Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1832 (22.3.1924)
- Date
- 1924-03-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980915--18265-3005320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
* "^rrcTr, SAm?tag IlnMSnmgkertS' ttnb KoAIH-Partei. Budapest, 21. 'My*. Tic vom Abgeovdnerert Tokior DlubüXf R :: Pper: geffchrw Kosiurh-Partei hctt sich mit der unter Leitung des ehemaligen llirinisters der Karolyi- Regierung Graf Theodor Batthanp sichenden linab- Isiiugigkeitspartei den fogeuanulen Oftobristen, fflsioniert. Die neue Partei, die den Namen „Uuabhäugighcits- und Kofsurh-Parrei" arrna-hm, ivahlre Rnppert zum Präsidenten. Gras Bart h y a n y erklärte, daß die Partei die iiyrage der St aa t s so r in als eine offene Frage betrachre, über die eine V o l k s a b ft i m nt lt 11 g zu entscheiden hätte. Tie neue Partei sage sich von: Grafen Michael Karolyi los. da dieser seit dem Jahre 1918 der internationalen Sozial dem okratie angehöre.. Las örziennefier. iEigendienst der Wiener Morgenzeitu'.:g"F Budapest, 2l. März. Eine Gerichtsverhandlung, die am Mittwoch in Kaposvar stattfand, zeigte ein klares Bild von der Verwilderung der magyarischen Intelligenz und der Iusrizpflcge. In Szigetvar seilte vor einigen Monaten ein Beldcndcnkmal enthüllt werdet, und hierbei war auch eitle Rede des Vertreters der Spigetvarer israelitischen Gemeinde geplant. >diegegen traten die Szigetvarer „Erwachenden" in Aktion und begannen eine systematische Beyjagd gegen die dortigen Inden. Ihr Führer war der Arzt Tr. Csaba Huszar. Eines Abends 'begegnete Hnszar, der gerade ciiteit purer Wein getrunken hatte, dem Kanfmailn Ernst Friedman it und dem Mediziner Anton Tabak ans der Gasse. Er ging nach Aussage der beiden jungen Leute tätlich gegen sie vor, und als sich diese mit Stöcken zur Wehre setzten, zog er sein Sezier m esse v, das er ständig bei sich trug, hervor und stach es dem Friedmanu in die Brust. Friedtnann wurde schwer verwundet. Aach dnrchgesührter Bcrhandlnng, in der Hnszar behauptete, als Angegrisfener ans piolwehr gehät'.dclt zu haben, sprach der Gerichtshof.d c u Toktor :*'■ u e a r f r e i, während Ernst Friedman:: und Ai'.ton Tabak;u Z w e i, respektive drei Monaten Gesiingnis verurteilt wurden. Aach Verkündung des Urteils brachen die im Verhandtuuge-saale in großer Zahl anwesenden „Erwachenden Ungarn" in Hochrnse für Tr. Hnszar ans. MaM ist zitversichllich. ^Eigendieust der „Wiener Morgenzertnng".) Budapest, 21. März. Ter Untersuchungsrichter Toktor Bnbits begann gcftcuu das Verhör mit dem Bombenattenlätcr Marsf y. Ätarsiy erschien in eleganter Kleidung, mit einem Lächeln auf den Lippen in: Zimmer des Untersuchungsrichters. Tas erste Verhör dauerte eine Stunde. Als Marsiy ans dem Zimmer auf den Gang trat, jagte er znm Gcfängtnsiiiärtcr lachend: „Es ist ausgeschlossen, daß ich verurteilt werde, mau hat keinerlei Beweise gegen mich." Ter Prozeß gegen dir Attentäter gegen den Elisabethstädter Klub dürste erst im Mai zur Verhandlung kommen. Direkter Eisenbahnverkehr Wische« RvmSnien «tiö Ungarn. (Eigcndienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Bukarest, 20. März. Auf Grund des vor einiger Zeit zwischen der Tivekiion der rumänischen Staatsbahnen -und den nnaariscl^u Staatsbahnen abgeschlossenen Abkommens wird ab 1. April dieses Jahres der direkte Pv rso n e n- :Mii> Güterverkehr .zwischen rumänischen und ungarischem Siarionen ausgenommen. Tie