Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-04-01 · Heft 1842 (1.4.1924) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1842 (1.4.1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980925--18392-3005457
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

I! I M. im Wien, Diensiag Wiener Morgenzeltnng. 1. April 1924 Seite 5 8 Uhr abends, Festsaal Hotel Continental, iLTaborstroße A. GOLDBERG „Das amerikanische Judentum für den Palästina-Aufbau“ 6in Land ohne Mode. In China gibt es schon seit viel Jahrhunderten keinen Wandel der Mode. Die Chinesen kleiden sich honte noch lote ihre Vorfahren und die einzigen Veränderungen, die äußerlich wahrnehmbar sind, gehen auf Notwendigkeiten zurück, die sich durch den Wechsel der Jahreszeiten und des Klimas ergeben. Wie schützen. sich die Chinesen gegen die Kälte? Ganz einfach dadurch, daß sie einen kleinen Bambuskorb tragen, in dessen Höhlung eine W ä r m e f l a s ch e steckt. Sie drücken den Korb /mit dem rechten Arm, der durch den ungeheuer weiten Aermel gedeckt ist, gegen den Bauch. Eine andere wichtige Forderung, der sie sich nicht entziehen können, ist die der Taschen. Aber der Chinese braucht nicht eigentliche Taschen. Er hat die Stiefelschäfte, den Gürtel, die Reserve feiner weiten Aermel, und da hinein steckt er nun feine Pfeife, sein Opium, seine Reiskugeln und diverse andere Dinge. Unter dem Oberkleide trägt er breite Kniehosen, die bis zu bcn Knöcheln fällen und da durch Bindfäden festgehalten werden. Er behauptet das sei praktischer als die Mode der Beinkleider unserer Herren, die bis zu den Schuhen fallen und doch dem Wind, der Kalte und dem Staub kein Hindernis en>tgegenstcllen. Die Mode der Herren geht übrigens in China vor, denn die Frauen nehmen eine untergeordnete Stellung ein und die Gesetzgeber beschäftigen sich sogar mit ihrer Kleidung, die im allgemeinen der des Mannes gleicht, um zu verhindern, daß sie doch nicht ganz das gleiche trägt, wie ihr Herr und Gebieter. Das Frauenkleid ist kürzer und fällt nur bis zum Knie herab. Ist es aber möglich, daß die Chinesinu.:- auf alle Toilettenmittel verzichten? In der Kleidung uv.iji, aber sie pflegen dafür unzählige Künste, nur ihre Gesichter zu verschönen. Ein Hauptmittel bildet die Schminke, zu der sie einfaches ranziges Oel, aber auch die feilten Essenzen verwenden, die sie wahllos in den schreiendsten Farben auf Wangen, Zippen und Augenbrauen anftragen. Von der Unterkleidung ist wenig Aeschetisches zu berichten. Das Hemd bedeutet einen wahren Luxus und die Höchstgestellten besitzen kaum mehr als zwei oder drei, die sie alle drei Monate ungefähr wechseln. Ebenso mißachtet der Chinese den Gebrauch der Leintücher. Bei der Einnahme des Sommerpalastes in Peking fand man nicht einmal ein Paar davon in den königlichen Gemächern. Der Sohn des Himmels schläft einfach ganz angekleidet, indem er nur sein Obergewand ablegt, um es nicht zu beschnmtzen. Eine Sorgfalt'übrigens, die er itüt seiner Würde wegen übt, denn im allgemeinen bewahren die Chinesen ihre Kleider auch nicht vor dem Schmutz. Die Unwetterkatastrovhen. Lawrnenurrglück in Tirol. Aus Innsbruck wird gemeldet: Eine bei Doltzrannbach im Achental niedergegmvgenL Lawine riß mehrere Holzarbeiter in die Tiefe. Ein Arbeiter wurde getötet. Das Unwetter in Amerika. Berlin, 31. März. Das Abendblatt des „Lavalanzeiger" tneldet aus New-Aook: Bei dom Unwetter wurden alle Telegraphen- und Telephonverbindungen zwischen Kansas, Oklrhama und Texas zerstört. Soweit bis jetzt bekannt geworden. ist, sind hierbei drei Menschen getötet und m-chr äls 60 verletzt worden. Die Ueberschwemmungen in Polen. lEigendienst der „Wiener Morgcnzeituna".) Warschau, 31. März. Die Weichsel st e r g t dauernd weiter. Große Schäden sind bereits in den Vorstädten Warschaus zu verzeichnen. Iäblona steht unter Wasser. 