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Wiener Morgenzeitung · 1924-03-23 · Heft 1833 (23.3.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1833 (23.3.1924)
Date
1924-03-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Sonntag Wienev Morgenzeitun^ Lieder: „Kehlt ihn c*t», den Rathenau, gottverda-mntte Judensau!" Saßen abends bei Abzugbicr und Rum beisammen und redeten sich die Schläfen heiß: Wen soll man „erledigen"? Es gab alles, was man sonst nur im Kino sieht, Verschwörung, Eide, Abenteuer, Hatz mit Polizisten, Raufereien mit der Arbeiterwehr. Und aus diesen Redereien voll Verschwiegenheit, Treue und „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz--weiß-rot" kamen Spitzeleien hervor und aus diesen der Mord. Aus dem Reden wurde Gmift. Und dieser Ernst, nicht das Geschwätz von Jungenstreichen, war der Inhalt des Propstes, der zehn Verführte und Verführer vor den Richter brachte. Allerdings nicht alle Verführer und nicht die, die in erster Linie dafür verantwortlich sind, daß die deutsche Jugend allem entfremdet wird, was sonst Inhalt aller Jugend ist und sein muß, daß sie vielmehr in ein GÄvirr von Gedanken und Taten verstrickt wird, die sie gar nicht versieht und deren betörender Form sie widerstandslos erliegt. Die Verführer sind in Sicherheit, sie sitzen in der Macht, in wohlbehüteten Verstecken, in Zeitungsstuben und Kanzleien. Sie geben, gedeckt durch Amt, soziale Stellung, Reichtum und Parlaments! mmumtät die Parolen aus, die dem We'en der Folgend fremd sind. Sie sauren, daß der Krieg e' ^tahlbad sei, daß der Mord im Namen des Daterla: oder irgend einer Idee ein gottgefälliges Werk sei. das; man hassen und den Haß m Tat umsetzen müsse. Sie morden die Jugend, reißen sie in das politische Getriebe, hetzen sie gegen Mitmenschen, deren Geburt und Abkunft als Stigma erklärt wird. Und wenn diese Fugend dann die Redefloskeln mit Inhalt füllt, wenn sie mordet und Gift sammelt und mit dem Gesetz in Konflikt gerät, dann wird sie nicht darüber belehrt, daß Gesetz Gesetz ist und bleiben muß. Sie wird sreigesprochen oder ins Irrenhaus gesteckt. Die Verführer aber bleiben ungestört, freuen sich ihres Daseins und diktieren das Gesetz. Die moralische Krise in 3ava». Heimgesucht von einer moralischen wie sozialen Krise, weist das japanische Staatögerüst Risse und Sprünge auf. Ter altjapanische Geist hat dem Rhythmus industrieller Entwicklung nicht standhalten können, er hat sich gewandelt. Ter Handel, in der alten Gesellschaftsordnung gering geschätzt, stieg zu den höchsten Ehren empor mit dem Entstehen der großen Reichtümer, die die sozialen Mißverhältnisse schufen. Tie in der exzeptionellen Atmosphäre des Weltkrieges aufgehäüsten Vermögenskolosse vermehren die Elemente der moralischen Krise. Die mittleren Vermögen fehlen in Japan. ' Der Reichtum konzentriert sich in wenigen Händen. Auf der einen Seite die winzige Käste dev Millionäre:'Mitsui, Jvasaki, Okura, Shibusara, Malzukata, Turakawa und Jasuda, auf. der anderen Seite die immense Zahl der Malkontenten; die Angestellten und Staatsbeamten, die kaum vor dem Hunger geschützt sind, und die Armen und Aermsten, die ohne Vorkehrungen sozialer Hilfe,, der grausamsten Rot preisgegeüen sind. Kein Wunder, wenn in dieser Atmosphäre der Bolschewismus an Boden gewinnt, daß die Unzuftiedenheit auch die drei Pfeiler des Staates unterwühlt: die Bureaukratie, das Heer und das Schulwesen. Die Bureaukratie, die einen entscheidenden Anteil am Aufstiege Japans hatte, besitzt nicht, mehr die ursprüngliche Begeisterung: die Unzufriedenheit mit den unzulänglichen Gehältern nimmt überhand. Das Heer ging, obwohl die lange Tradition der Disziplin ihre Wirksamkeit nicht eingebüßt hat, nicht unversehrt aus der Krise hervor. Der Antimilitarismus macht bei diesenl wegen militärischer Tugenden berühmten Volke Fortschritte. Die Fälle von Renitenz und