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Wiener Morgenzeitung · 1924-04-02 · Heft 1843 (2.4.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1843 (2.4.1924)
Date
1924-04-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 1348 Wien, Mittwoch Befehl fceS jetzigen Handels minister'-» Hoover eine Million Dollar Sammlungen aus Spenden für die hungernden Kinder in Rußland ihrem eigentlichen Zwecke entzogen und den g e g e n r e v o l u t i o n Lren russischen Generälen zu Rüstungszwecken aus-geliefert. Gaston Meaus, der Hauptbelastungsäenge ftn Petroleumstandal gegen den Generalanwalt Daughcrty vor dem Untersnchrlngsansschntz. ein „Vertrauensmann" des Justizdcpartement's, der eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich hat. wird sich demnächst vor dein New-Aorker Bundesgericht wegen S ch m u g g e l s geistiger Getränke nach NewDovk und anderer zum Nachteil des Staates New-Aovk verübter Betrügereien zu verantworten 'haben. -Senator Dill verlangt in einem Antrag die D enlission des Unterstaatssekretärs im Marinedepartement Frank Roofevelt, der in der Petroleumaffäre nicht viel weniger 'kompromittiert zu sein scheint wie der vor kurzem zurückgetretene Marinestaatssekretär Doubl). Gegen den Petroleu mmaguatcu Sinclair wurde die Klage wegen Beleidigung eines Gerichtshofes erheben, da er sich geweigert hat, vor dem Senat'sausschus; im Petroleumsbandal Zeugnis abzulegen. In Persien ist die RepuM nicht neftkttet. Teheran, 1. April. (Reuter.) Nach Empfang der Ule mas erließ der Premier?nnistcr etue Proklamation, worin die Republik als der rn o h a m nt e b a n i s ch e n Religion widersprechend erklärt wird. Alle Personen, die von der Republik reden, würden, machtensich st r a s b a r. knrzons Schwiegrrsodn tritt in die Arbeiterpartei ein. London, 1. April. Oswald Mosley, ein Schwiegersohn des früheren Außenministers Lord Cnrzous, hat sich als Mitgtitzd m die A r b e i t e r pari e i aufneiinien faffett und gilt als Anwärter auf rin demnächst freiwerdendes M i n i ft e r Portefeuille im .Kabnwtt Mac Donald. MoÄey, der sott sechs Jahren dom Uuterhanse angchört, war.ursprünglich Mitglied der Konservativen Partei, wurde aber später lluabhängi.ger. Gr ist vines der murta-ntesten Mitglioder des englischm Parlaments und fern Uebertritt zur Arbeiterpartei hat in polilischcit Kreisen großes Ansscheu erregt. König Mein an Hai HomIö. London, 1. April. (I. T. A.s Nach einer MMnng der ,.Moruing-Post" hat König Hussein an Ramsey Mac Donald das telegraphische Ersuchen gerichtet, daß er entweder einen verantwortlichen Vertreter nach dom Hedschas entsende, um die Vechaudltvn>geu über den A n g l o - H c dschasVertrag zu Ende zu führen oder zustimme, daß ein Delegierter König Husseins in London empfangen werde. (Dies bedeutet, daß Hussein feine von England strikte abgelchnten extremen Forderungen, besonders i'N der Palästina-Frage, fa,eu lassen will). Re Ratifizierung des Laus-inner Frieden« durch Frankreich. Poris, 1. April. (Wölfs). Der Vorsitzende der Außenkomvlission der türkischen Nationalversanrmlnng Schükri Be i har am Quai d'Orsay die von der türkischer Regierung gefertigte Ratifikat -i o n s u r k u u d e des FriedLnbertrages von Lausanne überreicht. Das Protokoll, worin die Ue>berreichu«ng fesrgestellc wurde, wurde von P o i n e a r e und Schükri Bei M'wrzeichnei. Re Korruptionsassären in der Tschechoslowakei. Prag, 1. April. (Tel. d. „Wr. MorgetMitnng".) Tie liutersuchung in der Postaffäre, die noch weitergesührt wird, hat