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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-08 · Heft 1849 (8.4.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1849 (8.4.1924)
Date
1924-04-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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'«»I> Wen, MM«g Der Berater. Don Dr. Isidor Schallt. Die „Rewe Frei« Presse" beschäftigt sich in ihrem sonntägigen Leitartikel mir der Person des Herrn Dr. Gottfried KnWvaN». „Dieser Mann ist .seit dielen Jahren »in armer Kranker, ein Rumpf mit einem mächtigen Schäv.l . . . Dieses Fragment eine« Manischen, dieser Leidende, der sich tanm mehr auS dem Hanse zu entfemen vermag, dieser Unboamtete, gehört trotzdam zu den Anserwählten, zu dem ganzen engen Kreis derer, die Einfluß haben und die Entschlüsse der leitenden Personen kennen -wnd zu bestimmen vermögen." Nie „N. Fr. Pr." fragt: ,Mie konnte Dr. Kunwald diese Stellung sich «rringen, woher ist ihm die Macht verliehen worden, die sich trotz all«, Bertborgenheit rn solcher Stärke äußert. . .? Ist in der RapMÄ in /unserer Zeit der Demokratie noch Platz für einen Ratgeber, paßt die Rolle der Egeria in eine Epoche, wo scheinbar alles ins Helle Licht der OesfentlWnt gezogen wird? Und alles, was ohne Deranttrwrtung und ohne parlamentarische Genehmigung arbeitet, verurteilt wird?" Dieser Artikel läßt uns aber die Tragödie des Oesterreich, die wir alle mit erlebt halben, wieder schauen. Wie? Früher ist alles in Hellem Lichte der Ooffeutlichleit und der parlamentarischen Verantwortung geschehen, früher handelte man immer nach den Gelboten der Volikssouderänität: Oefrntlichckeit in den Vechandlungen, Oesfentlichkeit der Beschlüsse, OvffentlichLeit der Kontrolle? Wie? Früher hat es nicht so etwas wie eine Wque gegeben, die unbelastet von parlamentarischer Verantwortung entschüdend in die Geschicke Oesterreichs eingegrissen hat? Ta erinnern wir uns an jene trostlosen Zeiten, in denen unablässig an der Zersckmetterrmg des großen Wirtschaftskörpers Oesterrrich-Nngam gearbeitet wurde, dessen Erhaltung und Ausgestaltung nichr etwa ein dynastisches Interesse war, sondern im Jnteressenkreis des PcyifiSmus, des Friedens und der Ordnung in Europa lag. Immer hat es Ratgcber gegeben und inrmer wird eS solche geben, solange nicht Menschen von besondrer Gülte in biologischen Laboratorien gezüchtet werden, die gang automatisch aus sich selbst heraus, unbeeinflußt zu ihrer Erkenntnis und zu ihren feststehende, nicht mehr zu verrückenden Entschließungen gelangen. Solange nicht ein solcher Automatenmensch geschaffen ist, solange wird es auch immer Ratgeber für alle Mächtigen und Herrschenden geben. Es ist .nur die Frage, ob die richtigen Ratgeber auch immer zur Stelle sind. Die Ratgeber des alten Oesterreich halben dieses Oesterreich zu Tode geraten. Statt die führenden Männer und die ganze Bevölkerung von allem kleinlichen Tagesgezönk lostznlosen und freie Bahn für die großen Probleme der Gegenwart zu schaffen, haben sie Oesterreich in den tödlichen Nationalitätenkamps hinerwgehetzt, haben sie das allgemeine Wahlrecht durch lange Jahre sabotiert, haben sie die nationale Autonomie als Hochverrat cm den Pranger gestellt. So haben fie die .nationalen Leidenschaften ins Unermeßliche hiuauskizitiert, die Idee des reinen Rechtsstaates untergraben und das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Staate, das StaatAbewußtsein getötet. Und unter diesen Ratgebern befand sich stets die „N. Fr. Pr.". Die sicht ez mit der parlamentarischen Bevantwortnny in der Republik Oesterreich aus? Kommt alles Geschehen von der verantwortlichen Regierung oder gibt es noch Körperschaften, die ohne Verantwortlichkeit im konstitutionellen Sinne dennoch auch entscheidend für den Wiederaufbau Oesterreichs geworden sind? Die Arbeitgeber, der Bund der Industriellen und der