Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1844 (3.4.1924)
- Date
- 1924-04-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3. AM 1924 Serie 8 Wien, Donnerstag >... .. —... ..., —----- — der General gerade zu jener Zeit mit seinen! lieber tritt zur Revanchepartei beschäftigt war und in Frankreich als alles eher, denn als Bekämpfer der Rache gelten mußte. Inzwischen ist seine Dracheusaat in die. Halme geschossen und die Regierung mußte ihr Kompromiß machen. Der Sieg der französischen Anschauung in dem Bericht der Experten entscheidet diesmal wie immer für Ludendorff, der hier zugleich sein bedeutendster Urheber war. Er ist Sachverständiger auf dem Gebiet der Verelendung Deutschlands und nach ihnt richten sich alle, die des gleichen Willens' sind. In Deutschland einigen sich die Feinde der Demokratie und des Friedens, draußen die Experten. Kmigratiansgesahr. Unter den europäischen Völkern gibt es eiru1 Reche ton solchen, die matt als Emigrantenvölker bezeichnen könnte. Zn ihnen zählen die Italiener, Polen, Iren, Slowaken und allerdings in einem starken Abstand di« Deutschen. Von bcu vier zuerst genannten Nationen, kann man geradezu behaupten, daß sie die typischen Vertreter kontinuierlicher Wanderung sind. Dann ihre Emigranten, die durch Uebcrvölkerung, ivirtschastliche Umstände oder aüch politische Verhältnisse (Iren) zur Auswanderung genötig werden, kehren in vielen Fällen wieder in ihr Heimatland zurück, von wo dann der Strom bet überseeischen Emigration — die Binnenwanderung mancher Volksteile in Europa, wie der Griechen, Tschechen u. a., bleibe hier unberücksichtigt — weiter fließt. Bis vor einem halben Jahrhundert gehörten auch die Deutschen zu den Vertretern der kontinuierlichen Wanderung, heute können sie in diese Kategorie nicht eingerecht werden^ wenn auch die katastrophalen Verhältnisse nach Beendigung des Krieges die Auswandernngsbewegung in Deutschland verstärkt haben. Die Emigration aller genannten Völker spielt sich in einer gewissen regelmäßigen Bahn ab, die, wie schon erwähnt, durch die Schwingungen der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse das Answandecerelement sozusagen mit der Tour- und Retourkarte versehen in die fernen Länder führt. Eine ganz andere Kategorie von Emigranten aber stellt das jüdische Volk, sowohl nach Ursache wie auch Endziel und Endzweck der Wanderung. Die Juden zählen ebenso wie die übrigen hier aufgezählten Völker zu den kontinuierlichen Wanderern; aber schon in der wirtschaftlichen Ursache und im wirtschaftlichen Effekt ihrer Emigration unterscheiden sie sich von den übrigen an der Ueberses-. Wanderung hervorragend beteiligten Völkergruppen. Sie wandern nicht wie die übrigen Emigrantenkategorien in der Absicht aus, ihre frühere wirtschaftliche Funktion Wiede* auszuüben. Während der auswandernde Italiener, Slowake oder Ire in den weitaus meisten Fällen in seinem Berufe bleibt und sozusagen mit bestimmter wirtschaftlicher Funktion entsprechend dem Gesetz von Angebot und Nachfrage i»r Jmmigrationslaude austritt, ist der jüdische Emigrant nicht imstande seine frühere wirtschaftliche Funktion im neuen Lande auszuüben. Der jüdische Händler, der nach beit Vereinigten Staaten kam, wurde Konfektionsschneider, der jüdische Getreidemakler in Antwerpen oder Amsterdam Tiamantenschleiser, der jüdische Schuhmacher oder Spengler wurde in London Hausierer und der jüdische Landarfbei-ter aus Karpathörußland in Südamerika Baumwollhändler. Aber auch im zeitlichen Ziel der Emigration unterscheidet sich der jüdische Wanderer wesentlich von den Emigranten anderer Nationen. Die meisten Auswanderer zeigen die Tendenz, ihren Aufenthalt im sreniden Land zeitlich abzugrenzen, was ihnen gerat« dadurch um so leichter wird, daß sie ja im wesentlichen keine Aenderung ihrer