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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-23 · Heft 1833 (23.3.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1833 (23.3.1924)
Date
1924-03-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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fit. 1833 Wien, Gontüag Ägesbericht. Mene Simon LaNlace. Zu seinem 178. Geburtstage (23. März 1749). Heute ist der 175. Geburtstag von P. S. Laplace, dessen Name durch den Begriff „Kant-Laplacesche Weltentstehungstheorie" jedem Gebildeten bekannt ist. Laplace wurde in dem Städtchen B e a u m o n t - e u - A u ge in der Normandie geboren und ging, 18jährig, nach Paris, wo er durch eine Abhandlung über die „Prinzipien der Mechanik" die Aufmerksamkeit des großen Mathematikers d'Alembert auf sich zog. Er erhielt bald Lehrstellen zu Paris und wurde 1785 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. In der Politik versuchte sich Laplace mit weniger Erfolg; so währte seine M i n i st e r s ch a f 1 des Innern in der Kosulatszeit ganze sechs Wochen. Nach dem Sturze Napoleons wurde er geadelt und in den Senat berufen. Auch an sonstigen Ehrungen fehlte es nicht; er war Ehrenmitglied der Londoner und Göttinger wissenschaftlichen Akademie und seit 1816 „ll nsterblicher" der Academie de France. Am 25. März 1827 starb er auf seinem Landgut in der Nähe von Paris. Laplaces Lebenswerk war neben seinen Bemühungen um Einführung des metrischen M a ß s y st e m s und der dezimalen Unterteilung aller wissenschaftlichen Maße dem Nachweise gewidmet, daß unser Planetensystem eine starre, unveränderliche Einheit darstelle. Daneben bereicherte er die mathematische Theorie nicht unbeträchtlich. In seinen klassischen Werken, „Systeme du monde" und „M e c a u i q u e c e le st e", verwertete er alle bis dahin vorliegenden Messungen in vorzüglicher Weise und stellte die auch heute noch gültige Theorie auf, daß die Planeten und Monde nichts anderes als durch Rotationskräfte abgeschleuderte Sonnenteile seien, die sich infolge ihrer eigenen Drehung zu kugelähnlichen Körpern geformt haben. Diese Auffassung erklärt auch das sonst unverständliche Auftreten eines Ringes an dem Planeten Saturn. Daß das nicht bloße Annahmen seien, konnte Laplace durch Versuche an Oeltropfen, die man im Wasser rotieren läs-t, zeigen. Kant gelangte, unabhängig von Laplace, auf philosophischem Wege zu denselben Ergebnissen. R. Dldz. Da» Schachturnier in New-Dorf. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) ' New-Iork, 21. März. C a p a b l a n c a ist es noch immer nicht gelungen, über einen der auf dem Schachturnier kämpfenden Großmeister einen Steg zu erringen. In der vierten Runde wurde sein Spiel gegen A l j e ch i n, der die schwarzen Steine führte, nach 52 Zügen remis. Dr. Tartakower remisierte mit M a r o c z h (37 Züge), so daß im Spitzenstande (T a rt a k o w e r 3 Zähler, A l j e ch i n 2,5) keine Veränderung eintritt. Doch ist Dr. Emanuel Lasker, der gegen Janowski sicher gewann, und nun ebenso wie Aljechnt 2,5 Zähler zu verzeichnen hat, kräftig aufgerückl. R e t i gewann im Nachzuge gegen B o g o l j u b o w, der nach 45 Zügen die Waffen strecken mußte. Eduard L a s k e r verlor nach 66 Zügen gegen Dates. — Stand nach der vierten Runde: Dr. Tartakower 8, Dr. Emanuel Laskcr 2,5, A l j e ch i n 2,5, Bogolj ubow 2,5, Eapablanca 2, Eduard Laster 1,6, Dates 1,5, M a r o c z y 1,5, Janowski 1, R e t i X Marshall 1. Wahrheiten und Unwahrheiten der Woche. Es ist unwahr, daß England beschlossen habe, alle Pferde aug dem Lande zu entfernen. Wahr