Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-04-01 · Heft 1842 (1.4.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1842 (1.4.1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980925--18389-3005454
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Geste 4 " ' Wien, Diens'katz Haus zu Haus schickreu, bei DtenstinädckM, Grcislcrn, und Hausmeistern nachzttschnüsteln, ob der jüdische Ladenbesitzer eingerückt war, ob unb wieviel er jetzt verdiene und ob er ein Roter sei. Danach wurden Profkriptionslisten zusamntengestellt und die alldeutsche Denunziantcnpresse, insbesondere jene der Provinz, fand schönen Stoff für ihre Behauptung von der jüdischen Schuld. Die Options- und Heimatsrechtsbehorden, der Magistrat, die Mietämter und die Polizeiwachstuben fanden täglich verzweifelt ganze Wagenladungen von Anzeigen auf ihren Tischen. Es ist nur selbstverständlich, daß sich die Organisation auch auf die Remter selbst erstreckte und daß all« mißmutigen, zerknitterten, überaangenerr, hungrigen Schreiber in Bewegung gerieten. Sie hatten ein hohes Ziel: die Rettung des deutschen Volkes. Draußen klebten die Plakate der Hakenlreuzler. In ihren Versammlungen schrien sich die Markenlecker aus den verstaubten Amtskorridoren die Kehlen heiser. Drinnen sahen sie nach, ob der Kollege am Nebentisch arisch und deutschbewußt sei: Vor Schaden bewahrte sie gar hohe Protektion. Gottfried Strauch durste dem .Herrn Vizekanzler (und Instizminister) schreiben: „Wie Sie ja wissen." Und da wundert man sich, daß ein Brief von Wien nach Znaim drei Tage braucht, das; alle Züge mit Verspätung ankommen, daß eine Privatgesellschaft das Radiomonopol erhält, daß nichts in diesem Staat in Ordnung ist und daß Herr Doktor Frank Vizekanzler (und Instizminister) ist. Er und Gottfried Strauch — das ist Oesterreich. 3« den öfteneichisch-tschechischen Verhandlungen. Geutzenmgen des jschecho-slowakischen Handelsministers Nowak. .Unser Prager F.-Korrespondent hatte mit dem rschecho-stowakischen Handelsminister Nowak eine Unterredung, in welcher dieser die folgenden Mitteilungen über den Zweck der gegenwärtig in Wien stattfinde ndeil österreichisch-tschechischen Verhandlungen machte. Bereits während der Zeit des politischen Umsturzes war uns klar, daß eine tunlichst baldige Regelung der wirtslhastlichen Beziehungen mit dom Anslande und insbesondere mit unseren! Nachbarn Oesterreich notwendig sein werde. Er war jedem klar, daß die Erhaltung des wirtschaftlichen Lebens in detl neuen Staaten in sehr weitem Maße von der gegenseitigen Hilfe und Mitarbeit abhängig sei. Blieben doch zahlreiche Industrien beider Staaten, die bis dahin ein einheitliches Zollgebiet gebildet hatten,, auch nach Errichtung der neuen Zollgrenze in vielen Beziehungen aufeinander angewiesen. Es war daher notwendig, auch weiterhin den gegenseitigen Betrieb einer Anzahl' von ' Unternehmungen durch Beschaffung von Rohmaterial, Halb- und Ganzsabrikaren - aus dem Nachbarstaate aufrecht zu erhalten. Eine bestimmte Anzahl von Richtlinien für den. wirtschaftlichen Verkehr mit Oesterreich finden wir im Friede usver trage von Saint-Germain. Auf Grund dieser haben wir schon kurz nach dem Umsturz mit 'Oesterreich eine ganze Reihe von Verträgen abgeschlossen, die durchwegs den Charakter von Kompensationsverträgen oufweisen, welche Vertragssorm den damaligen Bedürfnissen entsprach. Tie allmählich sich ändernden wirtschaftlichen Verhältnisse führten jedoch zur Notwendigkeit, diese Basis der Äonrpensaticnsverträge zu verlassen und normast Wege für den wirtschaftlichen Verkehr zu suchen. Aus diesen Gründen wurden 'bereits anfangs des Jahres 1920 Beratungen.eingeleitet/ die die Regelung der gegenseitigen Han- ', delsverbindungen auf breiterer Grundlage zum Zwecke hatten/die jedoch ins Stocken gerieten. Diese