Bankenverband auf der einen Serie, dr« Arbeitnehmer, die Gewerkschaften auf der anderen Seite sind mit parlamentarischer Verantwortung nicht belastet und dennoch entscheidende Faktoren sowohl im wirtschaftlichen wie im politischen Leben Oesterreichs. Daß es so gekommen ist, ist die notwendige Folge der Schwäche des Parlaments. Das von der „N. Fr. Pr." beratene Bürgertum der jungen Republik hat versagt, es Hai sich selbst ausgescholtet; die politischen Kräfte, die zftveifeMos im Bürgertum vorhanden sind, kommen dem Staate nicht zugute, fie leben sich nur in der Provintz und im Geiste der Provinz aus. Um über die Schwierigkeiten des täglichen politischen Lebens hinauszukommen, hcvt man den Ländern einen .Knochen nach dem anderen h imgeworfen. Dadurch ist dcr Staat gesprengt worden. IM allten Oesterreich gab es kein Staatsbewußtsein, wir sinden es amch nicht in .der neuen RepuMik. Nichts hat sich geändert, nur eines: an die Stelle des Nationalsiätenkampifes ist die Provintzlerei gekommen. Also die Demokratie ist noch nicht ganz Vorkommen. Auch fetzt gibt es noch Ratgeber. Nur meint dir „N. Fr. Pr.": „In früheren Zeiten war es ein Salon bedeutender Frauen, ausgezeichnet durch Geist und Schönheit, wo die heimlichen Einwirkungen aus die Politik erfolgten. Heute gehen sie in die Schulerstraße, in die DreigimMer- Wohnung eines kranken Denkers. Ob das, was aus dieser 'Krankenstube,kommt, auch wirklich Oesterreich zum Segen gereicht, das ist das große Rätsel." Wer also soll der Berater der führenden.Männer sein? Diese Frage beantwortet die „N. Fr. Pr." nicht und es ist klar, daß sie sich selbst und ihre nächsten Kreise meint. Nun, wir haben durch Jahrzchnie hindurch die „N. Fr. Pr." als Berater gesehen, wir haben erfahren, daß Juden, die m falscher Auffassung ihrer Assimilationspolitik in den verschiedensten nationalen Lagern nationale Politik trieben, scheitern mußten, .daß sie, eingeengt durch die Erfordernisse der nationalen Kämpfe, ihren freien Ausblick verloren haben, daß sie in jÄer Partei immer nur die Außenseiter waren, di« nie das Rennen gewannen, und wenn sie schon ans Ziel gelangten, susarnmenbrachen. Was hat ihnsn all ihre selbstlose Aufopferung genutzt, sie wurden überall entfernt. Ihr Einfluß ist Rull, ihr Rat wird nicht gehört. Das ist das Schicksal eines jeden Juden, der vermeint, über den Judenhaß sich durch seine PErbnlichkeit, Arbeit mtd Tüchtigkeit hinwegsetzen zu können, der, «nt den edelsten Motiven getragen, eine fubrende 3'^!c> ir. t)-:r Wiener MovgenzeltUNgk.^ _, s. AM iM4 ' , . ' Ir. Mmermans Kritik. La» Abflauen der Konjunktur. — Ueberbesteurmng in Wie«. Der 13. und 14. Monatsbericht des, Generalkom« mifsärs Dr. Zimmer man, welche die Periode vom 15. Dezember 1928 ÄS 16. Februar 1924 umfassen, zeigen den Generalkommissär wieder in seiner Rolle als unermüdlichen Wiahner, der sich nicht damit begnügt, die Verwendung der Sameru-ngskredite, ihren Zinsen- und Amortisationsdienst zu überwachen, und die Regierung ständig an die übernommenen Vertragsverpflichtungen zu evinnern, sondern darüber hinaus auch sich bemüht, die gesenkte Wirtschaftspolitik im Sinne des raschen Wiederaufbaues zw beeinflussen. In beiden Berichten urgtert Dr. Zimmerman die Gesetz Werbung der Abgabenteilungs- Novelle, um dje Bekckung für die Mehrbezüge der Beamten zu erlangen. Um die Regierung zur Beschleunigung ihrer Tätigkeit aus diesem Gebiete anzuspornen, hat er den Fmanzminister verständigt, daß er keinerlei neue Freigabe von Kreditbeträgen bewilligen würde, bevor nicht eine entsprechende Deckung für die Gehaltserhöhung geschaffen wäre. Der Generalkommissär lenkte auch die Aufmerksamkeit des Finanz- Ministers auf die beträchtliche Zunahme der sogenannten Zollwechsel, die nicht von heute aus morgen realisiert werden können. . i Die Hauptursache der Teuerung erblickt er iu dem Anschwellen der E