Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-03-30 · Heft 1840 (30.3.1924) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1840 (30.3.1924)
Date
1924-03-30
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980923--18369-3005432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vtmutki'wb'saxtfXfeäXr) .1 v,^\^.nw»r.iir; «•.veu'O 'Deite 9 ..Dien, Sonntag Wiener Morgenzeitung. 30. März 1924 Nr. 1S4Ö ■tfaüag; Die Wünsche der Enterbten. „Wenn ich mich einmal über die minder ärgere", sn-N die Verwalterin des kleinen MädchenblindeiiHeiiiils, „dann schließe ich die Augen und zwinge mich, im Dunkel durch zwei Zimmer zu tappen. Bis ich am Ende des zweiten Zimmers angelcmgt bin, habe ich jedesmal alles verziehen." Diese primitive Methode der Erziehung zmn Verständnis wäre so manchein zu empfehlen. Vielleicht würde, wenn die Jude" unserer Stadt sie fleißig üben wollten, sich doch eilt Paar zu dem Entschlüsse aufrasfen, dem Heim für blinde jüdische Mädchen ihre Aufmerksamkeit zuzuwendcn, anstatt die Sorge um seine Führung und Erhaltung einfach auf andere cibzuwälzen. Fa vielleicht würden sic sich sogar dazu verstehen, dem Verein, der dieses Heim geschaffen hat, berzntrcten. Dieser letzte Entschluß ist allerdings schwer. Denn der Mindestjahresbeitrag erreicht die schwindelnde Höhe von 3O.0A) Kronen, zehn bessere Zigarren, vier Laib Brot, ein Säctchen Bonbons. Dreißig, tausend Kronen — es ist viel. Aber versuchen Sie es nur ein. mal mit der Methode der Frau Verwalterin, gnädige Frau. Merdings ergibt die einfachste lleberleanug, wie wenig die Vorstellung bei diesem Versuch von der furchtbaren Wirklichkeit zu ermitteln vermag. Wenn wir uns zwängen, mit verbundenen Augen eine Stunde, einen. Tag, ja eine Woche herumzugehen, wir könnten kaum eilt Bruchteilchen des Jammers erfassen, dessen Beute der Blinde ist. Demi uns erfüllt ja die Gewißheit von der Freiwilligkeit dieses UntertauchenS in bie Nacht, wir wissen, ein Ruck und goldenes' Sonnenlicht, die Schönheit der Welt, der Formen, der Farben ist uns zurückgegcben. Der Blinde ist im Kerker seiner Verzweiflung auf immer gefangen. Aber das Leid der blinden Mädchen ist nicht erschöpf: mit dem Jammer, der Hilflosigkeit, der Angst des Dunkels. Ach, auch die Jüngste aus der kleinen Schar weiß, daß ihr kein Frauenglück blüht, blinde Mädchen, denen kein Vater liebevoll die Wege ebnet, denen keine Mutter zärtlich die Härte des Geschicks verhüllt und mindert, arme blinde Mädchen werden nicht geheiratet. Sie wissen cs schon mit zwanzig Fahren, sie wissen es-zur Zeit, da ihren glücklichen Schwestern die Welt ein blühender Garten ist, der süßen Dnfr atmet von Hoffnung und Verheißung. Blinden Iudcnmädchcn blüht eine einzige Blume: der- Verzicht. Sie müssen sterben, ohne je gelebt zu haben. Soll ihr Lvs nicht unerträglich, soll es nicht rasende, nimmer endende Verzweiflung bedeuten, muß ihnen der Trost gemeinsamen Leidens, muß ihnen der Trost werktätigen Schaffens bleiben. „Arbeit!" Die neun Mädchen, die da strickend um den langen Tisch sitzen, sagen es wie aus einem Mund als ich sie um ihren dringendsten Wunsch fragte. Sie müssen jetzt' so sehr „sparen" mit der Arbeit, müssen sie ansdehuen, um etwas von dem kostbaren Gut auch in -die öden Stunden, die da heranschleichen, zu retten. Sie können-ja, bei aller ^Bescheidenheit, die Konkurrenz -mit den Sehenden so schwer aufnehmen. Kein Geschäftshaus will Aufträge erteilen, weil die Minden die Blitzarbeit der Säison nicht leisten können. Hie und da bestellt eine Bekannte oder Verwandte eine Bluse oder ein Kinderkleidchen und ruft ein Lächeln des Glückes aus die bleichen Lippen. „Arbeit" — sie sagen es, wie der Verschmachtende „Wasser" sagt, wie