ruiuanrsche Eizenlbcchndireklion hat die diesbezügliche Kundmachung -bereits Verna ntbart. Znland. Die deutsche« Minister abgereU. Die Korkferenzen abgeschloffen. Tie deutschen Minister Tr. Marx und T-r. Stresemann haben gestern vormittags die Konferenzen mit der österreichischen Regierung abgeschlossen. Ihre Abreise erfolgte um halb 2 Uhr nachmittags. * Ter deutsche Gesandte Tr. Pfeiffer hatte ffi-r vorgestern abends die Wiener Preffe und die Mitglieder der reichsdeutschen Kolonie zu einem Empfang geladen. Die Veranstaltung erhielt einen solennen Charakter dn-rch die Anwesenheit des Reichskanzlers Tr. Marx und des Außenministers Tr. Stresemann, die gegen halb IX Uhr abends erschienen. Tie wurden vom Gesandten in den großen Festsaal gelcirct, lvährend die Musik die deutsch? Hymne sp-ivkle. Der ^äcsandte hielt sodann eine kurze Begrüßungsansprache, woraus der Außenminister Dr. Stresemann das Wort zu einer längeren Rede ergriff, in der er unter anderem sagte: Wir sind seit dem Augenblicke, wo wir auf Wiener Bode::'erscheinen sind, stets in dem Gedanken gewesen, daß wir bei unseren deutschen Brüdern smd und daß uns hier OK fü hle cntgegenschlagen, die uns sagen, daß der geistige Zusammenhang nicht zevstört werden kann, und se stärker die Not, desto größer sind die Bande der Zusammengehörigkeit. Wir haben schwere W c g c gehen müssen, um aus den: Elend herauszu-kvmmen. Sowohl Sic in Oesterreich als auch wir im Deutschen Reiche sind niedergesunken unter der Last des -.Krieges. Das schwerste Problem. das uns auferlegt wurde, war der Wcihrung-sverfall, der Nicderoruch des geistigen Deutsch- : u m s und die P r o l e t ar i s i e r ai n g des geistigen Mittolsrandes. Wehe dem Laude, das keine geistigen Führer mehr hm und das nicht mehr imstande ist, geistige Führer heranzmbi-lden! Wehe dem Lande, das den großen Gedanken »er Geistigkeit verfallen läßt. Wir sind aber ein Volk des Materialismus geworden in höherem Maße, als es notwendig gewesen wäre. Wir halnn von dem, was wir einst waren, von dem Volke der Denker und Dichter viel verlernt. Wir 'haben Lu viel von Baumwolle, Kohle und Wiener Morgcnzrituna. w noe bL' “Vs WWK 1 ^..tV .■r'.'' v. i ■ - v wv> 't-t i-.*-. EM erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oherrabhtners S. B. Ehrenfeld, Müttersdorf Petroleum gesprochen und haben dabei vergessen, von Haydn. Mozart, Beethoven und .Kant zu sprechen. InlernaiionÄ wird mir der wirken, der national denkt. Wer aber so in seiner Nation aufgeht und deren Größe in sich aufrirmml wie wir, wird auch für den Geist eines fremden Landes vor-Mich wirken. Es gib! ein gutes Gemisch: Nor-dcutschland plus Wien, dividier: durch zwei. Wir haben heute eie.' Emp-siudnng, daß wir eitler besseren Zukuns: entgesengeh.m. Wenn Bunbeskanzler Tr. Seipel l>cnte davon gesproch-.-n hat, daß heilte der letzte Tag des Winters uild -.norgeil Ir ü h l i n g s a n s a n g ist, so hoffen auch wir, daß cs doch einmal (inen F rühlingsaufa ug für Deutsch land geben möge. Wir habei: es gewiß verdient. Wir haben keine Ursache, unser Haupt gesenkt zu tragen, als ob wir eine SÄuld ans uns geladen hätten. Wir haben dasselbe Recht ans Achtung wie jedes andere Volk. Wir wollen hoffen, daß das Werk der Sanierung, das wir vor nniseren Angen gesehen haben, das Werk der schwercn Gesnndnllg eines Volkes a u ch u n s geling e n möge, die wir wissen, daß es nicht ohne Opfer vor sich g.hen wird. Drr alte Fritz ha: