Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1841 (31.3.1924)
- Date
- 1924-03-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Montag Seite 2 Wiener Morgenzeitung. 31. März 1924 Nr. 1841 Zer Wrltmndslug. Rom, 30. März. (Tel der „Ar. Morgcuztg.") Der englische Hydroplan mit Kapitän Maelaran als Kommandantcn hat seinen Weltflug fortgesetzt. Maelaran hofft, den ÄSeltflug in 300 Flugstunden zu vollenden. Die zuvückAulegende Strecke beträgt 40.000 Kilometer. Da« Schachturnier in Rew-Varl. New-Aork, 30. März. Eduard Lasker gab beim Schachturnier das Spiel gegen Marschall nach 53 Zügen auf. Maroczy schlug Janowsky nach 55 Zügen, Reti schlug Tartakower nach 70 Zügen, Doktor L a s k e r gegen I a t e s remis nach 55 Zügen, Aljechin gegen Bogoljubow unterbrochen nach 61 Zügen. * Tanzinftitut Hermann Braun, 1t. Bez., Reindorfgasse 42. (Entgeltlich.) Kleine ßhronik. * Mae Donalds Literatenministerium. Wie ein italienisches Blatt berichtet, ist es keineswegs der Sozialismus, der Mac Donalds Kabinett zusammenhält,' es ist die Literatur. Kaum jemals hat es in Europa eine Regierung gegeben, der so viele Lerufsschrsitsteller angehörten, wie der jetzigen englischen. Ohne Uebertreibung könnten die heutigen Londoner Minister das Motto^für sich beanspruchen: „Der Labourismus trennt unS — der Schriftstellerverband vereinigt uns." Ramsoy Mac Donald selbst ist der Verfasser einer stattlichen Anzahl von Büchern und Broschüren; der Katalog der Bibliothek des British Museum enthält seinen Namen nicht weniger als dreißigmal. Der einzige verantwortliche Lenker des englischen Staaisschicksals, der bereits vor Mac Donold sich als Schriftsteller betätigt hatte, war D i s r a e l i, der politische Romane schrieb, während Mac Donald, wie das italienische Blatt bemerkt, sich seinerseits lieber mit romantischer Politik befaßt. Sein Mitarbeiter Sydney W e b b s hat eine fünfundzwanzigbändige Geschichte der Industrie auf dem Gewissen, zu schweigen von zahllosen anderen großen und kleinen Büchern, Broschüren und Artikeln, die er zusammen mit seiner Frau verfaßt bat. Auch S n o w d c n, obgleich eher Dozent als Schriftsteller, hat ein halbes Dutzend Bände geschrieben; Lord Haldane ist der Autor von sieben philosophischen Essays, und Lord P a r m o o r har zwei Abhandlungen über Kirchenrecht geschrieben. Der Name des neuen LarÄwirtschaftsministers Noel B u x r o n ist auf sechs Büchern über Reifen und Politik auf den: Banlkan zu finden. Sir Sydney O l i v i e r wiederum hat als Student Verse und später Propagandaschriften der Fabiergejellschaft veröffentlicht, sowie ein kolouialpolitisch sehr interessantes Werk über „Weißes Kapital und Negerarbeit". Trevelyan, Wedgwood, Thomas, HodgeS, Clynes, Ponsonby, Hartshor, Patrick Hastings — sie alle sind Verfasser von mehr oder weniger zahlreichen Büchern, so daß im ganzen Ministerium Mac Donald schließlich nur vier oder fünf Herren übrig bleiben, die nicht in reichlichstem Maße zur Feder gegriffen hätten. Und selbst unter diesen paar weißen Raben ist immer noch einer, nämlich der Discount ChelSford. dem böse Zungen nachsagen, daß auch er in seiner JünglingSzeit ein Bändchen Lyrik verbrochen habe. * Die erste französische Tchachmelsterin. Bei dem kürzlich in Paris stattgefundenen Turnier um die Meisterschaft von Frankreich errang zum ersten Male eine Dame den ersten Preis und damit den Meistertitel. Die erste französische Schachmeisterin ist Fräulein Frigard, ein junges Mädchen mit ♦ Novitäten. — Jüdische Musik. — Solisten« Seit dam Tode Gustav Mahlers scheint das Lebenslicht der Symphonie immer matter zu flackern. Die weite Symphouiesorm mir ihren weiten Melcdiebögen und ihrer 'treng logischen Entwicklung findet' sich in unserer aufs Knappe unt> doch nichr aufs .Klipp und Klare eingestellten Zeit nicht mehr zurecht und so kommt es, daß in den vtzten Jahren außer Franz Schmidts