Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1837 (27.3.1924)
- Date
- 1924-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 2 Wien, Donnerstag deren Resultat sich die allerdings unerwartete, aber sehr erfreuliche Tatsache ergibt, dass in Wien eigentlich niemand etwas Erwähnenswertes verloren hat. Und schließlich HiMvei'st auf Finanzgrößen, über deren Lage viel gesprochen wird, welche aber in Wirklichkeit rechtzeitig ihre Verpflichtungeil gelöst, im richtigen Momente aus der Reihe der Verlierer ausgespnmgen und Gewinner geworden sind. Wohin zielt dieses Getue? Wenn es lediglich dein Ztvecke dienen soll, eine Panik 51t verhüten, ins Wanken geratenen Firmen die nötige Zeit und Ruhe für die Ordnung ihrer Verpflichtungen 31t schaffen, so könnte man sich damit abfindett. Aber darüber hinaus beginnt der verbrecherische Schwindel. Soll etwa das große Publikum neuerlich in die Franken spekulation hincingedrängt, soll es dazu verleitet werden, die faulen Verpflichtringen der Großen vor dem Fälligkeitstermin auf sich zu nehmen? Das öffentliche Interesse erfordert, daß ein solches Spiel verhindert lverde. Unter normalen Verhältnissen könnte man wohl die Gruppe der kleinen Spekulanten ihren: Schicksal überlassen, von der Erwägung ausgehend^ daß der kleine Spieler nicht mehr wert ist als der große-. Aber heute ist ein großer Kreis von Industriellen, Handels- und Gewerbeleuten, Angestellten und Angehörigen der freien Bcritfe ins Spekrrlieren hineingeraten. Ihr finanzieller Ruin würde dein Wirtschaftsleben unheilvollen Schaden zufügen. Acan inuß diesen Zustand bedauern, aber man kann ihn nicht von heute auf morgen ändern. Er hat zur Folge, daß Börsen- und Spekulationskrisen viel tiefer und weiter ins österreichische Wirtschaftsleben eingreifen als ehedem. Matt muß der Irreführung und Ausbeutung der spekulierenden Massen, und solche gibt es leider heute bei uns, vorzubeugen trachten. Der wirkliche Umfang der Verwüstung, welche die erste Reise nach Paris angestiftet hat, läßt sich nach nicht überblicken. Aber eine zweite Reise nach Paris würde sicherlich die Katastrophe bringen. Sie MM «lMds. Erklärungen KrestenskrA T-er Borsitzeride der TcK'gaion der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken für die Verhandlungen mit Rumänien, Krestenski, hat gestern den Journalisten folgende Erklärung gegeben: „In seinen Bezichungen zu den Staaten Asiens ist das neue Rußland bemüht, aus der Basis der Brüderlichkeit, Gleichheit der Völker und des Rechtes «ruf Selbstbestimmun'g zu bauen. Derngeniäß haben sich zwischen der Sowserunion und ihren Nachbarn im nahen Osten und in Zentaalasien gutnachbarliche Berhälinisse entwickelt, die in der vorrevolutionären Zeit unbekannt waren. Noch komplizierter war die Rückgabe und noch größer rmrßte die Wendung der Politik geoenüber Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen sein. Diese Länder gehörten im Laufe von Jahrhunderten in den Bestand des russischen Reiches. Würde die Politik der Sowjetregierung sich vom Prinzip dsr Verteidigung historischer Rechte leiten lauen, würde sie, wie das unsere Feinde behauchten, hk bucheriaiistische Zarenpolriik weiterführen, so müßte dies natürlicherweise zuerst Ausdruck finbcu im Verhalten Moskaus gegenüber diesen Stoatenü Demgegenüber aber sehen wir, daß im Laufe der Jahre 1919 bis 1921 Rußland, vom Rechte der Völker auuf Sülmbesiimmung ausgehend, alle diese Staaten bil« düngen anerkannt hat und ihnen gegenüber mit Maximum an Wohlwollen ausgetreten ist. Ich will jetzt die bevorstehenden VcrhaMungen mit R uinänieji berühren. Sie werden mich verstehen, daß es mir unmöglich ist, schon heute, vor Anfang der Arbeiten der Konferenz, die Stelluugruchrue unserer Delegation zur erörtern. Ich glaube aber, daß es klar