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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-08 · Heft 1849 (8.4.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1849 (8.4.1924)
Date
1924-04-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1849 Wien, Dienstag Wiener: Modenzeitung. 8. April 1924 Gerte 8 Der Bericht der Sachverständigen. (Eigendienst der „Wiener Mor-genzeitung".) Paris, 7. April. Wie aus gut unterrichteten Kreisen mitgeteilt wird, steht nunmehr fest, daß der Bericht der Sa chverstä ndi ge na u ss chü sse morgen der Reparationskommission nicht mehr zugestellt werden kann. Gegenwärtig wird an der Durchsicht des französischen Wortlautes gearbeitet, der eine Uebersetzung des britischen Textes ist. Die Veröffentlichung wird für Mittwoch vormittags erwartet. Es sind umfangreiche Maßnahmen getroffen worden, damit die Berichte durch Flugzeug nach London und Brüssel und telegraphisch nach Rom und Washington übermittelt werden. Die Behörden haben eine Anzahl Ueberseekabel requiriert. Man glaubt, daß eine vollkommene Uebermittlung des Berichtes und seiner Anhänge durch Kabel etwa fünf Stunden in Anspruch nehmen werde. Nie Konferenz. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeirung".) London, 7. April. Die russische Delegation für die englisch-russischen Verhandlungen wird Ende dieser Woche London erreichen. An ihrer Spitze wird Rakovsky stehen, während auf englischer Seite Gregory und Sir Sidney Shapman die englische Delegation führen wird. Den Vorsitz wird der Premierminister Mac Donald und der Staatssekretär Ponsonbh übernehmen. 8ine britische Reichrarbeiterkonserenz. London, 7. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Nach dem „Daily Herald" hat Mac Donald für den 18. August eine Konferenz einberufen, die die erst« in ihrer Art darstellt. Sie soll nämlich — unter der Bezeichnung British Commonwealth Labour Conference — für eine Woche die Delegierten der Arbeiterparteien des ganzen britischen Weltreichs unter dem Vorsitz Mac Donalds selbst versammeln. Zur Verhandlung sollen folgende Themen kommen: die Verbindung zwischen den Arbeiterparteien und Gewerkschaften innerhalb des britischen Weltreiches; die sonstigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Gliedern des Commonwealth; die Aufrechterhaltung de's Weltfriedens; Auswanderungs- und Rafsenfragen sowie schließlich Fragen der industriellen Organisation und Gesetzgebung. Selbstverständlich werden auch der Internationale Gswerkschaftsverband und die Sozialistische Internationale aufgefordert werden, ihre Vertreter zu entsenden, di« jedoch nur eine beobachtende Rolle auf de-m Kongreß spielen werden. Es wäre natürlich kein kleiner Triumph für den Führer der englischen Arbeiterpartei, wenn er den Kongreß noch als Ministerpräsident des Mutterlandes eröffnen könnte. Dem Manne, der seine Kräfte und sein« , Nerven jetzt im Dienste des Weltfriedens ausreibt, würde eine solche Befriedigung wohl von allen durch Parteisanati'snus nicht Verblendeten gegönnt werden. Bei KorpulenZ'Fettleibigkeit sind Dr. Hof Bauere Entfettungstabletten völlig unschädlich und erfolgreich ohne Diätzwang Keine Sc&ilddrüse Kein Abführmittel ■ Depot: Apotheke „Zum römischen Kaiser“, I Wien, I. Bes., Wollselle Nr. 13 [■■iiiwiiiiii iiuiimmiTmcpseBBMMMamameeemmBMenMmeameMMBM« Englands Reparationspolitik. London, 9. April. Im Unterhaufe interpellierte heute Baldwin, ob die Regierung dem Unterhause Gelegenheit geben werde, bevor die neuen Abmachungen mit den Alliierten getroffen würden, diese Frage zu diskutieren. Weiters fragte er, ob das Unterhaus werde rechtzeitig Stellung nehmen können zur Regelung der interalliierten Schulden und Reparationen. Die Fragen haben den Zweck, Mac Donald auf die N i ch t st r e i ch n n g der französischen Schulden festzulegen. Der Ministerpräsident erklärte, wer immer auch solche Verhandlungen zu führen haben werbe, müsse auf die öffetttliche Meinung Rücksicht nehmen. Nie letzten Kurse. