Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1835 (25.3.1924)
- Date
- 1924-03-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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''-WNL -MG - Men, MenstLA Die öowjetdekgation Kr Londo«. (Vigendienst der „Wiener Movgenzoitung".) Moskau, 24. März. Die Sowjetkommissäre bestätigen »ie Irsammenfftzung der Sowjetdelegation in London. In der Delegation Verwiegen die Vertreter der wirtschaftlichen Richtung. Des politische Moment wird bloß von Litwinow, Rothenstein und Rakowski vertreten. Die Kommission setzt sich wie folgt zusammen: Vorsitzetkder: Rakowski; Mitglieds: Litwinow, weiters der Vorsitzende der Gewech'chastsv-er bände Tomskij, der ehemalige Präsident der Staatsbank Scheinmann, das Mitglied des Kollegiums des Ballskvmmissariats, W gleich kommunistischer Oppositioneller Preobrazensky, der Handelsbevollmächtigte in Belgien Stomonjakow, der chenralige Vorsitzende des turkestanischen Sowjets C h ib y r A l j e w, die Vertreter der Fachverbäude der Metallarbeiter, der Textilarbeiter und des Kohlcngebietes Schwernrk. Kuiusow. Zitkow nnd Ratschenka, Generalisekretär der Delegation ist das Mitglied des Kollegiums des Volkskommissariats für Auswärtiges und Borsumd des Presscdepartements R v t h e n st e i n. Die Delegation halt täglich gemeinsame Beratungen ab und arbeitet an einer Reche von Memoranden, die der Konferenz vorgelegt werden sollen. Die Reise der Delegation ist vorläufig auf den Beginn des April festgesetzt. Man kann nicht sagen, daß die Delegation von Optimismus erfüllt ist. Sie will jedoch nicht unverrichteter Dinge aus London zurückkchren. Schon damit ist die Art ihrer Verhandlungen gegeben. Sie wird sicherlich inehr zu Kompromissen bereit sein, als dies der Verband der Sowjetrepubliken durch alle bisherigen Verhandlungen, gewesen ist. Trotzky über Mac Donald. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeiinng".» Moskau, 24. März. Trotzky äußerte sich eineur Berichterstatter des Hearst Trust gegenüber über die Regierung Mac Donalds wie folgt: Die Arbeiterregierung in England ist ein wichtiges prinzipielles Experiment der Geschichte. Durch diese Regierung scheint sich für Großbritannien die letzte Möglichkeit einer neuen internationalen Orientierung ohne große revolutionäre Stürme zu eröffnen. Die Arbeiterregierung hat die außrurhmsweise Möglichkeit, England aus Grundlage eines demokratischen Parlamentarismus radikal zu organisieren. Wenn die aufrichtige Durchführung radikaler Reformen auf Den Widerstand der Nichtapbeiter im Parlament stoßen würde, ist es sicher, daß die Neuwahlen eure überwiegende Mehrheit für die Avbeiterpartei bringen würden. Segen dar neue amerikanische kmwmdemWsgesetz. Proteste der Nationen in den Bereinigten Staaten. New-Aork, 22. März. (I. T. A) Juden, Italiener, Stacken, Griechen, Deutsche nnd Litauer in den Bereinigten Staaten sowie geborene Amerikaner vereinigen sich zu einer energischen Kampagne gegen die von dem Vorsitzenden des .Iwmigrationskomitees des R-eprätsentameichauses, Johnson, cingebrachte Jmmigrat-ionseinfchränkungsbill. 22 Qrganiisationen haben sich zu einem amerikanischen Gleichheitskom: tee zufanimengeschlossen. Demselben gchören unter anderem an: Der Orden der Söhne Italiens, Gespräche Wnoras. Van S. Meifels.H -pxrz nnd Geist, Charakter und Genie des Menschen offenbart sich am unmittelbarsten im Gespräch. Das Zwiegespräch unter vier Angen ist der wahre Meinungsaustausch, nämlich dar Austausch von wahren Meinungen. Tenn bei solchem Gespräch fallen dir Hüllen der Sprache, das Wort wird frei, der Gedanke durchsichtig und die Gesinnung offen-- bar. Im gemütlich ungezwungenen Gespräch tut sich dem Seelenkundigen