der Gläubige seinen Gott nennt. Ich wollte, manche jüdische Frau, mancher Geschäftsmann hätte hören können, wie diese Antwort klang. Und gleich tappt ein großes, schlankes Mädchen mit dem leisen vorsichtigen Schritt der. Blinden in dem Vcwrcrum, um den Schlüssel zum großen Schrank. Sie lächelt, wie junge Müt-rer lächeln, wenn sie den Wiegenvochcmg zur Seite schieben, während sie auszukramen beginnt. Jedes einzelne Stück muß ich begutachten und die Gesichter strahlen bei meinem Lob. Dieses Lob ist übrigens aufrichtig — die Arbeiten sind entzückend. Die Kinderkleidchen, die Jumper, die Blusen, ein höchst originelles Schultertnch, latest fashion, die hauchdünnen Häckelspitzen, alles mit Geschmack zus ammenge - stellt und mit einer Präzision ansgenihrt, deren Sehende ein- 'ach nicht fähig sind. Wer sich eines von den Modellen nachöcstelit, wird sicher nichts zu klagen haben. Und das grünweiße Tuch wird Sie darum nicht schlechter kleiden, gnädige Frau, weil seine Herstellung einer jüdischen Schwester das Leben eine Woche lang lebenswert gemacht hat. Als ich weiter nach den Freuden in diesem Heine der ü-liicklosen forsche, beginnen die Mädchen, estrig zu erzählen. ,Die Menschen sind ja so gut zu uns," sagen sie alle mit nner Dankbarkeit, die einem die Rote ins Gesicht treibt. Die Theater, allen voran die Staatstheater, die Kouzertuntertehmuugen, mitunter auch Freunde des Heims schicken Karlen, das „Sinngedicht" von .Keller ist kürzlich aus der Blin- )enbibliothek geholt worden und ein paar junge Studentinnen ülden in ihrenr Leben des Hetzens und Eilens manchesmal Zeit, ein Stündchen vorzulesen.. Hie und da, sehr, sehr selten, vird auch die eine oder andere zu einem Spaziergang eingeaden. Aber das ist ein besonderer Glücksfall. Ja, wenn ein .mar jüdische Mädchen und Frauen Zeit fänden, die Bewohner ws Heims regelmäßig zu Spaziergängen abzuholen — wie glücklich wären die Mädchen! Aber wer hat denn Zeit für seine llebenmenschen, besonders wenn er nichts zu tun hat! . -Roch ein großer. Wunsch wird, schüchtern und zaghaft, unbekannt: ein Klavier.-Wenn es noch so schlecht und klapprig väre, den Blinden klänge es wie Musik des Himmels. Abends!in wenig spielen, ein wenig singen, vielleicht einen Chor mit Hilfe des Instrumentes zns-ammenstellen — es wäre inehr als Die „Wiener Morgenzeitung", durch die in der letzten Zeit vorgeuommene weitgehende Ausgestaltung ihres Umfanges und Inhaltes ihrem Ziele, das große deutschgeschrkebene Tagblatt mit welthslttischer Wischer Tendenz zu werden, wesentlich nähergekommen, will ihre Bemühungen zur Erreichung dieses Zieles nach jeder Richtung durch weitere Ausgestaltung sortsehen. Dazu bedürfen wir jedoch auch der Mithilfe unserer Leser und Freunde. Der schon jetzt täglich wachsende Kreis unserer Leser foll durch eine neue MMMMeMerheMm bedeutend erweitert werden. Um nun den Werbeeifcr unserer Freunde, die wir zur Mitarbeit aufrufen, zu steigern, haben wir uns trotz der bedeutenden Kosten dieser Aktion entschlossen, jedem erfolgreichen Abonnentenwcrber ein wertvolles Geschenk zu widmen. Jeder, der uns mindestens drei neue Jahresabonnenten bringt, erhält gratis die dreibändige Ausgabe von GMtz'„WchWe der Mm" in geschmackvollen Halbleinenbänden. Gleichzeitig mit der Ucbersendnng der geworbenen Abonnenten ist die Bezugsgebühr für ein Jahr zu erlegen. Nur derjenige hat Anspruch auf die Prämie, der drei neue Abonnements snicht bereits bestehendes anfgibt. Verschleißer haben keinen Anspruch auf die Prämie. Die Verwaltung der „Wiener Morgenreltnng" Men, II. Taberftratze 1-3, Tel.: 44.088,43.319 Vergnügen. Es wäre Glück. Das blasse Glück der Enterbten; das einzige, das im Blindenheim noch blühen