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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-30 · Heft 1840 (30.3.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1840 (30.3.1924)
Date
1924-03-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wiener MovAenzeitmrg Seit« 5 wt/im Wien, Ssuniag 30. .iOtär.v .Lü-J-i durch sie das sich vorbereitende Unrecht ansdecken? Prophezeite dach die Eselin Bileams. Unseres Glaubens willen kann Gott Hund ei noch tut in heiliges, wundertätiges Gebein verwandeln. -Er kann auch einen Lügner veranlassen, die Wahrheit zu verkünden." Das spricht Bände. Wenn auch du Chaillela in NiluS mrt einen überzeugten Fanatiker, einen „Propheten der geistigen Entartung" sehen will, der sich in seine Mysterien und den Judenhaß wie in den Glauben an die nahe bevorstehende Ankcnrft des Antichristen aus dem Stamme des Königs David verrannt hat, so können tinr uns doch bei näherer Betrachtung des Gebarens dieses ,Heiligen", wie es aus der objektiven Schilderung des gewissenhäften The'Äogcn hervorgeht, des Eindrucks nicht erwehren, daß dieser exaltierte Eiferer der orthodoxen Kirche und der russischen Monarchie und ihr Beschützer vor den Ränken des Misch-fraimaurerischen Antichristen im Grunde genommen ein verschlagener Streber und Scharlatan ist, bei dem man wicht weiß, wo sein Mystizismus endigt und wo der Schwindel beginnt. Wir fühlen es heraus, daß dieser verworrene Kopf doch ein klares Ziel vor Augcn hatte, und zwar ein eigennütziges Ziel, dem er mit allen Mitteln zustrebte und zu dein er noch von anderer Seite geschoben wurde. Die „Protokolle" sollten' ‘km schiffbrüchigen Edelmann dir Pforten des Zarenhofes offnen und rhu zum SeMorger des Zarcrr machen. Ms das mißlang, verstand es dieser göttliche Mann auf andere We'öse, aus ihnen Kapital zu schlagen, indem er sie in den Dienst der gemeinsten Juckenhetzc und blutigsten Pogrom? stellte. Mit dieser Auffassung deckt sich auch die Meinung der damaligen Spitzen der russischen Kirche, des Petersburger Metropoliten Antonius und des Erzbischofs Sergius, welche seinerzeit durch ihr mutiges Auftreten gegen den „Hosheilrgen" Rasputi-n große Popularität gewonnen haben. Diese Kirchenfürsten verhielten sich, wie sich du Chaillela aus persönlichen Gesprächen mit ihnen überzeugte, durchaus ablehnend gegenüber Nilus und seinem Werke und vermuteten, daß er mit seinen Veröffentlichungen eigennützige Zwecke verfolgte. Nach Bezeugung du Chaillelas hatten auch alle anderen Führer der russischen Geistlichkeit — bis auf einen — kein Vertrauen zu dem Buche von Nilus und die theologischen Zeitschriften der geistlichen Akademien Rußlands haben mit keiner Silbe seiner Erwähnung getan. Auch die Mönche des Aptiner Klosters verhielten sich reserviert. Als Nilus aber im Jahre 1911 begann, in den Kreisen deL Klosters eifrig Propaganda für sein Werk zn machen, veranlaßt ihn die Obrigkeit, das Kloster und seine Umgebung für immer zu verfassen. So sicht der Mann aus, von welchem sein deutAer Uebersetzer Gottfried zur Beek behauptet, er genieße große Achtung in Rutzlanid als gewissenhafter Gelehrter und streng gläubiger Mann von vornehmer Gesinnung. Hatte also die Kirche den „Protokollen" und ihrem Herausgeber gegenüber eine ablehnende Haltung eingenommen, um so mchr bemächtigte sich ihrer die Politik, jene Politik der Judenhetze und Judenmordes, welche die ultrareaktionören Kreise in Rußland sich zu eigen gewacht haben, um nach km Rezept bc5 Ministers Plehw e, des Anstifters des Kifchinew- —RAGLAN aus original englischen Stoffen mit Seide gewebt, gOT Bf ■V"V#t AAA Fasson 1924 »T 1^ IfUiUvil 383 bei Heinrich Wein&erger, L Singerstrasse 6 Geschäfts- Lokale A N K Bureaus £ U F durch SENSAL SOSEF SALZER (IC. GEUSAUGÄSSE 