Desertion mehren sich. Im April vorigen Jahres wurde an der Universität „Waseda" in Tokio ein Kurs über das Leben im Heere und über militärische Pflichten abgehalten. Von den 6000, die diese Universität besuchen, hatten sich etwa 50 inskribiert. Zahlreiche antimilitaristisch gesinnte Studenten derselben Uni-' versität haben durch stürmische Proteste die Abhaltung dieser Vorträge gestört, bis sie vollstäntüg sistiert werden mußten. Die „Waseda"-Universität wird als Zentrum des Umsturzes betrachtet. Viele absolvierte Studierende können — wegen Ueberflutnng ■ der Jntelligenzberufe — chren Beruf nicht ausüben. Diese beschäftigungslosen Studenten ohne soziale Stellung bilden eine unruhige Menfchenklasse, die an Un- ' ruhen alles zu gewinnen hat. Die Lebensbedingungen der Bauernschaft sind elende. Die Seidenraupe ist chr Rettungsanker; sie stellt einigermaßen das Gleichgewicht ifrt den Pauernhaushalten her. In Japan gibt es fünfeinhalb Millionen ackerbautreibende Familien und sechs Millionen Hektar augebauten Bodens. Von diesen Familien sind 1,669.000 Eigentümer des kultivierten Bodens, 1,534.000 Pächter und 2,331.000 verfügen über minimale Bodenfläche, sind gleichzeitig Bodenbesitzer und Bodenpächter. 50 Prozent ist unter einem halben Hektar, 25 Prozent variiert - zwischen einem halben, und ganzen Hektar, 18 Prozent zwischen! und 3 Hektar. Laut den Angaben der japanischen Hhpothekarbank wird die Pacht der Reisfelder in Naturalienbezahlt. 1200 Kilogramm Reis für einen Hektar Boden. Der Fiskus lastet schwer auf dem Bodenbesitzer: 100 Jen .-'1100 Lire) für den Hektar an Steuer, die zwischen dem Staate (20 Prozent), der Provinz und der Gemeinde (80 Prozent) ausgeteilt wird. Die Bauern stecken ewig in Schulden bei den Bodenbesitzern. Vor drei Jahren blies ein neuer Wind durchs Land; es gab Bauerurevolten,. die im Blute erstickt wurden. In manchen Ortschaften erscholl der Ruf: der Baden den Bauern. Die Regierung und die herrschenden .Si reife begannen zu fürchten, sie kamen den, in Aussicht stehenden Unruhen mit scharfen Polizeimaßregeln zuvor, andererseits gewährten sie gewisse Konzessionen in liberaler Richtung. Die Polizei in Tokio wurde verdoppelt, obwohl die Bevölkerung um ein Fünftel abgenvmmen hat. Ein Spionagesystein, das air die einstige Ochrana erinnert, umspannt ganz Japan. Zur selben Zeit spricht sich die Regierung günstig über das erweiterte Wahlrecht aus. Verglichen mit dem Rußland des Jahres 1916 erlebt das Das unansehnliche und ruhige Empfangszimmer einer zweitrangigen Pension, in welcher der kroatische Bauernsiihrer Stjepan Radic sein fmiwilliges Exil verbringt, ist mit einem Schlage zu einem politischen Mittelpunkt geworden: von hier aus wird heute die nächste Politik Jugoslawiens dirigiert. In diesem Zimmer empfing Ra)ie nun schon viermal Delegierte des Ministerpräsidenten Pa sic, die eine Annäherung, ja sogar Zusammenarbeit zwischen diesen, beiden Gegnern herbciführen wollten, und hier fertigt Radic die Kuriere nach Agram und Belgrad ab, die s m?u Auhiingcrn und seinen Verbündeten VechalNmgsrnaßregeln z' nlwrbrmgen haben. Hier führte Radic,' ein untersetzter, lebhaper und temperamentvoller Vierziger, im Gespräch mit dmni unserer Redakteure über sein« nächsten Aufgaben folgendes aus: „Die momentane parlamentarische Situation in Belgrad ist ebne derartige, daß wir alle Kraft einsetzen, um eine Aenderung herbeizusühren. In der Skupschtina steht jetzt das Budget in Beratung. Die Regierung verfügt in diesem Kamofe üb^r 121 Stimmen, welchen 106 Stimmen der Opposition rmlgcgsnsteheu. Fraglich bei der Abstimmung und deshalb stark mntoorben sind die wenigen Stimmen der Deutschen und Türken. In diesem Moment nun haben wir, um die Abstimmung über das Budget zu einer Niederlage für d:e Regierung zu gestalten, zunächst 20 Abgeordnete in die Skupschnna delegiert. Diese Verstärkung der Opposition hat