von Kaiser Josef dem Zweiten gefegt: „In der Trcibhanshitzc seines reichen Gemütes macht er den zweiten Schritt, noch she er den ersten getan hat." Wir müssen schr-ittwe-ise Vorgehen, um einmal hie Grundlagen zu schaffen für den Wiederaufbau unserer Wirtischaft und für den Wiaderanföau eines geistigen Deutschland. Nufere erste Aufgabe ist es, uiffere Deutschen fwi zu machen an der Richr, am Rhein und in der Pfalz, damit wenigstens jene Rechte, die uns der Vertrag einräumt, zur Geltung kornmen. Niemals lwt der Feind uns mehr geschadet, als wir uns selbst durch Uneinigkeit geschadet haben. Wenn wir nicht lernen, de n P a rtei ge i st zu überwinden und in dem deutschen Bruder zuerst den Deutschen zu suchen und nicht zu fragen, ob er dieselbe Part ei färbte trägt wie wir, so haben wir kein Recht aus eine gute Zukunft. Tie Zukunft cines Volkes baut sich nicht nur auf wirtschaftliche Dinge, sondern auch auf die Seele ng e m e i n s ch a f t -auf. (Lebhafter Beifall.) Die Musik intonierte das Deutschlandlied, worauf die Anrvesenden «den Miniestrn vorgestellt wurden. Ter Empfang war erst in den ersten Dlorgenstunden beendigt. FnternattonaleKsnseremen inMen. Die Aufteilung der Archive. Belgrad, 21. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Auf der Belgrader Konferenz der kleinen Elttente ist auch über die Aufteilung des A r ch i v m a i e r i a l s beraten worden. Die jugoslawische Regierung hat nun die entsprechende ungarische Delegation für den 28. d. nach Wien emgeladen. Deutsch-polnische Verhandlungen. Warschau, 21. März. (Tel. der „Wiener Morgenzoitungüst In Ausführung des vom Völkerbundrat gefaßten Beschlusses hat der Referent für die deutsch-polnischen Verhandlungen, Souza Dantes, an die deutsche Delegation die Einladung zur Wiederaufnahme der Verhaudluttgen in der A n s i e dlungsfrage mit der polnischen Regierung gerichtet. Als Verhandlun-gsort für die neu aufzuitchmendcu Verhandlungen wird von polnischer Seite Wien vorgeschlagen. 8i« Weimonatiger BudgWrMtsorkaM. Oesterreichs Interesse an den Besceiungstaxen. In den gestrigen Parteiführerbesprechungen wurde eine Vereinbarung mit der Opposition erzielt, bk es ermöglicht, nunmehr ein zweimonatiges Blldgctprovisorium durch den Nationalrat beschließen zu lassen. Einige der sozialpolitischen Forderungen der Sozialdemokraten wurden erfüllt, darunter die nach Schaffung neuer Lohnklaffen in der Krankenversicherung. Währertd bisher die höchste (17.) Lohnklaffe mit eilvem durchschnittlichen täglichen Arbeitsverdienst von 21.006 K.. dem ein Krankengeld von 16.800 K. und eine Arbeitslosenunterstützung je nach dem Familienstand von 14.000 bis 21.840 K. pro Tag entsprechen, festgesetzt war, kommen nun dazu: eine 18. Lohnklaffe, umfassend die täglichen Arbeitsverdienste von 24.000 bis 30.000 K. (Durchschnitt, 27.000 K.) mit 20.000 K. Krankengeld und 15.000 bis 23.000 K. Arbeitslosenversicherung, sowie eine 19. Lohnkl-asse. umfassend die täglichen Arbeitsverdienste über 3 0.0 0 0 K. (Durchschnitt 36.000 K.) mit 24.000 K. Krankengeld und 16 bis 24.000 K. Arbeitslosenunterstützung Pro Tag. Die Beiträge für die Krankenversicherung erhöhen sich dadurch bis auf höchstens 1 8.0 0 0 K. pro Woche, wovon bekanntlich zwei Dtitte'l auf die Arbeiter und ein Drittel auf die Arbeitgeber entfallen. Hinsichtlich der A r b e i t s l o s e uversicheruug hat Bundesmimster Schmitz in Aussicht gestellt, daß er sich bemühen werde, den