Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1834 (24.3.1924)
- Date
- 1924-03-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite S Wien, Montag jedoch, die Tat a it § Eifers u ch t und in äuge -u blicklich-er E r reg u ng verübt zu haben. Er schilderte im Laufe des Verhöres, daß er mit seiner Frau früher in bestem Einvernehmen gelebt habe, daß es aber dann zu Zwistigkeiten gekommen sei, die zur gerichtlichen Scheidung, geführt haben. Trotzdem hatte er immer Sehnsucht nach seiner Frau, die aber von ihm nichts wissen wollte und sich nach der Scheidung unter sittenpolizeiliche Kontrolle -gestellt hatte. Er behauptet nun. entgegen den Aussagen der Zeugen im Kaffeehaus, daß die Frau Plötzlich.aufgestanden und aus dem- Kaffeehaus getreten sei. Maßlos erregt sei er ihr nachgegangen, und als sie ihn noch auf der Straße verhöhnte,,indem sie ihm sagte, sie müsse fort, da ihr Verehrer auf sie warte, habe er im Zorn das offene Taschenmesser aus dem Sack gerissen und ihr blindlings einen Stich verseht, so daß sie wenige.. Minuten darauf verschied. Johann Waczek sah nur, daß. seine rechte Hand blutbefleckt war, und kam erst jetzt zum Bewußtsein, was er angerichtet habe. Dann ergriff er die Flucht gegen Hietzing zu, .auf der er sein Messer angeblich verloren hqt. Wien, 24. März. * Personalnachricht. Unser Gesinnungsgenosse Herr Gevreiuderat Tr. Leopold Plaschkes hat sich gestern Sonntag den 23. d. mit Frau Lotte Ke mp le r, geb. Trautmann, welche seinerzeit das Frauenreferat des Zionistischen Landeskomitees in Wien führte, vermählt. * Das Rew-Aorker Schachturnier. Sechste Schachrundc: Aljechin schlägt Janowski. Die Partie Dates—Reti wird von ersterem cmfgegeben. Capablanca schlägt Tartakorver. * Der Gesundheitszustand in Wien. Vom Stadtpbhsikat werden die Gerüchte über die Ausdehnung der Grippe als unbegründet bezeichnet. Ter Gesundheitszustand in Wien sei derzeit durchaus befriedigend. Bloh eine größere Zahl von Bronchialerkrankungen sei zu verzeichnen. * Selbstmord eines Wieners am Äodensee. Aus Bregenz wird gemeldet: In einem Hotel in Lochau hat sich der aus Wien stammende Rudolf T u e r, der sich unter dem Namen Ernst Pech, Beamter aus München, eintrug, erschossen. * Tanzinstitut Hermann Braun, 14. Bez., Reindorsqasse 42. (Entgeltlich.) Irr Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Leitsätze der Kinderernährung. Bei der Aufzucht der Kinder fällt der Ernährung eine besondere Aufgabe zu. Sie ist nicht allein, wenn man den Vergleich des Menschen mit einer Maschine hevanziehi, Heizmaterial, um den Stoffwechsel im Organismus aufrechtzuerhalten und Verbrauchtes zu ersetzen, sondern ein Teil der Nahrung muß zur Neubildung von Gewebe, zu Ansatz und Wachstum verwendet werden. Selbst für den ersten Zweck wirtschaftet der kindliche Körper schlecht, da er,. abgesehen vom Säuglingsalter, diele unzweckmäßige Bewegungen durchführt, also viel mehr Energien verbraucht. Wiener Mornenzeitung. vr. LEOPOLD PLASCflKES LOTTE KEMPLER, geb. TRAUTMANN VERMKHLTE Wen. am 23. Mäjrz 1024 Dies physiologischen Kenntnisse besitzt schon der Laie im gewissen Maße und er sucht nun diese Gedanken bei der Erziehung der Kinder in die Tat umzu setzen. Von einer ■ sogenannten kräftigen Ernährung erwartet er die besten Bedingungen für das Wachstum der Kinder. Die Folge dieser, wie wir bald sehen werden, irrigen Anschauung ist in gewissen Familien, wo man viel Zeit und Mittel für die Erziehung meist nur eines Kindes aufwcnben kann, eine Ueberfütterung. Schon im Säuglingsalter geht das Streben der Mütter dahin, ein möglichst dickes ianb aufzuziehen. Das Gewicht des Kindes wird der einzige maßgebende Faktor bei der Beurteilung des kindlichen Gesundheitszustandes. Nicht