Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1851 (10.4.1924)
- Date
- 1924-04-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 1051 Men, KomrerStns Internationales Arbeitsamt. Genf, 8. April. (Schweiz. Dep.-Ag.) In der gestrigen Sitzung des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes entspann sich eine Diskussion über die seitens der Arbeitergruppe ausgeworfene Frage der A r b e i t 8verhältnisse in Öberschlesien. Die seinerzeit in Genf unter dem Vorsitz Calonders abgeschlossene d eutschpolnische Konvention über Oberschlesien enthält eine Bestimmung, wonach in dem polnischen Teile Oberschlofiens die damals in Deutschland geltende fortschrittliche soziale Gesetzgebung beibehalten werden muh. Da nun Deutschland bekanntlich das Prinzip des Achtstundentages durchbrochen hat, um seinen Reparationsverpslichtungen nachzukommen und seine Wirtschaftskrise zu überwinden, ist die Tatsache zu verzeichnen, daß die Arbeiter in Deutsch-Oberschlesien hinsichtlich der Arbeitszeit wesentlich schlechter stehen als ihre Kameraden in Polnisch-Oberschlesien. Oudegeest (holländischer Arbeitervertreter) gab deshalb im Namen der Arbeitsgruppe eine längere Erklärung ab, in der er verlangte, daß die in Oberschlesien bisher bestehende Regelung der Arbeitsverhältmsse aufrechterhalten bleibe. Der deutsche Regrerungsvertreter Ministerialrat Doktor Feig antwortet«, daß er keinerlei Instruktionen seiner Regierung in dieser so unerwartet ausgeworfenen Frage besitze, daß er aber persönlich glaube, daß eine Abänderung der Arbeitsverhältmsse in Oberschlesien mit der deutsch-polnischen Konvention keineswegSinWiderspruch stehe, sondern im Gegenteil die Möglichkeit einer solchen Aendevung in ihr vorgesehen sei. Der deutsche Arbeitervertreter Leiphart (Allgemeiner deutscher Gewerkschaftsbund) hob hervor, daß von einer Abschaffung des Achtstundentages in Deutschland wicht gesprochen werden könne, sondern nur von einer vorübergehenden Gewährung von Ausnahmen bei der Durchführung dieses Prinzips. Der Verwaltungsrat hörte diese Erklärungen an, nahm aßei^von einer Beschlußfassung vorderhand Abstand. Hierauf nahm er von dem Bericht der am Ende des letzten Jahres in Genf abgehaltenen Konferenz für A r b e i t s st a t i st i k Kenntnis. Dar tschechische Abgeordnetenhaus nach den Wahlen in Karpathornßland. Prag, 9. April. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die tschechische Koalition im Abgoovdnetenihause setzte sich bisher aus 51 Sozialdemokraten, 41 Agrariern, 26 Nationalsozialisten, 22 Nationaldemokraten, 21 Volksparteilern zusammen, so daß die Mgeordnetenklulbs der Koalitionsparteien 161 Stimmen hatten. Die Opposition setzte sich zusammen: aus 29 deutschen Sozialdemokraten, 13 deutschen Agvariem, 10 Dentschnaticmalen, 9 deutschen Christlichsozialen, 5 deutschen Natiouabsozialisten, zwei Deutschde-mokmten, 24 Kommunisten, 11 slowakischen Bolksparteilern, 6 Gewerbeparteilern, 3 Mitgliedern der sozialistischen Einheitspartei, 4 ungarisch-deutschen Sozialdemokraten, 2 ungarischen Agrariern und 2 Wilden, zur”r*r Wiener Morftenzeitung. sammen besaß die Opposition 124 Stimmen. Die Mehrheit betrug also 37 Stimmen. Durch den Ausfall der karpathorussischen Wahlen hat sich das Verhältnis zuungunsten der Mchvheitsparteien geändert. Die Koalition hat zwei Mandate gewonnen, während die Opposition um sieben Diandate verstärkt wurde, so daß nunmehr das Verhältnis 163:131 Stimmen beträgt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 9. April. (Radio.) Devisenscblnßkmse r Prag 146'/-, Rew-York 4,33»/,„ Paris 72.62'/,. Brüssel 85.62'/,, Rom 67'/«, Zürich 24,74'/„ Madrid 32,18'/«. Amsterdam 11,62'/«, Kopenhagen 26,06, Christianka 31,52'/,, Stockholm 16,42, HelsingforS 173, Berlin 20 Billionen, Wien 807'/,, Athen London, 9. April. (Radio.) Die Börse reagierte auf daS Gutachten der Experten mit einer Befestigung aller alliierten . Devisen. London» S. April. (Radio.) Wechselkurse: Amsterdam 11,62, Berlin 29 Billionen, Belgrad —, Prag 14.65, Wien 305,500, Budapest 300.000 LiS 400.000, Bukarest 8,80, Paris 72,275, Brüsiel 85,375, New-York 4,3375, Sofia 600, Kopenhagen 26,045, Stockholm 13,395, Christtania 31,445, Konstantinopel 8.20, Athen 2.50, Französischer Franken , Riga 22.48, Warschau 40 Mill. Brief, Schweiz 24,655, Petroleum Shares —.