43 (bei Anfang Erdbergstr.) Tel. Vi/734, Sprechst. v. 2—4 Pogroms „die russische Revolution in jüdischem Blut ersäufen zu lassen", welche Politik jetzt auch von den reaktionären sogenannten „nationalen" Gementen anderer Länder Europas befolgt wird. Es ist kein Zweifel, daß die „Protokolle" schon bei den großen Judenpogromen in den „schwarzen" Oktober tagten von 1905 nach der ersten russischen Revolution als Propagandamittel eine Rolle gespielt haben. .Sind doch die HetzprMamatronen zu diesen Pogromen, wie senrerzeit von dem Exminister Fürsten Urussow öffentlich in der Duma sestgestellt, in der Druckerei der Geheimpolizei, deren Bizepräsildent zu jener Zeit schon Ratschkowskh war, gedruckt worden. Wie die „Protokolle" zu den fürchterlichen Judenmetzeleren der Jahre 1918 und 1919, in Weilchen die „freiwillige Armee" des Generals D e n i k i n einen besonderen — ja, den einzigen — Ruhm sich erworben hat, ausgenützt worden sind, erzählt ebenfalls du Chaillela in seinen Erinnerungen an Nilus. Auch diejse Stelle verdient hier wiedergegeben zu werden, zumal er auch da als Augenzeuge auftritt. Herr du Chaillela, der Chef der politischen Abteilung im Generalstab der „Freiwilligen Armee" war, berichtet nämlich, daß die „Protokolle", in neuer billiger Ausgabe gedruckt, von der Leitung der „echt-russischen Männer" au alle Formationen dieser Armee zum Zweck der Pogrompropaganda unter den Soldaten mit Erlaubnis des Oberkommandos versendet worden sind und — iin Sinne dieser „Edlen des Volkes" — „glänzende" Resultate gezeitigt haben. Ferner, daß die auf Giamd der „Protokolle" geführte Propaganda eine ungeheure Rolle auch in der Pogromflut der ukrainischen Petljura- Armee gespielt hat. Verschiedene Atamane dieser Armee ließen Juden erschießen und motivierten dabei ihre Tat damit, „weil sie — das heißt die Juden — laut den Beschlüssen der Wersen von Zion einen Zaren mit einem goldenen Kopf einlsetzen wollen". Auch in der Armee des Generals Drangel in der Krim wurden die „Protolkolle" zu Propaganda« zwecken verwendet, jedoch ohne großen Erfolg. Mit den Mitteilungen du Chaillelas über das negative Verhalten der Kirche zu den „Protokollen" und ihrem Herausgeber stimmt auch die Aussage der Fürstin Rrdziwilü überein. Auch sie bekundet, daß die „Protokolle" bei ihrem Erscheinen und lauge nachher von der Kirche abgelehnt worden un,8 sonst von Christen und Inden unbeachtet geblieben sind. Es bedurfte also des pathologischen ZuftanldeS der Kriegs..und Nachkriegszeit, damit dieses Machwerk russischer Dpitzelkunst mrd Ochrana-Wissenschaft, von einem, hirnverbrannten Mystiker in Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke herauSge-geben, Verbreitung und Beachtung in der ganzen Welt finden konnten. Dr. B. Suler. Eine Wische Siedlung in Wua im fünften Zahrhnndert. Wie die „,Jewish Gazette" . meldet, hat der bekannte Chinaforscher Prof. Paul Hclroad in einem Vortrag die Mitteilung gemacht, daß in China jetzt Exemplare der ältesten chinesischen klassischen Werke aus dem Jahre 1500 unserer Zeitrechnung gesunden wurden. Diese Werke handeln über Streitfragen zwischen Buddhismus und Christen-' tum. Einige der vorgefuirdeuen Handschriften sind in hebräischer Sprache abgefaßt uird deuten auf eine jüdische Siedlung, die etwa um 424 unserer Zeitrechnung in China be-. reits bestanden hat. Die Werke sind auf Papier geschrieben und mit Bildern illustriert. Alleiniger Szzeuger Damase Hobe, Gründer der Xd&örm&rke Hob£ und einziger Träger des Namens Damase Hobe. Holsette Mnrnsctiino Creme de Vanille Angostnrn Bitter Eclit nur in dieser runden Flaschenform! Zentraiöureai: (dien, I. Orillpirzerscrasse tlr.M. UM man mir rar den Teller gaib und schöpfte dann mit dem Schöpflöffel aus der großen Schüssel