ist vielmehr, daß der englische Kronprinz einsah, er werde mit Pferdekrästcn besser fahren. — Es ist unwahr, daß der franzofisch-tschechische Geheimvertrag auf Wahrheit beruht. Wahr ist vielmehr, daß sich seine Bestimmungen ohnedies nur auf den Ernstfall beziehen. — Alle nach Ungarn Reisenden müssen in die dortigen Gefängnisse wandern, um dort bei den Zollbeamten ihre Maren verzollen zu können. Uebrigens ist es unwahr, daß die Frankenhausse das Wiener Nachtleben ungünstig beeinflußt. — Im Oesterreichischen Theater wird die Tragikomödie »Sanierung" nur mehr kurze Zeit gegeben werden. Es folgt die Premiere des Mysteriums .Was dann?" — Wie wir erfahren, beabsichtigt die Jeritza. um ihre Sehnsucht nach Wien auf dem Laufenden zu erhalten, noch einige Jahre in Amerika zu bleiben. Dafür soll, um die Bundestheater zu sanieren, dort nächstens ein Praterensemble große Volkspantomimen mit Würstelwettessen veranstalten. — Es ist unwahr, daß die Moral nicht gerettet wird. Laut einer Verfügung der Zensurbehörde müssen die Darstellerinnen in den Revuen von nun ab Strümpfe anhaben. — Es ist unwahr, daß für den Uebertritt aus einem Wiener Bezirk in den anderen Passe erforderlich fiitb. Wahr ist vielmehr, daß der Nordwestbahnhof nächstens geöffnet wird, damit sich's wieder ein wenig durchzieht. — Cs ist unwahr, daß die Bankenkonditionen die Wirtschaftslage erschweren. Wahr ist vielmehr, daß einige Institute beschlossen haben, Kredite zu gewähren, die in der ersten Viertelstunde zinsenfrei sein sollen. —> Es ist nicht wahr, daß die Reden der Wiener Margen_ "deutschen Staatsmänner anläßlich ihres Besuches in Wien nicht aus dem Herzen kamen. Wahr ist vielmehr, daß der Wein nichts erfindet, sondern es nur ausschwatzt. aus der unter Aufsicht des ehrwürdigen Wiener Rabbinats stehenden MazsoShbärkerel H. STRUM Wien, II. Rotensterngasse 11 / Tel. 47-7-17 Nur erstklassige Ware eigener Frreugung 0SST Billigste Preise "Mg ioriöo Von allerbester Qualität sind die bekannten streng koscheren ■ Die Entdecker des Eros. Von S. Meisels. 1. Seit 3000 Jahren und länger wandert Eros durch die Welt, aber unserem Geschlecht der Geschlechtlichkeit blieb es Vorbehalten, Eros von neuem zu entdecken. Freie Männer, versteht sich, bei denen sich freies Leben (durch Lautverschiebung!) in freies Lieben wandelt, haben cmes Tages auf der Straße den Eros entdeckt und ihn an Stelle des Mars zum Regenten der Stunde eingesetzt. Sie dienen ihm auf ihre Weist. Sie dienen ihm, indem sie in jeglicher Tonart, die ihnen zeitgemäß erscheint, von der Macht ihres Liebesgottes singen und sagen. 2. Die Ehrfurcht vor den allen Griechengötteru macht es einem zur Pflicht, Interessenten darauf hinznweistn, daß dieser Eros von der Srraße nicht vom Olymp gestiegen ist Um welchen Eros handelt es sich? Um einen Eros, w'e ihn die Alten nicht kannten. Von welchem Kult ist hier die Rede? Von einem Eros-Kult, wie ihn gewisse Leute üben, die als Borbeter der Erotik auf die Lüsternheit ihrer Nachbet-w spekulieren. Und man muß sagen: Sie tun Wohl daran, den Borbrlerdienst zu versehen. Denn dieses Wohltun trägt Zinsen. Man macht ein gutes Geschäft dabei. 3. Demnach: In Wirklichkeit haben sie gar nicht Eros von neuem eittdrckt, sie haben vielmehr einen neuen gefunden oder erfunden, einen funkelnagelneuen, der mit den: Eros der Altnr nichts gemein hat. Der Eros der Alten war ein Sohn der Nacht; der Eros der Jungen trägt in Tageshelle sein hüllenlsjes Wesen zur Schau. Der Eros'der Alten ritt einen Lötven und schlug eme Leier; der Eros der Jungen reitet auf einem Bock und bläst auf einem Horn. Das Geblase aber heißt man erotische Literatur. 