bald da, bald dort ein kleines Fenster auf, durch das er ins Innere des Menschen hineiusehen kann. Ecker- Htamt war ein genialer Mann, denn er hat als erster den Wert der Goetheschen Gespräche intuitiv erkannt. Andere pflogen mit Goethe einen ausgedehnten Briefwechsel, er aber ließ sich willig in Weimar festhalten und füllte dort die Zeit mit der fruchtbaren Tätigkeit, jedes gehaltreiche Wort, das (Gosche gesprochen, jede sinnvolle Aeußerung, die Goethe getan hatte, fein säuberlich in fein Notizbuch zu verzeichnen. So hat er der Nachwelt ein Werk geschenkt, dessen Wertaehalt den aller Briefsammlungm überwiegt. Auch Briefe können intime Lebenscuchnungen fein, aber sie lverden stets jener Unmittelbarkeit ermangeln, die den „Gesprächen." eignet. Der Schreibende ist inaner an die Form gebunden, und er wird bei aller Ossercherzigkert unwillkürlich und unbewußt sich zitstunmennehmen, um sich nicht restlos auszugeben. Der Redende aber wird seinen Worten freien Lauf gewähren, wenn Via Ungezwungenheit der Unterhaltung seine Aufrichtigkeit begünstigt. Und dann: das Schreiben bleibt immer geschrieben, und mag es selbst den Lebenshauch des Schreibenden atmen; das Gespräch bleibt immer gesprochen, nnd mag es später für die NachwÄt in Schriftzeichen festgehalten sein. Schier unermeßlich wäre der Gewinn, wenn wir von den führenden Geistern vergangener Zeiten, von den repräsentativen Männern «der Geschichte „Gespräche" in authentischer Aufzeichnungen besäßen. Der lebendigste Teil ihres Lebens wäre damit für alle Zeiten lebendig erhalten. Denn solche „Gespräche" sind eine i Art von in Druck gegebenen Grammophonplatten, die die Stimme des Propheten, des Vaters, des Weisen nahezu unveränderlich durch die Zeiten tragen. Authentische Ueutzerungen eines Geistesgrößen, sic mögen an Zahl noch so gering sein, bereichern unser Wissen um seine Persönlichkeit; sie geben uns vom Geistesheros eine lebendig.'re Vorstellung, und manche Seite seines Wesens und sein.'.'- •v-r.j erst durch sie erkamrt und verstanden, Wiener Morsenzeitrtng. Kennen Eie schon dte grandiose Wirkung des Lima- Frauzbranutvein? Feder Gesrmde tma jeder Kranke wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch Aam Franzbranstvein mit Menthol erzielt wird rrwr 11 Neberall ertSltlich ■II i itmnpwiimwiiii."»r—HW.ÜWMMM————n—» Jiana-Franzbranntwein Produktion« Ges. WJEX, 11. PRAG. FM. EngcHhstrassc 189 Lieben, Drahobeljom 1073 dMZUM Lie letzten NeWenkurse. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") London, 24. März. (Radio.) Devisenschlußkvrse: Prag 148, Rew-Aork 28°),. Paris 78,90. Brüssel 99, Rom 99.125, Zürich 24,86, Madrid 32,976, Amsterdam 11 6425, Kopenhagen 27.395, Christiania 31,372. Stockholm 16,275, Helsingfors 171.6, Berlin 19 Billionen, Wien 304,500,.Än London, 24. März. Zuckernotierung: Ruhige Nachfrage, unveränderte Preise. Tschechischer Zucker ab Hamburg Marz 31 Schillina. Valuta Wien 302.000 bis 307.000, Paris 78.80 bis 78.90. Auf der Londoner Effektenbörse war die Stimmung schwach, da Paris liquidierte. Es notierten an der gestrigen Börse Oesterreichifche Völkerbundanleihe 89.50, Tschechische Anleihe 105. New Bork» 24. Marz. (Radio.) Deviseuschlußkurse: Taggeld 3°/,, Wechsel auf London 4,2950, 60 Tage-Wechsel 4.2650. Paris 5.