10 Dörfer sind gleichfalls überschwemmt. Biele Brücken sind weggespült. Bis jetzt sind 20 Tote als Opfer der Überschwemmung gemeldet. Der Schaden wird ans acht Millionen Goldmark veranschlagt. An» AegWtens Kunst. Ter Aegyptologe, Prof. I. W. v. B i f f i n g, hielt gestern abends einen Vortrag über die Strömungen 'in der ägyptischen Kunst zur Zeit Tut-ench-amnns. Der Vortragende führte eine ganze Anzahl von Lichtbildern vor, die, zum Teil in Farben ausgeführi, den Zuschauern einen Begriff von der erstaunlich hohen Kunst in Aegypten vor mehr als 3000 Jahren vermittelten. Aus der Fülle der Funde sei einiges weniger bekannte angeführt. Alan kannte schon damals einfarbige und buntgewebte Handschuhe, die vermutlich aus Asien eingefiihrt wurden. Einige erhaltene Reliefs zeigen, wie neben Schnmckstücken solche Handschuhe hohen Würdenträgern als besondere A n s Zeichnungen verliehen wurden. Andere Kleidungsstücke waren /Hemden" aus Gazellenleder, die noch heute ihre ursprüngliche Geschmeidigkeit bewahrt haben/ Bekanntlich wurden in den Königsgräbern Statuen gefunden, die neben einem wunderbar fein ausgeführten Kopse bloß den Oberkörper, aber keine Arme darstellen. Der Vortragende wandte sich gegen die Auffassung dieser Kunstwerke als „Mannequins"; vielmehr geht aus älteren Darstellungen hervor, daß es sich um „Altarbilder" handelt, vor denen geopfert wurde. Besondere Beachtung fanden die Abbildungen von Stöcken, die m reichster Ausstattung in jedem Grabe vorgefunden wurden. Die Krücken der Stöcke stellen me'st gefangene Feinde dar. Einige besonders prachtvolle Stücke hatten einen Griff aus einem Neger und einem Asiaten, die mit den Fußen aneinandergebunden waren und deren in Ebenholz ausgeführte Köpfe abwärts hängen. Auch der vielgerühmte „Thronsessel" aus dem Grabe Tut-ench-amons wurde von Bissing vorgeführt. Dieser Forscher sieht darin allerdings keinen Thron, sondern vielmehr einen Sessel für den Hausgebrauch. Diese ägyptischen Sessel besaßen eine schiefe, gewölbte Lehne, wie sie bequemer kaum gedacht werden kann. Die Lehne zeigt in einer farbenprächtigen Familienszene den König neben seiner Gemahlin. Erwähnt sei schließlich noch, daß die Aegypter die Füße von Betten und Sesseln gleicherweise als Tiechfoten darstellten, was auf einen alten Mythos zumckzufüihren ist. Re Wäre Geßmann. Die Schauspielerin Hilde Radnay kompromittiert. Die Angelegenheit des angeblichen Giftmordanschlages der Frau Leontine Geßmann gegen ihren Garten ist zwar noch nicht vollständig aufgeklärt, doch hat es sich herausgestellt, daß jedenfalls kein Gistmordvevsuch beabsichtigt war und nur die k r a n k h a f t e V e r a n l a g u n g der Frau an dem Vorfälle Schuld trägt, da sie anscheinend ihren Mann von sich fernhalren wollte. Die weibliche Getzmann-Runde. G e tz m a n n gab im Verhöre an, seine Gattin fei u. a. in Beziehungen zur Schauspielerin Hilde Rad nah und (wie bereits