auf den entwickelten Fettpolster kommt es aber an, sondern maßgebend sind die kräftige Bildung der Muskulatur, die Leistungsfähigkeit der Gewebe nnd Organe und die Widerstandsfähigkeit des Organismus gegen Schädlichkeiten und Krankheiten. Im Gegenteil, die schwammigen, schlaffen und fetten Weichteile der Kinder sind unerwünscht, der Stoffwechsel wird' übermäßig belastet, deren Leistungen und Widerstandskrast werden stark vermindert. Ebenso gefährlich wie Ueberernährung ist Unterernährung. Diese beruht seltener auf einer etwa durch, die Mobe beeinflußten einseitigen Ernährung — einer zu fleischarmen oder fleischreichcn Nahrung — als vielmehr auf einer durch Fehler in der Erziehung und Ernährung bedingten Appetitlosigkeit. In solchen Fällen wirkt eine durch einen Arzt gelenkte, radikale Aenderung in dem Ernährungsmodus oft wie Wunder. Leider sind aber solche geänderten Vorschriften meist durch die ängstlichen und schwachen Mütter nicht durchführbar, so daß nur eine bewährte Pflegerin oder die Entfernung des Kindes von der mütterlichen Obhut Abhilfe schaffen kann. Unter kräftiger Ernährung verstehen die meisten Mütter Zufuhr von viel Milch und Eiern. Besonders vor reichlichem Milchgenuß nmß gewarnt werden. Ausschließliche Milchkost ist die Mhrung der ersten 7 bis 8 Lebensmonate, nachher braucht das Kind eine größere Abwechslung in der Kost, der tnan Gemüse, Fruchtsäste, Grieß, Reis zusetzt. Wenn man ein zweijähriges Kind zwingt, täglich 1 bis 1,5 Liter Milch zu trinken, so verliert es den Appetit und verweigert die andere wichtige Nahrung. 0,5 bis 0,75 Liter Milch als erstes und zweites Frühstück und zur Jause ist genügend. Der restliche Teil der Kost soll sich ans Brot, Gemüse und Obst erstrecken. Unberechtigterweise verlangen auch die Mütter, daß die Kinder Weißbrot essen, das sie meist ablehnen. Schwarzes Brot schmeckt den Kindern besser und soll ihnen z4. Akckrtz IVtfl M. nicht verwehrt werden. Vom zwei wir Lebensjahre soll dal Kind täglich reichlich Gemüse erhalten (Salat, Kohl, Kal rotten, Spinat), doch soll das Kochwasser, das dick foga' nannten Zusatzstoffe, Vitamine, enthält, nicht weggegosser werden. Kleinen Kindern reicht man mit Vorteil Saß von zerquetschten Aepfeln, Orangen oder Bananen, älterer reichlich gekochtes und gereinigtes rohes Obst. Fleisch kann das Kind vom zweiten Lebensjahre jede« zweiten Tag einen Löffel voll nehmen, später täglich. WaL den Eiergcnuß betrifft, so sollen diese im ersten Jahr« nicht verabreicht werden, später nur dann, wenn die Kinde, keine Hautausschläge bekommen, sonst werden Eier aw besten weggelassen, da sie entbehrlich sind. Auch sonst soll für Abwechslung in der Ernährung deS Kleinkindes gesorgt werden. Besonders zu empfehlen sind Mehlspeisen, Nudeln, Omeletten, Butterkartoffeln und belegte Brötchen. Als unnütze Quälerei ist es aufzufassen, den Kinder» das Wasscrtrinken bei Tische zu verbieten. Man vermeide alkoholische Getränke und gewürzte Speisen, aber lasst den Kindern den harmlosen Trunk Wasser. Neben der Zusammensetzung der Nahrung ist die regelmäßige Verabfolgung der Mahlzeiten wichtig. Das hat nicht allein einen erziehlichen Zweck, der die Kinde, an eine gewisse Regelmäßigkeit und Ordnung gewöhnt, sondern nur auf diese Weise sind Verdauungsstörungen zu vermeiden. Appetitlosigkeit, Unterernährung und schlechtes Aussthen vieler Kinder ist oft nur auf die unzweckmäßige, unregelmäßige Art der Ernährung Zurückzuführen, das Naschen von Süßigkeiten zwischen dm fünf Mahlzeiten ist strengstens zu verbietm. So ist die Ernährung des Kindes ungeheuer einfach, Wenn die Mütter die wenigen Leitsätze der hygienischen Ernährung beobachten würden, stünde es um die Gesundheit so vieler Kinder