Es-Dur-Symphonie und Josef Marx' Hdrbst-SiMvphcntie kaum eine Sh-nuohonie deu guten Durchschnitt überragte. Auch die Zweite Symphonie oon Cornelius Czarniawski mit ihrem uesigcn Apparat von großem Orchester, Klavier, Orgel, Soli und Chor in nicht weniger als sechs Sätzen vermag u ihrer Plastik und ihrem musikalischen Gehalt nicht das ur.s zu schöpfen, was dom Komponisten Kn der dichterischen Idee vorschwebte. Die Monumentalität Mahlers bleibt 'ei der in einer ganz unzulänglichen Durchführung stecken, -Vic gesunde Sinnlichkeit verbirgt sich hinter einer strengen, fast..düsteren Weltanschauung, deutsch« Musikohne die 'lirrte plastische .Kraft deutschen formenden Geistes. Ist Dzarniawskis Werk auch keine gerade gewachsen« Symphonie geworden, -so ist sie doch reich an poetischen Schönheiten, welche durch die begeisterte Mitwirkung des Sym-- ph onieorchesiers, des S i n g v e r e i n e s, der Frau >? e l le ts grübe r und der -Herren Jölli, Schütz und Wü h re r, unter Kapellmeister Reichweins energischer Leitung Volt zur Geltung gelangten. Auch der Tondichter Leopold W e I l e b a, der u., von Zeit zu Zeit durch Kompositionsabende in Erinnerung bringt, hat bis nun Leinen Anspruch auf Un- '-ublichkeit. Letzthin hörten wir von ihm eine glanzvoll .utsge machte Symphonie, in der er bald Anton Bruckner A.u frommes gewichtiges Wort reden läßt, bald wieder tunt dessen Feierlichkeit in den Alltag der Operette zurückkehrt; ein gewandter Musiker, der in der zeitgenössischen Musik Bescheid weiß und nur zu wenig in sein eigenes Kueiichorcht. Ackhnliich steht es um den Wiener Tlwd.:. - Erwin Jan o Witz er, welcher derzeit als Oir-.in.?v am Charlottcnouroer Opernhaus wirkt. In sympathischen, interessanten Gesichtszügen, waS die Pariser Blätter offenbar deshalb betonen, da bisher Schachchampionate im allgemeinen das Vorrecht älterer, gereifter weiblicher Jahrgänge sind. _ Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Moderne SypMisbeharrdlurrg Eine Umfrage -bei verschiedenen vielbeschäftigten Aerzten ergibt die interessante Tatsache, daß die Zahl der Geschlechtskrankheiten in der letzten Zeit bedeutend äbgenommen hat. Namhafte Lpczialärzte geben zu, daß selbst au deu Kliniken und Ambulatorien jetzt viel seltener ein ganz frischer Fall von syphilitischer Infektion zu sehen ist und daß für Lchvzwcckc jetzt nicht so oft ein geeignetes Krankbeilsbild zur Demonstration für die Studenten zur Verfügung steht. Diese Tatsache ist höchst erfreulich und zeigt, von welch wohltätigem Einflüsse die allgemeine Aufklärung über die Gefahren der Geschlechtskrankheiten ist. Der frühzeitige Eintritt der Infizierten in die ärztliche Behandlung setzt die Dauer der Uebevtragbarke-it der Krankheit auf andere bedeutend herab und diesem Umstande ist zweifellos die starke Abnahme der Syphilisinfektiös zu verdanken. Die frühzeitige Einleitung der modernen Behandlungsmethoden ermöglicht unter bestimmten Umständen sogar die völlige Kapierung der Krankheit mU allen ihren Folgen. Bekanntlich dauert nach einer fcstgestellten Infektion die Behandlung mehrere Jahr-, während wolcher der Patient verschiedene Kuren zu absolvieren hat, um Rückfälle zu vermc-iiix'u. Denn als drohendes Gespenst der Folger: der überstmdenen Syphilis stehen die Rückenmarkschwindsucht und die Gchirnerwrichrmg. Rechtzeitige Anwendung der treueren Behandlungsart, welche in einer Kombination des Quecksilbers mit dem bekannten Ehrlichschen Salvarsan besteht, kann schon nach einmaliger Kur zur völligen Heilung der Krankheit, das heißt zur Abtötung aller im Körper befindlichen mikroskopisch kleinen, schlaugenartig gewundenen Spirochäten führen, welche Bazillen als Erreger der Syphilis gelten. Der Beweis für die .Heilung ist wiederholt dadurch erbracht worden, daß solche einmal Infizierte sich nach einer Behandlung später neuerlich mit dem Syphilisgift in Form eines harten Geschwürs infizierten. Auch die Behandlung der Syphilis steht augenblicklich vor einem entscheidenden Wendepunkte. Bisher bestand die Behandlung darin, daß die Medikamente reils ht die Muskulatur, teil» direkt in die Blutbahir injiziert wurden, eine Methode, die am raschesten zum Ziele führt, aber für Vieh: mit großen Unannehmlichkeiten verbunden ist. .