4. Früher einmal war der Unterschied zwischen der erotischen Literatur und der Pornographie deutlich erkennbar. Des Diebeslebens faunifches Zerrbilds das einenr aus lüsternen Augen ansah und in gleich zotiger wie kotiger Gestalt allerhand Kapriolen aussührte, trug sein pornographisches Zeichen deutlich an der Stirn. Erotische Literatur dagegen war vornehmlich künstlerische und künstlerisch wirkende Darstellung des Trieblebens mit aller Umständlichkeit und in allen Einzelheiten. 'Heitre hat sich diestr Unterschied fast völlig verwischt. Die Grenzen zwischen der erotischen und der pornographischen Literatur sind flüssig geworden. Die Erzeugnisse beider Gattungen fallen heute nahezu unter einen Begriff. 6. An der älteren erotischen Literatur, die wirkliche Kunst ist, wird kein vernünftiger Mensch Anstoß nehmen. Die Werke der älteren erotischen Literatur sind Schöpfungen ernster Künstlor, Dichter, Schrisistell-er, die sich spezialisierten und einen Vorgang des Lebens immer wieder, aber immer wieder als einzelne Lebenserscheinung künstlerisch darstellten. Die Entdecker des neuen Eros aber wollen alle Erscheinungen des menschlichen Daseins in einen Punkt emfangen, wollen den Kosmos m einem Akt konzentrieren. Ihr Weltbild gleicht dem st ms Mannes im „Ketzer von Soana", der, halb Wilder, halb Narr, im Phrllos das Weltall sicht. Hier beginnt das Aergerms, weil hier das Abstoßende offensichtlich wird. Denn abstoßend ist es, den Menschen immer von unten herauf und nicht auch einmal von oben hevab zu betrachten. Der Mensch ist aufrecht gebaut und mau kann es deutlich sehen, daß er auch einen Kopf hat! 6. Seitdem mau Anständigkeit als Rückständigkeit wertet, ist jede Berufung auf Moral und Sittlichkeit ebenso sinnlos wie der Ruf nach Polizei und Staatsanwalt. Hier fehlt es an Kompetenz, dort fehlt es an Resonanz. Viel richtiger und weit nützlicher ist es schon, sich in diesem Falle auf den Titanen zu berufen, in dessen Schatten .die heu- 23. März im Seite 3 ngen Entdecker ees Eros so gern ausruhen. Wir utehu’u dev Wedekind, den vielgerühmtcu, mit Recht gelobten Frank Wedekind. Er schreibt: „Was ist Sittlichkeit? Ewas sehr Hohes. Sagen wir einmal vorerst, daß Sittlichkeit das Höchste ist, waS der Mensch erstreben kann. Trotzdem gibt es verschiedene Arten S.lltlichketl: .Krähwinkler Sittlichkeit, Hannoversche Sütlichrcii, Preußische Sittlichkeit, Deutsche Sittlichkeit, Mwchlickie Sittlichleit, Litt« lichkeit des Soldaten, Sittlichkeit des Künstlers." Keinem Menschen wird es beifallen, von einem Dichter, Künstler oder Schriftsteller zu verlangen, daß er statt für seine eiaene, ausgerechnet für die Krähwinkler Sittlichkeit eintrere. Aber ausgesprochen muß es werden: Krähwinkler Sittlichkeit ist noch immer besser, schöner, geschmackvoller als gar keine oder gar als gewollte WellstadtunsittlWett. 7. Was sich heute als erotische Literatur ausgibt, läßt selbst des Pharisäers Muckerei und des Sittenrichters Urteil vielfach gerechtfertigt erscheinen. Und das ist schlimm genug. Auch die Werke Wedekinds zählen zur erotischen Literatur. Aber in diesen Werken steckt doch der Edelgehalt echter .Kunst und eine Problematik, die tief hmeingreist in das gesellschaftliche Elend der Zeit. Wedekind sucht noch Ethos im Eros, und breitst er auch vor unserem Blick den Heuboden aus, so schildert er doch daneben in seinen, zarten Tönen das Frühlingserwachen. Die Entdecker des neuen Eros aber haben eine gute Frucht gefunden, den Kern weggeworfen und die Schale behalten. Verflogen sind Kunst und Problematik, der