°7, -Amsterdam 36,79, Prag 290,25, Berliner Schlußkurs 227s bis 227z, Silber 63-/«. '2s. Äktwrz lÖcM SÄte T die slawische Jmmigra-ntengssellschast, Steubeu^Gesellschaft, W Anrevikauiisch^üdische Kwrgreß, Klub der panischen Büvger, die ilffauische römisch-kachosische Bereimgmrg m JVmerika, die ukrainische Verteidigungs-Liga, der iischecho-silowakische Bruderischa-sisorderr sowie der nkraimsch-demokratische Klub. Me diese Organisationen hatten für den 8. März in der Garnsgie- Hall in New-Aork eine Massenversammlung ge-M das einschränkende EiichvandevimgAgosetz leinbevufeit. Es wurde eine Resolution angenommen, die dem Kongreß zur Kewntins bringt, daß die Massen amerillrnHcher Bürger jckes Gesetz ableynen, welches Rassenunterschiede macht und leine Rasse aus Kosten der anderen begünstigt. Richter Thomas W. Churchill führte den Vorsitz. Als Redner traten unter anderem hervor: Gouverneur Alfred E. Snrith, Licut.-Gouverneur George Richard Lnun, Searator Royal S. Cop -e!l a n d, Kongreßabgcordne-ter Hamilton tziq'h, Richter Mahonay, Richter SaMtore A. Cotillo, Abgeordneter ^tfordto H. La Cuardiä, Kongreß« abgeoüdneter Samuel Dickst e i n, Kongreßabgeochneter Nathan D. Perl mau, Herr Louis Marshall und Dr. Stephen S. Wife. I-u M i u u e a p v l i s nahmen an einer P v o t e st v e r« s a mmlunig gegen die Jdhuson-Bill Vertreter von sieben R a t i o >n a l i t ä t e n teil. Von Senator Magnus I o h >n-. so n, der wahrscheinlich auch für die Prä-si>den!schaft kandidieren wird, war folgendes Tele-gramm eingelaAfen: „Ich bin nach wie vor gegen eine Ouvlenfeftfetzung, die auf dem Zensus von 1890 basieri. Wenn das jetzt noch gebende Gesetz in bezug auf Verwandte entsprechend geändert wird, bin ich damit einverstanden." Auch in Brooklyn wurde unter dem Vorsitz des Kongreßmitgliedes Samuol Dickstein, der auch dem Jmmigrationslkomrtee des Repräfentaintenha-uffs angehört, eine Protestver* istmrmlung abgehalten. Das KongreßmMied La Guardia sagte in einer Rede, die Bill 'beabsichtige eine Zurüch'-etzung der Juden und Italiener. Wenn die Quoten nach dem Zensus von 1890 festgesetzt werde», würde die jüdische Einwanderung von 80.000 auf 4000 hernniergehen. Die italienische Quote . wurde sich von 45.000 auf 3lM vermindern. ' . - Amerika wünscht keine Abröstungskansereuz. Paris, 23. März. (Havas.) Der „Nsw Aork Herald" meldet aus WaHingion: Im Zusammenhang ^mit der vor- Mstvigen Mstimmuvg im RepräsLntantenhaus wird in einer Mitteilung des Weißen Hanfes erklärt, daß Präsident Coslidge die Einberufung einer Mrüstnngs'll'?.ferr-nz für irropportun halte. -er eaMche Vertreter in der Zor,Kk° kommMoa. Budapest, 24. Marz. (Ung. Tel.-Korr.-Gur.) Der Vertreter Englands in der Internationalen Donaukominchsis», Admiral Troubridge, verläßt am 1. April seinen Posten. An seine Stelle tritt Gesandter John Grey Bald min, der Ewglundin der Mhem-Oüer- und Elbe-KommWon vertritt. Dies belveisen auch die „Gespräche Spinozas", die im Schlußband der im Verlag von Felix Meiner in Leipzig erschienen Werke Spinozas abgedruckt sind. Diese Gespräche siitzd nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Charakteristik des Amsterdamer Philosophen, sondern auch eine Bereicherung seiner uns überlieferten Lchrmeinungen. Es ivar vom Herausgeber Karl Gebhardt ein höchst dankenswertes Unternehmen, dieser herrlichen Spinoza-Ausgabe, die das Gesamtwert des Philosophen nebst dem Briefwechsel nnd den älteren Lebensbeschreibungen enthält, durch den Anhang „Gespräche Spinozas" erst die volle Abrundung zu geben. Mit pietätvoller Umsicht hat hier der Herausgeber alles zusammengetragen, was uns an authentischen Aeußerungen Spinozas erhÄten geblieben ist. Die Hallptquelle dafür bilden zunächst die älteren Lebensbeschrer-- bungeri Spinozas, die uns so manches beglaubigte Spmoza-. Wort überliefern: daneben verdanken wir dem Philosophen Leibniz, dein Gelehrten Ehrensried Walter Grafen von Tschirnhaus nnd dern Arminianer Philipp van Limborch manche Acnßerüngen Spinozas, die rächt nur für den Philosophen, sondern auch für den Menschen Baruch de Spinoza charakteristisch sind. Im November 1676, vier Atonale vor