naturgemäß die Regierung zur Entfaltung des äußersten Dioecst arides veranlaßt, weshalb wir, um vor Ueb-erraschungen gesichert zu lein, weitere 34 Abgeordnete in die Skupschtina brordenen. Ihre Mandate sind allerdings noch nicht verifzrcrt, doch würde trotzdem, falls dies bis zur Budgetabstirnmung n'cht erfolgen tollte, die Nichtveriszierung laut 8 6 unserer Geschäftsordnung meine Abgeordneten dennoch zur Abstimmung über Miefen Gegenstand berechtigen. So hoffen wir nun, in der allernächsten Zeit Pafic zu stürzen und einer neuen Negierung und damit auch einem neuen Regime zur Macht zu verh.lfen. - Was wir au Pasic bekämpfen, ist sein: abstrakt zentral ist is che Politik, die sich, das muß zugestanden werden, zwar auf die Verfassung beruft, aus ein: . Verfassung jedoch, die nur von dem serbischen Block mit rinsrcher Mehrheit angenommen ftntrfce. Diese Verfassung nimmt leider 'eine Rück- Nicht 8, nicht M, sondern L Tratttiethof Nr. 2 billige Tage bei Re Geheimdokumente. (Eigendienst der. „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 22. März. Das ,^Berliner Tageblatt" nimmt heute gegen die in einzelnen Blättern ausgetsprochewen Behauptungen Stellung, daß die Geheimdokumente von einem bekannten . österreichischen Finanzin an n stammen, der bei der letzten Baissespekulation gegen den Franken viel Gckld verloren habe. Der Berliner Korrespondent des „Petit Parisierr" behauptet, -daß die Dokurnente auch anderen Zeitungen zum Kauf angeboten worden seien und das Ungarische Telegraphenlorrespondenzbnrean habe einige Tage vor dem Abdruck die Bürstenabzüge des Artikels geihabt. Diese Behauptungen b^eichnet das „Berliner Tageblatt" als erlogen. Die Dokumente seien nicht zum Kauf angeboten worden und das Blatt habe sie auch nicht gekauft. , , Demgegenüber muß auf die bestimmten Erklärungen des Ministers Dr. Be ne sch verwiesen werden, er habe diese Dokumente schon vorher gekannt. .Die Haltung des ,/Berliner Tageblatt" wird immer unverständlicher. Die „Prager Presse" hat nachgewiesen, daß ein Teil des angeblichen Nineic-Protokolls (10. Jänner 1924) wörtlich aus dem ProtokoÜ Andras sh-Bismarck über die Vorbereitung des deutsch-österreichischen Bündnisses (24. September 1879) nach der in dem Buche .des Professors A. Przibram „Die politischen Gehemeverträge Oesterreich-Ungarns 1874—1914" gegebenen .Fassung ab geschrieben worben ist. Trotzdem bleibt dos Blatt bei der Ueberzeugung von der Echtheit. Die Behauptung, es habe die Dokumente nicht gekauft, macht die Sache allerdings, wenigstens nach der politischen Seite hin, klarer. Solche Dokumente erhält man entweder aus einem Diebstahl oder aus einem Spiouagcbureau oder von einer Seile, die ein lebhaftes Interesse _23. März 1924 Nr. 1888 heutige Japan eine nicht kleinere Krise. Aber oüscho« düe moralische und ökonomische Struktur vielleicht schlimmer fei <tU jene die dem russischen Zusammenbruch vorausging, gibt es in Japan zwei dominierende Kräfte: eine gut organisierte Bureaukratie, viel besser als die russische, stuck) die regierenden Elemente, bellen das Heer gehorcht, die kraftvoller und energischer sind als!die russischen Herrscher es waren. („Corriere della Sera".) sichten auf die Verhältnisse der übrigen Nationen. Man dark aber unsere Politik nicht mißverstehen: Wir kämpfen nicht gegen das ,erbliche Bott, mit dem wir uns in mehr als einer Bez'chuug verwand: füllen, wir kämpfen nur gegen Pasr,. und seine Parte i p o l i t i k, die wir nicht nur für verfehlt, sondern als eine große Gefahr fiir den allgemeinen Frieden arischen. Di: kroatische Bauernpartei will mit Ausschaltung oller sozialer Klassenunterschiede eine gleichmäßige Kooperator? alle.: im heutigen jugoslawischen S'acit lebenden Nationen nie eine friedliche, n ' ch 1 m i l i t ar i st i s ch e, unabho n g i g e und von w i r schastlichen Notwendigkeiten gc.le.nele Politik herbeiführen. Zur Erreichung dieses Programms ha: sie sich .sol- ' aende vier Aufgaben gestellt: 1. Unterstützung einer gegen jegliche Korruption kämpfenden Regierung. 