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 7. April. (Radio.) Devisenschlußkurse: Prag 146, New-York 4.33'/,, Paris 74,45, Brüssel 87.95, Rom 97.371/,, Zürich 24,86, Madrid 32,10, Amsterdam 11,64'/,, Kopenhagen 26.04'/,, Christiania 81,42'/„ Stockholm 16,40'/,, Helsingfors 172'/., Berlin 20'/, Billionen, Wien 805,500, Athen —. London, 7. April. (Radio.) Die österreichische A n l e i b e notierte heute 90.75. „Manchester Guardian" betrachtet diese stabilisierte Notierung der österreichischen Völkerbundanleihe als neuerliches Symptom für bie g ü n st i g e wirtschaftliche Lage Oesterreichs und für das unerschütterte Vertrauen deS Auslandes, trotz aller tendenziösen Alannberichte. Paris, 7. April. (Radio.) Effettenschlußkurse: Banque de France —, Pragobanka 420, Credit Lyonais 1554, Suez 9975, Platine 670, Dabrowa 798, Banque Ottomane 742, Central Mining 824, Rio Tinto 2480 Le Naphte Russe 948, Succeried Egypte 944, Baku 2295, Cautchoues sin 154,—, Chartered 53, Debeers ordin. —, GoldfieW 73,50, Huanchakas 266, Jägers Fontain 228, Malacca ordin. 138, Maltzoff 358, Mexican Eagle 8025, Padang 839, Rand Fontain 65.25, Randmine 222, Silva plana 170. Tanganyikcc 124.50, Tubice seit 570. Utah Copper 1160, Shell 345, Royal Dutch 28.500, Burutah —, Societe generale —, Steana Romana —.—, Schneider u. Cie. —, Metropolitaine —, Thompson Houston —, Raffinerie say ord. —, Russe cons. 47, , Russe eons. 3°/0 1891/94 , Russe cons. 3°/, 1898 Russe cons. 3'/,°/, 1894 Rufs, cons. 5% 1906 —, Russe cons. 47,7« 1909 —.—, Serbtr 4°/0 1895 —Dette Ottomane 47, —.—, Ottomane 5°/01914 New Dorli» 7. April. (Radio.) Dtvisenschlnffkurie: Taggeld 4'/r»/«>, Wechsel auf London 4,32,75, 60 Tage-Wechsel 4.29,75, Paris 5,78, Amsterdam 37,18, Prag 97'/„ Berliner Schlußkurs 21—217.4, Silber 6B78. Deutschlands passiver “ ' (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 7. April Der deutsche Außenhandel zeigt für den Monat Februar eine Passivität von 252,25 Millionen Goldmark und übertrifft damit die bisher gehegten Befürchtungen. Im Jänucr betrug die Passivität ttitt 137 M >l l i o nen Goldma rk. Dr. Marx über die Micum-Berlröge. Berlin, 7. April. Reichskanzler Dr. Marx erklärte dem rheinischen Vertreter des „Berliner Tageblatt" auf die Frage, ob Botschafter v. H o e s ch vei P o i n c a r e tatsächlich um eine einmonatige Verlängerung der MicumVerträge angesucht habe, diese Meldung entspreche in keiner Weise den Tatsachen. Wir haben, betonte der Reichskanzler, um eine derartige Verlängerung nicht nachgesucht. Da in der letzten Zeit in der französischen Presse wiederholt davon die Rede war, daß Frankreich zu Sanktionen schreiten würde, falls wir einer Verlängerung der Micum- Verträge nicht Anstimmen würden, war der deutsche Botschafter in Paris beauftragt worden, bei der französischen Regierung zu sondieren, ob irgendwelche derartige Maßnahuten bevorstünden. Hierüber schweben Verhandlungen, die noch nicht abgeschlossen sind. Von ihrem Ergebnis wird es abhängig, ob die Ruhrindustriellen zu einem netten Abkommen mit der Mcmn gelangen werden. _ Ieulschlands Ausreileverbot gilt auch für Sesterreich. (Eigendisnst der „Wiener Mo-vgeuzeittmg".) Berlin, 7. April. Die von einer Depeschenagentur verbreitete Nachricht, daß das Verbot der Auslandsreisen für Reichsdeutsche sich nicht auf