die besten Stücke- Ns ich 5;ulm Platzen genug hatte. Ich fall), wie der Gastgeber vor Acrger bis ijit den Ohrenspitzen rot wurde und schließnch herausiplatzte: „Sie scheinen mich, lieber Ojroch, Mißverstanden zu halben, ich sagte Ihnen, Sie sollen so tun, leie wenn Sie bei mir zu Hanse wären, ftitib Sie denn zu Hause gewöhnt,, soviel zn essen, lvie Sie jetzt da. untmieribrocheit einpücken?" Ich antwortete darauf gelassen: „Lieber'BaNos, ich haN genau so gchandM, wie Sie miv besohlen Haiden, ich HE so getan, wie wenn ich bei Jh neu und nicht.ber mär zn Hanse wäre. Gewiß, bei mir zu Hanisie tann ich verhungern, aber wenn ick) bei Ihnen zu Hanse bin, warum soll ich Nicht gut essen?" - meisten Profitiert halben die ^Adepten des Schnurrcriunis von dem. Kolleg, in wÄlhiem Stträsellmumr sein Tagebuch Vo-Ms und crläuterie. Dieses Tagebuch enHAt dir Auszeichnungen Bert SträseliNwuns, teils in Hebräisch, teils in JÄd'is-ch^deutsch übler alle seine Erlebnisse, die er während der zehn Jahre seiner Wanderung durch die Slolrakei,' in der Donauurbd Tlheißgegettb und zum Teck in 'NSyreu gemacht hat. Ich habe dieses Tagebuch g eschen, es ist rille. Fundgrube. echt sMiischeu Humors und herrliche .Zeugnisse.einer seltenen Beobachtungs'giÄbe. Ich halbe seiuey^lt AuGüge aus diesem Dagcbuch kopiert und wU nächsteirs schon mit deren VerüffeiMchung au dieser Stelle beglrmM. .' Z Tschechische Literatur. Der 5kreis der Unbegreiflichkeiten in der alten Monarchie War nicht gerade eng gezogen. Wa§ aber an verständnislosem Nebeneinand'erleben der Nationen möglich war, das scheint uns selbst heute schön über die Grenze des Faßbaren hinauszugehen. Besonders die Deutschen haben aus diesem schweren Fehler eine Tugend gemacht, ohne zn ahnen, wie verhängnisvoll eine solche' Unkenntnis des allernächsten Nachbarn auSgehen müsse. Das Mort Hebbels von dem „struppigen Kana« tyoenhaupt" der slawischen Völker galt bei ihnen und ihten Intellektuellen noch ein halbes Jahrhundert später, auch noch zu einer Zeit, als etwa die Tschechen in anerkennenswerter Zielbewußtheit eine Kulturhöhe erstiegen hatten. Ebensowenig wußten die Deutschen, die bei jedem Versuch einer sprachlichön Annäherung durch Schule oder Amt ein chauvinistisches Gezänk erhoben,/chon den politischen und kulturellen Brücken, die die Tschechen mit viel Geschick zn den anderen slawischen Völkern schlugen. Von Masaryks Bemühungen um.Kultur und Schicksal der österreichischen Südslawen ahnte man in Dien erst etwas anläßlich des Agramer Hochverratsprozesses; die nicht immer erbetenen Leistungen für die Slowaken fanden noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges darin eine teilweise. Vollendung, daß die tschechische Akademie der Wissenschaften die erste umfassende Bücherkunde und ein Prager Universitäts- Professor die erste ausführliche Literaturgeschichte der Slowaken herausgab. . Neben der nüchternen Energie aus dem Gebiet der nationalen wirtschaftlichen Konsolidierung verdient besonders das literarische Leben der Tschechen volles Interesse. Zwar hat der Geist dieses Volkes nur selten unmittelbar auf das Werden der Weltkultur eingewirkt; so durch des Amos Komenius Forderung auf Anschaulichkeit in der Pädagogik und durch Leben und Lehre der „Unität der Mährischen Brüder", die die moralische Einstellung der ersten uordamerikanischen Kolonisten mitbcstimmt, welchen Umstand Masaryk bei seiner Propaganda während des Weltkrieges stark benützte. In seinem Buche „Die tschechische Literatur aus der Vogelperspektive" (ins Deutsche übersetzt von Grete Strafchnow, Prag, 1923, Verlag Dr. Josef Flesch) zicht nun Arne Novak an der Hand der Dichtung die Hauptlinien der tschechischen Geistesentwicklung. Er findet heute naturgemäß eine ganz andere