jetzigen Beitragssatz soweit als möglich h e r a b z u m i n d e r n, damit aus diesem Titel neue Belastungen nach Tunlichkeit vevrmeden werden. Die Gültigkeit der Kinderzuschüsse wird bis Ende Iuici verlängert werden. Ebeilso jene Bestiuumtug der Arbeitslosenversichermigsgesktze. die n it Ende März ablanftn. Dadurch ist die Berlängern-tg der sogenannter: außerordentlicher: Nafftandsnnterstützun-g bis Ende Juni jich'erWtellt. _22. März Ml__Nr. 1832 Im Budget,rnsschnß wurde daraufhin nachlllittags mit den Stimmen der Mchrheitsparteien die Erstreckung de- B n d g e t p r o v i s o 11 it m s bis 31. Mai beschlossen. Abg. Dr. Bauer lenkte die. AustnavkscnnM des Au5schusses auf die Frage der Befreiungstaxen der Nachfolgestaaten, die nach den: Frwdensvertrag als Repar-ationsleistungew Oesterreichs anfgefaßt werden. Nun finden, ivie man ans den Zeitungen «fährt, eben: jetzt sehr wichtige B e r h a n d l ri n g e n gerade über diese Frage statt. Bekanntlich ist die Konstruktion des, Fxiedensverträges die, daß wir einen Test nnsever Reparationen dadurch geleistet hätten, daß die Nachfolgestaaten das Eigentum des alten österreichischen Staates übernommen haben, das sich auf ihrem Boden befindet und daß sie für diese Uebertragung «et sie eine Entschädigung ä n die Entente bezahlen, ds.a uns gebucht wird. Man hört nun, daß die Nachfolgestaaten dia stärksten?lnftreng:rrlgen machen, um den Wert der Güter möglichst herabzüsetzeit. Wir müsse!: gemäß dem FriedenSverträg daraus bestehen, daß diese übernommenen Güter voll bewertet^ und uns auch Voll guigeschri>eben werden. Wenn: Frankreich dann den Betrag nur zum Teil von der Tscheche'- Slowakei verlangt und zum m'.deren Teil schenkt, würde uns das nichts anaehen. Nach all dem, was inan hört, scheint aber die ernste Gefahr zu bestehen, daß man den anderen Weg geht, der dem Friedensvertrag iricht entsprechen würde, daß mair diese übernommenen Güter ihrer:: Werte nach niedriger schatzr und dann allerdings würde das Geschenk, das Frankreich mach:, ans unsere Kosten ersolgen. Es ist klar, das; von dieser Entscheidung ein großes Stück der finanziellen Zukunft Oesterreichs abhäugt. Wenn >::au nämlich diese Güter richtig bewertete, baivis würde sich unzweifelhaft Herausstellen, daß der B "rag. der uns auf Reparaiionskonto Ms diesem Titel gntzuschreibeu ist, außerordentlich hoch ist. Cr wäre ein Vielfaches z. B. der Kriegsentschädigung, die Frankreich im Jahre 1871 au Deutsch' land geleistet hat. Es könnte daun neeniand mehr auf dcu Einfall kommen, von- Oesterreich -andere ttnd weitergehende Reparationen zn verlangen. Wenn man dagegen den Wer: dieser Güter künstlich berabgrdrückt har, da::-: könnte sich in der In fimft die Reparatianssrage für uns außerordentlich gefährlich darstellen. Redner richtete schließlich folgende Anfragen an den Finanzminister:!. Ob er bereit ist, dein Ailsfchnß über den Stand dieser Verhaudlnugen >:u Eonrite des bi-ens cedes Bericht zu erstatten: 2. ob der Minister m der Lage ist, dem 'Ausschuß rnitzuteileu, ob sich Oesterreich das Recht gesichert hat, in irgend einer Form bei den Verhandlungen/ die zwischen den Entent-ernächten und den 'Nachfolgestaaten, insbesondere zwischen Frankreich und der Tschecho-SlowÄei. über die sogenannten Besremugstaren stattfinden, als ein i-m höchste:: Grade mitinteresfierrer Nebenintervenierri znaezogen zu werden und feinen Einfluß darauf, daß der Friedensvertrag in diesem Punkt, so