i ms u h r, in der Auftvertungsbewegung, dem ihr folgenden Ueherkonfum und schließlich in der erhöhten Steucrb c l a st u n g. Ter Monatsbericht stellt fest, daß die Situation der Industrie Anlaß zu mancherlei Beunruhigung gebe. Die Nachfrage auf dem Jnlandsmarkte nimmt ab, ohne daß sich die Expor-Aussichten hinreichend bessern würden. Die allgemeinen Kosten, welche die Produktion 'belasten, machen sich sehr fühlbar. Die öffentlichen Ausgaben scheinen eher zu tvachsen als abzunehmen, sie stabilisieren sich überall aus einem Niveau, >das Dr. Zimmerman zu hoch erscheint. Während die provisorisch« Delegation des Völkerbundes eine Steuerbelastnng von 75 Goldkronen pro Kopf der Bevölkermtg Vorsatz, übersteigt sie tatsächlich 100 Goldkronen. „Bor allem", schreibt der Generalkommisiär, „scheint mir eine gewisse Ueberbrfteuerung in Men schon jetzt der Grundidee des Reform planes zu widersprechen, die darin bestand, daß die Sleuevkrast der österreichischen Bevölkerung durch die Gesamt- Nicht 8, nicht 14, sondern billige Tage bet ..Adeslstrumpt" L Trattnerhof Nr. 2 allgemeinen Oeffentlichke-it erstrebt. Aber es gab Juden, die von hochstrebenden Plänen nicht gejagt wurden, die nicht den Ehrgeiz hatten, in der Tagespolitik führend zu sein, die dennoch Berater Ihrer Zeit waren. Es gab in unserer Zeit einen Juden, der in einem kleinen Kreise jugendlicher Feuerköpfe, unbekümmert \m das Gewühl der Tagespolitik seine Freilandsidee propagiert«. Und es gab einen anderen Juden, der seine Erfahrungen in einem Tagebuch zurückließ, das nach seinem Willen erst 25 Jahre nach seinem Tode veröffentlicht weiten durfte. Sie sind Berater chrer Zeit geworden. Theodor Herzl, der erste Verfechter der Idee der Vereinigten Staaten von Europa, war ein Freihändler, ein Gegner des Schutzzolles. Denn Schutzzoll bedeutete für ihn Ausbeutung des Innern, Kampf nach außen und in letzter Linie Krieg. In den Schriften Theodor Herzls können wir sein« Anschauungen über die Wichtigkeit und Bedeutung der Schaffung großer Wirtschaftsgebiete unter Ausschaltung des Zollkampfes lesen. Es ist ein tröstender Gedanke, zu wissen, daß zu allen Zenten und bei allen Völkern die Juden Berater waren, nicht Juden der großen, lauten Oeffentlichkeit, sondern Inden in der Stille ihrer Gelehrtenstube, Juden, die unbekümmert um den Tag an ihrem Werke schufen. Tief durchdrungen von der Solidarität aller menschlichen Interessen, in Erkenntnis der Wechselwirkung aller menschlichen Arbeit war der Jude immer der richtige und gute Berater für seine Umgebung. Dr. Kunwald steht nicht in unserem Lager, er hat sich vom Judentum so weit entfernt, daß ihn, einen Enkel des Prager Ghettodichters Kompert, nur der Trotz davon abhält, den letzten Schritt zu tun. Wenn die Regierenden Männer ihre Berater nicht aus üppigen Salons, sondern aus stillen, jüdischen Avbeitsstuben holen, daun wird sicherlich das große Rätsel, von bem die „R. Fr. Pr." spricht, leicht gelöst sein und eines werden sie sicher dort finden: die Vernunft. In der „Reuen Freien Presse", die gegen Kunwald wettert, die Herz! totzschweigen wollte, finden sie höchstens das politische Testament" des gewesenen Staatsanwalts Chlumecky oder die Empfehlung eines politisierenden Dameusalons. heit der fiskalischen Maßnahmen nicht überschritten werden dürfe. Wien ist eine teuer« Stadt geworden. Der Fremdenverkehr bekommt dies zu fühlen. Die Hotelindustrie verzeichnet eine Verminderung der Zahl der ausländischen in Wien ab gestiegenen Reisenden. Die verlangten Preise spielen dabei sicherlich eine Rolle. Sie sind nur zum Teil in der Erhöhung der Betriebskosten begründet. Die Schuld hieran trägt die Uederbe steuernng. Es gibt in Wien! Hotels, die pro Tag und Zimmer ungefähr 6 Goldkronen an Steuern zahlen. Der Passivsaldo der Handelsbilanz, der gegen Ende des Jahres vor Erhöhung der Waren- Umsatzsteuer noch durch