wirtschaftlichen Funktion Vornahmen, als sie im Etnwandernngslande tätig waren. Anders der jüdische Emigrant. Gerade die Tatsache der wirtschaftlichen Umschichtung, die bei ihm mit der Emigration zusammenfällt, bringt es mit sich, daß er im Jmmigrationslande kein zeitweiliger, sondern ein Tauersiedler werden muß. Die Ursache dieses ganzverschiedenen Verhaltens des jüdischen Emigranten liegt darin, daß der Anlaß zur Auswanderung für die Juden nicht bloß in zeitweiliger Uebervölkerung wie etwa bei den Italienern oder Chinesen, in bloß politischer und wirtschaftlicher Unterdrückung wie bei den Iren, in den durch rückständige extensive Wirtschaft hervorgernsenen Verarmungserscheimrngen wie bei den Slowaken liegt, sondern, daß bei den Inden alle diese Momente zusammenwirken, weil sie gew-issermaßen von einem Brennpunkt aus dirigiert werden: von der gänzlich abnormalen, wirtschaftlichen und sozialen Lage großer Teile der Juöenheit, welche selbst die früher bestehenden, wenn auch noch so zwerghaften Formen ihrer wirtschaftlichen Funktion ins Wanken gebracht und zerrüttet hat. Diese Grundursache, welche die ganz spezifischen Formen, Ziele und Zwecke der jüdischen Emigration bestimmt, bringt es mit sich, daß heute das sogenannte internationale Emigrationsprobleni eigentlich ausschließlich das der jüdischen Emigration ist, die, mag sie durch Schaffung neuer Wirtschaftszweige in den Einwanderungsländern auch noch, so befruchtend gewirkt haben (man denke nur an die Nadeli»Dufttic in New-Dork und an die gerade irt den lebten Jahren emporblühende Diamantenverarbeitungslndustrie in Antwerpen, die sich ZU einer gewaltigen Konkurrenz für Amsterdam entwickelt hat), doch stets eine gewisse wirtschaftliche Gefahr darstellt, da sich immer wieder eine Verschiebung des Verhältnisses der internationalen wirtschaftlichen Kräfte in den einzelnen Ländern ergibt. Diese Gefahr wird aber noch viel größer dadurch, daß die Jmmigrationsbeschränkungen verschiedener Länder eine durch völlige Zerrüttung ihrer bisherigen Wirtschaftssunktionen geradezu formlose Masse von Juden von einem Punkt Wiener Morgenzeitung. Nr. 1844 Die Sanierung Polens beendet. Ein krvose Grabslir. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 1. April. In der Sitzung des Budget- Ausschusses des Sejm hielt heute Ministerpräsident und Finanzmmister Grabsli ein ausführliches Expose über die Finanzlage. Einleitend erklärte er, daß -die Regierung die unter schwierigen Umständen begonnene großzügige' Aktion zur Danierrmg der Finanzen als beendet betrachte. Der Fruanzmmister erörterte sodann eingehend die einze.luen Phasen der Sanierungsalktion, deren hauptisächlichstes Ziel die Stabilisierung der polnischen Mark, der Uebergang zu einer vollwertigen V a l u t a und die Erlangung des Budget-gleich ge Wichtes gewesen fest. Grabski erklärte, das; die Sanierungsaktiou voll und ganz g eluugen sei. Die Zeichnungen aus die Mtien der nvuen Emissionsbank, die 90 Prozent des Kapitals ergaben, bedeuten vollen Erfolg. Die Bank werde ihre Tätigkeit am 28. April begännen. Der D o l l a r k u r s, der am 8. Jänner den offiziellen Höchstkurs van 10,250.000 erreicht hatte und von der Spekulation im Privatvcrkehr per Ultimo Jänner mit 20 Millionen gehandelt worden ivar, ging aus 0,250.000 Mark zurück. Der Vorrat a n f r em d e n D e v i s e n und Valuten, den die Äaudesdarlchenslkasse am 8. Jänner besaß, betrug kaum 2,5 Millionen Dollar. Die Regierung beschloß im kritischen Moment, diese Summe auf den Devisenmarkt zu werfen, um den Generalangriff gegen die Spekulation zu unternehmen. Die Intervention sei erfolgreich gowestn und der katastrophale Rückgang des Markkurses sei auf-gehalten worden. Nach Einstellung der Banknotenemission für die Bedürfnisse des Staates hätte die Spekulation massenhaft fremde