< Nun kommt die Kunde, daß die Franzosen ein neues Mittel entdeckt hätten, das schon im Anfangsstadium der Krankheit günstige Erfolge aufz«weisen hat, und, was das wichtigste ist, nicht eingespritzt wird, sondern in Tablettenform dem Patienten verabreicht werden kann. Versuche, die in Wien gemacht wurden, haben tatsächlich die mitgeteilten, günstigen Resultate, des neuen Heilmittels bestätigt, doch ist e8 vorläufig noch nicht im freien Handel zu haben. Wohl gab es auch bisher innerlich zu verabreichende Mittel gegen die Syphilis, doch wird ihnen im allgemeinen eine Dauerwirkung abgesprochen, weshalb sie seltener Anwendung fanden. Ein sicheres, innerlich zu verabreichendes Heilmittel gegen diese Infektion und die Erfolge der frühzeitigen Einleitung den' Behandlung könnten wirklich ein Segen für die ganze Menschheit werden. Auch für die Folgeerscheinungen der Syphilis, die Gchirnparalhse und Tabes, kann man neuerdings eine beflere Prognose stellen. Während ftüher ungefähr 10 Prozent -der Syphilitiker Opfer dieser Nervenkrankheiten wurden, scheint die neue radikale Behandlung nach die Zahl dieser Folgezustände herabzumindern. Aber auch für die paralytisch Erkrankten winkt jetzt «ine Hoffnung aus Besserung des Leidens. Während noch bis vor einem' Jahre die Feststellung der Gehirnparalyse einem Todesurteil gl-eiä)zustellen war, kann man heute sagen, daß die neue von Professor Wagner-J'auregg in Wien entdeckte Malaviabehandlung große Aussichten auf Heilung, mindestens aber auf Besserung erweckt. Die Beobachtung, daß bei Paralytikern eine fieberhafte Erkrankung, wie Lungenentzündung, Rotlauf, einen Stillstand im KrauthmtLv-erlause mit sich brachte, gab den Anstoß zur sogenannten Fieberiherapve der Paralyse, die jetzt wahre Triumphe feiert. Selbstverständlich sieht man die besten Resultate bei Krankheitsfällen inr Ansangsstadium, wo die Zerstörung tim Nervensystem noch geringe Schäden angerichtet hat. Die völlige Zerstörung der Sehnerven auf syphilitischer Gruudlage kann auch die neue Fiebcrbehandlung nicht heilen. Mit der Abnahme der syphilitischen Infektionen l)ängl auch z-usamure», daß setzt viel seltener syphilitisch infizierte Kinder zur Welt kommen. Es hat glücklicherweise das Verantworrungsgesühl der kranken Eltern zugenommen, die erst nach gründiichor Heilung Kindern das Leben schenken. Trotz aller Widerstände, die sich gegen eine frühzeitige, sexuelle Aufklärung der Jugendlichen erheben, müssen Lehrer und Eltern alles daran setzen, ihren Kindern die großen Gefahren der geschlechtlichen Infektionen vor Angen zu führen. Es kann nicht früh genug geschehen. Man weiß nie, ob es nicht schon zu spät ist. Roth. Das ist ein harmloser Zustand, dem Sie werter keine Beobachtung schenken sollen. — G. R. 10. Empfehle die Kontrolle des Harn auf Eiweiß monatlich. — Glockengasse. EM im letzten Monate kann man etwas Genaueres über die Lacp der Frucht anssagen. — Zahn«. Gerade die Renrigung der Zähste am Abend ist wichtig, um die Speisereste zu entfernen und die Gährung in der Nacht zu verhüten. — Jodbad.