bisher ergeben, daß einige Beamte des Postministoriums ständig Gehalte von e-iuigerr Privatfirmen crhaltcn haben. Zn B r ü n n ist einte neue Korruptimrsafsäre ausgemncht. Es handelt sich um Möbel- und Kohlenlioferungen an den Staat, die eilt Brunner Großiaufmann besorgte. „Mvodn-i Lisch" berichten über den Ankauf zweier Waggons minderwertigen K u v e r t pa p i o r s für das Lairdesoerteidigungsmiu-isterium, das derc Kauf ohne C-ffe ri-ansschreibung durchführte. Girr anderes Blatt kündigt die Entyüllmrg dreier neuer Affärerr in Mähren an, die ihren Ursprung in Olntütz, Proßnitz und Prerau haben. Wie „Nafinec" meldet, soll mit Rüßsicht auf die zahlreichen Korruptionsaffären eine intevmiuisterielle Untersuch'.lngsküM'Ntifsion eingesetzt werden, die alle staatlichen Lieferungen, die in den letzten .Jahren vergobeir wurden, jU revidieren haben wird. Die schlesischen Semeindewahlen. Troppau, 1. April.. (Tel. der „Wr. Morgenztg.ch. Am Sonntag fanden in Schlesien die Gemeindewahlen statt. In Troppau gelang es den Tschechen, ihre Mandatszahl um zwei zn steigern. Auch die deutschen Christlichsozialen gewannen ein Mandat. Die deutschen Sozialdemokraten verloren fünf von ihren neun Sitzen. Die Jüdischnationalen behaupteten ihr bisher innegehabtes Mandat (Dr. Robert Lichrwitz), Die Kommmristen brachten im ganzen 380 Stimmen ans und er- HKckvm kernen Sitz. Wiener MovaemeUitns. 2. April 19*21 Seite ( Jas Urteil im Wer-Prozetz. Lndendorff freigesprochen. München, 1. April. Das um 10 Uhr 5 Minuten vormittags gefällte Urteil lautet: Hitler, Poehner, Kriebel und Dr. Weber werden wegen Hochverrates zu je fünf Jahren Festung, je 200 Goldmark (eventuell 20 Tag« Festung) und Tragung der Kosten verurteilt. Rach Verbüßung einer weiteren Strafzeit von sechs Monaten Festung wird diesen vier Verurteilten Bewährungsfrist für den Strafrest in Ansstcht gestellt. Ludendorff wurde von der Anklage des Hochverrates freigesprochen unter Aufbiirdung der abzutrennenden Kosten auf die Staatskasse. Die Angeklagten Frick, Rohm, Brückner, Wagner und Per net werden wegen Beihilfe zu je einem I a h r. d r e i Monaten F e st u n g, 100 Goldmark Geldstrafe (eventuell 10 Tage Festungshaft), ferner zur Tragung der Kosten verurteilt. Diesen fünf Verurteilten wird für den Strafrest mit sofortiger Wirksamkeit Bewährungsfrist bis 1. April 1928 gewährt. Sämtlichen Angeklagten wird die Un tersuchnngsphaft eingerechnet, und zwar: Hitler vier Atonale zwei Wochen, Weber, vier Monate drei Wochen, K r i e b c l und Poehner je zwei Monate zwei Wochen, Brückner vier Monate eine Woche, R ö h m und F r i ck je vier Monate drei Wochen, Pernet und Wagner je zwei Monate drei Wochen. Die H a f tanordnung gegen Frick, Rohm und Brückner wird aufgehoben. Das Urteil wurde vom Publikum ohne Kundgebung entgegengenommen. Die Berurteilnng, beziehungsweise Freisprechung erfolgte, wie der Vorsitzende mitteilte, mit vier Stimmen. Bei grossen Zahnschmerzen und schlechtem Mundgeruch hilft DIANA Franzbranntwein mit Menthol als erstrangiges Hausmittel sofort. Die Zähne jener, die Diana täglich als Mundwasser benützen, bleiben gesund undschneeweiss, ihrMund bekommt keinen unangenehmen Geruch Ueberall erhältlich -l«d»W-|M!WÄ. