Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1847 (6.4.1924)
- Date
- 1924-04-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wiener Moraen-eitung. -vch Tatsache, die fvcilich denen, die Deutschland faktisch beherrschen, noch nicht zu Bewußtsein gekommen ist. Das Heldentum der Exzellenzen, die von sicherem Port aus zündeln imd anderer Leben und Existenz aufs Spiel setzen, hat da wieder einen Durchbruch versucht. Die Verweisung an den Völkerbund soll, so meinen sie, den so berühmt gewordenen Keil in die Front der Alliierten treiben. Will Deutschland die Entscheidung des Völkerbürwes, so braucht es sich ja nur um die Aufnahme in diese Körperschaft zu bewerben. Aber die Vorbedingung hierfür wäre die Nicwerlage der Reaktion. Tmanische PhmtMen. Bon unserem Budapester Korrespondenten. Es ist fast unbegreiflich, wie ruhig und sorglos Euwpa seine kleinlichen Zänkereien über Weltfrieden und ähnliches Geschwätz fortführt, während in Budapest sich große Dinge vorbereiten. Die ,In ramsche Gesellschaft", dieser Exponent des dümmsten magyarischen Chauvinismus, hat in einer solennen Kundgebung dem Wester: und der rvestlichen Kultur die Freundschaft gekündigt und feierlich erklärt, daß Jungmagyarien sich nunmehr ernstlich „orientalisch orientiert". Die westliche Kultur, sagte der Dichter des Rassenschutzes, Julius Pekar, ist bankrott. Ungarn ist so hera-bgekom-men, weil die ungarische Jugend sich ihre Kultur int Westen geholt hat. Ex Oriente lux! Aus dem Orient kommt jetzt das Licht, und Pe.kar, der Rassenmagyare mit dem tschechischen Namen, konstatiert wohlwollend, daß die Brüder in Angova endlich erwacht sind, und da sei es nur recht und billig, daß die Erwachenden Ungarn zu ihren erwachenden Rassenbrüdcrn nach Angora wallen. Die Tragödie des ungarischen Volkes habe begonnen, als Stephan der Heilige die Ta n fe'nahm. Damals sei der Fluch über Ungarn gekommen und die jungen Turamer wollen nicht länger unter, diesem Fluch leiden. Die tvestliche Kultur ist ohnehin im Absterberr begriffen, Ungarn habe jetzt eine neue Aufgabe bekommen, es habe die Brücke zu bauen zwischen der erwachenden Kultur des Ostens und der in den Sumpf sinkenden Kultur des Westens. Der eine Pfeiler dieser Brücke rverde auf irgend einer japanischen Insel und der andere zwischen der Donan und der Theiß stehen. Diese Rede Pekars sowie andere turanische Liebesrvgüsse, hätten in Gegenwart des M:: stapha Safed Sei, der einen Vortrag über Griechenland in der turani-!chrn Gesellschaft angekündigt hatte, gehalten werden sollen. Aber der kluge Bei zog es vor, sich krank zu melden und so war keine Lldrcsse da, an die die Liebeserklärung hätte.getüchtet lverden können. Diese turanische Gesellschaft mit ihrem Pekar an der Spitze hat übrigens nicht nur in Budapest, sondern auch tn Konstantinopel und Angora recht heiter gewirkt. Man findet es in türkischen Kreisen, wie den dortigen Blättern. >fn entnehmen ist, recht naiv, daß die Ultrarnagyaren gerade jetzt sich orientalisch ein stellen wollen, und dies mit Miller Verurteilung der westlicher: Kultur begründen, da |mbc in Angora ein Bruch mit den typisch orientalischen Wesen vollzogen und ein ivestlich kultureller Kurs eilige; schlagen wird. Als hätte Mnstapha Kemal Pascha geahntlaß ihn: eine Verbrüderung durch die Erwachenden Ungarn ^rohe, wich er diesen rückschrittlich orientalisch gesinnten/ pveifelhafien Rassenbrüdern aus und schließt sich dem westlichen Kültuskreis an, von dem die Magyaren Horthy-Un- -rarns so gar nichts profitiert haben. Bon der Kultur die Pekar mit seiner ganzen turanischen Gesellschaft nach dem ■Orient bringen könnte, hatten die Türken zu Hause genug. Vor dieser flüchtet sich eben Kemal Pascha und die junge lmirkei in den westlichen Knlturkreis. In der Versavm:- Hung der turanischen Gesellschaft haben die Ausführungen lvenig Verständnis gestruden. Als einer der Redner mit latolz erwähnte, daß demnächst zwanzig turanische Ingenieure nach Angora gehen tverden. wurde aus den: Auditorium gerufen: „Schicken wir doch lieber die Inden hin!" Pekar meinte hierauf: „Die Juden schicken wir anderswo hin..." Ne Zaffaer Schießerei in arabischer Beleuchtung. Von unserem Jerusalemer Korrespondenten. Am Purim-Abend, während Tel-Awiw voll war von .'unten Aufzügen und die Straßen wiederhallten vom 1?