ist, daß wir auch Rumänien gegenüber, dem-einzigen Nachbarn, mit dem wir noch eine Reche ungelöster Streitfragen haben, dieselben friedlichen Intentionen an den Tag legen werden, mit welchem wir früher an die Lösung anderer internationaler Probleme herantraten. Wir sind mach Wien gekommen, vom Wunsche geleitet, gemeinsam mit der rumänischen Delegation alle uns trennenden Fragen zu lösen. Wird die rumänische Regierung die Prinzipien der Gerechtigkeit und Friedfertigkeit, die allein imstande sind, die gutnachbarlichen Verhältnisse und vitalen Interessen beider Länder zu sichern, teilen, so bin ich fest überzeugt, daß die Konferenz die vor ihr stehenden Aufgaben mit .Erfolg lösen wird." * Die Führer der beiden Delegationen statteten gestern gleichzeitig dem Minister Dr. Grünberger einen Besuch ab. Die Besprechung galt den Modalitäten für den Beginn der Verhaurdlungen. Es wurde vereinbart, heute nachmittags in dem im Landhause zur Verfügung gestellten Saale die Verhandlungen zwischen der rumänischen und der russischen Delegation zu eröffne n. Diese Sitzung wird rein sormalen Charakter tragen. Die m e r i t 0 r i s ch e n Verhandtungen sollen morgen beginnen. Nanerilemfstand in der MÄne. Kämpfe im Gouvernement Cherson. Mrschau, 26. März. (Tel., d. „Wiener M-ovgen- Z'ü.tUitg".) Die Blätter berichten von der polnisch-ukrainischen Grenze: In den letzten fünf Tagerr wurden Kanonenschüsse gehört, die von einem erbitterten Kampf Mischen Bolschewiken und den bäuerlichen A u f st ä n d i s ch e n auf dem Gebiet beä Gouvernements C h e r s0 n zeugten. Nach den zuletzt emgegangenen Info rmatio-nen en'dete der Kampf mit einer Niederlage der bäuerlichen Aufständischen, die ursprünglich in einer geschlcssemn Front Pen Kreis -O l w i 0 P 0 l besetzt und Hort fast sämtliche Kommunisten umg e b ra ch t Wiener MoxgenzeiLung. 27. Mrärg 193^ Nr. IM. Die völkische «echtspslege. Berlin, 26. Mrz. (Tel. der „Wr. Morgeuzeituug".) Wegen Beleidigung des Leiters der politischen Polizei, des Oberregie-- riingsraties Dr. Weiß, erschien vor Gericht ein Student der Jurisprudenz namens Niebuhr. Der Angeklagte hatte abgelehnt, einer Vorladung vor die politische Polizei Folge zu leisten, weil er als deutsch völkischer Mann nicht m i i d i e s e r Polizei i n V e r b in d u n g t r e t« n! ö tt n e, an deren Spitze ein Jude stehe. Vor dem Berliner Amtsgericht erging sich der Angeklagte Niebrchr m wüsten a n t i s e m i t i s 6) e n Besch i m psunge n gegen den Oberregiernngsrat Dr. Weiß. Der Richter erklärte den Angeklagten zwar der Beleidigung siir schuldig, nahm aber zu seinen Gunsten arr, daß er aus glühender Vaterlandsliebe gehandelt habe. Bei der Urteilsverkündung erklärte er, daß das Gericht auf eine Geldstrafe erkannt haben tvürde und daß er nur, weil der Angeklagte eine Haftstrafe wünsche, über diesen eine solche von zehn Tagen verhängt habe, damit der Angeklagte die Möglichkeit habe, Berufung einzulegen. Das Gericht bewilligte dem Angeklagten gegen Zahlung seiner Buhe von 100 Mark Bewährungsfrist. Nationale Ehre. - Berlin, 26. März. (Tel. der „Ar. Morgenzeitung".) In: württembergischen Landcstheatcr in Stuttgart wurde vor einiger Zellt Georg Büchners Drama „D a n t 0 n s Tod" anfgeführt. Dentschnationale Zuhörer entfesselten einen Skandal, als am Schlüsse der Szene im Konvent die vom Dichter vorgeschriebene Marseillaise ertönte. Das Stück mußte abgesttzt werden und ein deutschvölkischer Schriftsteller in Stuttgart, Dr. Schmückte, schrieb an das württcmbergische Kultusministerium einen Brief, in dem er sagte, dem Beamten, der für die Aufführung von „Dantons Tod" zuständig sei, gehe jedes Gefühl von nationaler Ehre ab. Nunmehr haben der zuständige Ministerialrat im württembergischen SMhtS» Ministerium sowie der