen Sprachforscher, die ebenfalls feine Fachmänner waren und dennoch aus sprachwissenschaftlichen: Gebiete Hervorragendes leisteten. Auch sonst erinnert Mauthners Forschungsweise und Denkmethode vielfach an die alten hebräischen Sprachkritiker, angefangen von Jbn Esra, der ein gewaltiger Wortzerfaserer und zugleich ein Meister des Wortes war, bis auf Rastatt Herz Wessely, der über ein halbes Dutzend Synonyme ein zweibändiges Werk schrieb. Daß diese Männer „Wort"-Gläubig"eir, Fritz Mauthner aber Wort-Skeptizismus zur Sprachforschung trieb, macht zwar den Unterschied zwischen ihnen recht wesentlich, hebt indes die geistige Verwandtschaft nicht auf. Und so ist Fritz Mauthner ein auffäliges Beispiel dafür, daß noch im entjudeten Juden der jüdische Geist lebendig bleibt.

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