ärm der Masken, ertönten auf den Sanddünm bei Tel- Awiw Schüsse und bald daraus wurden zwei verwundete Juden in das Hadassah-Hospital eingeliesert, von istnen einer seinen Verwundung e n erlag. Wenige Stunden nach dem Vorfälle wurden in der Nähe von Tel- Awiw drei Araber durch Revolverschüsse verwundet, von denen ebenfalls einer seinen Verwundungen erlag. Die traurigen Vorfälle bilden den Gegenstand der Untersuchung der Behörden. Die Juden haben sich diesmal nicht irritieren lassen. Wenn es, wie die hebräische Presse meint, der Zweck des Ueberfalles Niar, die jüdische Festesfreude zu stören, so ist dieser Zweck nicht erreicht worden. Wie sich die Sache von arabischer Seite spiegelt, kann man einem Artikel der ägyptischen Zeitung ,,Al A'hram" entnehmen, die schreibt: „Kein Freund Palästinas wünscht die Lösung der verwickelten Palästina- Frage durch Blutvergießen. Es ist wünschenswert, daß die beiden Ereignisse einfach als Tatsachen bewertet werden, wie sie in jedem Lande Vorkommen. Aber die politische Lage Palästinas ist eine solche, daß nmn sich nicht wundern dürste, tvenn die Ereignisse einen politischen El lier bei am men. Wenn sich zeigen sollte, daß das Ereignis einen politischen Charakter trägt, so muß die Regierung den Ursachen nachgeben und darf sich Nicht Mit der Bestrafung der Schuldigen begnügen. Die Regierung hat bisher nichts getan, um das Land dauernd zu beruhigen und die immerwährende Gefahr zu beseitigen. Die Pal äst i na->Fr a g e muß in Palästina gelöst werden, ehe sie in London und im Völkerbund gelöst wird, weil sie in Palästina entstanden ist. Jede der beiden Parteien versuchte England zu zeigen» daß gerade sie am besten den Interessen Englands diene. Es ist sinnlos, diesen Zustand fortbestehen zu lasten. In einiger Zeit werden sich die begeistertsten Zionisten überzeugen, daß es leichter ist, d i e Jude n mit den Arabern z n vereinigen, als die Araberaus Palästina zu verdr ängc n. Dies ist der beste Weg zu einer Verständigung mit den Arabern, wenn beide Völker gemeinsam Freud und Leid tragen werden. Es ist Sache der Mandatarmacht, die Heilung zu. finden und nicht cs jedem einzelnen der beiden Völker zu überlassen, sich mit eigener Kraft eigenes Recht zu schaffen." Das ist ein Ton, der sich hören läßt. Zer MMe«m?Mer über die BorMe in Jaffa. London, 4. April. (I. T. A.) Im Unterhaus richtete iUUue an das Staatssekretariat für Koloniswesen die Anfrage, ob die Regierung geneigt wäre, über die zwischen I u b c n und Arabern stattgefundenen Z u s a mmenstoße in Jaffa Aufklärungen zu geben. In seiner Antwort führte Kolornalminister Thomas aus: „Laut Informationen des Obevkommissärs von Palästina wurde:: am 20. März im Manshi wirrte! von Jaffa z w e i I u d e n a n g e s ch o s s e n u:id> verwundet. Bei den Polizei! ch e n N.a ch f o rs chai n g e n kam es zwischen den A r ab e rn und der Poltze i zu Zusa :n :n e n st äßen, wobei drei Araber verwundet tvurden. Ein Jude und ein Araber sind ihren Verletzungen erlegen. Von einer Ausbreitung der Unruhen kann nicht die Rede sein, e's handelt sich bloß um eine kle ine lokale Erregung, die Lage war durchaus normal. Die öffentliche Meinung in beiden Lagern verurteilt das Verbrechen. Im Zusammenhang mit diesem Vorfall wurden nrehrere Verhaftungen voraeuommen. lliu Weltreisender durch Araber in Palästina ermordet. Der Journaliit T a t r a n 8 k i aus