große Käufe verschlechtert wurde und die daraus zuri'ickgehenden Auslandszahlungen zu Beginn des Jahres 1924 erklären das aus dem Wiener Devisenmärkte im Jänner ausgetreten« Defizit. Diese Bewegung findet an der Börse kein Gegengewicht in einem Zu st rö men fremden Kapitals. Im Gegenteil, Engagements werden gelöst nnid das Spekulationökapital wendet s i ch a n de r e« P lä tz « n z u. Man kann in diesem Monat auch «ine Verminderung um ungefähr sieben Millionen Dollar de's der Devisenzentra'le z-ur Verfügung stehenden Vorrates an ausländischen Zahlungsmitteln sestftellen. Die Produktion liegt in Oesterreich darnieder und darunter leiden sowohl die Unternehmer als auch di« Arbeiter. Der Bericht schließt mit foltz«nde-r ernsten Mahmrugt „Man läuft keinerlei Gefahr, wenn man die Notwendigkeit einer Verringerung der öffentlichen Ausgaben in Aufsicht nimmt. Im Gegenteil, in der Verzögerung der Ersparungsmaßnahmen liegt eine große Gefahr, wemr sich das gegenwärtig« Niveau der Einnahrnen nicht als dauernd ettwif«« sollte. In der gegenwärtigen lwirtschaMchen Sitriation Oesterreichs kann die Industrie ihr ErtväMis nicht durch Erhöhung der Verkaufspreise, sondern nur durch Verringerung der Erzeugungskosten vermehren. Es ist daher notwendig, ihre Lasten zu verringern, um das Gedeihen des Landes aus eine stabilere Gmndlage zu stellen. Das Jahr 1984 soll für beide, Industrie und Staat, e i n Jahr der Reorganisa t i o n sein, um so das SnnievungSjahr zu werden und den vom Völkerbund in Angriff genommenen Wiederaufbau zu krönen." Berringemvg der Budgets Kr den Mittlere» Men. BerSndermtgen im Pasäftlnenstschen Beamtenstave. — Ein palästinensischer Sekretariatsbeamter ins Kolonialanrt berufen. Jerusalem, 6. April. Me der Palästinensischen Telegraphenagentur offiziell mitzgeteilt wurde, ist der stellvertvetende Staatssekretär der Paläfti na--Regie vu ng, Edward Koith-Noach, als deren Vertreter ins Kolonial a m t nach London berufen worden. An seiner Stelle wurde der Privatsekretär Sir Herbert Samuels wnd früher« Sekretär der Zionistischen Kommission des Kolonialamtes, Mac Nuroc, -um stellvertretenden Staatssekretär bei der Palästina-Regierung ernannt. Die Verminderung im Stande der britischen Beamtenschaft in Palästina, welche im Zusammenhang mit den Ersparungsmaßnahmen der Palästina-RoWemng erfolgt, ninvmt ihren Fortgang. In der letzten Zeit sind folgende britische Beamte der Palästina-Regierung zorvnckgetreten: der stellvertretende Schatzmeister Mr. Little; der Präsident des palästinensischen Landgerichies Mr. Ongloh; der Schwadronkommandan-t der pÄästiuenisischen Gendarmerie Leutnant Pop keß; kr Direktor für die Einlwanderung Mr. H. M. Morris und "der Gouverneur des Snbdistrikts von Berfeba Mr. Cartwrigth. Die Gesamtzahl kr bet der Regierung boschästigten Beamten ist um mehr als 100 reidutziert worden. Gegenwärtig beträgt der Beamtenstand 271 gegen 377 im April 1921. In dem kürzlich herausgekormnenen englischen Voranschlag für das Jahr 1924-25 ist eine Summre von 5,719.000 Pfund für den Mittleren Osten enthalten, was gegen das Jahr 192Z-24 eine Verringerung nm 2,954.000 Pfund ausmacht. Die Verteidigung von Mesopot-e,-Änen und Palastina'wird mit 4,841.000 Pfund berechnet (eine Verminderung um 2,689.000 Pfund), wovon auf Mesopotamien 4,106.500 Pfund und auf Palast in a 734.500 Pfund entfallen. In der Zahl für Palästina sind 265.000 Pfund für die Ansgabeu der palästinensischen Regierung für die Gendarmerie enthalten. Rücktritt des Präsidenten der arabischen Nationalpartet. Jerusalem, 5. April. Wie der arabische „La--Aharam' bevichtet, ist Scheich Al Far akkt als Präsident der arabischen Nation all Partei ^urückgetret«n, weil die Mitglieder der D-ereinigung ohne vorherig« Einvernahme mit ihm kr Ausrufung König Hnsseins Mmt Kalifen LuaMmmrt Laben.

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