erwähnt), zur Tänzerin Anrtta Berber gestanden und finanziell ausgebentet worden. Hilde R a d n a y ist, wie bereits gemeldet, sofort nach der Verhaftung der Frau Geßmann aus Wien abgereist. Frau Geßmann war von einem Kreist von Frauen umgeben, die ihre krankhafte Veranlagung ausnützten, um Geld von ihr zu erhalten. Die Untersuchung hätte sich daher vor allem gegen diese weiblichen Ausbeuter zu wenden, die die Frau in Schulden stürzten und sie so weit brachten, daß sie ihren Schnnrck verpfänden mußte. Das angebliche Beweiswaterial. Frau Geßmann wird nur von Zwei Zeugen belastet, die angebliche Aeußerungen Mitteilen, daß sie ihren Mann vergiften werde. Geßmann dagegen behauptet, er habe sich vor seiner. Gattin nicht gefürchtet und über die ganze Angelegenheit geschwiegen, weil er seine Frau, die er nicht für geistig normal halte, schonen wollte. Die Frau könne die Tat nur in einem Anfall von Geistesverwirrung oder .Haß gegen ihn begangen haben. Dr. Paul K l e m p e r e r, der Rechtsfreund der Geßmann, erklärte gestern, der Staatsanwalt habe mitgeteilt, daß möglichst rasch das Ergebnis der im Physikalischchemischen Institute vorgenommeneu chemischen Analyse des nach deur Erbrechen Gcßmanns aufbewahrten Mageninhaltes vorgelegt werden müsst. Wenn nur winzige Spuren von Arsen nachgew-estn werden, könne von einem kriminellen Tatbestände keine Rede sein, gleichgültig wie immer das Arsen in den Kaffee gekommen ist. Er hoffe, daß seine Klientin Dienstag auf freien Fuß gesetzt werde. ' Schließlich ist noch auf eine polizeiliche Vernehmung eines Zeugen zu verweisen, der u. a. erklärte, es sei möglich' daß Geßmann ein Atour Arsen dein Kaffee beigemengt habe, um die Frau als verrückt hinznstellen mrd unter Kuratel stellen zu können. G e ß m a n u ist inzwischen auf sein Gut in Reichenau gefahren. Das Gutachten. In den Abendstunden ist das vom Staatsanwalt erwähnte Gutachten des physikalisch-chemischen Instituts ükc. die Untersuchung des Mageninhalts dem Gerichte zugegangen. Der Befund besagt, daß im Mageninhalt nur ganz g e ri n g e S puren von Arsen vorgefunden wurden, die absolut nicht geeignet seien, den Tod eines Vienschen herbeizuführen. Auf Grund dieses Befundes wird für heute die Enthaftung der Iran G e ß nut n n erwartet. Die Forderungen der ftädtMen Angestellten. Die Verhandlungen zwischen der Gemeinde und dem Verband der städtischen Angestellten sowie der Gewerkschaft -er Nnternehmuugsauwstelltcn wurden gestern im Rathaus unter dem Vorsitz des Stadtratcs Speiser fortgesetzt. Die Vertreter der beiden Organisationen legten die Entschließungen, die am Freitag und Samstag in den Versammlungen gefaßt worden waren, vor. Stadtrat Speiser wies ans die großen finanziellen Auswirkungen der Forderungen und auf die Möglichkeiten der Gemeinde Wien hin. Abgesehen von der Bindung, die nach dem Abgabenteilungsgesetz besteht, kann die Gemeüvde nur im Rahmen ihrer budgetären Möglichkeit au eine Besse'stellung der Angestellten denken. Es werden nunmehr die erforderlichen Berechnungen an gestellt werden, um festzustellen, was im Rahmen dieser budgetären Möglichkeiten getan werden kann. Es besteht aber zwischen der Gcmemdeverivaltung und den Vertretern der Angestellten die übereinstimmende Meinung. daß die Durchführung der Verhandlungen so beschleunigt werden soll, daß sie etwa um die Mitte des Mona^Z April beendet