Reisen nach Oesterreich beuche, entspricht nicht den Tatsachen. Ihr Korrespondent hat an zuständiger Stelle die Auskunft bekommen, daß die Ausreise deutscher Staatsangehöriger nach Oesterreich genau so der Verordnung und den Gebühren unterworfen ist, wie die für das übrige Ausland. Diese Maßnahme müsse schon aus der Erwägung getroffen werden, daß sich der Strom der deutschen Reisenden, eben über den Umweg von Oesterreich nach dem übrigen Ausland ergießen würde. Oösterreichische Staatsangehörige dürfen ebenso wie alle andern Ausländer ohne Entrichtung der hohen Gebühren ins Ausland reifen, da auf Ausländer die ganze Bero'tdnnng reuten Bezug hat. Deutschland vor dem ßisenbahuer» streik. Berlin, 7. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Regierung hofft, falls es zu einem Eifenbahnevstreik kommen sollte, den Betrieb durch Einsetzung der technischen N o t h i l f e anfrecht erhalten zu können. Gegen streikende Beamte soll mit rücksichtsloser Strenge vorgegangen werden. Paul Aaudelr „Mtttagswende". Akademietheater. Vier Men>fchen auf der Fahrt nach China. Es sind /licht nur die Planken des Schiffes, welche diese vier aneinander binden. Einer blickt durch den Spalt der Schutzdecke auf das Meer, das in Mittagsglut daliegt. „Wie ist das schön, wie ist das hart und grausam" sagt er. „Die See mit dem leuchtenden Rückgrat ist wie eine niedergeworfene Kuh, die mau mit dem glühenden Eisen zeichnet . . ." Es ist der stimmende Mord dieser wundervollen, schwerflüssigen Dichtung. Ein Weib — drei Männer. Ilse trägt Unruhe, Fieber, Bosheit, Gier unter die Männer und ist schuldlos. Sie ist keine Kokette, sondern eine Kriegevin. Entweder versklavt sie den Manu, oder sie gibt sich hin, „ungeschickt wie ein. großes dampfendes Tier". Die drei Männert Der eine ist ihr Gatte, ein eleganter, kühler, nüchterner Provencale. Er umgibt sie mit allem, und er zeugte ihre Kinder. Die Unruhige, Gefahrbringende, Mt sich bei ihm geborgen, aber sie haßt ihn. „Er liebt mich auf seine Art, er liebt nur sich selber." Dem sie das berichtet, von Ekel geschüttelt, ist Amalrice, der kluge Kraftkerl, der Weibe rkeuuer und Genießer. Seine Atigen griffen diese Frau unter Hunderten heraus, wie ein Psevdezüchter das Rassentier, und er kündigt ihr mit vorgebeugtem Stiernacken an, daß er sie rauben -werde, bis die Zeit reif ist: „Dann nehme ich Dich mit dieser derben, bösen Hand!" Der dritte Mann aber ist Mesa, der PrMe-matische, dem jenes eingangs vermerkte Gl-eichni's vom Meere, das die Sonne brandmarkt, in den Mund gelegt ist. Er flüchtete vor Me, denn Weib an sich, zn Gott. Und Gott stieß zurück. Nun hat er sich in seine Einsamkeit verkapsM Zwei Menschenleben an der Mittagsweude. Me und Mesa. Sie segeln durch den Ozean in die mystische, glutvolle, von der Saune begnadete und gepeuchte Walt des Ostens. Sie überschritten jene Grvngmarke des Lebens, wo Erfüllung dreifach begehrt und zehnfach gefürchtet ist, weil in diesen Jahren des Abstiegs Aufflammen tutb Unter- Mig verbrüdert sind. Widerwillig, Hemmungen einschdltend, müffen sie doch einander zustreben, von einer unbesiegbaren Urgewalt geplagt. Schön und grausam, wie die Sonne dem betzjwnmgenen, dampfenden Meer, brennt ihnen die Liebesleidenschaft ihr blutiges Zeichen auf. „Me, ich werde Sie nicht lieben!" stöhnt er, weil sie es befahl. „Noch einmal, ^damit ich es höre", flüstert Me durch die Zähne, im Vorgefühl kommender Extasen. * Das Schicksal dieser Vier, im ersten Akt, mit prophetischem Dichtermund verkündet, erfüllt sich in den beiden nächsten. Eine Melodie, die in der letzten <^ene des ersten Aktes anNingt, geleitet in die Liebestragödie. Die Sonne