- Bad Hall oder Bad Tölz. für Mäntel und Kostüme Wie N.I,AOtER« ASSE-* Telefon Nr 2L2.SA feiner Rhapsodie für Baritonsolo (Eduard Erhard) und .Kammerorchester, welche Nilius dirigierte, spürt man die Herkunft dom Theater, von einem weit grelleren Theater, als es Richard Dchmels rhapsodischen Bekenntnis angemessen ist. Langwierige Wagner-Beschwörungen, -daneben auch trivial-letrtvmentale Betrachtungen, die ein« Art tondichterischer Pubertät künden, welche wieder Dehnrels Wvrtsinn nicht eigen ist. Moderne junge Liebe, die in Tönen fühlt, und diese Töne in jugendlichem Ueberschwang nicht erst auf ihren Feingehalt prüft. Daher der Mangel an innerem Gleichgewicht, die durstige Kontrastierung von Licht und Schatten, die mantzechaifte Gestaltung eines starken inneren Erlebnisses, das gleichsam in billigen Farben koloriert erscheint. Dasselbe Konzert brachte Karl Weigls Suite Wilder und Geschichten": eine kluge, finnige Musi?, töte fernab von Ironie -oder Skeptizismus ihre einfachen schlichten Weisen singt, zartgezeichnete Märchenillusttation, die vom Brahmsschen Liedgefange weg. nach neuen Ausdrucksmöglichkerten sucht. * Das Ringen nach neuen Ausdrucksmöglichkeitm «durchzieht auch die sogenannte ,/dieue Mische Pinsik" von der in einer Veranstaltung des Arbeiterheimes B o r och o w Kostproben verabreicht wurden. So viel der Namen aus dem Programme standen (Lew in, Mi ln er, Achron, Stutschewski), sind es doch im Grunde die gjleichen .Züge, welche den jiuntzen aus Rußland und Polen kommenden Tondichtern eigen sind. Vor allem das starke Wollen, e-rne jüdische Knnisjjnmsik zu schaffen, als ob dieses Wollen auSraichte, werm die natürl,i.chen Voraussetzungen der Entwickkmg noch nicht gegeben sind. Man ging nie daran, eine deutsche Musik künstlich gu züchten; doch eines Tages, als die Zeit und die künstlerische Entwicklung das. ihrige getan hatten, war sie da. So auch m Frankreich, Italien usw., und so mag es sich auch später einmal nvit der jüdischen Kunstmusik in Palästina ereignen. Was wir letzthin hörten — in ganz vorzüglicher Wiedergabe durch die prachtvolle Sängerin Hanna Schwarz, durch das Äolisch-Quartett, den Klarinettisten Pol latsche? und den ganz ausgezeichneten Cellisten Stutschewsky —, zeigte teilweise Anpassung au die allgemeinen urcdemen Vinsilbräuche zum Teil eine Emanzipation gegenüber dem Westeuropa, ischen Musikidiom, eine in Tonalität, Melodiebitdung, Melismwbik, Rhythmik ufw., hervortretende Anlehnung an orientalische Musik, die noch lange keine jüdische ist. Dieses Unterschiedes sollte inan sich bewußt werden, und sollte nicht die noch ungeborene Mrsiik zu Tode propagieren, denn dies -väre ein Verbrecher: gegen das keimende Leben der werdenden jüdischen Kunst. Nicht auf die positive „jüdische Kunst', sondern ans dem Willen zum Judentum, der seine eigenen künstlerischen Wege sucht, sollte es vorderhand ankommen. * Die Liedevsaitger der letzten Woche überragte Fra» Bella Paalen von der Staatsoper mit ihrer schönen^ durchaus ausgeglichenen Altstimme, deren Adel auf dem Podium 'weit fühlbarer witschwingt als aus der Bühne. Zu schonen Hoffnungen berechtigt die junge, gesunde Stimme van Helene Vierthaler, auch Frau Jenny Sonnenberg erfüllte mit ihrer reichen» kultivierten Altstimme die in sie gesetzten Erwartungen. Zu einem kleinen gesellschaftlichen Ereignis gestaltete sich der Liederabend der schönen Frau Beate Roos- Reuter, die von E. W. Korngold feinfühlig begleitet wurde, mit tiefer Innerlichkeit sang Daniel Andersen Lieder von Hugo Wolf. Mit großem Ton und gewandter, nur nicht durchwegs ausgeseilter Technik evspielte sich die Geigerin Melanie Michaelis einen Erfolg, deren Konzert von Wilhelm Sieben aus Dortmund, anscheinend einem der besten jungen Dirigenten Deutschlands, geleitet wurde. Mit elegantem, süßem Tom geiigte der junge Granu: Pa Po v ich, ein Konzert des Triestiner Streichquartetts verriet mehr naturburschenhafte Klangsreudigkeit als quartettmäßige Disziplin. Ein Becthovei: gewidmeter Klavier-Trio-AbeM, Peters-Gottesmann-Busch, enthüllte allerlei Meimvngsver'chi'edenheiten zwischen dem einträchtigen Spiel von Violine und Cello und dem schrullenhaften Klaviervortvag Peters, dessen beschwörende Gesten und verschrobems Rubato immer wieder feierlich zu verkünden schienen: „Höret, ich lehre euch einen nnr-en Beethoven!" Erwin Felde r.