—, Rom 97,5, Madrio 32,255. London» 9. April. (Radio.) Rew-Aorker Effektenbörse: Canadian Pacifie 61'/«, United Pacific 130'/,, United States 98'/„ deren Vorzugsaktien 119'/,, Royal Dutch 54. Sehr hoch notierte 60 Tage Wechsel 4,30'/«. Aew-Dorkr» 9. April. (Radio.) Devisenschlußknrse: Taggeld 4'/a*/0, Wechsel auf London 4,34,12, 60 Tage-Wechsel 4,31,12, Paris 6,04, Amsterdam 37,25, Prag 2,98'/«, Berliner Schlußkurs 21'/,-21'/«, Silber 64'/,. Parts, 9. April. (Radio.) Effektenschlußkurfe: Banque de France .—, Pragobanka 410, Credit Lyonais 1535, Suez 9315, Platine 658, Dabrowa 751, Banque Ottomane 732, Central Mining 772, Rio Tinto 2310. Le Napbte Russe 334, Succeried Eghpte 869, Baku 2200, CautchoueS fin 146.—, Chartered 51,50 DebeerS ordin. 886, Goldfields 68,50, Huanckicikas 235, Jägers Fontain 214, Malacca ordin. 132,—, Maltzoff 342, Mexican Eagle 74,31, Padang —Rand Fontain 82,—, Randmine 206,—, Silva plana 161, Tanganyika 114, Tubtce soie 520, Utah Copper 1105, Shell 332, Royal Dutch 29.250, Burmah —.—, Societe generale — Steana Romana —, Schneider u. Cie. —.—, Metropolitaine —, Thompson Houston —, Raffinerie say ord. —, Russe cons. i% Russe cons. 3°/. 1891/94 Russe cons. 3°/. 1896 Ruffe cons. 3'/»°/, 1894 Nuss, cons. 5•/• 1908 —, Nasse cons. 4'/,°/, 1909 —, Serbie 4% 1895 —, Dette Ottomane 4°/» —.—, Ottomane 5°/, 1914 §in Schwarzbuch über religiöse Verfolgungen l« Rußland. Paris, 9. April. (I. T. A.) Der russische SchrPsteller Al. B a l e n t i n o w, der Daten über die religiösen Berfolgimgen in RuParch sammelt, hat jetzt diese Avbeit abgeschlossen. Binnen kurzem wird ein sogenanntes 10. April \m Seite » „L ch warz b u ch" in deutscher und englischer Sprache erscheinen. llebertragungen Le8 Buches ins R u s s i s ch e und Jüdisch e sind in Borbevei-tung. In dem Buche sind auch alle Maßnahmen gegen jüdische Synagogen und Schulen sowie die Gerichtsverhandlungen gegen Rabbiner wiedergegeben. MMge Vertretung Polens beim Völkerbund. Warschau, 8. 2lpri'l. (Poln. Tel.-Ag.) Der Mmstermt hat beschlossen, eine ständige Delegation beim Völkerbund zu errichten. Ler Anstifter der Krakauer Bombenattentatei verhaftet. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 8. April. Von den verhafteten Führern der faszistischen Organisation P. P. P., deren Entdeckung seinerzeit soviel Aufsehen erregte, befindet sich gegenwärtig nur noch einer, General Maciewicz, in Untersuchungshaft, da die übrigen Verhafteten freigelassen wurden.Zuletzt wurde gestern der Präsident der Faszistenorganisation. der Architekt Penkalowski, gegen Erlag einer .Kaution von 10 Milliarden Mark auf freien Fuß gesetzt. Das Militärgericht hat die Untersuchung gegen die Mitglieder der P. P. P. bereits beendet und der Prozeß dürfte noch Ende April vor dem Obersten militärischen Gerichtshöfe stattfinden. Ursprünglich war beabsichtigt, die Angeklagten vor das militärische Kreisgericht zu stellen, was jedoch unmöglich wurde, da sich unter ihnen drei Generale befinden. In Krakau wurde bei der Streifung nach einem Dieb aus einem Dachboden vor einigen Tagen ein ganzes Arsenal von Explosionsmaterial und Waffen entdeckt. Diesen Boden hatte ein Advokat namens Oblamowicz, ein