Beratungen wurden dann im Frühjahr 1921 fortgesetzt, als deren Ergebnis das bis heute geltende Handelsübereinkommen zwischen der kschecho-slowakischen Republik und Oesterreich vom 4. Mai 1921 zustande kam. Das Grundmerkmal dieses Uebereinkommens bildet die Geltendmachung des Grundsatzes der Meistbegünstigung und dort, wo dies die Bedürfnisse des Praktischen Lebens und die gegenseitigen Interessen beider Staaten erheischen, sch'lechtwegs das System der Parität. Wir können sagen, daß das derart abgeschlossene Händelsübereintommen die .Handelsbeziehungen so weit als möglich in der Weise regelt, wie es bei regulären Friedensverträgen der Brauch fein würde. Die damals bestehenden außergewöhnlichen Verhältnisse auf dem Gebiete der gebundenen Wirtschaft in dem einen und dem anderen Staate sowie die Notwendigkeit des allmählichen Ueberganges zur Friedenswirtschaft erforderten an sich allerdings eine ganze Reihe spezieller Bestimmungen, die zum großen Teil im administrativen Einvernehmen geregelt wurden. In der Folge kamen be'de Staaten den Bedürfnissen entgegen und unterwarfen einige Bestimmulngen deZ administrativen Uebereinkommens einer Revision, deren Ergebnis das Protokoll vom 1. November 1921 war. Nunmehr, vielleicht schon in absehbarer Zeit, soll dieses bestehende Handelsübereinkommen durch eine zolltarifarische Konvention ergänzt werden, von der beide Staaten mit Recht die Konsolidierung, Vertiefung und Erweiterung der bestehenden wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen erlvarten. Im Zusammenhänge damit wäre vielleicht auch auf unsere große Sanierungssektion hinzuweifen, mit der wir gleich nach dom politischen Umsturz 'begonnen haben und ununterbrochen Kohle für die österreichischen Eisenbahnen, Elektrizitätswerke, Gasanstalten sowie auch Zucker lieferten, wodurch wir Österreich die Durchführung feiner Verpflegung durch : . i-'ürng des Zuckers weit unter dem Weltmarktpreise _ V_ Wiener Moraenzeltun^ in ganz ungewöhnlicher Weise erleichterten. Im Uebereuekommen von: Dezember 1921 erhöhten tvir neuerdings tim ein bedeutendes Maß die Lieferungen von Kohle nach Oesterreich, die zu inländischen Preisen ansgesiihrt wurde. Schließlich, im Jahre 1923, entschlossen wir uns im Verein mit anderen Staaten zur Kreditaktion und vereinbarten die Grundsätze für di« Gewährung eines verhältnismäßig namhaften Kredits für dm Wiederaufbau des österreichischen Staates.' Ans den angeführten wenigen Zeilen geht hervor, daß wir nach unserem besten Wissen und Gewissen und entspwchcnd unseren Kräften bestrebt sind, die Voraussetzungen für ein normales wirtschaftliches Leben zu schaffen und zur Konsolidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen beide:: Staaten beizutragen. Nicht 8, nicht 14, sondern L Trattnerhof Nr* 2 billige Tage bet Ae russisch-rumänische Konferenz. Die Schwierigkeiten der betzarabischen Frage. In der gestern abgehaltenen Sitzung der russischen und rumänischen Delegation führte der rumänische Gesandte Langa- Ra scann den Vorsitz. Die Verhandlungen gestalten sich außerordentlich schwierig, da die Frage der staatlichen Zugehörigkeit Beßarabiens von den Russen nicht als erledigt betrachtet wird. Der Führer der rumänischen Delegation hatte am Freitag erklärt, daß die rumänische Regierung bereit sei, mife Rußland normale Beziehungen anfzunehmen, aber die Wiederaufnahme freundschaftlicher Beziehungen setze die Anerkennung der Grenze voraus. Die Anwesenheit der russischen Delegation in Wien beweise, daß ihre Regierung gemäß den Besprechungen in Lausanne bereit fei, dm Dnjestr als Grenze zwischen Rußland und Rumänien anzuevkennen und daß die deßarabische Frage nicht bestritten sei. In diesem Sinne habe sich die rumänische Regierung einverstanden erklärt, ihre Delegierten zu dieser Konferenz zu entsenden. Auch für den