Intendant und der Oberregisseur des Landestheaters gegen Schmückle Klage wegen Beleidigung erhoben. Die Klage wurde vor einem Gericht in Stuttgart verhandelt. Der Angeklagte erklärte, es sei eine nationale Würdelosigkeit gewesen, daß man am Landes-themer die Marseillaise gespielt habe. Der Intendant und der Oberregisseur beriefen sich.darauf, daß das Spielen der Marseillaise vom Dichter vorgeschrieben und außerdem aus künstlerischen Gründen n 0 t w e n d i g gewesen sei. Das Gericht sprach den Angeklagten Schmückte frei und führte in der Urteilsbegründung aus, der Angeklagte habe niemand persönlich beleidigt, sondern nur einen offenbaren Miß st and abstellen wollen. „Die Besten unseres Volkes." , Erfurt, 26. März. (Tel. der „Ar. Movgenzeitung".) Zwei Wernigeroder Antisemiten hatten Strafbefehle über je 100 Goldmark wegen Veranstaltung einer verbotenen Versammlung erhalten. Die beantragte richterliche Entscheidung brachte, ihnen vor dem Amtsgericht m Wernigerode am 6. d. je.30 - Goldmark Strafe mit folgender Urteilsbegründung: „Die Angeklagten haben sich strafbar gemacht, es war aber nichts geplant, was die staatliche Ordnung gefährden könnte. Das deutsche Volk erkennt mehr und mchr, daß das Judentum schwerste Schuld an unserem Unglück trägt, und das erfassen immer weitere Kreist. An einen Aufstieg unseres Volkes ist nicht zu denken, wenn wir nicht die Macht des Judentums brechen. Nicht pt die Deutschvölkischen meinen das, sondern auch die Dentschnationalen, wie man in den Zeitungen der letzten Tage lesen konnte. Die Gedanken, welche die Angeklagten vortonigen, stellten keine Gefährdung unserer öffentlichen Ruhe dar, nein, sogar die Besten unseres Volkes teilen diese Anschauung." Der Unterzeichner dieser offiziellen Urteilsbegründung ist Amtsrichter Beinert, der Vorsitzender der Ortsgruppe Wenigerode der dentschnationalen VoÄLpartei ist. „Mühende Saterlandsliebe". Zas 'Plaidoher Wr Ludendorff. Der Hitler-Prozeß. In der heutigen Vormittagssitzung erhält der erste Ver» leidiger Lndendorffs, Justizrat Luetgebrune, das Wort. Er ertvähnt in längeren Darlegungen Definitionen verschobener Strafrechtslehrer, insbesondere über die Frage der Verfassungsänderung. Er gelangt hiebei zu der Feststellung, >daß jeder Anhaltspunkt dafür fehle, daß das Ziel des Hitler- Planes und des Unternehmens eine solche Organisationsänderung, wie sie der Begriff der Aenderung der Verfassung umfaßt, gewesen sei. Cr habe kein Bedenken, zu erklären, daß die Einführung eines Direktoriums durchaus verfassungsmäßig war. Eine Berfassnugsänderung sei weder im allgemeinen noch durch das angestrcb'• Direktorium noch auch durch die an gestrebte Absetzung Der Strafantrag km Zeigner-Prozetz. Leipzig, 36. März. (Wolfs.) Im Zargner-Progeß betonte der Oberstaatsanwalt in seinen Ausführungen über den Strafantrag, daß die der sächsischen Regierung und der sächsischen Justiz zugefügten Schäden außerordentlich groß seien und beantragte für Zeigner insgesamt eine Zuchthausstrafe von drei Jahren und für M ö b i u s eia: solche von vier Jahren sowie für beide Angeklagte den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fiinf Jahre. Die Untersuchungshaft fei einzurechnen. Nicht 8, nicht 14, sondern /. Tra.ttnerh.of Nr* 2 billige Tage bei hatten. Sie wurden nach -dem Eintreffen ibedentvnder militärischer Verstärkungen zerstreut und aus 'dem ganzen Gebiet hinausgedrängt. Nach diesem Sieg soll ein großes Morden unter den Bauern begonnen haben; sogar Frauen und Kinder sollen evschosstn wovden sein. Berischiadene Blatter melden, daß an zahlreichen Punkten der Grenze j ü d i s che Fl ü ch 11 i u g e erschienen sind. Reichspräsidenten gegeben. Zur Frage der Gewaltalrweudunü erklärt der Verteidiger, dir Gewaltanwendung müsse weirigstens den