Parteigänger der Rationaldemokraten gemietet. Eine bei ihm .vorgenommene Hausdurchsuchung förderte Stampiglien der illegalen Organisation S. S. S. zutage. Oblamowicz wurde verhaftet, mit ihm noch andere Personen, von denen durch bei ihm Vorgefundene Protokolle der S. S. S. festgestellt wurde, daß sie an dem Zustandekommen der „Sammlung" von Bomben, Ckrasit u. dgl. beteiligt waren. Es muß hervovgehoben werden, daß Odlamowiez, der unter den Rationaldemokraten Krcckans eine große Rolle spielte, nach den Bombenattentaten gegen das Haus des Prof. Nathansohn und die Redaktion des „N o w y D z i e n n ik" bereits in Haft genommen war, aber sofort entlassen wurde. Uebrigens hat bei den Unruhen in Krakau am 6. November Oblamowicz sich beim Militärkomandanten erbötig gemacht, das Arbeiter he im in die Luftzu sprenge«. Schon dadurch war der Beweis gegeben, daß der Mann über Sprengmaterial verfüge; doch es dauerte fünf Monate, bis sich die Gelegenheit ergab, den „Sammler" Von Sprengmitteln hinter Schloß und Riegel zu setzen. Wen Mali WIEN.l„ ADLER6ASSC "» Telefon N* 76.2.64 lugen d'Albert. (Zinn 80. Geburtstag.) Franz Liszt war im Urteile seiner Zeitgenossen der größte Pianist und ein schassender Tondichter dazu. So lebt auch bei d'Albert der Komponist mit Unrecht im Schatten des Pianisten: Mehr als ein Dutzend teilweise wirkungsvollster Opern und eine lange Reihe von Kammermusikwertzn, Klavierstücken und Liedern, sind Kinder seiner Muse, und doch, wenn man von d'Albert spricht, denkt man zunächst nicht an den Komponisten des vermischen „Tiefland" oder des lustigen „Flautosolo", sondern an den wilden Tastenstürmer, der nicht seinesgleichen hat. Gibt es doch manchen Opernkomponisten von der Fruchtbarkeit und großen Bühnenrontine d'Alberts, aber keinen einzigen Pianisten, der ihm im ganz großen Klavierstile den Rang abläuft. Da fleht er ohne Rivalen da, in seinen majestätischen Kund» gedungen, im machtvollen Impetus, der stets aufs Ganze geht, ohne sich an spielerischen Kleinigkeiten oder technischen Kleinlichkeiten zu stoßen, ist er der einzige und vielleicht letzte Nachfahre der Klaviertitanen von ehedem. Wir können heute kaum mehr begreifen, wieso Liszt oder Rubinstein mit den Mitteln des mechanischen Tasteninstrumentes, das zu jener Zeit nicht eimnal die heutige technische Vollkommenheit erreicht hatte, ihre Zuhöver derart faszinieren konnten, doch eine Ahnung davon dämmert uns auf, wenn sich der Kraftmensch d'Albert an den Flügel setzt, und mit Beethoven, „seinem" Beethoven, Feuer aus der Goele schlägt. In der Tat ist es ein mächtiges, heiliges Feuer, das d'Albert einfacht, ein .Feuer der Begeisterung, mitunter auch ein wildes Gelürumel, daß es schon eia Schlachten und nicht mehr eine Schlacht zu nenne» ist) und die Rotenköpfe gleich abgenützten Leichenköpsen haufenweise unter dem Klavier liegen bleiben. Doch den Helden des KlaviereS ficht dies nicht an, er wahrt äußerlich seine Ruhe, und mag auch daS Pedal wilde Orgien feiern und mögen auch dichte Rauchwolken tot Laren Ausblick hindern, der große Wurf gelingt ihm doch immer. „Interessant, aber scheußlich", so hört man «nvchm»k Iw Besucher *«* EnnstauSKellunye» über moderne Bilder urteilen; auch d'Albert spielt gelegentlich, wenn er tief im Komponieren steckt und das Klavierspielen darob vernachlässigt, scheußlich, doch stets großzügig interessant und genial, „und das ist das Entscheidende in unserer Zeit, in der sich die Pianisten immer mehr ins Spielerische, Zierliche und Koloristische verirren. Dem Rührenden, Eleganten und Sentimentalen ist d'Albert immer ein erllärter Feind gewesen, Kraft des Ausdrucks ist ihm alles, und darin begegnet sich der Sechzigjährige beinahe mit den Modernen: Sem Spiel packt den Zuhörer mit ehernen Griff und