Prag und seine Frau, die ans einer gleise um die Erde zn Fuß begriffen waren, wurden, wie F. T. A. ans Jerusalem berichtet, am 27. März in der Dämmerung, als sie sich gerade in ihr Zelt in der Nahe von Nablus zu'rückziehen wollten, von arabischen Räubern überfallen. Tatranski wurde getötet, seine Frau schwer verletzt. Sieben Araber wurden unter dem Verdacht, an dem Ueberfall beteiligt gewesen zu sein, verhaftet. Tatvanski und Frau waren auf ihrer Weltreisetour durch die Schwei:, Frankreich, Spanien, Marokko, Tunis und Aegypten nach Palästina gekommen. Nicht 8, nicht 14, sondern billige Tage bei „Jöealstrumpt L Trattnerhof Nr, 2 Ae rrrUch-rumSMe Konferenz. Demokratie und Rätekongreß. Dem Abbruch der VerhanAnngen der russischen und rumänischen Delegationen ivar eine Anzahl von Erklärungen vvrausgegangen, in welchen die Führer der Abordnungen den Standpunkt ihrer Regierungen im der b e ß arabisch e n F ra g e vertraten. Rußland sieht den Heimfall Beßarabiens nicht als vollzogene Tatsache an, protestiert gegen die.inzwischen durch Frankreich erfolgte Anerkennung und schlägt die. Volksabstimmung vor. Rumänien dagegen beruft sich auf die Beschlüsse des beßarabischen P r o v i n z l a n d i a g e s und kann die völkerrechtlich sehr bedeutsame Tatsache konstatieren, daß die Bevölkerung dieses Gebietes vorbehaltlos an den allgemeinen Wahlen zur r urn ä n i s ch e n K a m:n e r teilgenommen hat. Zwischen diesen einander diametral entgegengesetzten Anschauungen konnten die Unterhändler keinen Ausgleich finden. Es ist nun Sache der Regierungen, den Faden, der nun in Wien abgerissen ist, svrtznspinnen, wie es denn überhaupt den Anschein hat, als hätten nach vorausgegangener Intervention einer dritten Macht beide Staaten den Anlaß wahrgenommen, die in T i r a s P o l und Odessa ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit miteinander begonnenen Pourparlers nnmnehr im Zentrum Europas fortzufiihren und dies gerade an der schwierigsten Stelle, der der territorialen und nationalen Empsindlichf-eit zu versuchen. Es ist nun denkbar, nach unseren Informationen sogar tvahrscheinlich, daß die Verhandlungen durch Vermittlung einer d e r W e st m a ch t e Mer den toten Punkt hinaus geführt werden und daß in der beßarabischen Frage ein Modus procedmdi gefunden werden wird. In der rumänischen Kamm er sprach eine Anzahl von Rednern die Hoffnung ans eine baldige Beilegung des Konflikts aus. Dagegen ist die Moskauer Presse sehr erregt. Die offiziöse „Jswestia" erklärt, Rußland tz. Apvll tM ___ M. 184* warte die Konjunktur ab, die eK möglich machen Werpe, au! der praktischen Durchführung des Prinzips der ÄjlhsiHe! tinununig zu beharren. * Der russische Gesandte, Herr Krestinski. hat btz! einen: ihn: zu Ehren in der Sowjetgesandtschask veranstab teten Empsalrg der Vertreter der Wiener Presse Erklärun« gen abgegeben, die eine posthume Polemik gegen die rimüi' nlsche Auffassung darzustellen scheinen, in Wirklichkeit 'üb« ein an die Adresse Europas gerichtetes BekeMkuis zui D e:n o k r a t i e sein sollen. Cs ist überraschend, von diese: Seite solche Worte zu hören, ober der ^bestechende Klanx dieser Versicherungen täuscht doch nicht über die Mrklich fett hinweg. Herr Krestinski sagt'. „Cs gibt in den Grenzeü der Union der Mt-Mschev Sowfetrepübliken kein emzigeZ Volk, . und wäre es noch ft klein, welches nicht klar und eindeutig seinen Wunsch, dew Sowjetverbandc anzugehören, geäußert hätte. Alle VMe: und Diämme haben ihrem diesbezüglichen Willen ruf zahl» reichen Sow ie Kongressen Ausdruck gegeben." Tatsache aber ist, daß es kttn einziges Volk mb keinen einzigen Stamm in Rußland gibt, welche durch von der Gesamtheit gewählte Vertreter eine solche Willensäußerung hätten Vorbringen lasten.