Anfang der Ausführung auftveisen. Hier sei aber der Anfang der Ausführung noch nicht einmal gemacht. Lildendorff sei bei der Gewaltanwendung, also zu Beginn der Handlungen nicht zu ge ge n, geschweige denn beteiligt gewesen. In der Nachmittagssitzung begann das Plaidoyer dezweiten Verteidigers Lndendorsfs, des Justizrates Zezschwitz, Dieser nimmt zu den?lngriffen gegen Ludendorff wegen seiner Ausführungen über dir ultrawontane Frage Stellung und bezeichnet den Ultr-amontanismus als uulpatriotisch, denn sein Streben nach der Kirche des Mttelalters sei unvereinbar mit dem Patriotismus. Redner führte zum Betvcis foiner Ausführungen ein Beispiel der römischen Politik unter Benedikt den Fünfzchnten an und erklärt, es sei nrerkwürdig, daß bis zum Zusammenbruch Rußlands von Nom aus nicht Wirksam für den Frieden gearbeitet worden sei. Nach dem Zlffammenbruch Rußlands sti das Veto aus Rom gekommen, den U-Boot-Krieg nicht weiter auszudehnen. Schließlich stellte Redner mit Bezug auf das Gesamtergebnis der Gerichtsverhandlung fest, daß ine Hoffnung bestehe, daß die völkische Bewegung nunmehr cnff eine viel breitere Grundlage gekommen sti. Der Verteidiger Brückmrs, Justizvat Kohl, fordert vom Gericht die Freisprechung seines Mandanten, da die Vorfälle vom 8. November den Tatbestand des Hochverrates nicht enthalten. Wenn das Gericht dies nicht ainerkeinne, so käme auf alle Fälle für Brückner nicht das Verbrechen der Beihilfe in Frage. Mit Bezug auf die Weimarer Verfassung erklärte Justizrat Kohl, für die Mehrheit des deutschen Volles bedeutet die Berfasiung nichts anderes als das jüdische Dhnamtt zur Sprengung des Deutschen Reiches. Die Feststellung des StaatsanwEs, daß die gleichen Ävafbestiunnungen, die die Monarchie geschützt haben, heute die Republik schützen, sei juristisch wohl richtig, aber hier kollidiere die Auffassung des deutschen Volkes mit der Auffassung des deutschen Juvisten. Nachdem General Seeckt für den Norden den Putsch abgelehnt hatte, habe Justizrat Claß mit Kahr verhandelt. Das Zeichen zum Putsch sollte in München von Kahr am 8. November im Bürger« bräukeller gegeben werdett. In der Sitzung vom 6. November habe Kahr noch betont: Das Zeichen gebe ichdas Vorprellen verbitte ich mir. Aus Mangel an Zivilcourage hätten die drei Herren Lu den dor ff und Hitler über die Verabredungen in Berlin nicht informiert. Als Kohl weiter andeutet, der Verteidigung sei von zuverlässiger Seite mitgeteilt worden, Lossow habe sich! nach Korfu begeben, erhebt sich der erste Staatsanwalt ond bezeichnet diese Behauptung als unrichtig. Kohl führt dann weiter aus, das Losschlage« in ganz Deutschland fei auf den 12. November festgesetzt gewesen. Es stehe fest, daß von Kahr Vorarbeiten in der ganzen Sache gemacht worden seien. Zum Schlüsse erhebt der Verteidiger die Forderung, den Führern der völkischen Bewegung die Freiheit wiederzugeben. Die Weiterverhandlung wird hierauf auf morgen vormittags vertagt. Re jugoslawische AegiermgMse. (Eigendienst der „Wiener Morgcnzeitung".) Belgrad, 26. März. P a s i e konferierte heute mit den Ehefs der einzelnen parlamentarischen Klubs und Gruppen. Die Opposition lehnt jede M itarbert an der Bildung eines neuen Kabinett's Paisic ab. Der Führer des rechten Flügels P r e b i e e v i c erMvte sich gegen die Politik seines Klubs und lhat sich von seinem Klulb getrennt. Gr wird allem Anschein nach mit 14 Aba^^rdneten stnres Flügels ein Koalitionsniinisteriuw Pasic-Pveibicevic mit Pasic an der Spitze zu bilden versuchen. Der oppvsttonelle Block glaubt nicht an diesen Versuch, besonders deshalb nicht, weil mch der gestrigen Audienz des FÜhver's der Opposition, Davidovic, beim König, Davidolvie mttteilte, daß ein« Ragievung Pasic- P r ebieevie nicht das Wahlmandat echasterr werde.