Valuten abgestoßen. Heute betrage der Vorrat au Valuten und Devisen 1 8,8 O O.O 0 0 Dollar. Dank der Stabilisierung der polnischen Mark sei es gelungen, die Teuerung aufzuhalten. Um das Gleichgewicht im Budget zu erlangen, sei in allen Ressorts ein E r f p a r u n g s f y st ein angewendet worden, in erster Reihe sei das Budget des Ministeriums für Heerwesen stark reduziert vwrden. Der Wert der gesamten Banknotenemisfron betrage heute ungefähr 3OO Millionen Goldfranken. Nach Bezahlung der Gehaller der Staatsbeamten für Apvil 6«piitfi>e sich in der Staatskasse zugunsten - des Staatsschatzes ein Ueiberschuß von 37 Billionen Polnischer Mark. Die Staatseinkünfte weisen int den letzten drei Monaten eine stetige Zunahme aus. Sie betrugen im Jänner 4L, rm Februar und in den ersten zwei Dekaden des März, die Zolls nicht eingerechnet, 60 Millionen Goldfranken. Damit sind die Einkünfte der ersten zwei Dekaden des Mävz bereits größer als der Voranschlag für den ganzen Monat März. Für April, dessen Budget für das ganze Jahr maßgebend sei, betragen die Einnahmen 13 0,6, die Ausgaben 119 M i ll ionen Goldfranken. Der Ueberschuß werde für Jnvestitionszwecke verwendet werden. Bezüglich der Investitionen, erklärte der Ministerpräsident, daß die italienisch-e Anleihe zmn Rückkauf der privaten Tabak sabrrken bestimmt sei, wodurch eine Bermchruivg der Einnahmen aus den Staatsrnonopolen von 6 aus 12 Millionen im Monat werde erzielt wenden. Zur Bestreitung der wachsenden budgetären Anforderungen soll neben dom Tabalkmonopol auch das Spiritusmonopol herangezogen werden. Um einer Verteuerung der Lcdensmitrc^ entgegenzuwirken, habe die Regierung beschlossen., den Roggenpreis auf vineim Durchschaiittsnivea.il zu erhalten. Was die Zahl der Arbeitslosen cm-lange, so habe sie mit der Zister von 118.0 00 im März ihren Höhepunkt erreicht. Solcher sei eine Verminderung dieser Zahl ein-- getreten. Der NnanMmister betonte schließlich, daß die Sanierungsaktion dank der Einziehung der Vermögenssteuer und dank dem Valorisierungsgesetz erfolgreich zu Ende geführt werden konnte. Insbesondere stellt der Minister fest, daß das Valorisierungsgesetz auch den lieber« gang Zur Valutareform ermöglicht habe. Am 1. Mai soll bereits der politische Zloty als vollwertige polnische Valinta in Umlauf gesetzt werden. Zum Schluß sprach der Minister die Hoffnung aus, daß die sechsmonatige Vollmachtsfrist genügen werde, um das Saniernngsprogvamin vallstäudüg durchzuführen, Die polnischen Marknoten werden ans dem Verkehr: gezogen. Warschau, 2. April. In der heutigen Sitzung des Finanzrates teilte der Minister für Finanzen mit, daß die polnischen Marknote« etappenweise aus dem Verkehr gezogen werden nach Maßgabe der sukzessiven Sättigung des Geldumlaufes mit der neuen Valuta. Nicht 8, nicht 14, sondern billige Tage bei ..Adeslstrumpk" I. Trattnerhof Nr* 2 ===^-" s,"--igg-.Ta«rg,-’gr,Mj zum anderen treibt, ohne daß es möglich, wäre, für diese einen wirtschaftlichen Ruhepunkt zu finden, wo sie imstande wären, neue Wirtschaftssunktionen zu erfüllen. Die internationale Emigrationskonferenz, welche am .15. Mai 1924 nach Rom einberufen wurde und an der auch amerikanische Beobachter teilnehmen sollen, hätte in erster Linie die Ausgabe, über diese permanente Emigrationsgesahr, die darin liegt, daß eine wirtschaftliche und sozial aus ihren Funktionen heransgerissene Gruppe sozusagen im Schwebezustand bleibt, Klarheit zu gewinnen. Das jüdische Emigrationsproblem, das nicht durch aus dem Ressentiment oder gar dem Antisemitismus entstandene Einwanderungsbcschränkungen, sondern nur durch internationales Augenmerk auf die Möglichkeit einer gesicherten tvirtschaftlichen und sozialen Umschichtung eines großen Teiles der Jude^heit zu lösen ist, müßte in erster Reihe die Emigrationskonserenz