^ Herr Krestinski beeilte sich denn auch, hinzuzusügen^ „Wir betrachten-die. Rätekongressc als den geeignetsten Ausdruck des Bolksivillens" und wahrt sich so den Rückzug. Denn für jeden, der nicht die bolschewistische Brille trägt, sind die Ratekongresse, die Aussprachen einer nur durch militärische Macht sich haltenden versHwiirdenld geringen Minorität, überhaupt kein Ausdruck des Volks- Willens. Sie sind nicht eintsiäl der Ausdruck bestimmter Kategorien der proletarischen Klasse, weil sie mtr die kommunistische Partei repräsentieren, während jede andere mit der Fuchtel niedevgchalten wird. Es ist um die Willensmeinung, die sich in solcher Art vollzieht, eine eigene Sache. Zudenr nrag man bedenken, daß kleine Völker, die in große, andcrsnationale Gebiete 'eingesprengt sind, gar keine andere Wahl haben, als „den Wunsch, dem Sowjetberbgnde anzugehören". Einerseits aus Rücksicht auf ihre sonst bedrohte physische Existenz, andererseits aus wirffchastlichen Gründen. An den Rändern K'eiat sich ein ganz anderer Wille. Finnen, Letten, Esten und Litauen, haben sich losgesagt und die Union mußte dies notgedrungen zur Kenntnis nehmen; und Georgien, dessen Arbeiter und Bauern Herr Krestinski als Erdzeugen zitierte, hat, wenn wir nicht irren, erst auf nachdrüMches Zureden durch die Rote Armee ulld die Tscheka, den Anschluß an die Föderation aus sich genommen. Es berührt deshalb sonderbar, wenn ein Sowjetvertreter von Demokrat^ spricht. Sie enMch'Mssischeil BerhaMrmgm. London^ 6. April. (Tel. der „Wr. Movge:vzeitung".s Die russische Delegation zu der russisch-englischen Konst-' renz trifft hier am Dienstag eilt. Die Konferenz beginnt am Mittwoch oder Donnerstag. Wwa und Buchara - Sowjetrepubliken. London, 5. April. Das Rmtersche Bureau meldet aus Allahabad: Nach Berichten Es Tnrkestan haben sich die Russen die Kontrolle des Khanats Chiwa und des Emirats B o ch a r a gesichert, Beide werden Sowsttvepnbliken und mit Rußland durch Vertrage verbunden. Die Republik T u r k e st a n nät der Hauptstadt Taschkent wird eine a>rrtonome Sowjetrepublik. Sie Wahlbewegung in Deutschland. Loebe gegen Ludendorff. (Eigelchivifft der „WieiM MovgenzeiNmg".) Berlin, 6. April. Der Präsident de's Reichstages, det Sozialdemokrat Loebe, hielt in einer Wählevversammlung eine Rede, in der er s5gte: Wir Sozialdemokraten sehen mit großer Genugtuung dem AugeM'ick entgegen, in dem Ludendorff in d^n Reichstag kommt. Wenn er 'ixt vom Dolch stoß spricht, so werden wir ihm sagen, daß das eine Schändung per Massengräber ist, in denen Hunderttausende votz Söhnen der Sozialdemokraten iwben den andern VolMenossen mhen. Wir werden ihn an die Frauen erimiern, die ihre Kinder vernachlässigen mußten, weil sie in den Munitionssabviken arbeiteten. Wir wevdeli ihn fragen, ob er dann noch die Stirn hat, d i e S ch u l d'a u f d a s deutsche Volk zn schieben. Krawalle in Frankfrtrt. Frankfurt a. M., 6. April. Boi einer deutschdölkischen Wählerversammlung, in der der bekannte Antisernitenführer Dr. Wulle sprach, kam es gestern abends zn blutigen Zusammenstößen zwischen D e u t s ch v ö l k is ch e n und K o rn nt u n i st C n. Es wurde dm Anzahl von Personen verwundet, die in das Krankenhaus eingeliestrt wurden. Einige von ihnen sind so s ch tue r verwunde t, daß an ihrem Anskommen gezweiselt wird. Die Polizei konnte den Saal erst räumen, uachdein sic einige scharfe Schüsse abgegeben hatte. Die Wahlen im gesetzten Gebiet. Paris, 5. April. Im Laufe der gestrigen Untervcdllng zwischen Poincare und d^n Botschafter Hoesch 'hat der französische Ministerpräsident darauf hinge wie sin, wie sehr die jüngsten AenßemngeN deutscher Minister die Teilnahme der besetzten Gebiete an den be, vorstehenden Wahlen erschweren. Landtagswahlen in Bayern. München, 6. April. (Tel. d. „Wr. Alorgenzeilung".) Für inorgen sind die La n dtag s w a h l e n in Verbindung mit der Volksabstimmung über die Versa s s n n n s-. •.iffiiiaiiijajift