kann. Aber ihren größten, heißesten, üefsten Wunsch, der ihre tiefste und heißeste Augst in sich birgt, den sprechen die Mädchen nicht aus. Vielleicht fürchten sie, sich den Gedanken überhaupt klar zu machen. Deim dieser.:Wunsch ist: im Heim -zu bleiben. Von den neun Mädchen hat nicht ein einziges.Väter oder Mutter zur Seite, glicht ein einziges Geschwister, die ihm helfen könnten. Masten sind sic, fast alle aus Galizien stammend und alle verbunden durch die Gemeinsamkeit des Elends. Werden sie hinausgestoßen -in die Welt, so müssen sie zugrunde gehen, jammervoll, hilflos, wie Tiere. Sie wissen nicht und sie dürfen nicht ivissen, wie nahe die Gefahr ist. Gute Menschen aus der Nachbarschaft schicken Lebensmittel, Fleisch, Zucker, Mehl. „Die Kinder müssen gutes Essen haben," sagt die Verwalterin, ,Minhe brauchen mehr als Sehende". Sie sagt die ,Kinder", obwohl manches dieser Kinder der wackeren Frau wohl an Jahren voraus ist. Aber sie empfindet die Pflicht-, diesen Hilflosen, diesen vom Schicksal Gezeichneten Mutter zu sein. Wollen sich die Wohlgestellten, die Gesicherten, wollen sich die Mütter und Väter, denen ein fröhliches, glückliches, ein sehendes Kind geschenkt, wollen sich die Juden Wiens nicht auch ihrer Pflichten gegen die Hilflosesten der Hilflosen erinnern? Die Welt ist so schön, das Leben ist so reich. Im Heim der blinden Mädchen Worten die Enterbten auf unseren Dank für alles Glück und alle Wunder des Lebens. Klara Mautner. Me Neuerwerbungen des Kunsthistorischen Mnseumr im Künstlerhaur. Gestern vormittags erössnete im Wiener Künstlerharste Bundespräsident Dr. Hain i s ch die Ausstellung der Gemälde des Kunsthistorischen Museums, welche in den letzten vier Jahren erworbeir wurden, worauf Hosrat Dr. Glück eine Begrüßungsansprache hielt. Erwähnenswert ist die Tatsache, daß diese Neuerwerbungen gerade in der Zeit der schwersten Wirtschaftskrise erfolgt sind und daß für sie keinerlei staatliches Geld in Anspruch genonnnen wurde. Es handelt sich um 57 Werke, die durch Widmungen von Kunstfreunden, durch Entdeckungen in den Depots des alten Hofmuseums und durch Tausch zuftandcgekommen sind. Außerdem liegen -einzelne Spenden und Schenkungen, wie die des Fürsten Liechtenstein, des Freiherrn v. G r u n d h c r r, des. Präsidenten C a st ig l i o n i und des Sammlers Moritz L i n d e m a n n vor. Die Ausstellung bietet eine imposante Schau bedeutender Werke: Vertreten sind Rubens, Dürer, R u i s d a e l, A. van der N e er, T i n t o r e t t o, Lukas C r a n a ch, Hans B a l d u n g- G r i c n, Goya, V e l a s qm ez und eine Reihe ö st e rr e i ch i s che r Meister des 15. und 16.' Jahrhunderts. Der Text des Kataloges stammt vom Kunsthistoriker Dr. L. Bald a ch. Nach Schluß der Ausstellung werden die Bilder der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums einverleibt. Wahrheiten und Unwahrheiten der Woche. Es ist unwahr, daß zwischen England und Frankreich Vor« stimmungen herrschen. Wahr ist vielmehr, daß Frankreich fürchtet, England könnte die Sclbstzersteischung Deutschlands gefährden. — Es ist unwahr, daß Amerika die Einwanderung entthronter Häupter beschränken will. Wahr ist vielmehr, daß Griechenland, damit der Sultan einen Tarockpartner habe, bis auf Widerruf Repubbik geworden ist. —- In Bayern ist die Demokratie ausgebrochen. Um sich von den Strapazen des Hitler- Prozesses zu erholen, haben die Triumvirn eine Jtalienreise angetrcten, jedoch ihr Ehrenwort gegeben, von dort Ansichtskarten zu schicken. — Die Zensur ist in Oesterreich besonders liberal: Im äußersten Falle wird ein Theaterstück für geladene Gäste frcigegebcn. Da diese mit den zahlungsfähigen Besuchern identisch sind, geben sich die Direktoren