seelische Disposition vor als im Jahre 1907, da er gemeinsam mit I. Jakub ec in der Sammlung „Literatur des Ostens" eine ausführlichere Darstellung des gleichen Stoffes gab: aus dem unbekannten Volke, dessen Hauptstadt seine französischen Freunde nach Ungarn versetzten, ist der mächtigste Faktor in der Politik Mitteleuropas geworden. . Gerade darum aber haben es die Tschechen heute nicht notwendig, die Quellen zu verleugnen, aus denen sie getrunken. Die Abhängigkeiten des tschechischen Schrifttums vom deutschen Geistesleben sind diesem Buche Nodaks nur recht schamhaft angedeutet, obwohl das Erwachen ihres Nationalgefühls ohne Herder, , die deutsche Romantik in dieser Form kaum denkbar wäre. Goethes Beziehungen zu den vermeintlichen Anfängen der tschechischen Lyrik sind überhaupt verschwiegen. Um der geistigen Verdienste der Völker umeinander und darum auch ihrer unlösbaren und ewigen seelischen Berknüpstheit wegen sei das gesagt, dem würde auch eine mehr soziologische und vergleichende Betrachtungsweise der Literatur dienen; so ist die Aatire des 14. und 15. Jahrhunderts, die nach N:vak auv tr: „sittlichen Unbedingtheit" stammt, „die nach Reinheit und Redlichkeit der ganzen Gesellschaft . strebt", eine nrturnotwendige Schöpfung des erwachenden Individualismus und findet sich dementsprechend in diesem Zeitalter in allen westeuropäischen Literaturen. Von solchen Einzelzügen abgesehen, erreicht diese Darstellung ihr Ziel, die Eigenart und. schaffende Kraft dieses verkanuten Volkes zu verkünden. Die starke Unterstreichung des religiösen Ernstes, wie er sich in den aufwühlenden religiösen Erschütterungen der Volksseele äußert, erregt ebenso Interesse, wie das unablässige Ringen um die Geltung der nationalen Sprache, bis sich mit der Politischen Katastrophe am Weißen Berge 1620 tiefe Grabesruhe über das geistige Leben senkt; Habsburger und Jesuiten sind am Werk, denn sie erblicken ihre gemeinsamen Feinde. Und doch ist es -der Habsburger Josef der Zweite, derselbe Kaiser, dessen Standbilder geschichtsunkundige Chauvinisten frivol entwürdigten, welcher durch seine wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Reformen den Boden bereitete, auf dem das niedergebrochene geistige Leben wieder aufblühen konnte; dieses Verdienst Josefs wird wegen seiner Germanisierungsversuche ' meist — aber nicht von Arne Novak — übersehen. Und nun entwickelt sich in reiz^ voll typischer Weise das Schrifttum der Tschechen: von denr rein antiquarischen Interesse des gelehrten . Abbes D obrovsky geht es durch die lebensvolle Strömung der Romantik hindurch, von Volkslied, Historie und Folklore genährt, zur slawischen Idee. Dann weiter zur unicnL-nziöscrr Dichtung zu der sich später doch wieder die : panslamislische Orientierung gesellt, bis sich der politische Kosmopolitisrnus und der Realismus durchsetzt, um in einan harten Kampf der Kritik um neue Lebenswerte auszulaufen; den Höhepunkt und zugleich auch die europäische Wirkung erreicht , die tschechische Dichtung in den kosmischen Hymnen .Ottokar Brezinas, in denen nicht nur . der moderne europäische Ncuidealismus, sondern auch die besten religiösen Traditionen der Vergangenheit zusammenfließen. — Die Kenntnis dieses wirklich Großen verdankt die nichttschechische Welt Stephan Zweigs Nachdichtungen, wie überhaupt bei diesem Anlaß an die geistige Mittlerschaft der Juden erinnert werden mag; Siegfried Kapper, Edmund Grün, Friedrich Adle r, Robert Landet, Max Brod sind nur ein paar Namen für viele, während es andererseits kein Zufall ist, daß an der Prager tschechischen Universität die beiden. Professoren für neuere deutsche Literaturgeschichte Judenstämmlinge sind. . . - W. —stein.

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