reißt chn mit, ob er will oder nicht; hinterher mag man wohl über d'Alberts Brutalität zetern, über seine Schlampigkeit nörgeln, aber doch erst hinterher. Solange er spielt, ist er der Stärkere! Schon mehr als vierzig Jahre steht er, der schon mit sechzehn Jahren durch Vermittlung von Hans Richter in beit Schüler- und Freundeskreis von Franz Liszt eingeführt wurde, und schon im Jahre 1883 mit ganz außerordentlichem Erfolge konzertierte, im künstlerischen Kampfe, ohne daß die nachstürmende Jugend ihm etwas cm haben konnte. Ohne die llavieristischen Hexenkünste eines Moritz Rosenthal, ohne die pianistischen Geistreicheleien Emil Sauers, das feinnervige Fluidum Giesckings oder den frühlingshaft blühenden Anschlag Artur Schnabels zu besitzen, gewinnt er die musikalischen Schlachten lediglich durch die wuchtende Kraft seiner robusten, rücksichtslosen'Persönlichkeit, die vor Musik gleichsam brennt und sich auf dem Klaviere wie ein feuriger Lavastcom ansbreitet. Er spielt alles mit einem Zug ins Riesengroße, nicht nur die Beethovenschen und Brahmscheu Sonaten und Konzerte, die er in wildbtzwegtem Fresko mehr entwirft als ausführt, selbst Miniaturen werden von ihm überdiniensioniert. Ein interessantes Beispiel etwa wie d'Albert Leine Piecen von Debussy oder Salaz-ar bezwingt, was nicht kampflos abgeht. Wenn er Beethovens kleines Rondo, „Die Wut über den verlorenen Groschen", bildet, so erMckt man ein trotziges Sichaufbäumen und immer wilder und wütender entwickelt sich Beethovens grimmiger Humor. Und so in zahlreicheren anderen' Stücken, in dienen d'Albert gleichsam dem Schicksal in den Ra Vii p«d»r Md sich trotzig unh rmümventionell in pwmetheischem Ringen durch Gewitter und Sturm hindurch» ckämpst. In dem Aeußeren des sechzigjährigen Schottländers, der in die ursprünglich deutsche Heimat seines Vaters, ebenfalls eines Berufsmusikers, wieder zurückgefunden hat, sucht man vergebens nach Alterserscheinungen. Mit kurzen, stampfenden Schritten eilt seine starke, gedrungene Giestalt mit dem derben Musikerkopf, dessen Mähne der Zeit zum Opfer gefallen ist, zum Klaviere, und schon, dröhnt er völlig unsentimental drauf los, ohne alle Virtuosenmätzchxn oder: musikalischen Koketterien. Wenn Emil Sauer große Werke in allerlei Leine Gefälligkeiten auflöst, so weiß d'Albert umgekehrt in den kleinsten musikalischen Formen noch Gewitterwolken zusammenzuballen und krachende Entladungen herbeizuführen, sein überhitztes Temperament erschaut die musikalischen Dinge gleichsam durch ein Vergrößerungsglas. Als Komponist lebt d'Albert in seiner Zeit. In der Schnmann-Brahmschen Richtung hatte er begonnen, sich jedoch niemals auf eine bestimmte Manier einseitig festgelegt, und bald erlangte der geborene Theatermusikex einen sicheren Instinkt für das gerade Theatermäßige und eben Publikumswirksame. So pendelt er als ELektiker in mehr als einem Dutzend Opern zwischen mnsikalischem Lustspiel („Die Abreise" und „Flautosolo"), Waguerismus („Gerriot" und „Ghismonda") und Verismus („Tiefland") hin und her und versteht sich auf allerlei praktische Kompromisse. Tiefere Charakteristik liegt ihm Wohl ferne und immer häufiger hält er es mit Puccini; jungitalienische Melodiebildüng, die mit kleinen Orchestermotiven im komischen wie im veristischen Fahrwasser sicher dahinsegelt, ist das Geheimnis d'Merts. Schreibt er auch keine sonderlich gewählte Musik, so kennt er doch alle Erfordernisse des Theaters, was in unserer Zeit schon ein Gewinn ist. Dev kollossale Erfolg seines „Tiefland" hat sich wohl nicht wiederholt, doch zahlreiche kleinere Erfolge haben sich seither immer wieder eingestellt und die „Toten Augen" haben mä ' 'fv!n;i'.: v-i K.?:nvonisten die Augen darüber ’> ' : . '' ’? .. .. von heute bedarf. Erwin Felbe"