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstrasse 169 Lieben, Drahobeljova 10552 1073 2)05 Ende der Prozesses. (Eigeudionst der „Wiener Movgeiizettung".) München, 1. April. Seit gestern hatte sich die bayrische SwarsZervalt rn Verteidigungszustand gesetzt. Mächtige Plakate liuvDcicit alle eridenNichen Strafen für den Fall von Unruhen, an, an allen Straßenecken stand die Mahnung an den Ausnahmszustand zu leisen. Die Bluteuburgstraße war äbgesperrc, im übrigen München patrouillierte Polizei aller 'Farben mit dem drohend oufgcsteckten Bajonett. Heute früh etablierte sich das Viertel des BolksZerichtes als Biwak. Die ganze Umgebung war mit Stacheldrahtverhauen abge-sperrt, an allen Ecken und Enden Bewaffnete, Polizei, Schupo und Reichswehr, so daß keine Maris durchkoinmen konnte. Hinter dem eiWnaschigcn Militärikordon stand eine tansendköpfige Menschenmenge dicht aneinander gcdrängr und nmhselig zurückgchalten. Der Eintritt ins G e r i ch t sg ebö u d c selbst war nur jen-en möglich die die außerordentlich verschärfte Kontrolle bestanden und die sich einwaudfrei austveiisen konnten. Hatte man nach Nlehrmaliger Auswvisleistung es dazu gebracht, ins Haus zu gelangen, wurde man zu guter Letzt auf Wafferz untersucht und durfte (Mich den Saal betreten. Er ivar überfüllt. Auch hier war die Wache vervielfacht. Außerdem waren im Publikum eine ganze Menge Kriminalbemntsr. verteilt, um sofort eingreifen zu können. Einige Minuten vor zehn. Uhr'betteten die AttigMagten mit ihrul Verteidigern den Saal. Als erster konnnt Lndendovff: Er trägt große Un-iform und hat sämtliche Orden a^eleyt. Kaum wird seine Gestalt sichtbar, o : ö : | i u) daö Kktzkik« m, aber laut.', erirrgi'ch-? Rdr. P beamten ersticken jede Ovation. Hinter Lüdendorff kondmen dir übrigen Angeklagten, von deneir alle, die Offizierscharakter be».. sitzen, vbensalls in Uniform und Ordensschumck sind. Um 10 Uhr 5 Mümten erscheint der Gerichtshof, und der Vorsitzende verkündet das Urteil. Eine Bewegung geht durch die Menge, bis der Borsitzenlde, in scharfen Worten Ruhe fordernd, sich erhobt. Es wirb totenstill. Lndendorff erhält das Wort zu einer Erklärung. Er spricht ein paat Worte, die hellste VerbWung verursachen. Er schäme sich — sagt er — über den Freispruch wogen seims Ghrenlkleides und seiner Elireu- Zeichen. Spricht's und setzt sich wicdcr. Der Vorsitzende gibt die Begründung des Urteils. Er akzeptiert voWändig das, was die Angeklagten vorgr.o-.awl Hallen, und ist nur bonrüht, Ludenidorft freiZubekominen. Er sagt unter anderem: Kahr vetrachtote. als seine .Hansansgabe den Kaurps gegen den Marxismus, die"Schaffung oines außerordentlichen pavlMnentarischen Dirwktoriunrs. Der K.ampsbund, dessen Leiter Hitler und Kriebel waren, verhielt sich.dazu aiblohncstd. Auch spater war kein Ernvernchinen^ mit Kahr, Lossow und Doisfer hergestellt. Dennoch bc-' haupten die AngeNlagterr, der Uoberzengung gewesen zn sein, daß im Gr unde Ei nv er ständn>i s b estehe. Das aemeiitsam Gewollte war nach den Bchauptnngen einiger Angeklagter die R e i ch s d i kk t a t u r, die gegebenensalls mit' Gewalt und mit Hilfe der Reichswehr nach Berlin vorgetragen werden sollte. Kahr, Lossow und Seisser bestreiten, zu irgend jeannndean Aeußerunigen getan zu haben, die die Angeklagten Vevanlassen konnten, an die BLöglichteit einer! in Bayern aufzustellenidcn DAtatur zu glauben. Das Dir:^' turmm, das sie auf Grund des Artikels -18 .dnrchfjchrelll wollten, war nur als vorübergchiende Einrichtung gedacht.! Auch außerhalb des Kcnrrpfbuudes stehende Personell haben. zum Teil den gleichen Eilidruck gehalbt wie die AngeLlagieu. In der Nobeuzengung, daß 5dahr, Lossow und Seisser! das nötige tatkräftige Wollen niemals aUfbringen.wÜLdeu. beschloß Hitler, den drei Herren Gelegenheit z n m Absprung zu ge'brn