besser. Zweckmäßige Ernährung ist viel billiger als die künstlichen Nährpräparate, zu denen manche Eltern aus Unwissenheit Zuflucht nehmen. Solche Kraftspender sind nre'ist wertlose Reklamemittel. Die kindliche Gesundheit ist ein seltenes, teures Gut, das vernünftig zu verwalten und zu erhalten, die Eltern verantwortlich sind, falls sie ihr Leben mit den berechtigten Vorwürfen ihrer erwachsenen Kinder ob mancher Ver> säumnis nicht belasten wollen. Aerztlicher Fragekaften. Aron den Israel. Ablenkung und Abhärtung durch tag. liche Waschungen des Körpers, leichter Sport, Wanderungen sind das beste Heilmittel. — Waldmann. Auch die zwei- bis fünfjährigen Kinder sollten nach Möglichkeit täglich oder jeden zweiten Tag gebadet werden, — Kurzsichtig. Auch das vorschulpflichtige Kind mußte Augengläser tragen, wenn es notwendig ist. Wenden Sie sich an einen Augenarzt. — Chaluz. Jedes Geschwür und Bläschen an der betreffenden Stelle ist auf die bezeichnet«: Infektion verdächtig, empfehle sofortige Untersuchung durch einen Spezialarzt. — Gelbsucht. Auch die Entzündung der Bauchspeicheldrüse, eines länglichen Organes hinter dem'Magen, kann zu Gelbsucht führen. Es müssen nicht Gallensteine vorliegm. WIEN.I..AIX.ER6ASSK •& Ultfor Mt 7Ö2J54 ^StSfelDE STOFFE II Kt’i i Konzerte. In einem über Anregung der französischen Gesandtschaft von den Philharmonikern gegebenen französischen Konzert gab es — selbstverständlich! — feim moderne Musik, sondern ältere Werte, die ohne besondere Anstrengung gespielt und gehört'werden können. Zunächst ' die T-Motl-Symphonie von Cesar F r a n ck, für Wien durchaus keine Novität, wie das- Programm irrtümlich annimmt, aber immerhin ein höchst selten gespieltes Werk voll kraftvoller Eigenart. Ter aus Belgien stammende Tondichter, ein Zeitgenosse Bruckners, hat mtt dem oberösterreichischen Symphoniker große Ähnlichkeit.' Gleich ihm ein Gottsucher, der in seinen Oratorien „Erlösung" und „Seligpreisungen" mit dem Himmel Zwiesprache pflegt, gleich Bruckner ein gewaltiger Orgelspieler, in dessen Symphonik sich das liebe Himmelslicht an gemalten Kirchenstheiben bricht nnd ftomme Choräle zu tönen beginnen. Er hat ans die jüngere französische Musik ebenso befruchtend gewirkt wie Vincent d'Jndy, der bereits ins Patriarchenalter eingetretene Tondichter, dessen programmatisch symphonische Dichtung „Die Suche nach Gott" uns in eine schöne musikalische Vergangenheit zurückführt. Die Suche nach dem lieben Gott ist zunächst eine echt romanische, theatralische Angelegenheit, es kommt zueiner ganz geordneten musikalischen Feldschlacht, mächtige Bläserrhythmen, die an Rimsky-Karsakoff in seiner „Scheherazade" erinnern, erheben den Kampfruf, sie steigen aus dem tiessten Blech immer höher empor — wodurch der Ausstieg des Gottsuchers in immer reinere, Gott nähere Sphären versinnbildlicht wird — bis zur Schlußapotheose, in welcher unter romanisierter Parzifal-Fcierlichkeit die himmlische Verkündigung naht. — Neben diesen beiden interessanten Werben erschienen Lalos „Symphonie espagnole" und Chaussons „Poeme für Violine nnd Orchester" recht deplaciert. Chausson, ein Schüler Massenets, hat mit seinem Lehrer die zarte und süße Melodik gemeinsam, welche wohl auch Hubermann zu dessen schwächlichem „Poeme" immer wieder hinziehk. An diesen großen Geiger gemahnte Zino Francescatti, der junge Interpret Lalos und Chaussons in seinem süßen Violingesange. Er ist wohl noch lange kein Hubermann, doch er könnte einmal einer werden! Fast hätten wir an den Dirigenten des Konzertes vergessen, der nicht sonderlich auftiel! Herr Georges Fouillanx ist ein jüngerer gewandter Musiker, der es leicht haben mochte, aus der herrlichen philharmonischen Klaviatur zu spielen, und