weil er für uns günstig ist, auch wirklich dem Geiste und Wort- . nre nach eingehalten wird, zu wahren? Finanziniiustcr Dr. Kienböck pflichtete dem Abgeordneten Dr. Bai:er darin bei, daß die von ihm berührte Frage, -der Biens cedes für Oesterreich von größter Bedeutung ist. Die österreichische Regierung habe pflichtgemäß alles getan, um das österreichische Interesse zu wahren. Insbesondere wurde dem Comite des bims cedes ein außerordentlich veichhaltiges Material unterbreitet. Sie wird auch in Hinkunft dieser Ange- Icficnfynt das größte Augenmerk zuweuden. Im übrigen behalte sich der Minister -eine eingehende.Besprechrnrg dieses Gegenstandes vor. * Die Tagesordnung der Mittwoch den 26. d., 3 Uhr nachmittags. statlfimdenden 22. Sitzung des Nation-alrates wurde folgendermaßen ergänzt: Bericht u.nd Antrag -des Finanz- und Budgetausschusses betreffend die Berlängemmg der Geltunasdauer des Bndgetprovfforinms bis 91. Mm 1924. Der Bundeskanzler erkrankt. Da im Befinden des Bundeskanzlers Dr. S c i p e i, der noch unter den Nachwirkungen einer Erkältung leidet, ein Rückschlag eiugetreten ist, muß heute der allgemeine Empfang beim Bundeskanzler entfallen. Die Reise des Bundeskanzlers nach Oberöstcrreich, bei derer -in Ried, Gmunden und Ischl in Bersamnttuugen sprechen sollte, wurde v e r s ch o b e u. Eksndal im Gememderck. Die gestrige Sitzung des Wiener Genioinderates war der Schauplatz eines Exzesses, wie er selbst an diesoin, an wüsteir Szenen so reichen Ort seit Jahren nicht vorgekommen ist. Man kann den Haß der Parteien zueinander verstchen, man kann ihn begreiflich finden, aber unbegreiflich ist es, daß eine Partei in ihren Reihen ein Mitglied duldet, das, bevor es in den Gemeinderat einzog, die ekeHafteste Dvnmgvgie in Wort und Schrift betrieb und nun die bkürünstigsten Redeexzesse in den Sitzungen des Gemeinderates aufführt. Es ist dies der christlichsoziale Gcmeiderat Orel. Seine widerlichen, immer von wildem Judenhaß erfüllten Reden, gleichviel ob sie znm Gegenstand gehören oder nicht, wirken geradezu p a t h o l og is ch. Aber es scheint, das; seine Parte: nicht die genügende Kraft oder vielleicht auch nicht den nötigen Willen besitzt, ihn abzufchütteln. Uns scheiitt der letztere Fall wahrscheinlich, sonst hätte die christlichsaziale Parte: gestern die Gelegenheit ergreifen müssen, von ihm abzurücken, als er in der unflätigsten Weise den Bürgermeister v o n Wien beschimpfte und einen Tumult he ab eiführte, der schließlich zu einem Hmrdgenrengc ausartete. Ans der Tagesordnung stand gerade das Referat Professor Landlers über die Errichtung von zehn städlischen Jugendlhorteu für 600 Kinder, wozu em Zuschußkrcdn von 439,390.000 Kronen beansprucht wird. Die e>rste christlichsoziale Rednerin, Frau Dr. Motzko, polenusierir gegen den 'Antrag, in dem sie eine Heranbildung der Jugend in sozialdentokraüschem Sinne befürchtet, weshalb sie einen Audrag aus Vertagung der ganzen Angelegenheit stellte, der abgelchm wurde. Nun erhielt Orel das Wort. Er begann sofort von dem „jüdischen Geist" zu sprechen, mit dem die heutige Jugend in den Schulen und Heimen erfüllt wird und lvelcher das Christentum untergrabe. Im Verlauf seiner oder: Rode kam er auch aus das pornographische Wochenblatt zu sprechen, das bekanntlich konfisziert und dessen Heransgober schließlich gerade durch die scharfe Bcrnrtcilnng der „Wiener Morgenz-eitung" das Weiterevscheinen des Blattes elinstellte. Schließ-