zufrieden und die Moral ist gerettet. — Wahr ist, daß die Diskussion über die Polizei ein glänzendes Resultat für dieses Institut ergeben hat: Cs wurde einwandfrei nachgewieseu, daß niemand eingesperrt wird, che man ihn erwischt. — Es ist auch unwahr, daß das Sittenamt die Seeleusamernng auf Umwegen betreibt. Wahr ist vielmehr, daß mau der Polizei keilte Prügel zwischen die Füße tverfeit darf. — Die internationale Erdbebcnwclle hat nunmehr auch Wien erreicht, doch ist es gelungen, die ins Wankett gekommene Börse zu stützen. Nur dem Publikum konnte nicht tnchr geholfen werden. — Die Wohnungsfrage ist ein wichtiger Punkt im Gvoßftadt'problem. An ihrer Lösung wird energisch gearbeitet. Der eine bekommt die Punkte, der andere die Woh- nung. — Es ist unwahr, daß jeder Bankdirektor ein Auto hat. - Wahr ist vielmehr, daß viele auch zwei verkauft haben. — Es ist unwahr, daß in der Volksoper eine Krise ausgebrochen ist. Wahr ist vielmehr, daß eine Einigung zustande fattt: Wcingartncr gastiert MO Tage im Jahr im Ausland und bleibt' Direktor des Unternehmens. — Die allgemeine Weltlage hat sich bedeutend gebessert. Die wiedei gefundene Katze des amerikanischen Präsidenten begünstigt seine, freundliche Stimmung gegenüber Europa. In der verflossenen Woche wurde kein Geheim-; vertrag dementiert und die Völkcrversöhnung ist auf dem Marsche. _ a. s, llniverfi« md Bibliothek In Jerusalem. Die polnische Fudenhcit für die Jerusalemer Universitäk. Die Warschauer Abteilung des allweltli check Komitees für die Jerusalemer Universität entwickelt eine Tätigkeit auif breiter Basis. Bor kurzem hat ein tt n-- bekannter Speicher 10.000 Dollar für die Univer-' sität deponiert. Das Warschauer Komitee hat auch für die Universitätsbibliothek die 10.000 Bände! starke Bibliothek des Dr. C h a f a n o w i t f ch aus Bialhstok nach Warschau.herübergeholt. Die Sammlnng' von Büchern und seltenen Manuskripten für die Jerü--: latenter Un-ilvevsrtät hat auch sonst ^beträchtliche Erfolge gezeitigt. Dieser Tage fand im Lokal der B'nai B'rith eine' Pressekonferenz statt, in welcher über die Tätigkeit der Warschauer Abteilung des Universitätskomitees Äufkläruug gegeben wurde. (I. T. A.) Desiderata der Nationalbibliothek in Jerusalem. Fünfte Folge. E. Schürer: Verzeichnis der Personenuameir. in der Misch rw. ' I. Segall: Die deutschen Juden als Soldaten im Kriege 1914 bis 1918. W. Staerk: Jüdisch-aramäische Papyri aus Ele-- phantine, sprachlich und fachlich erklärt. — Altjüdische liturgische Gebete. Stobbe: Die Juden in Deutschland' während des' Mittelalters in Politischer, sozialer und rechtlicher Be- 1 Ziehung. C. H. S trotz: Was sind Juden? I. Zoller: Das Seeversichemngswesen und die Juden! in Triest. A. Alt: Die griechischen Inschriften der Palästina Tertia, westlich der Araba. Alte Denkmäler aus Syrien, Palästina und Westarabien. Veröffentlicht auf Befehl von Abmed Djetnahl -Pascha durch DH. Wiegand. Orientalisches Archiv: Jllttstvierte Zeitschrift für Kunst, Kulturgeschichte und Völkerkunde der Länder des Ostens. M. B1 ankenhor-n: Naturwisseuschgftliche Stttdien am Toten Meer und im Jordantal. Fr. Heiler: Das Gebet. Eine religionsgeschichtlichc und veligionspshchologische Untersuchung. In dar ca: Festtschrist zu Hermann Cohens 70. Gebllrtstage. K u s e j r A m r a, das Wüftenschloß östlich vorn alten Moab. M. Lidzbarski: Ephemeri's für semitische Epigraphik. E. Mahler: Handbuch der jüdischen Chronologie. B. M a r r: MMische Sprache, Metrik und Lmnarche!os>o>Phie. Orientalische Studien: Fritz Hontmel zum 60. Mburtstag gewidmet. für Mäntel and Kostüme 'lf~ STOTT£ «gU£N.t. ADlEftGASSt A ... .»-fa,. „ ■ V-i“".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.