Heuboden ist geblieben. Wie die Menschheit schreiben lernte. < Aus der naturalistischen Malerei des Eiszeitmetrschen entwickelte sich im Verlaufe der späteren Steinzeit, als der Urmensch vom primitiven Jägernomaden zum seßhaften Ackerbauer wurde, der st ein zeitliche Expressionismus, der am Ende der Magdalenienzeit und besonders in dem darauffolgenden Azylieu zum Symbolismus wurde. Knappste, fast stenographische Zeichen wurden im Azylien Symbole, besonders für Menschenfiguren oder für Teile vom Menschen. W. Paulcke hat nun in seiner neuesten Arbeit über „Die Uranfänge der Bildschrift in der Alt-Steinzeit" den „bündigen Beweis" erbracht, daß die hochstilisierten Menschend arstelluugen des Magdalenien B i l d s ch r i f icharakter tragen. Bei Mas d'Azil fand er in einer gegen 65 Zentimeter mächtigen Schicht, mit Feuersteinwerkzeugen und Hirschhornharpunen zusammen, flache, teils rundliche, längliche, [tarf nach Länge und Breite wechselnde Kiesel. Sie waren mit Eisenoxyd und Mangan bemalt. Es liegen Beobachtungen vor, die zu dem Schluß drängen, daß man die Farben mit Fetten und Harzen mischte; die Farbe sitzt auf den bemalten Kieseln so fest, daß sie nicht abgeht. Aus in den Schichten gefundenen Steinen mit Vertiefungen und Muschelschalen kann man darauf schließen, daß diese Hohlformen als Reibschalen gedient haben. Die Farbe selbst trug man mit Stäbchen, Pinseln, vielleicht auch mit den Fingern, auf. Die herrschende Farbe ist rot oder rotbraun, das aus eine rosa Untermalung gesetzt wurde. An den Zeichen und ihrer Verteilung auf der zur Verfügung stehenden Fläche erkennt man ein feines Form- und Raumgefühl. Diese Zeichen sind nun stark stilisierte, onchropomorphe Darstellungen, aber nach Paulcke keine „phonetische Buchstabenschrift". Diese Azylienschrift ist eine Bildschrift und man kommt auf den Gedanken, sie mit einer anderen Bildschrift zu vergleichen. Geeignet ist die a l t chinesische Bildschrist zu solchen Vergleichen, denn beide, Eiszeitmensch und Chinese, sind künstlerisch befähigt, und dann hat die altchinesische Schrift bis heute ihren Bildschriftcharakter berbehalten. Durch Vergleiche der Azylieu-, der altchiuesischen und neuchinesischen Bildschrist hat Paulcke nachgewiesen, daß diese durch Tausende von Kilometern örtlich und durch Tausende von Jahren zeitlich getrennten Bildschrfften aus der Symbolisierung von Menschensiguren oder Teilen derselben hervorgegangen sind. Dabei ist im Auge zu behalten, daß beide, zeitlich und örtlich so verschieden entstandenen Bildschriften, völlig unabhängig von einander sich gebildet haben. Das Mitteilungsbedürfnis läßt aus den symbolischen Zeichen eine ganze Bilderschrift entftchen, aus der dann die Satzschrist, Wort-, Silben- und schließlich Buchstabenschrift entsteht. Und diese Magdalenien- und Azylienzeichen ftnb die ersten und ältesten nachweisbaren Anfänge solcher Bildschrift aus Mitteilungsbedürfnis. Es ist nun interessant, daß diese ältesten Zeichen, deren sich das Mitteilungsbedürfnis bedient, in China, der Eiszeit, Altbabylon, Aegypten, Neumexiko, dieselbe Form der Vereinfachung, der Abkürzung, besitzen. Bei den verschiedensten Völkern treten dieselben Erfindungen an den verschiedensten Orten selbständig auf, wenn der Ursprung und die Entwicklung auch zeitlich auseinander liegen. Die eiszeitlichen ■ Bildschriftzeichen tut Spat- Magdalenien bis ins Azylien sind demnach nach Paulcke die Uranfänge der Bildschrift, die 10.000 bis 15.000 Jahre vor der Erfindung der ältesten chinesischen Bildschrift liegen. Rudolf Hundt.

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