Fall, daß die Sowjetre^iernng diesen Standpunkt nicht aufrecht erhalten zu können glaube, sei es offenkundig, daß es nicht die Schuld Rumäniens sei. wenn die gegenwärtigen Verhandlungen, nicht zum Ziele führen sollten. Da es sich.also nur mehr darum handle, eine Formel zu finden, die beide Regierungen befriedigen könne, erklärt sich die rumänische Delegation bereit, zu diesem Zwecke mit der Tel-egatiou der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammenzuarbeiten und alle anderen auf die Wiederaufnahme normaler Beziehungen zwischen den beiden Staaten bezüglichen Fragen in einem möglichst liberalen Geiste ihrer Lösung zuzusühren. Darauf gab Gesandter Rrestensky namens der Russen eine Erklärung ab, in der er sagte: „Die Delegation hoffte, daß ihr Vorschlag auf Durchführung einer Volksa bst immung i u Behärabien auf keinerlei. .Widerstand der Bukaresier Regierung stoßen würde. Diese Hoffnung habe sich nicht erfüllt. Die rumänische Delegation habe es abgelehnt, über Beßarabien zu sprech e n. Angesichts dessen sei die russische Delegation gezwungen, noch einmal kategorisch zu erklären, daß die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken der Anbiederung Beßarabiens an Rumänien nicht zugestimmt habe, nicht zustimme und daß sie entschieden gegen die rumänische Annexion Beßarabiens protestiere. In der gestrigen Sitzung beantwortete die rumänische Abordnung diese Erklärung; die russische wird in der nächsten Sitzung, die für morgen, 4 Uhr nachmittags, angesetzt ist, ihre Erwiderung Vorträgen. Die rumänische Erklärung besagt: Die rumänische Armee sei in Beßarabien erst nach Konstituierung der dortigen Verwaltungsorgan« auf ausdrückliches Verlangen des „Sfatul Tserei" «ingezogen, um sich zur Verfügung der Behörden der neuen Republik zu stellen. Der ,-Sfatul Tserei" sei ein Verwaltungskörper, der auf denselben Grundlagen gebildet wurde wie die Lan dtage in den russischen Randstaaten, die von den Sowjetregierungen gleichwie von den europäischen Regierungen anerkannt worden sind. Es müsse betont werden, daß die wiederholten Wahlen zum rumanisch enParla me ntVertreterBeßarabie ns ins Parlament gebracht haben, die sich für di« Vereinigung mit Rumänien ausgesprochen halben. Wenn die Delegation der Sowjetunion auf . ihren Anschauungen bezüglich der Voillsaibstimmuing in Beßarabien beharren sollte, könnte die rumänische Regierung diese Haltung nur als besonders gegen sie gerichtet betrachten. Dann könnten die Verhandln ng e u auf diesen Grundlagen nicht fortgesetzt werden. Die rumänische Regierung sieht sich g enötigt, jeden Gedanken an eine Volksab st immung auch noch unter einem anderen Gesichtspunkt zurückzuweise n. Ti« ruurcimsche Delegation legt Wert darauf, git betonen, daß sie mit formellen Weisungen bezüglich dieses Standpunktes 1 ÄM IM mw * tU'l-nkü'.m ist, daß sie sich jedoch tan weitesterr Matz der Sowjet!dcilegati'.ion zur Verfügung hält, um Formel zu finden, die beiden R-egievMgM genehm Falls die Sowjetregierung es ablehne würde, auf diesen Grundlagen! zu verhau« del'N, wäre es osfenLundig, daß sie entschlossen ist, die Verhandlungen nicht zu einem erfolgreiches Ende zu führen, und i>n diesem Falle könnte keine Dev,' anüwortung in dieser Hinsicht aus die rumänische {Regte* rung fallen. Deshalb richtet die rumänische Delegation einen warmen Appell an die Sotvxetdeldkian und bittet sie, die zugunsten der rumänischen Auffassung sprechenden Argumente neuerlich zu Prüfen. Dies wäre tatsächlich das einzige Mittel, mn zu einem erfolgreichen Ergebnis zu kolmmem Uebeneichnng der SachderWMgew berichte in dieser Woche. (EigeMenst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 31. März. In politischen Kreisen rechnet man nunmehr mit der Möglichkeit, daß sich die Uoberreichung der Sachverständigenberichte nunmehr bis Freitag