doch gegenüber dem Klangreichtum dieses einzigartigen Orchesters nicht immer die richtige Abtönung fand. ' Das Wiener T o n k ü n st l e r o r ch e st e r entschloß sich — es muß in seinem Kalender mit roter Farbe besonders vermerkt werden — unter Clemens Krauß Leitung zu einer Novität: „Der Geburtstag der Infantin" von Franz Schreker wurde schon vor Jahren in der längst entschwundenen „Kunstschau" von der Wiesenthal getanzt und war im Zusammenhang mit dem pantomimischen Ausdruck leicht verständlich. Inzwischen ist Franz Schreker ein berühmter interessanter Mann geworden und hat nun nach -dem Beispiel von Nich. Strauß und E. W. Korngold die Bühnenmusik in einer Suite zusammengefaßt. Die Worte „farbig .. Farbe . . . farbig", mit denen kürzlich in der Faschingsnummer des „Anbruch" („Abbruch") eine Wiener Kritik an Schrecker verulkt wurde, kommen uns in Erinnerung. Die Hauptsache in der Suiteist die Orchesterfarbe; sind es nun blaue Sandalen oder ein rotes Gewand, man hört immer auf die bald nahen, bald' fernen ,Klänge" und vergleicht sie mit Schrekers damals noch unfertigen Oper „Der ferne Klang", an welche die fernen Klänge der „Infantin" — es ist das gleiche Sujet nach Wildes Märchen wie in Zemlinskys Oper „Der Zwerg" — von ferne anklingen. Neben dem Klangveichtum auch eine rhytmische, dramattsche Geschicklichkeit im Charakterisieren: Etwa die graziöse Bewegung des Reigens im Viervierteltakt oder, die tonntalerischeu bald kindlichen, bald grotesk verzerrten Passagen in den kindlichen Tänzen des häßlichen Zwerges. Nach allem sexnast-athologischen Einschlag schließt das bittersüße Märchen mit einem traumhaften Cello solo. „Es war einmal ..." — Das gleiche Konzert brachte die symphonische Ballettmusik „La valse" von Ravel, ein reizendes impressionistisches Nichts, in dem die Musik gleichsam in Malerei übergeht. Die Wolken, die sich über der Walzerseligkeit lagern, werden förmlich mit den Händen greifbar, sie fliegen fort und kehren wieder, immer neues Licht, immer neue Farben! (Beinahe ein praktisches Gegenstück zu den Bestrebungen des expressionistischen Malers Kandinsky, die Malerei in die Grenzbezirke der Musik überzuführen.) Aber durchaus nicht so problematischwie Kandinsky, leichte Walzerrhythmen, in denen die Sonne Johann Strauß' aus dem Gewölle bricht und seine „Fledermaus" aufslattert. Eine Huldigung für das tanzselige Wien, ein heiteres Bild auf einem tragischen Untergrund! In einem Konzert des wackeren Amateurorchesters „Wiener O r ch e st e r v e r e i n" unter Julius L e hnert s wackerer Leitung brillierte Hedi Geroldt in Mendelsohns D-Moll-Klavierkonzert, an einem. Sonatenabend des ganz vorzüglichen Geigers Karl Baltz hörten wir eine melo'oiegesegnete, knappe Biolinsonate von Othmar W e t ch y mit Paul P i s k am Klavier, ein Klavierabend der strebsamen Margarete Alt brachte eine anmutige, an Nubinstein anklingende Romanze der jungen Wienerin Trude Kandl. Einen erlesenen Kunstgenuß bot der von uns als Beethoven-Spieler oft gewürdigte Berliner Pianist Edwin Fischer in der „Mondscheinsonate", sehr bravourös war Gisela Beck als Chopin- Spielerin, Dr. Ludwig Miller erwies sich als sachverständiger Liszt-Jnterpvet, Irma L a s z l o als romantisch angehauchte Schumann-Interpretin. Die vielseitige Frau Hedwig Nosenthal-Kanner trat im Kreise ihrer Schüler als Klavier- und Gesangs Pädagogin auf: Robert Goldsand, der kleine mit Musik geladene Knirps, der unter ihrer Leitung wesentliche Fortschritte gemacht hat, ist am Klavier ein ganzer Mann und die Lehrerin selbst -bewährt sich, wenn sie die konzertreife Maria Neu* schcller m Gr'.egs A-Moll-Konzert am zweiten Klavier begleitet, als wüvd ge Gattin Moritz Roseuthals. Erwin Felder,