praktisch beschäftigen. Durch platonische Sympathiekundgebungen wird weder der Welt, noch den Juden genützt sein. Ebenso wenig wie beiden in gleichem Maße Absperrungsmaßnahmen gegen „unerwünschte Elemente" gedeihlich sind. Poincare über seine Politik. Fortsetzung der Jnterpellationsdebatte. Paris, 2. April. (Tel. der „Wr. Morgenzeitlmg".) In der Kammer wurde heute nachmittags die Jntevpellationsdebatte fortgesetzt. Als erster Redner sprach der unabhängige Abgeordnete L a c o t t e, der erklärte, P o i n c a r e habe seine Außenpolitik geändert. Bei diesen Worten verließ Poincare den Saal, um erst wiederzukehren, nachdem der folgendeRe-dner Buisson die Tribüne bestiegen hatte. Buisson erklärte, daß Briand eben den Ausspruch getan habe: Poincare hat mir zunächst meinen Minister weggenommen, er ist im Begriff, mir auch meine Politik wegzunehmen. Weiter erklärte Buisson, Poincare versuche, die Politik Briands hinter überpatri »tischen Formeln zu verbergen; bamit habe er aber den Rückzug angetvetem- Hierauf ergviff Poincare das Wort und gab Aufklärung über den Rücktritt des alten und über die Zusammensetzung und Politik des neuen Kabinetts. Er erklärte, die Regierung werde ein demokratisches Programm der Ordnung und des Fortschritts zur Anwendung bringen und allen revolutionären Versuchen Einhalt gebieten. Er erklärte sodmm, er sei auf Drängen M i 11 erauds und von Deputierten von der Demission abgekommen und stellte in Abrede. daß er sich freiwillig von feinen Kollegen getrennt habe. De Lastehrie habe wicht Minister bleiben Mollen und Sarraut habe vor dem Sturz des Kabinetts angekündigt, daß er nicht im politischen Leben verbleiben werde, weil er ernstlich krank sei. Sobald er wiederhergeftellt sein Werde, werde die Regierung ihnt wieder die Möglichkeit geben, dem Lande neue Dienste zu leisten. LeTrocquer und M a g i n o t seien im Hinblick auf die Notwendigkeit, das Werk im RuhrgMjet fortzwsetzen, auf ihren Posten veMreben. Um die Angriffe B u r f s o n s gegen die Staatspolizei zu entkräften, bittet Poincare den Kriegsminister Magi not, verschiedene Aktenstücke betreffend die antimAitariftische Propaganda im Rheingebiet, zu verlesen. Von der äußersten Linken wird gerufen: Fälschung! Poincare: Der Minister stellt keineswegs in Abrede, daß den Berichten ein gefälschtes Schriftstück ange- Mossen ist, aber er hätte eine grobe Pslichtvevletzimg begangen, wenn er nicht den ganzen Akt dem Gerichtshof übergeben hätte. Kriegsminister M a g i n o t, der in der Nähe der Kommunisten steht, richtet an diese Vorwürfe wegen chrer Haltung. Mgeordneter Barthon, an den er sich besonders wendet, verlaßt seine Bank und geht d r o h e n d au f d e n K r ie g s m i n i st e r los. Die Saaldieuer stellen sich schützend vor den Minister. Bert h o n versucht die Reihen zu durchbrechen. Der Kammerpräsident ersucht um Ruhe. Da ihm dies nicht gelingt, unterbricht er die Sitzung. Noch Wiederaufnahme der Sitzung kann der Ministerpräsident seine Rede fortsetzen. Er erklärt, daß er sicherlich nicht fiir die notwendigen Finanzntaßnahmen emgetreten sei, tun sie jetzt fallen zu lassen. Betreffend die äußere Politik erklärt Poincare, sie sei k e i n e s w e g s geändert. Er werde bis zur vollständigen Bezahlung der R e p a r a t r o n e n i nt R u h r g e b r e t bleiben. Frankreich sei bereit, die möglichst erträgnisreichen Pfänder zu prüfen, aber ivenn Deutschland die neuen Vevsprechungen nicht emhalt-e, sei es im Interesse aller Alliierten, daß der D r u ck v e rst ä r k t weche. Es sei möglich, die P f ä n d e r Frankreichs in andere aufgehen zu lassen, o hn e des halb die Ru hr au fzugeüe n. Poincare sä)ließt mit einem Hinweis auf die nationalistische Welle, die über ganzDeuffchllandgehe. Um 8 Uhr abends wird )>ie De'batte auf nt o r g e n v e r t a g t.