Spinozas Tode, hat Leibniz dem Denker und Glasschleifer Baruch de Spinoza in dessen Werkstätte im Haag einen Besuch äbgestattet. (Ueber diese Begegnung hat Ludwig Stein eine besondere Studie geschrieben und die Unterredung der beider: Ebenbürtigen hat Theodor Gompertz zum Gegenstand einer poetischen Schilderung gemacht.) Leibniz selbst hat später in seinen Schriften aus seiner Unterhaltung mir Spinoza einige markante Aeußeruugeu des Philosophen mitgeteilt. In der Hauptsache drehte sich das Gespräch um philosophische Probleme; zwischendurch wurde auch manche politische Tagesfrage erörtert. Interessant ist, tvas Leibniz über die Ermordung der Brüder de Witt berichtet. „Ich habe nach dem Essen einige Stunden mit Spinoza verbracht. Er sagte mir, er habe sich am Tage der Ermordung der Herren de Writ gedrungen gefühlt, in der Nacht herauszugehen und irgendwo nahe dem Orte der Ermordung ein Papier auzuhesteu, auf dem sti'urde: .Ultimi 'bastbarornm!' Aber sein Hauswirt habe ihm das Haus verschlossen, denn er lvüvde sich der Gefahr ansgeseht haben, zerrissen zu werden." Der Ratspcnsionär vor: Holland, Jan de Witt, war ein Gönner Spinozas; als dieser Mann vom Pöbel überfallen und b-luhstäbi lrch in Stücke gerissen wurde, vergoß unser Philosoph Tränen j des Schmerzes über diesen oeispieitos gumraureir Mord, meiner zu übeüvmden. Ms einer semer Freunde darüber Erstaunen bezeugte, sagte Spinoza: ,pWas würde uns die Weisheit nützen, wenn wir, den Leidenschaften des Volkes versalilewd, nicht Vir Kraft Hütten, uns von selbst wieder zu erheben." Für fernen philosophischen Gleichmut ist «achstcherrdc Aeußerung charakteristisch. Als Spinoza einmal hörte, daß^ ein Mann, der ihm 200 Gulden schuldig war, Bankrott gemacht hatte, sagte er lächelnd: „Ich muß mich in meiner Gewohnheit einschränkend um diesen Keinen Verlust wieder auszugleichen; um diesen Preis kauft man den Gleichmut." Emen Metzeschen Gedanken voLwvMichmend, äußerte er einmal über das Mitkid: „Zu glauben, daß ein Uckbel weniger hart sei, wen» wir es mit mehreren anderen tellen, ist ein großes Zeichen von Unwissenheit, und man muß wenig gesunden Menscherwerstand haben, um die Gemeinsamkeit der Leiden unter die Tröstungen zn rechnen." Zu fernem Hausherrn tat er einmal die einem politischen Bekenntnis gleichkommende Aeußerung: ,Lch bin ein «iffrichtrger Republikaner und das Wohl der Republik ist mein Augenmerk." Mnst fragte ihn seine Hausfrau, ob sie nach seiner Meinung in ihrer Religion Wohl selig werden könne; er beruhigte sie nrit den Worten: „Eure Religion fft gut; Ihr braucht nach keiner anderen zu suchen, unr selig zu werden, wenn Ihr nur ein stilles und gottergebenes Leben führt." Nach einer Mitteilung des Spinoza-Biographei: Luoas soll unser Philosoph schr viel darauf geachtet haben, stets schlicht und scnrber 'gekleidet zu sein; er sagte: „Nicht ein unsauberes und vemachgässigies Aeußeres macht uns zum Gelehrten; im Gegenteil, diese affektierte Nachlässigkeit ist das Zeichen einer niedrigen Seele, in der kerne Weisheit sich findet und irr der die Wissenschaften nur Nnreinheit und Verderbnis erzeugen konnten." (Der Hinweis mag' für viele interessant sein, tat§ auch im Talmud in bezug a-uf die äußere Mcheimmg des Gelehrten eine ähnliche Ansicht ausgesprochen wird.) Spinoza dachte viel über das Leben nach, und nach tvenlge Stunden vor fernem Tode unterhielt er sich darüber mit seinem Hauswirt; als dieser am 21. J^ruar 1677 einen geistlichen Redner in den Nachmittagsstunden hören wollte, sagte er: „Rach der Predigt werden Sie, so Gott will, zu diesem Gespräche znrmckkehren." Es hat symbolisch einen tiefen Sin», daß Spinoza kurz vor seinem Tode ein Gespräch über da? Le du: p.'führ: \nx.