2. Ausschaltung jeder Gewaltpolitik. Wir wollen selbst keine Revolution anzeiieln, son-dern nur mit . verfassungsmäßigen Mitteln, kämpfen. 3. Durchführung von freien Neuwahlen. 4. Lösung aller noch strittigen inneren Fragen durch Volksentscheid. Um dieses Programm einer inneren Reorganisierung unbabindert durchführen zu können, müssen wir so rasch cvls möglich mit allen unseren Nachbarstaaten in freundschaftliche Beziehungen treten. Dies ist möglich, wenn wir den guten Willen dazu haben. Mit allen Staaten, auch mit Bulgarien, ist der Weg zu einer gütlichen Regelung offen, ein Weg, dessen Beschreiten uns in weiterer Folge zu einem Wirnschafts-, ja einem Zollbündnis aller Balkanstaalen führen könnte. Damit wären die ungesunden Zustände, die. heule am Balkan herrschen, mit einem Schlage beseitigt. Unsere Politik ist nun dahin gerichtet, mit den Landwirteportelen, der Intelligenz der föderativen Gruppen und den Arbeiterparteien der einzelnen Volksstämme eine Koalition zu.. bilden, zu der wir bereits die notwendigen Vorarbeiten ge-; schaffen haben. Dann hoffen wir, nach den Neuwahlen nicht durch einfache Abstimmung, mit einfacher Mehrheit,, sondern mit überwältigender Mehrheit unseren Staat neu einzurichten." E. W. mmmmmmaamMmmmmmmmmaaBmmammmmmmummaamammm daran hat, durch die Veröffentlichung eine b e st i m m t e Wirkung zu erzielen. Es wäre also das „cui probest" zu beantworten und da weist alles entweder auf einen Bankspekulanten oder auf die Linie Möncheri—- Budapest hin. Uebrigens wäre auch die Vermutung nicht von der .Hand zu weisen, daß man es mit einem aus der von M a s a r h k knapp vor dem Krieg enthüllten Nastic - Fabrik stammenden Produkt zu tun hat. Daimtls wurde durch das Äiener Auswärtige Amt der inzwischen verstorbene Historiker Friedjung hereingelsft, mit ihm die „Neue Fve« Presse" und die „Reichspost"! Es ist nicht verwunderlich, daß dieser Präzedenzfall die Erinnerung an den Gtaifen F o r g a ch weckt, dem der Spion Naftic die Goheimpwtokolle der jugoslawischen Studentenschaft anhängte. Daß römische Meldungen eilte gewisse Erregung in der italienischen Presse mitterlen, kam nicht wunder nehmen. Das ist j a e i tt e r der Zwecke d e r dem „Berliner Tageblatt" gelegten Falle, Unruhen zu erzeugen, das ohnehin bestehende Mißtrauen za verstärken und alle Friedeusbemühungen unmöglich zu machen. Dieser Effekt ist an jener Stelle, die sich seit jeher durch ^sondere Reizbarkeit auszeichnete, prompt erreicht worden. Um weiteres Utiglück zu verhütett, ist es not* wendig, die Fälschung vollkommen auszudecken und eine Wtederholung, soweit -dies menschenmöglich, zu verhindevu. Melle geftorbr«. Paris, 22. März. (Havas.) General Nivelle ist fl* . starben. * General Nivelle stand im 67. Lebensjahre. Während des Krieges machte er rasch Karriere bis zur höchsten >nilitävisä)en Stelle. Im Jahre 1916 stand er vor Verdun und war entgegen den Ansichten Jofsres für die fortgesetzte Verteidigung Verduns. Infolgedessen wurde er vom damaligen Kriegsnr'mister Castelncru mit der Führung der zweiten Armee vor Verdun betraut. Am 18. De-rmber 1916 wurde er, der in * Frankreich als Retter Verduns galt, Nachfolger Josfres im -Oberkommando. Aber das Kriegsgliück wandte sich von ihnt ab. >Er erlitt mehrere Schlappen, so daß er im Mai 1917 wieder abgesetzt würde. Im Jänner 1916 e-chielt er das Kommando über das 19. Armeekorps und wurde später in den Obersten > Rai berufen, demissionierte aber im Jahre 19Ä1. Die letzten Jahre lebte er zurückgezogen, aus Verbitterung Wer seine Keiltstelluua. Radik rechnet mit dem baldigen Sturze Pasic'. Aeußeruilgen der Kroatenfllhrerr über die nSchste innerpolitische Entwicklung Zngoslawiear.

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