oder Samstag hinziehen werde. Der erste Sachverständigenausschuß hielt heute nachmittags eine Vollsitzung ab. Ter RedakbionsunteranSschuß. der gestern d-en Bericht über die Eisenbahnfra-e fertiggestellt hat, wartet darauf, daß nunmehr der Ausschuß selbst ihm diesen Bericht zur endgültigen Redkgierung zitrückschicken werde. Mar Donald Wer das Ende desDerkehrsstreiks (Eigenbienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 31. März. Mae Donald erklärte im Unterhaus, der Streik werde sicher noch heute abends beendet' sein, so daß morgen der normale Verkehr au? der Straße wieder einsetzen werde. Drr türkische Friedenrverlrag vor dem Unter Haus. (Eigendienst der „Wiener Morzenzeitung".) London, 31. März. Die nächste Unterhaussitzung wirk am Dienstag stattfinden und wird die Ratifizierung des türkischen Friedensvertrages behandeln. Sir Eduard Grigg wird, unterstützt durch Sir Muir, die Ablehnung des Vertrages Vorschlägen. Sir Simon wird für die liberale Partei sprechen und die britischen Handelsinteressen betonen. Der Premi erminister wird für die Regierung und Baldwin für die Konscrva t iven, unter deren Regiermig dieser Vertrag zustande gekommen ist, das Wort ergreifen. Litidde Wer keine Verhaftung. Berlin, 31. März. (Del. d. „Wr. MovgenMmg".) Die ' „Welt am Montag" veröffentlicht längere Ausführungen des Professors Quid de über seine Verhaftung. Quidde erklärt unter anderem, es sei unrichtig, daß er die in der „Welt am Montag" veröffentlichte Abhandlung habe als Flugblatt drucken und an die Presse des Auslandes versenden lasten. Er habe kein einziges Exemplar an irgend eine ausländische Zeitung verschickt. Dies sei in bem Haftbefehl auch nicht behauptet worden. Richtig fei, daß er, eh« er am Abend des 8. Marz vott Berlin nach München fuhr, Weisung gab, 300 Sonderabdrücke des Artikels iherznstellen und etwa 70 davon an deutsche ReichSurtnisier und Reichstagsabgeordnete und etwa 20 an ausländische Pazifisten, hauptsächlich nach England ttitib auch an englische Minister, zu senden. Der Haftbefehl sei damit begründet, daß er das Flugblatt am 13. März an zahlreiche Personen fremder Staatsangehörigkeit in England, Italien und der Schweiz versandt haben sollte. Damit sollte er dem Feinde Vorschub geleistet und gegen bayrische Verordnungen vom 1. Mai und 1. Oktober verstoßen haben. Ich hatte, so erklärt Quidde, am 13. März etwa eiu Dutzend Exemplare verschickt, einige als Einlagen in Briefen und neun als Druckfachen. Diese neun Drucksachen waren beschlagnahmt worden und bildeten das Belastungsmaterial. Bon ihnen waren vier au inländische Empfärtger, Oesterreich eingeschlossen, gerichtet, fünf au ausländische, davon aber nur drei an solche fremder Staatsangehörigkeit, und zwar alle drei an Frauen rein deutscher Abstammung, ganz unpolitische Wesen. Quidde äußert schließlich die Ansicht, daß bas Münchner Postamt eine unberechtigte Zensur gegen ihn aüsgeübk und die Sendungen beschlagnahmt habe. Dir LMlsverKadigung im Hitler-Prozeß. München, 30. März. Der Staatskommistär für Mnw chen verlantbart: „Die Bekanntgabe des Urteiles im Hochverratsprozeß gegen Adolf Hitler und Gen osten durch Anschlagett oder Aushängen an öffentlichen Straßen, Wegetr und Plätzen, an Teleoraphentafeln, in Schaufenstern ustv. ist verboten. Zuividechandlungen werden mit Gefängnis, Haft oder mit Geldstrafen geahndet." München, 31. März. (S.-K.--B.) Aus Anlaß der Urteilsfiillung üu Hitler-Prozeß hat die Münchener Polizeildirektiou nachstcheitde Bekanntmachung erlassen. Der Pollzeidtvektion ist bekannt geworden, daß für den 1. April größere Kundgvbuugeir geplant sind. U nt z ü g e u n b Ansammlungen fiutb verboten und werden mit allen Mach Mitteln unterdrückt wenden. Die Stenorcchts- Verordnung ist noch in Geltung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.