war untergegangen, Windschatten kühlen die See, die Schiffsglocke ruft zum Diner, Mesa verweilt noch einen Augenblick, schaut in die Weite und rezitiert: „Das Meer, wie die Augen einer Frau, die verstanden hat und die man in die Arme drückt." Eine Liebesfzene von unerhörter Kraft und Schönheit ist Höhepunkt und Klimax. Ein Ritardando, das vorgeht, hebt das Liebesduett zwischen Me und Mensa nur Plastischer heraus. Me, ein Weib an der Mittagswende und lebenstüchtig, fühlt, daß diese Liebesvereiuigung von den Fittichen des Todes überschattet sein wird und erbebt. Sie fleht ihren Gatten, wie Ist, die Stolze, nie gefleht hat, und schon gar nicht diesen Ungeliebten, er möge sie nicht allein lassen. Da er geht, lächelnd und des Besitzes sicher, schießt das Begehren hoch, wie die Springflut. Ein kurzes Jahr — und Amalric hat Me geraubt. Mit dem Kinde, das sie von dem Geliebten hat. Der Boxeraufttand tobt. Amalric rüstet zur letzten Nacht, in der eine Höllenmaschine dem blutigen Wevk der. Aufständischen zuvorkommen soll. In der letzten Stunde — schon läuft das Uhrwerk des Mafchinchens im Keller — erscheint Mesa. Ringen der Männer um das Weib. Mesa ist niedergeschlagen, aus seiner Rocktasche holt der Nebenbuhler das Zeichen, mit welchem die Wächtevkette rings um die Ausländevkolonie Passiert werden kann und entflicht mit dem hörigen Weibe. Und da hebt ein Mysterium an. Mächtig angezogen durch die Jimburnft. durch W» Lauterkeil des Gebetes des zerbrochenen Mesa, den sie in dem Hause zuvückließen, wo die Höllenmaschine in Gang gesetzt ward, schleicht Me durch die Nacht zurück, geläutert und todesbeveit zum Schmerzenslager des Geliebten. Nun geht er, der einst vom Weibe zu Gott ging und den Gott verstieß, mit dem Weibe zu Gott, und den TotgowMen stehen alle Himmel offen. „Ich fühle das Gewicht dem Flügel nachgeben und ich trag' ihn mir diesen schweren Leib, der Eine Mutter ist und meine Schwester und mein Weib und mein Ursprung!" Zu solchem reinsten Orgelklang läutert sich Mesas Canticus, wenn Me seine Füße umschlingt. Die Fabel dieses Stückes könnte Stoff eines Sensationsstückes, eines reißerischen Boulevarddvamas sein. Das Weib, das von Hand zu Hand gcht. Boxeraufsland, unerwartete Rettung durch ein Geheimzeichen, das sich in der Brusttafche des rmdevgewortstnen und geknebelten Nebenbuhlers fand, letztes Tete-a-tete, während unter dem Fußboden die Höllenmaschine tickt, angstvolle Spannung und Knalleffekt. Was ist in den Händen des Dichters aus diesem Stoff geworden! Nur wer sich in das Buch vergräbt, in diese köstliche, wesenhafte Sprache, die überquillt von Schönheit und Weisheit, in dieses Bühnengedicht, schwer von Gesichten, kann es ausschöpfen. Um wie viel mehr ist Sammlung und Bereitschaft geboten, wenn es aufgeführt wird! Das Publikum hatte diese Bereitschaft im letzten Akt nicht, und ich glaube, hier hat auch die Darstellung versagt. Jda R o l a it d, die große Komödiantin (es ist keine Herabsetzung), die Frau mit dem ungewöhnlichen Kunstverstand, war außerordentlich, so lange sie Ist, das Weib, ntimte. Me, die Heilige, in Gott gesammelte, aus allen Verstrickungen irdischer Lust und Oual gelöste, konnte sic nur klug ntarkicren. Attch Herrn Aslan, ihrem sonst vortrefflichen Partner, fehlt die beschwingte Kraft für diesen Gipfelpunkt. Meisterhaft Herr Heine als Amalric und glaubwüvdig der jüngere Herr Z e s k a in der schwierigen, undankbaren Rolle des Gatten. Die einprägsamen Bühnenbilder stammen von Remigius Geyling und Hans Prahm, der neue Spielleiter hat eine würdige Aufgabe würdig gelöst. Otto A b e l e s 120^8583

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