und die nat-ionale Revolu-' tivn in Gang zu bringen. Als Zeitpunkt zum! Handeln schien der 8. November geeignet. Im Lause des 7. Novwbrr trat Hitler mit Weber und Kriebcl zuwmmeu. Poeh n e r wurde am 8. November vorinittags eingeweihr! Der Plan war die Heranzichunig eines Aufgebotes'. von Mitgliedern des Kampsbundes mit! Ausrüstung. Die Unterführer des Kaurpfbundrs be-! kamen Befehl, ihre Mannschaften an bestimmten Orten zu sammeln, ohne daß ihnen der Zweck bc-kanntgegeben wurde. Unmittelbar nach der Skrsvusnng der Diktatur sollte L udendorsf herlbei'gcholl werden, wobei man jedoch davon Abstand nahm, ihn vorher einMoeihen. Die Vorgänge, die sich am 8. November abends abspielten, sind in der AMageschvist richtig geschildert, nur mit: der einen Ausnahme, betreffend die erste Ansprache Hitlers mn Sa-äle des Bürgev'bräu. Dieser hat zunächst nicht gesagi, daß die bayrische und die Reichsregievung a!b,gesetzt stnd eine! nationale Rsgi>s.vumg gebildet fei. Das hat später Hauptmann Göhring von der Tribüne herab b-ekanntgegeben. Die Bei•: der Zeugenvernehmung zutage getretenen Vevschiedenbeiten! des Emdmckes, den die Anwesenden von der Ernsthafrigkeil? »der Nichternfthastigkeit der von Kahr, Lossow uw) Seisser im Saale albgege'benen Erklärungen bekommen haben, sind .für die NrtLilsbegründmrg bedeutungslos. Nach der Berlvsung der Begründung gibt es stürmisÄc Ovationen für Lüdeichochs. Die Vemrieillen scheu mürrisch uns mit schlecht verhehlt-nr Mißfallen ans diese Popularität. H'. r: e r? Leute warteten draußen mit Blumen rmd Lrodern. -edle sinthaftung Hitlers. München, 1. April. (Tel. der „Wiener Mvrgenzeilung".). Nach der Berlesmng des Nr-toils im Hitler-Prozeß kam es einem Zwischenfalle. Als der Vorsitzende verlas, daß der § 8 des RePubWjchutzgesetzes auf Hitler, da er Oesterreicher sei, keine Anwendung finde, ertönten aus dom Zuhörerrmmr Bravorufe.! Der Borsitzeudr ersuchte dringend um Ruhe. Nach Beendigung der Verlesung wies der Vorsitzende die Verurteilten kurz auf die Bedeutung der Bewährungsfrist hin und machie sie daraus awMerksam, daß sie verpflichtet feien, jeden WohnungSwechüt der Staatsanwaltschaft mitguteilen. Der Rechtsanwalt Hitlers nahm nun Das Worr z'.: sobgender Bemerkung: „Ich enthalte nüch seMverständlich jeider Aeußern-ng zum Urteil selbst. Ich bitte aber, mir kur; das Wort zu gelben zu dem Antrag aus Aufhebung des Hastbefeihls gegen Hitler." Der Borsitzeude unterbrach den Ber-reidiger und erklärte, das Gericht sei hierfür nicht Zu st äud hi, der Antrag sei an die Z t a a t s a n waltschafr zu teile!:. Der Verteidiger suchte daraus nochmals das War:;u nehmen, doch Witt ihm der Vorsitzende alle weiteren Eintvewdlmgen ab. Nun erhob sich General LudLndorff zir folgender^ ErklariMg: „Ich empsiude meinen Freispruch a t s ei -n e Schande für dm Sjpck und die Ehrenfulteu, die ich trage." Dies-er Erklärung solgiert stü r ml s ch c H c i l r u s e im. Sa-al. Der "Vorsitzende estigegnete sehr scharf: Ich tveise Sie, Exzell-eniz Lndendorff, zur Ordnung. Ich erachte diese Bemerkung als eine grobe Un gehör igkeit. Es ist auch! eine Ungchörigkeit des PubMrtNs, m dieser Art feinen Beifall zu äeußern." Daraus wunde der Saal durch Polizei g e r ä n m t. Bor dem Gevichtsgebäudc räumte Landespotizei und berittene Schutz Mannschaft die Stvaße. Es kam noch zu einigen kleinen Zusammenstößen, doch wurde die Ruin nich! weiter gchort. Die Erregung der Hitler.-Lente' ist nr.-aerkeni». dar. ' , 8

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