sein können. Die Verhandlungen währten heute bis spät abends; sie werden in den nächsten Tagen fortcieseht werden. Die Forderungen der KriegrbeschMgten. Gegen die zu geringen Renten. Am Sonntag fand die Obmänmvkonserenz des Landesverbandes Niederösterreich der Kriegsinvaliden und Hinterbliebenen statt. Die 196 Ortsgruppen des Verbandes wurden durch 346 Obmänner und Stellvertreter vertreten. Die Referenten berichteten über die vor vielen Monaten der Regierung überreichten Forderungen der Kriegsopfer, die sich vor allem auf eine Erhöhung der Rentenzahlungen beziehen. Die KürzungsLestimimmgett des Jnvalideneittschädigungsgesetzes schädigen besonders die Gewerbetreibenden, Meinhäusler und Bundesangestellten. Die Kriegsopfer sind auch darüber erregt, daß sich in vielen Orten Niederösterreichs die Tabaktrafiken im Besitze von gutsituierten Personen befinden, während andererseits Tausende von Kriegsinvaliden und Krieger- Witwen keine Existenz haben. Die Konferenz nahm einstimmig eine Resolution an, in der von der Regierung eine beschleunigte Erledigung der Forderungen verlangt wird. Die LebemimttelmSrkte. Tie außerordentlich starken Zuftchren von-Fleisch nach der Großmarkthalle halten weiter an. Gestern sind wieder 50 Waggons Fleisch verschiedener Gattung angekomnren. Bon den Ankünften der Vorwoche sind noch ungefähr 30 Waggons unverkauft. Das Geschäft war derartig gering, daß die Preise keine Aenderung erfuhren. Aus den GrülNvarenmärkten ist bei guter Beschickung gleichfalls keine Aenderung der Preise zu verzeichnen. KW nnd trocken. Die kalten Mrdwinde sind Sonntag über Mitteleuropa werter nach Süden vorgedrunigen und haben in ganz Oesterreich einen Temperaturrückgang bewirkt. Gestern früh hatten einige Talstationen (Zwettl, Krems) Morgenfrost. Die Mittagstemperaturen blieben trotz des heiteren Tages unter 10 Grad. Voraussage: Kühles, trockenes Wetter, Bewölttmgszunahme, vielleicht noch ziemlich heiter. Wien, 1. April. * Mali? t» Palästina eingetroffen. Der Dichter Chain? Nachmann B i a l i k ist in Begleitung seiner Frau und Doktor Schemarja L e w i n s am 26. März in Jerusalem angekommen. Den Gästen wurde bei ihrer Ankunft ein begeisterter Empfang bereitet. Es wurde auch ein formeller öffentlicher Empfang arrangiert, der einen glänzenden Verlauf nahm. (F. T. A.) * Professor Allerhand Mitglied des höchsten polnischen Staatsgerichtshofes. Auf der letzten Sibung des polnischen Sejm wurden acht Mitglieder des höchsten polnischen Staatsgerichtshofs gewählt, darunter der vom jüdischen Sejmklub vorgeschlagene Lemberger Professor Moses Allerband. (I. T. A.) * Professor Halber gestorben. Am 21. März starb in Philadelphia nach kurzer Krankheit im Alter von 40 Fahren Professor Benzion H a l p e r, der eine Kapazität auf dem Gebiete der arabischen Literatur war. In den letzten Jahren hatte sich Professor Halper der hebräischen Publizistik zuacwandt. * Ein Wachebeamter von einem Auto »iedergestoßen. Gestern mittags wurde auf dein inneren Burghof der dort diensttuende Rayonsiuspektor Leopold Sort von dem Privat auto B 2 478, das der Bankbeamte Walter Bauer lenkte, von rückwärts nieder-gestoßen und mehrfach verletzt. Bauer ist an dem Unfälle allein schuldtragend, da er, anstatt auf die Fahrbahn zu achten,^ den Insassen des Autos Sehenswürdigkeiten der Burg erklärte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.